Stuttgart Geliebte Wilhelma

Die Türken kamen nur bis Wien. Die Araber waren schon in Stuttgart. Sie glauben es nicht? Kaufen Sie ein Billett für die , gehen Sie direkt zum alten Säulenrundgang und schauen zur Decke: fremde Ornamente, Halbmonde und eine Inschrift, die nur Orientalisten lesen: "In Gott vertraue ich und handle treu". Draußen unter den Magnolien trompetet ein blauer Pfau, den Teich bedecken meterbreite Seerosenblätter, auf sonnigen Terrassen wachsen Feigen, Datteln, Pfeffer, und von fern weht ein zarter Hauch von Kamelnmist. Das Morgenland - mitten im Schwabenland, eine maurische Alhambra am Neckar.

Für freizeiterprobte Leute von heute, vertraut mit den Pyramiden in Las Vegas oder dem Eiffelturm in Rust, ist das vielleicht nichts Besonderes. In Deutschland des 19. Jahrhunderts aber war es der letzte Schrei. Und dass man viel später den später Spleen eines Aristrokraten mit einem Ausflugsort für Demokraten kombinieren konnte, war ein Glück für Stuttgart, denn als zugleich zoologischer wie auch botanischer Garten ist die Wilhelma , so ihr Direktor Dieter Jauch, "einzigartig auf der Welt".

Die Doppelrolle der Wilhelma war keineswegs im Sinne ihres Erfinders. Der war ein biederer, schwäbischer Monarch und hatte weder ein besonderes Faible für Botanik noch für Zoologie. Ihm ging es um Wellness, wie man es sagen würde. König Wilhelm I. von Württemberg (reg. 1816-64), dem Besitzer des Geländes und Namensgeber, schwebte ein Badhaus mit Terrasse und Lustgarten vor.

1829 waren hier, in der Nähe seines neuen Schlosses Rosenstein, Mineralquellen entdeckt worden, in denen der Provinzherrscher sich zu entspannen gedachte. Auch die Stilvorgabe an den Hofarchitekten stand bald fest und war damals in Mitteleuropa etwa so angesagt wie heute "toskanisch": "Maurisch" sollte die Anlage aussehen, eben wie die Alhambra im spanischen Granada - raffinierte Grundrisse, elegante Gebäude mit Mosaiken und verspieltem Ornament.

Doch die Zeiten damals waren hart für die meisten, und ganz wohl war dem Herrscher nicht bei dem Gedanken, das von seinen Schwaben sauer verdiente Geld in eine private Oase des Müßiggangs zu pumpen: in Kuppelsäle, Pavillons, Wandelgänge, Brunnen, Alleen, Gewächshäuser. So dauerte es, bis die ehrgeizigen Pläne des Architekten Karl Ludwig von Zanth Wirklichkeit wurden - und noch viel länger, bis das Volk davon etwas hatte. 1846 hat man die Wilhelma eingeweiht, bis zum Tod des Königs stetig ausgebaut, dann aber ermüdete das Aristokrateninteresse an ihr. Schritt für Schritt wurde sie vergesellschaftet: Nach 1880 gab es Zutritt für jedermann, bei der Entmachtung der Adelshäuser 1918/19 ging das Gelände in Staatsbesitz über und war fortan ein botanischer Garten mit Orchideen- und Kakteenhäusern. Doch ihr sonniger, windgeschützter Ort am Osthang des Rosensteinparks mit Blick ins Neckartal wurde den Wilhelma-Pflanzen und -Bauten im Herbst 1944 zum Verhängnis: Sie lagen direkt in der Flugbahn der alliierten Weltkriegsbomber, die es auf die Schwerindustrien in Cannstatt und Untertürkheim abgesehen hatten.

Nach dem Inferno waren von der stolzen schwäbischen Alhambra nur noch wenige verkohlte Gebäudereste und Gartengrundrisse übrig, kaum Pflanzen. "Man stand", schaudert es Direktor Jauch, "buchstäblich vor dem Nichts." Schicksalhafterweise hat genau das die Wiedergeburt der Wilhelma begünstigt - diesmal als botanischer wie zoologischer Garten. Denn hätte die Wilhelma nicht in Schutt und Asche gelegen, wäre ihr damaliger Direktor Albert Schöchle nicht in der Verlegenheit gewesen, sich etwas einfallen lassen zu müssen. So begann er, das Publikum mit wechselnden Tierschauen wieder für den verwüsteten Park zu interessieren, in dem vorläufig Gemüse für Krankenhäuser gezogen wurde. Schöchle holte Reptilien, Dschungeltiere, Fische in Aquarien - und immer blieben einige davon als Dauergäste da, zum Verdruss der Liegenschaftsverwaltung, die irgendwann anordnete, die "wilden Tiere" hätten aus der Wilhelma zügig zu verschwinden.

Aus dieser Zeit stammt "Miezerich". Das in der Wilhelma geborene Löwenbaby schleppte der clevere Schöchle ins Neue Schloss zum Finanzminister, machte den Dienstherrn kurzerhand zum Taufpaten und legte ihm den Wunsch in den Mund, "Miezerich" möge "Stammvater eines starken Löwengeschlechts" in der Wilhelma werden. Damit war die Wilhelma gerettet, und zwar als botanischer wie zoologischer Garten. 1961 wurde das vom Landtag besiegelt, und seitdem zahlt das Land Baden-Württemberg seinen Jahreszuschuss von heute etwa einem Viertel der Betriebskosten. Immerhin drei Viertel seines 15-Millionen-Euro-Budgets deckt der Landesbetrieb heute aus eigener (Anziehungs-)Kraft. Mehr als zwei Millionen Besucher zählt die Wilhelma im Jahr. Selbstverständlich sind auch Millionen investiert worden - in die Restauration der verbliebenen "Alhambra"-Paläste ebenso wie in moderne Betonbauten zum Unterbringen und Vorzeigen der Tiere. Steinerne Landesgeschichte, Natur und Hightech-Zoo - dass dies alles miteinander harmoniert, ist die Leistung der Wilhelma-Planer.

Wer im Halbdunkel des Aquariums vor einer Panzerglasscheibe steht, hinter der im Azurblau Quallen schweben, kann ins Träumen kommen. Wer sich im Haus der Menschenaffen auf die Bank setzt und eine Zwiesprache mit dem Orang-Utan beginnt, der kann verdrängen, wo er eigentlich sitzt - mitten in der Landeshauptstadt. Seit einigen Jahren kann man sogar mit drei Schritten durch eine Luftschleuse in die grüne Hölle des "Amazonienhauses" treten, ein neun Millionen Euro teures Treibhaus, in dem ein tropischer Regenwald zu erleben ist, mit dampfender Schwüle, rauschenden Wasserfällen, üppigen Pflanzen und urtümlichen Tieren wie dem Nasenbären Nasua nasua. Es ist der Stolz der mehr als 130 Wilhelma-Macher um Zoologin Isabel Koch und Direktor Jauch, dass der Wilhelma-Besucher Kosten, Technik und Aufwand vergisst und sich faszinieren lässt - zum Beispiel von der Bedeutung des Zoos als Arche Noah. Nicht nur der Orang-Utan, auch das Przewalski-Urwildpferd, die Addax-Antilope, der Wisent und andere "charismatische flagship species", wie der Direktor sie nennt, wären heute nach Überzeugung von Koch und Jauch ausgestorben, wenn es geschützte zoologische Gärten wie die Wilhelma nicht gäbe.

Muss man eigentlich dafür werben? Die Wilhelma gibt dafür kaum Geld aus. Sie bekommt ihre Publizität mit den großen und kleinen Dramen und Wundern, die sich dort nahezu wöchentlich ereignen. "Wir verlassen uns auf unsere Unverwechselbarkeit", sagt Direktor Jauch. "Den Europa- Park in Rust bewundern die Menschen", fügt er nachdenklich hinzu, "die Wilhelma aber lieben sie."

Autor:
Stefan Hupka