Europop Im Zeichen des Bismarckherings

Reisen bildet, soviel steht fest. Insbesondere die Gehirnsektion, die für den Bereich "gefährliches Halbwissen" zuständig ist, bekommt mit jeder Stadtführung und jedem Gedenkstein neue Nahrung. "Wenn der Raps blüht, geht die Saison los", ist so ein Merksatz aus der Metropolenregion um die alte Hansestadt Stralsund. Mit den gelben Feldern im Hinterland kommen die Gummistiefel-Männer mit ihren Blecheimern. Eine wohlfeile Ostsee-Weisheit über den Reifeprozess des gemeinen Herings, die im Kopf hängen bleibt wie ein Ohrwurm. Besonders, wenn man das eindrucksvolle Bild der dicht an dicht stehenden Heringsangler vor Augen hat, die bei Wind und Wetter auf dem alten Rügendamm ihre Ruten in die mild gekräuselten Fluten halten.

Gleich nebenan wölbt sich majestätisch die neue Bogenbrücke, die seit Oktober 2007 die Stralsunder Innenstadt mit Rügen verbindet. Und schon wieder so ein Erkenntnisgewinn: So nah am Festland hätte man Deutschlands größtes Eiland eigentlich gar nicht vermutet. Ein Katzensprung, der nun ohne Dauerstau und Belästigung der genervten Stadtbevölkerung möglich ist.

Ohne Bedenken lässt sich der beste Blick auf die backsteinerne Skyline von Stralsund vom direkt gegenüber liegenden Altefähr genießen. Ein ehemaliges Fischerörtchen, das längst zum Speck- oder besser Heringsgürtel der Hafenstadt gehört. Emsig tüftelnde Container-Schiffbau-Ingenieure der munter produzierenden Volkswerft wohnen mittlerweile in putzig renovierten Kapitänshäusern auf der Inselseite. Ein topmoderne Halle mit lichter Deckenhöhe von über 75 Meter, in der Riesenkähne mit bis 300 Metern Länge zusammen geschweißt werden können. Für rund 1000 Industrie-Arbeitsplätze sorgt das Relikt aus DDR-Zeiten. Zusammen mit dem boomenden Tourismus durchaus ein respektabler Struktur-Mix. Mit etwas Verzögerung ist der "Aufschwung Ost" offenbar doch noch angekommen.

Auch das kompromisslos moderne "Ozeaneum", das 2010 zu "Europas Museum des Jahres" gekürt worden ist, leuchtet strahlend über den Sund. Von weiten wirkt der beswingte Baukörper von Behnisch & Partner wie hineingeklotzt zwischen die Doppeltürme von St. Nicolai und dem Spitzenkranz des historischen Rathauses. Wenn man später auf den alten Kai-Anlagen von Stralsund steht, wird allerdings schnell klar, dass das Architekten-Team durchaus einen respektvollen Abstand von der Altstadt, die zum Unesco-Weltkultur-Erbe gehört, eingehalten hat. Das didaktisch mehrfach ausgezeichnete Haus hat dennoch die Fernsicht-Perspektive aufgemischt - und zu einem Dauerstreit zwischen Hanse-Romantikern und Moderne-Fans geführt.

Über sechs Milliarden Euro Umsatz hat Mecklenburg-Vorpommern 2010 mit dem Tourismus gemacht; das sind 10% des Bruttosozialproduktes der weitgehend entindustrialisierten Region. Kein Wunder, dass das Thema beim Saisonauftakt im schicken "Yachthotel Hohe Düne" in Rostock-Warnemünde gemeinsam mit den Vermarktern aus Bayern Chefsache gewesen ist. Wirtschaftsminister Jürgen Seidel ließ es sich bei einer abendlichen Feierstunde unter dem Motto "Haxe trifft Hering" - nicht nehmen, höchstpersönlich zur Gitarre zu greifen. Ein rockender CDU-Politiker, der mit zwei frechen Jung-Kabarettisten zur Rampensau wird. Das wirkte charmant durchgeknallt und hatte so gar nichts mehr mit Nachwende-Muff zu tun, der sich zwischen Fischland-Darß-Zingst und Hiddensee bis hinein in die Nullerjahre gehalten hat. Mecklenburg-Vorpommern leuchtet, zumal heutzutage 35 Prozent der Deutschen am liebsten in Deutschland reisen wollen. Die östliche Ostsee auf dem Weg zur preußischen Côte d' Azur.

Der Stadtrundgang verströmt eine gewisse Lässigkeit, wenn unabhängige Projekte wie die oder das Stammhaus des Bismarckherings mit seinem Geheimrezept für die sauer eingelegten Fische gestreift werden. Im "Cafehaus Strahl" serviert man Sanddorntorte und das soeben erst eröffnete Hotel glänzt nicht nur mit einer ambitionierten Gourmetküche, sondern wurde auch mit großem Aufwand nach allen Gesichtspunkten des Denkmalschutzes instand gesetzt. Kein Zimmer gleicht hier dem anderen. Zumindest in Stralsund hat man den Trend zur wachsenden Individualisierung des Publikums erkannt. Darauf einen vom Erfinder Henry Rasmus!

Autor:
Ralf Niemczyk