Stockholm Der Mälarsee in Schweden

Regen prasselt auf die "Sprayhood". Schwere Tropfen bahnen sich ihren Weg über den Regen- und Windschutz. Das Teakdeck ist durchnässt, der Himmel schwarz und verspricht auch in den kommenden Stunden wenig Aufheiterndes.

Wir liegen gut festgemacht in Mariefred. Hinter uns die Einfahrt in Schwedens nach Vänern und Vättern drittgrößten See, den 1084 Quadratkilometer großen Mälarsee. Durch den Södertälje-Kanal sind wir aus der Ostsee gekommen mit unserer Comfortina 32, einem knapp zehn Meter langen Segelboot, haben uns zusammen mit der Berufsschiffahrt vom Salz- ins Süßwasser schleusen lassen. Keine Schrammen am Rumpf, keine missglückten Schleusenmanöver, keine schlechte Laune. Auch das Wetter wird daran nichts ändern. Zum Glück hat das Tief uns erst nach dem Festmachen erwischt.

Eine Woche wollten wir auf dem Mälarsee segeln, hatten uns ein paar Anlaufpunkte herausgesucht: Mariefred mit seinem Schloss Gripsholm natürlich, Schwedens erste Stadt Birka, das königliche Schloss Drottningholm bei Stockholm, die alte Handelsstadt Sigtuna und das imposante Schloss Skokloster. Nach vielen Segeltouren durch die Stockholmer Schären wollten wir auch mal die "andere Seite" sehen, die Süßwasser-Seite, wie viele Stockholmer gern überheblich sagen. Süßwasser - das ist für sie so etwas wie ein Planschbecken, nichts für richtige Seefahrer. Wie falsch: Auch im Mälarsee gibt es unzählige Inseln und Inselchen, schroffe und liebliche, bewohnte und unbewohnte. Außerdem ist der Binnensee mit seinen vielen engen und oftmals flachen Passagen auch für richtige Seefahrer eine navigatorische Herausforderung.

Es ist die Landschaft von Mälardalen, des Mälartals, die die Seele beschwingt: Leichte Hügel schmiegen sich um die Ufer, freie Sicht auf die "Geburtsstätte des Landes". "Sveriges fostervatten" - Schwedens Fruchtwasser, wie die Menschen hier nahe der Hauptstadt ihre Region mit Stolz und Liebe nennen. Kaum irgendwo sind so viele Gutshöfe, Schlösser und Herrenhäuser zu bestaunen, in denen der Adel sich schon frühzeitig niederließ. Und das in einem Land, das sich mit Leib und Seele der Egalität verschrieben hat! Doch zumindest ermöglicht der Gleichheitsgedanke den Besuch der meisten Adelssitze und Güter.

"Mariefred ist eine klitzekleine Stadt am Mälarsee. Es war eine stille und friedliche Natur, Baum und Wiese, Feld und Wald - niemand aber hätte von diesem Ort Notiz genommen, wenn hier nicht eines der ältesten Schlösser Schwedens wäre: das Schloss Gripsholm." Man könnte diese berühmten Worte auch umformulieren: Niemand aber hätte von dem Ort Notiz genommen, wenn hier nicht einer der berühmtesten deutschen Schriftsteller eine Zeit verbracht hätte: Kurt Tucholsky. Die vielen deutschen Autos auf dem Parkplatz vor Schloss Gripsholm zeugen von dem ungebrochenen Interesse an dem großen Schriftsteller, der hier in Mariefred einige der wenigen glücklichen Momente in Schweden verbringen durfte. "Schloss Gripsholm. Eine Sommergeschichte" ist ein Zeugnis dieser Zeit.

Tucholsky hatte Deutschland aus Protest gegen die lauter werdenden Nazis verlassen, war über Paris nach Schweden gekommen. Nach der Machtergreifung 1933 wurde der Pazifist ausgebürgert - sein zunächst freiwilliges schwedisches Domizil wurde zum Exil. Willkommen aber war er nicht. Das Land, das sich bis heute mit seiner Neutralität brüstet, verweigerte ihm den so erhofften schwedischen Pass. Nach der melancholisch-heiteren leichten Liebesgeschichte - der Schauplatz: das Schloss - zog sich Tucholsky immer mehr zurück. "Man kann nicht schreiben, wo man nur verachtet", schrieb er 1933 in einem Brief an Walter Hasenclever. Tucholsky starb zwei Jahre später in Göteborg, an Schwedens Westküste. Bestattet wurde er in Mariefred, an seinem Grab unterhalb der Kirche stehen stets frische Blumen. Tucholskys Trost an die Nachwelt, ein Goethe-Zitat, ist auf der Grabplatte zu lesen: "Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis".

Viele deutsche Besucher glauben, dass Tucholsky im Schloss Gripsholm wirklich gelebt hat. Enttäuschung steht in ihren Gesichtern, wenn sie nach dem Rundgang wieder in den Schlosshof kommen: In diesem Schloss hat noch nie jemand gewohnt! Jedenfalls nicht für längere Zeit. Schwedische Besucher kennen Tucholsky kaum, wissen aber, was sie in dem Schloss erwartet: eine große Porträt-Sammlung mit mehr als 1400 mehr oder minder bekannten Schweden. Und es wird nicht nur blaues Blut ausgestellt - von Greta Garbo bis Olof Palme sind viele präsent. Dazu einige schön möblierte Räume und in einem der Türme das kleine Privattheater Gustavs III.

Dass Tucholsky diesen Ort geliebt hat - verständlich. Der Absacker am Abend auf der Terrasse des "Gripsholms Värdshus" mit Blick auf das Schloss und das eigene Boot im Auge - besser geht es nicht.

In Mariefred könnten wir es gut noch länger aushalten, am nächsten Tag wird Mittsommer gefeiert, eine lange helle Nacht lang mit Musik und Tanz. Am Tag drauf würden wir mit der kleinen Museumsbahn fahren und am Abend erneut am Hafenkiosk einen Strömling, den köstlichen gebratenen Ostsee-Hering, verzehren. Aber wir wollen weiter. Das Wetter ist gut an diesem Junitag, der Wind günstig. Hinter dem Großsegel verschwindet allmählich die Kulisse des Schlosses, und der Kirchturm, der weit über die vielen kleinen Dächer der zumeist gelb-weißen Holzhäuschen ragt, scheint uns noch lange den Weg nach Osten weisen zu wollen.

Vorbei an der Halbinsel Härnön, der Weg ist ausgetonnt. Ridön an Backbord, und dann geht's fast direkt auf Björkö zu. Bei leichtem Wind geht's in den kleinen Hafen an der Nordwestseite. Nicht der Anleger ist das Problem, sondern die Platzsuche: Denn hier herrscht ein munteres Treiben. Eine Vielzahl Motor- und Segelboote drängen an die Liegeplätze.

Ein Segeltörn wird zur Schlössertour

Auf Björkö liegt Birka, eine Wikingersiedling und vermutlich die älteste Stadt des Landes. Zurzeit versuchen Archäologie-Studenten von der Ostseeinsel Gotland nach allen Regeln jahrhundertealter Handwerkskunst einige Wohn-, Stall- und Wirtschaftsgebäude zu errichten. Ohne Bohrmaschine, ohne Winkelschleifer, alles Handarbeit.

Birka entwickelte sich vom achten Jahrhundert an zu einem bedeutenden Handelszentrum. In der Nähe der Ausgrabungen demonstrieren Studentinnen und Studenten in Wikingerkleidung, wie der Alltag der Wikinger ausgesehen haben könnte. Es gibt auch ein kleines Museum, in dem einige Ausgrabungsstücke und vor allem viele Modelle der Häuser, ja sogar ein ganzes Dorf gezeigt werden. Die frischen Weiden, die offene, leicht hügelige Landschaft auf der Insel Björkö lassen die Geschichte schnell vergessen: Unzählige Schafszäune, die wir überklettern müssen, weisen darauf hin, dass hier noch aktiv Viehzucht betrieben wird. Schade, dass das Restaurant davon offenbar noch nichts mitbekommen hat. Dafür hat die Unesco die zum Teil immer noch verborgenen Schätze von Birka schon frühzeitig erkannt: Seit dem Jahr 1993 ist die Wikingersiedlung als Welterbe anerkannt.

Auf zu neuen Ufern! Wir peilen die kleine Bucht im Südwesten der Insel Kärsön an. Ein Freund hatte den Tipp gegeben. Dort und nur dort kann man königlich ankern - mit Blick auf Schloss Drottningholm. Neben dem Vasa-Museum auf der Stockholmer Insel Djurgården gehört dieses Schloss zu den absoluten Höhepunkten einer Stockholm-Reise.

Die Anwesenheit von Königin Silvia zu spüren, mag das Motiv vieler, vor allem deutscher Urlauber, sein. Wer in dieser Hoffnung per Bus, auf einer wunderschönen Bootstour oder mit dem eigenen Schiff zum Schloss auf die Insel Lovön kommt, wird enttäuscht. Die königliche Familie lebt in einem Seitenflügel, gut abgeschirmt vor neugierigen Blicken. Doch auch ohne Königs ist ein Besuch empfehlenswert. Nach Birka kommen wir zudem in den Genuss eines zweiten schwedischen Welterbes. Mit dem Kina Slott, dem Chinesischen Schlösschen, und Drottningholms Slottsteater, dem bezaubernden Schlosstheater, wurde die gesamte Anlage 1991 in die Unesco-Liste aufgenommen.

Sie ist ein imposanter Anblick, diese dem Schloss in Versailles nachempfundene barocke Residenz von König Carl XVI. Gustaf und seiner Familie. Die Führungen durch die Gemächer mit einer umfangreichen Gemäldesammlung und Originalmöbeln, der anschließende Bummel durch den riesigen, ebenfalls nach französischem Vorbild angelegten Schlossgarten trösten darüber hinweg, dass weder ein Schatten des Königs noch der Gemahlin oder gar der Thronfolgerin Victoria zu sehen war. Höhepunkt aber ist das Schlosstheater. Mit 15 originalen Bühnenbildern und der ursprünglichen, mehr als 200 Jahre alten Bühnentechnik kann man hier eines der am besten erhaltenen Barocktheater Europas bestaunen. Im Sommer gibt es in der Originalkulisse sogar Aufführungen, frühzeitige Anmeldung ist ein Muss.

Die Tour nach Sigtuna und Skokloster können wir nicht mehr auf eigenem Kiel unternehmen. Die Zeit hätte nicht gereicht, deshalb steuern wir den Hammarby-Hafen an, um durch die Skanstull-Schleuse in den Stockholmer Vasa-Hafen zu gelangen.

Am nächsten Tag geht es auf dem Landweg an einen Seitenarm des Mälarsees nach Sigtuna. Kaum zu glauben, dass diese Bullerbü-Kleinstadt nordwestlich von Stockholm eine große Geschichte hat. Sie löste im 11. Jahrhundert Birka als wichtigen Handelsort und geistliches Zentrum ab. Von der klerikalen Vorreiterrolle der Stadt zeugen die Mariakyrka, eine der ältesten Backsteinkirchen des Landes (1247) und drei Kirchenruinen.

Sigtunas Besucher wollen heute vor allem die Atmosphäre des idyllischen Stadtkerns genießen. Ein Bummel durch die Straßen mit kleinen schmucken Holzhäuschen muss mit einem Besuch im Café "Tant Brun" (nach einem Kinderbuch von Elsa Beskow benannt) enden. Und es ist nicht nur der lecker duftende Apfelkuchen, der lockt, sondern das bis in die letzte Ecke liebevoll gestaltete Interieur zwischen bedrohlich schiefen Wänden.

Höhepunkt unseres letzten Tages am Mälarsee ist ein wenig nördlich von Sigtuna der Besuch von Schloss Skokloster. Es ist eines der bedeutenden Barockschlösser der Welt. Neben den rund 50.000 ausgestellten Möbeln,Textilien, Skulpturen, Gemälden und Büchern sehr beeindruckend: der unvollendete Bankettsaal. Zurückgelassene Werkzeuge, unverputzte Wände und ungehobelte Dachbalken geben ein anschauliches Bild der Zeit und der Arbeitsbedingungen vor gut 300 Jahren wieder. Wie schnell doch die Bauarbeiten wegen Geldmangels abgebrochen wurden!

Wir denken an unser eigenes unvollendetes Unternehmen. Planen bereits eine weitere Segeltour auf dem Mälarsee, dann mit mehr Zeit. Das Revier ist - zu Unrecht! - nicht so bekannt, was aber den Vorteil hat, dass man fast überall Liegeplätze findet, in Häfen oder einsamen Buchten. Es gibt noch so viel zu entdecken.

Autor:
Helmut Steuer