Fast Lane Verschlimmbesserungsmaßnahmen

Der Winter meldete sich Samstagabend ausgerechnet auf der kurvigen Straße zwischen Mailand und St. Moritz zurück. Nach einem schnellen Boxenstopp im A.Gi.Emme in Como (einer von Tyler Brûlés Lieblingsläden für Herrenmode), um meine Herbstgarderobe zu ergänzen (Zanone-Pullover, Aspesi-Blazer, MCR-Shirts und Engineered Garments) sowie einem kleinen Lunch bei Visini am Rand des Stadtzentrums, verwandelte sich das leichte Nieseln über Chiavenna kurz hinter dem Maloja-Pass in nasses Schneetreiben. Vor fast einem Jahr hatte ich mich in St. Moritz für meine Knieoperation einquartiert; dieses Mal kehrte ich für eine andere Art von Operation zurück.

Vor einigen Monaten hatten die Damen und Herren, die sich dort um mein Apartment kümmern, beschlossen, dass es an der Zeit sei, die alten Rohre zu ersetzen, und begonnen, die Wände aufzureißen, um ein völlig neues System zu installieren. In Großbritannien hätten selbst die alten Leitungen noch als futuristisch gegolten, aber für meine Schweizer Hausmeister waren sie nicht mehr gut genug und flogen raus.

Leider bedeutete dies auch das Ende eines Teils der grün gefliesten Wand aus den 1960er Jahren. In feierlichem Ton wurde ich per Brief informiert, dass nun die schwere Entscheidung anstünde, wie ich diese zu ersetzen gedachte. Ein paar Wochen lang versuchten wir, das Problem durch das Hin- und Herschicken digitaler Fotos in den Griff zu kriegen. Die angebotene Auswahl der Firma griff jedoch ein bisschen zu kurz und als schließlich pinkfarbene Kacheln mit Perlmuttschimmer ernsthaft als mögliche Lösung gehandelt wurden, berief ich einen Sondergipfel ein.

Da die Badezimmer der Wohnungen außer Betrieb waren, checkte ich ins Hauser ein (ein gutes Beispiel für ein Hotel, das man einfach nur in Ruhe lassen sollte; es wurde für die Ewigkeit gebaut und steht beispielhaft für den Schweizer Modernismus der 1970er Jahre - mehr dazu in Kürze) und spazierte dann zur Wohnung runter. Die Baufirma hatte dafür plädiert, das Ganze einfach komplett zu entkernen. Eine kurze Besichtigung zeigte jedoch, dass es gar nicht nötig war, alles rauszureißen - sehr zum Bedauern der Firma, da damit auch der von ihr vorgeschlagene 60.000 Euro teure Erwerb neuer Einbauten wegfiel. Aber auch wenn die Vintage-60er-Jahre-Badezimmer neue Fliesen benötigen (ich denke an Lufthansa-Gelb), kann ich all die originalen Einbauten behalten.

Auf dem Weg zurück ins Hotel fiel mir auf, wie ähnlich sich Schweizer und Japaner in ihrer nervtötenden Obsession sind, permanent alles erneuern zu müssen. Nicht nur, dass beide schlichte rot-weiße Flaggen haben, sie lieben es auch, Gebäude, Gleise, Häuser, Straßen und Bürobauten abzureißen, umzugestalten, zu renovieren und zu verbessern. Dabei weiß jeder, der mal etwas Zeit auf Schweizer Straßen verbracht hat, dass all die Bauarbeiten lediglich ein ausgetüftelter Plan sind, um die Arbeitslosenzahlen des Kantons niedrig und die Zahlen des Schweizer Ingenieurs- und Bauarbeiterwesen schwarz zu halten.

Ein beruhigender, dumpfer Bums

Japan leidet unter einer ähnlichen Krankheit. Völlig intakte Strukturen werden abgerissen, um durch erstaunlich ähnlich aussehende Gebäude ersetzt zu werden. Danach mag zwar alles vor Effizienz und Moderne funkeln (inklusive neuer Arbeitsplätze), gleichzeitig entsteht so jedoch auch eine ungeheure Beliebigkeit. Sowohl in der Schweiz als auch in Japan landeten schon viele wunderschöne, moderne Inneneinrichtungen im Container, weil wieder erneuert wurde, statt behutsam bewahrt.

Zurück im Hauser ging ich in den Hotelier-Modus über und begann, jeden Quadratzentimeter meines Hotelzimmers zu dokumentieren - aus Angst, Herr Hauser könnte planen, seine klassische Inneneinrichtung auszutauschen. Vielleicht erinnern Sie sich an die , die durch ihre Nullachtfünfzehn-Ausstattung nicht nur eine Design-, sondern auch eine Umweltkatastrophe darstellen. Im Vergleich dazu könnte die Wahl der Materialien und des technischen Komforts im Hotel Hauser kein größerer Gegensatz sein: Mein Zimmer im fünften Stock war eine perfekte Mischung aus Schweizer Design der 1950er Jahre, soliden Materialien und lokalem Handwerk.

Die Tür war breit, stabil und schloss mit diesem beruhigenden, dumpfen Bums, den Deutsche, Schweizer und Österreicher so perfekt hinkriegen. Das Badezimmer, obwohl klein, war funktional gestaltet, mit Steinböden und leuchtend weißen Decken und Wänden. Das genialste Designelement des Zimmers war ein hüfthohes, klobiges Holzgeländer an der Rückseite des Bettes, an dem die beiden Nachttische und eine Lampe hingen. Das Bett selber hatte eine Unterlage aus Jersey (eine kluge Erfindung, die einzigartig auf dem Schweizer Markt zu sein scheint) und einen perfekt gestärkten Bezug aus dickem Baumwollgewebe. Wie immer in der Schweiz ließen sich die Fenster in jede Richtung öffnen, die Blumen auf der Terrasse befanden sich immer noch in voller Blüte und ein hübsches Stuhl-Tisch-Ensemble (alles aus Stahl und Holz) stand bereit, um dort die Morgensonne zu genießen - oder unverschämterweise eine Zigarette.

Nach dem Abendessen im hoteleigenen Restaurant kehrte ich in mein Zimmer zurück, um einen Stapel italienischer Magazine durchzuschauen, die ich aus Mailand mitgebracht hatte. Um 6 Uhr morgens wachte ich vom Piepen meines BlackBerrys auf. Da es zu früh fürs Hotelfrühstück war, ging ich zum Bahnhof, stieg in die kleine Bahn nach Chur und machte mich von da aus auf die lange Reise nach Hamburg.

Leider landete ich dort in einem wunderbaren Grandhotel, das gerade von einer Handvoll Dekorateure und ihrem Arsenal an dümmlichen Kissen und billigen Furnieren verschandelt worden war.

Autor:
Tyler Brûlé