Speyer Kleinstadt mit Kaiserdom

"Ich bass uff", sagt Annemarie Preis verschmitzt, "dass'n känner klaut." Keiner wird den Dom klauen, schon gar nicht unter den wachen Augen der Brezelfrau. Montags bis freitags, von 12 Uhr mittags bis 15 Uhr, passt sie in der Maximilianstraße auf, links den Dom im Blick, rechts das Altpörtel, geradeaus die Einhorn-Apotheke. Die gibt es seit 550, das Stadttor seit 750, den Dom seit knapp 1000 und Speyer seit gut 2000 Jahren. Daran gemessen ist Annemarie Preis blutjung, demnächst wird sie 85 Jahre alt.

Dass sie in einem grünen Glaskasten steht - den Hocker hat sie noch nie benutzt -, verdankt sie der 2000-Jahr-Feier der Stadt. Zum Jubeljahr 1990 verpasste Speyer seinem Zentrum ein Facelifting, dem, was nicht nur Frau Preis beklagt, die alten hölzernen Brezelhäuschen zum Opfer fielen. Verbannt wurde auch der Durchgangsverkehr. Das allerdings ist ein Segen für die Maximilianstraße. So bleibt Speyers Hauptachse den Flaneuren und Besuchern der Straßencafés überlassen.

Für eine Kleinstadt mit 50.000 Bewohnern ist die "Hauptstrooß", wie man hier sagt und dabei den Namen des ersten bayerischen Königs diskret unter den Tisch fallen lässt, von boulevardesker Breite - und das schon seit jeher. Zur einst neben Cluny größten Kirche der Christenheit durfte keine Gasse führen. Es konnte nur eine Via triumphalis sein, ein standesgemäßer Zubringer für Kaiser, Könige und andere ranghohe Besucher der zahlreichen Hof- und Reichstage, die Speyer bis 1570 erlebte.

Manche davon sind in die Geschichte eingegangen. Der Reichstag von 1529 spaltete die Christenheit: Fürsten und Reichsstädte aus dem evangelischen Lager protestierten gegen die Wiedereinführung des Wormser Edikts, das 1521 die Reichsacht über Martin Luther verhängt hatte, und manifestierten damit politisch die Reformation. 1904, zum 375. Jubiläum der Protestation, wurde die Gedächtniskirche geweiht. Eine Pilgerstätte für Protestanten aus aller Welt, wenn nicht gleich ein evangelischer Petersdom, sollte sie nach dem Willen ihrer vielen Unterstützer und wenigen Financiers werden. Entstanden ist ein imposanter neugotischer Bau mit dem höchsten Kirchturm der Pfalz (105 Meter), schönen Fenstern und einem trutzigen Luther in der Vorhalle. Die in puncto Weltgeschichte abgeklärten Speyerer nannten die Gedächtniskirche von Anfang an schlicht "Retscherkärch", nach dem ursprünglich vorgesehenen Standort, der Ruine des Retschelinschen Adelspalais in der Altstadt.

Die Katholiken rüsteten heftig nach. Zehn Jahre nach der Gedächtniskirche wurde, schräg gegenüber, Sankt Joseph fertiggestellt. Auch kein Kapellchen, sondern ein Monumentalbau. Für Friedhelm Jakob, Dekan des protestantischen Kirchenbezirks Speyer und Pfarrer an der Gedächtniskirche, sind solche konfessionellen Scharmützel längst Vergangenheit: "Das Verhältnis zueinander ist bestens. Zum Zeichen der Ökumene wollten wir sogar mal ein Drahtseil zwischen den Türmen spannen und einen Akrobaten rübergehen lassen. Das war uns aber dann doch zu gefährlich." Vermutlich befürchteten Protestanten wie Katholiken, der Seiltänzer könnte ausgerechnet auf ihrer Hälfte der Strecke abstürzen. Aber das sagt der Dekan natürlich nicht. Doch es gab und gibt weniger spektakuläre, doch nicht minder herzliche Aktionen der Verbundenheit.

Wie sollte das anders sein in einer Stadt, in der der Präsident der Evangelischen Kirche der Pfalz dem katholischen Bischof quer über den Domplatz zuwinken kann? Es besteht eine gute Nachbarschaft der beiden Oberhirten, die sich um jeweils etwa 600.000 Pfälzer Seelen sorgen. Wer links vom Bischofspalais in die Kleine Pfaffengasse einbiegt, stößt auf den Hinweis zum Judenhof. Um 1100 entstand hier das Zentrum der jüdischen Gemeinde. Gut erhalten ist die Mikwe, das Tauchbad. Die rituelle Reinigung erfordert fließendes Wasser, deshalb geht es tief runter bis zum Grundwasser. Das Mauerwerk erinnert an den Dom. Nicht unwahrscheinlich, dass dieselben Handwerker hier wie dort Steine aus demselben Bruch gesetzt haben. 1349 wurde die jüdische Gemeinde erstmals aufgelöst, durch Vertreibung, Mord und Totschlag. Es war nicht das erste Pogrom und sollte nicht das letzte bleiben. Ein kleines Stück Wiedergutmachung bedeutet der Neubau einer Synagoge, die auf dem Gelände der nicht mehr genutzten (katholischen) Kirche St. Guido entsteht.

Moderne und Mittelalter - Speyer lebt von Gegensätzen

Ans Südende des Domplatzes hat man eine Burg gesetzt, in der die pfälzische Geschichte lebendig bleibt. Zwei liebwuchtige Rundtürme flankieren das 1911 eröffnete Historische Museum der Pfalz. Multimedial präsentierte Sonderausstellungen lassen aus geplanten 60 Minuten im Museum schon mal eine kurzweilige Doppelstunde werden. Mal entdeckt man dabei die Welt der Samurai, beim nächsten Besuch vielleicht die der Salier. Auch die Dauerausstellung lohnt den Besuch - die 1700 Jahre alte Flasche mit Pfalzwein ist weltweit einmalig, genauso der Domschatz. Zu ihm gehören die Kronen, die man in den Gräbern der salischen Herrscher fand.

Durch den Dom selbst führt Andrea Nisters. Es ist Anfang Mai, Speyer schwitzt bei 30 Grad, selbst für hiesige Verhältnisse ist es ungewöhnlich heiß. Nur innerhalb der dicken tausendjährigen Mauern herrscht angenehme Kühle, die Temperaturen sinken, je weiter Frau Nisters in die Tiefe führt. In der Krypta gerät man ins Frösteln. "Der Dom", erklärt die quirlige Kunsthistorikerin, "ist ein Wärmespeicher. Heizt ganz langsam auf und kühlt ganz langsam ab. Ideal ist das Verhältnis zur Weihnachtszeit." Egal bei welcher Jahreszeit, ein leichtes Schaudern überkommt jeden, der die Kaiser- und Königsgräber besucht. Näher kann man den Großen des Hochmittelalters nicht kommen. Vom Domgründer Kaiser Konrad II., beigesetzt 1039, bis zu König Albrecht von Österreich (1309) reicht die Liste der Gekrönten, darunter auch Heinrich IV., der Canossa-Gänger. Seine Gebeine wurden 1106 in der noch ungeweihten Afrakapelle an der Nordseite des Doms bestattet, bis sie, vom Kirchenbann gelöst, fünf Jahre später umgebettet wurden. Der "Mantel der Geschichte", um Helmut Kohl zu zitieren - hier ist er greifbar. Staatsgäste aus aller Welt wie Michail Gorbatschow, Margaret Thatcher und George Bush senior, die der Pfälzer nach Speyer einlud, zeigten sich beeindruckt.

Wenn sie gerade keine Domführung macht, kümmert sich Andrea Nisters um die Galerie, die sie mit ihrem Mann Josef gleich hinter dem anderen Ende der Maximilianstraße betreibt - einem Gegenpol nicht nur örtlich, auch thematisch: zeitgenössische Kunst statt Mittelalter, vornehmlich internationale Malerei, präsentiert in sieben bis neun Ausstellungen pro Jahr.

Speyer lebt von solchen Gegensätzen. Hier hat alles sein Pendant: das Mittelalter die Moderne, Protestanten die Katholiken. Alles ausgewogen, eine Stadt im Gleichgewicht. Auch das Historische Museum hat sein Gegenstück: Auf dem Gelände des Technik-Museums ist, zwischen anderem Fluggerät und dem Hausboot der Kelly Family, ein veritabler Jumbojet ausgestellt. Das jüngste Exponat, die sowjetische Raumfähre "Buran", sorgte im April 2008 bei seiner Überführung von Rotterdam rheinaufwärts für ein landesweites Medienspektakel - und, dank der damit verbundenen Reklame, für gute Laune im Rathaus.

Dort sitzt Werner Schineller, ein zufriedener Oberbürgermeister. Das Amt, in das er vor 14 Jahren gewählt wurde, war schon immer sein Traumjob, schließlich ist er ein echter "Brezelbub". So nennt man die in Speyer Geborenen. Das Prädikat verweist auf das neben dem Dom zweite Wahrzeichen der Stadt. Auf die Frage, wer denn nun die Brezel wo und wann erfunden hat, verlässt der OB sein Dienstzimmer und kehrt kurze Zeit später mit einem prallvollen Aktenordner zurück. Die Geste ist klar: Suchen Sie sich eine Antwort aus! Einigermaßen sicher scheint nur, dass die Bezeichnung vom lateinischen bracchium kommt, dem Arm. Und zwei verschränkte Arme kann man durchaus in der Form erkennen. Dass das uralte Zunftzeichen der Bäcker jedoch tatsächlich aus Speyer stammt, darf angezweifelt werden, trotz einer Steinfigur am Dom, die eine Brezel in der Hand hält. Dieser Brezelbub ist jedoch ein Neuzugang, der seinen Platz am Westportal erst im 19. Jahrhundert fand.

Ob hier erfunden oder nicht, Speyer liebt seine Brezeln, und hergestellt werden die Laugenschlingen nicht etwa im Industriegebiet, sondern mitten in der Stadt. 1951 zog Bäcker Berzel in die Lauergasse und spezialisierte sich bald auf Brezeln. Die Berzel-Brezel ist kein werbewirksam ersonnenes Anagramm, sondern ein Pfälzer Original. Berzels Chef-Brezelbäcker Wolfgang Vick kommt gebürtig aus Mecklenburg, hat sich aber längst einen Pfälzer Akzent angeeignet. Mit atemberaubender Geschwindigkeit formt er frühmorgens bis zu tausend Brezeln pro Stunde. Links über rechts oder rechts über links, man kann es nur ahnen.

Bleibt die Frage, wo Speyer am schönsten ist. Der Oberbürgermeister muss nicht lange überlegen. Sein Lieblingsplatz ist die St.-Margarethen-Gasse im Hasenpfuhl, der Altstadt nördlich der Großen Himmelsgasse. Selten verirrt sich ein Tourist hierher, obwohl der Dom keine drei Fußminuten entfernt steht. Die Gasse ist das Gegenmodell zur Maximilianstraße: ein Spitzweg-Speyer mit weinumrankten Häuschen, vor denen Katzen in der Sonne dösen. Ein Idyll, dem eigentlich nur der Maler fehlt, der es mit Pinsel und Staffelei auf Leinwand bannt.

Für Klaus Fresenius ist so etwas kein Sujet. Die Aquarelle und Tuscharbeiten des Speyerer Künstlers entstehen meist in langen Nächten, sind gegenstandsnah bis abstrakt und haben meistens Menschen zum Thema. Seine Arbeiten lassen dem Betrachter viel Raum für Gedankenspiele. Er formt Skulpturen aus Holz und hat auch schon Haikus veröffentlicht. Ein Feingeist. Doch wer nur den in ihm sieht, kennt nicht den anderen Fresenius - das Temperamentsbündel, das mit seiner Mundart-Band "Blues & Bloedel" für Begeisterungsstürme in Musikclubs sorgt. Ein Speyerer, der die stimmige Dialektik seiner Stadt verkörpert, mal stiller Künstler, mal musikalisches Urgestein.

Fresenius kommt viel herum in der Welt. Kürzlich kehrte er wieder einmal von einer Chinareise zurück, neue Tuschen im Gepäck, neue Eindrücke in Kopf. Als er Dom und Altpörtel wiedersah, wurde ihm warm ums Herz. Sie standen noch. Frau Preis hatte aufgepasst.

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Peter Münch