Valencia Wo Spanien fein schmeckt

Ein bekannter englischer Reiseführer, ein dichtgedrucktes Monstrum, widmet volle 60 Seiten der Hauptstadt Madrid, weitere 60 der Konkurrentin Barcelona - und wie viel Valencia, Spaniens drittgrößter Stadt? Genau zwölf. Anders gesagt, ein Fünftel. Dabei ist Valencia herrlich bewohnbar, schmiegt sich ans Mittelmeer, kann 300 Sonnentage im Jahr vorweisen sowie allerhand Gourmetfreuden und ein üppiges kulturelles Angebot, zu dem Hunderte von Theatergruppen und Musikensembles beitragen, die den lebensfrohen Charakter dieser Stadt unterstreichen. Und doch bleiben im Reiseführer nur zwölf ganze Seiten. In dieser Geringschätzung liegt, ob es einem gefällt oder nicht, die ewige Wahrheit eines innerspanischen Machtkampfes, der immer nur zwei, nicht drei Bewerber zulässt.

Beruhigend an dem traurigen Missverhältnis ist, dass die Valencianer daran gewöhnt sind, ja, dass es einen Teil ihrer täglich gelebten Identität ausmacht. Am 9. Oktober etwa, dem Festtag der Region, sind in den Sonderbeilagen der Lokalzeitungen zahllose Selbstbetrachtungen zu lesen, die mit einer Mischung aus Tapferkeit, gekränktem Stolz und Resignation immer wieder dasselbe Phänomen umkreisen: Wie es wohl zu erklären sei, dass Katalonien seinen Namen und seine Identität so erfolgreich in die Welt hinaustrage, Valencia dagegen nicht. "Valencia existiert!", scheinen die Sonderbeilagen zu rufen. Warum nimmt uns denn niemand wahr?

Dann, in den frühen neunziger Jahren, muss ein Gott den Ruf erhört haben. Jemand gab den örtlichen Politikern ein, im Trockenbett des Turia-Flusses, Valencias schönster urbaner Kuriosität, die weitläufige "Stadt der Künste und Wissenschaften" zu planen. Beauftragt wurde mit dem Werk der Architekt Santiago Calatrava, inzwischen ein Weltstar auf mehreren Kontinenten, im Auftreten aber noch immer der Junge aus dem valencianischen Dorf, als der er aufwuchs. Calatrava also baute für einige hundert Millionen Euro eine mehrteilige, blendend weiße Anlage, die ursprünglich wohl als ernsthafter Wissenschaftspark geplant war und im Lauf der Jahre zu einem gigantischen Design-Spielzeug mutierte.

Das in einer großzügigen Teichlandschaft ruhende Ensemble aus augenförmigem Imax-Kino, einem Wissenschaftsmuseum in Form eines Wals, einem riesigen Ozeanografikum (entworfen von Félix Candela) sowie dem "Umbracle" genannten Laubengang erhielt im Herbst 2005 seine Krönung in Gestalt des "Palastes der Künste Königin Sofía", einer Opern- und Bühnenkunststätte für insgesamt 4000 Menschen. Hier, könnte man sagen, ist das neue, moderne Valencia ausgestellt. So großartig wie eitel spreizt sich der monumentale Knochenbau der Sonne entgegen. Vorn und hinten wirkt das Ganze wie ein Fisch, der anmutig die Schnute öffnet. Wie immer bei riskanter Architektur hat eine solche Anlage viele Verehrer und viele Verächter. Bemerkenswert jedenfalls ist, dass sie eher dem politischen Willen, sich ein grandioses Wahrzeichen zu verpassen, als dem Innersten des valencianischen Gemüts entsprang.

Nicht nur, dass Auslastung und Finanzierbarkeit dieses ehrgeizigen Opernhauses noch längst nicht garantiert sind - die Mehrzahl der Valencianos hatte mit den Beschleunigungsabsichten der Lokalpolitiker und dem angeblichen Schick moderner Metropolen noch nie etwas im Sinn. Historisch gesehen sind die Bewohner keine feinsinnigen Kulturgenießer, sondern Nachfahren von Händlern und Gemüsebauern - ein bodenständiges Volk, das zu arbeiten, zu feiern, zu essen und zu trinken versteht.

Man muss diesen Hauch des Bäurisch-Provinziellen nicht beklagen. Aus der Besonderheit, dass der früheste Wohlstand in den huertas, den Gemüseplantagen, erwirtschaftet wurde, erklären sich einige von Valencias markantesten Zügen. Etwa, dass die Stadt kaum eine nennenswerte Aristokratie besaß und deshalb wenig repräsentative Bauwerke und kaum Prunkarchitektur vorweisen kann. Im Gegenteil, die wichtigsten Monumente Valencias wollen bei aller Verspieltheit nicht verbergen, dass sie nützlich sind. Das gilt ebenso für den charmanten Nordbahnhof, dessen Halle dem Besucher in goldenen Lettern und vielen Sprachen "Gute Reise" wünscht, wie für die elegante, gut 500 Jahre alte Seidenbörse oder den direkt gegenüberliegenden modernistischen Mercado Central, einen der lebendigsten, traditionsreichsten Märkte Spaniens. Ein einziger Gang durch die prächtige Halle, in der täglich bis 14 Uhr Fische, Krustentiere und zahllose andere Köstlichkeiten ausliegen, macht begreiflich, warum Valencia als Feinschmeckerstadt gilt.

"Tu, was du willst, aber stör mich nicht"

Der Schriftsteller Manuel Vicent, Jahrgang 1936, lebt zwar schon seit langem in Madrid, fährt aber oft in seine valencianische Heimat zurück, um das sanfte Klima, die Landschaft und das spezifische Lebensgefühl dieser Gegend zu genießen. Und dieses Lebensgefühl hängt für ihn nicht an schönen neuen Bauwerken (die Manuel Vicent für unbewohnbar hält), sondern am Wesen der Stadt.

Dass hier vor vielen Jahren die reichen Bauern bei den Städtern eingekauft und den Bürgersleuten ihren groben Geschmack aufgezwungen hätten, habe zu einer wahrhaft egalitären Gesellschaft geführt. In Valencia, so Vicent, "begegnen sich die Menschen auf gleicher Augenhöhe" und nicht - wie in Andalusien - als Herren und Untergebene. "Sehen Sie", sagt der Schriftsteller, "die Gemüsebauern der Huertas haben die ärmeren Städter verachtet, aber umgekehrt war es doch genauso. Am Ende heiratete der mittellose Stadtjunge die dralle Bauerntochter mit der großen Mitgift, und beiden war geholfen. Das nenne ich eine sinnvolle Verbindung."

Was aber macht den echten Valenciano aus? Manuel Vicent zögert keine Sekunde: "Natürlichkeit, Spontaneität, Unmittelbarkeit." In Valencia, heißt das, soll man nichts suchen - man liefe sonst Gefahr, es zu finden. Touristen könnten daraus folgern, dass man sich am besten vergnügt, wenn man nur der eigenen Laune und nicht dem Stadtplan folgt. Schon ein Spaziergang im verwinkelten Barrio del Carmen mit seinen winzigen Plätzen und seiner fast dörflichen Ruhe erzieht zur Improvisation.

In Valencia lebt man im Jetzt, genießt, was sich anbietet, und verschiebt Zweifel oder Reue auf später. Dieser Genussfähigkeit kann etwas Grausam-Makabres anhaften, etwa, wenn zwei Krankenschwestern einen leidenden Patienten durch den Krankenhausflur rollen und sich auch durch Stöhnen und Wimmern nicht davon abhalten lassen, lautstark Paella-Rezepte auszutauschen. "Pensat i fet", sagt ein valencianisches Sprichwort: Gedacht und getan.

Doch ebenso gilt: "Leben und leben lassen." Oder, so ein weiteres valencianisches Motto: "Tu, was du willst, aber stör mich nicht." Man begegnet dieser lässigen Einstellung auf Schritt und Tritt. Etwa, wenn Autofahrer ihr Fahrzeug so gnadenlos falsch parken, dass sie anderen damit die Ausfahrt blockieren, es aber zugleich unterlassen, beim Parken einen Gang einzulegen oder die Handbremse anzuziehen, damit ihr störendes Auto im Bedarfsfall fortgeschoben werden kann. Dass der Wagen nach einiger Zeit entsprechend ramponiert aussieht, würde wohl nur uns Deutsche stören.

Solche anarchischen Zustände sind nicht immer lustig. Und noch weniger, wenn dichter Autoverkehr, verstopfte Straßen und ständig neue Modernisierungsprojekte den Menschen das Leben schwer machen. Zumindest gegen die profitable Urbanisierungswut der Bauindustrie und einer geltungssüchtigen Lokalpolitik hat sich in den vergangenen Jahren starker Widerstand formiert, in Weblogs, Bürgerinitiativen und auf Demonstrationen. Die Initiative Valencia en bici (Valencia per Fahrrad) zum Beispiel kämpft um Einhaltung der von der Europäischen Union vorgegebenen Luftbelastungswerte, sie streitet für Fahrradwege und sogar für Fahrradparkplätze.

Einen ebenso zähen Kampf liefert seit 1998 eine Bürgerinitiative, die den nahe dem Meer gelegenen Stadtteil El Cabanyal vor dem offiziell beschlossenen Ausbau der mächtigen Avenida Blasco Ibáñez bis ans Wasser bewahren will. Die Maßnahme würde einige hundert Häuser treffen und das uralte, organisch gewachsene Fischerviertel zerstören.

Hier geht es nicht nur um typisch valencianische Willkür bei der Neuerfindung von Regeln, unter denen andere zu leiden haben. Sondern auch um ein Problem der Modernisierer. Denn Valencia hat sich in seiner Geschichte stets eher als Fluss-Stadt denn als Meer-Stadt empfunden. Es hat sich, so paradox es klingt, den Meerzugang selbst verbaut.

Spötter also könnten den weißen Pavillon des America's Cup, den der Architekt David Chipperfield in Rekordzeit ans Wasser gesetzt hat, zur Fata Morgana erklären.Was wirklich davon bleibt, werden wir erfahren, wenn die Segler aus aller Welt wieder zu Hause sind.

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Autor:
Paul Ingendaay