Kanarische Inseln Wandern von Lanzarote bis El Hierro

Kanaren gehen – so schlicht nennt der Abenteurer André Schumacher sein Projekt, alle sieben kanarischen Inseln zu erwandern. Von Lanzarote bis El Hierro. Klingt verrückt? Auf jeden Fall wird es anstrengend sein. Und heiß. Und voller Erfahrungen. Wie er auf diese Idee kam, erzählt er im Interview. 

MERIAN.de: Sie haben schon einige Abenteuerprojekte hinter sich. Sind etliche Kilometer mit dem Rad durch Norwegen gefahren, zu Fuß 1600 Kilometer von Wien über die Dolomiten bis ins Schweizer Vals gewandert. Wie kamen Sie auf die Idee, die kanarischen Inseln zu erwandern?
André Schumacher: Vor vielen Jahren habe ich auf den Kanaren gelebt: Nach dem Studium arbeitete ich als Architekt erst im Baskenland, dann auf Teneriffa. Der erste wirklich große Schritt in die Welt – und eine wunderbare Zeit! Den Atlantik vor der Haustür, einen 4.000 Meter hohen Berg im Rücken. Meeresfrüchte, schwerer Wein, und wir gewannen einen Wettbewerb nach dem anderen. Ich wollte immer einmal zurückkommen. Schauen, wie sich das anfühlt. Freunde wiedersehen, die mir noch unbekannten Inseln besuchen. All das wollte ich ganz langsam machen. So entstand die Idee, die Inseln zu durchgehen. Und mich dabei auf die Suche zu machen nach Geschichten, die mich berühren, nach Personen, die etwas zu sagen haben, nach Orten, die nicht jeder kennt. 

Nach welchen Kriterien haben Sie die Reihenfolge der zu erwandernden Inseln festgelegt?
Die westlichste Insel der Kanaren galt in der Antike als das Ende der Welt. Später verlief durch die südwestliche Spitze El Hierros sogar der Nullmeridian, nach dem sich die geographischen Koordinaten zahlreicher Navigations- und Landkarten drei Jahrhunderte lang richteten, bis die Engländer ihn 1884 schließlich nach Greenwich holten. Als sichtbares Zeichen wurde an dieser Stelle der Leuchtturm Faro de Orchilla errichtet, der sich bis heute auf einer Klippe aus der  Lavalandschaft erhebt. Könnte es einen schöneren Abschluss für eine Wanderung geben? Also: Von Lanzarote nach El Hierro – dem einstigen Ende Europas. Auch geologisch ist es eine faszinierende Route. Sie folgt der Entstehungsgeschichte der Inselgruppe: von den östlichsten Inseln, die sich vor etwa 22 Millionen Jahren aus dem Meer erhoben, über Gran Canaria, Teneriffa, La Gomera und La Palma, bis nach El Hierro, die mit 1,2 Millionen Jahren die jüngste Insel des Archipels ist.

Wandern Sie quer über die Insel – oder wie legen Sie Ihre Route fest?
Im Vorfeld habe ich Orte herausgesucht, die ich mir unbedingt anschauen möchte. Einen Nationalpark, einen Berg, einen Baum. Wege, die ich gerne gehen möchte. Auch Künstler, Politiker

und Träumer besuche ich auf dieser Route. Doch es ist nur ein grobes Gerüst. Wegpunkte. Dazwischen versuche ich offen zu sein für das, was sich entlang des Weges ergibt. Henry Miller soll einmal gesagt haben: "Leben ist das, was uns zustößt, während wir uns etwas ganz anderes vorgenommen haben." Das gefällt mir. Manchmal frage ich irgendwo nach Wasser, und wir kommen ins Gespräch. Ich erfahre, dass die Verwandten 30 Kilometer weiter, links ab in den Bergen wohnen; ich könne ihnen doch einen Gruß zutragen... und schon steht die Route!

Wo übernachten Sie? Haben Sie Ihre Touren so geplant, dass Sie nachts immer in einer Herberge unterkommen?
Unter freiem Himmel. Auf ein Zelt habe ich dieses Mal verzichtet. Es regnet selten, und abgesehen von einem Dutzend hoher Berge ist es auch nie wirklich kalt. Einen leichten Daunenschlafsack habe ich dabei – und eine Isomatte. Liege in den Bergen oder am Strand. Oft laden mich Leute ein, auch Hotels oder Restaurantbesitzer, nachdem der letzte Kaffee getrunken ist. Ihnen gefällt, dass ich die Inseln zu Fuß durchlaufe, ihr Hinterland, und dass ich nicht herumhänge in den Betonburgen korrupter Politiker und Spekulanten.

Gibt es überhaupt so detaillierte Wanderkarten über die Kanaren? 
Ich bin mit den Wanderkarten von Kompass unterwegs – ein zweischneidiges Schwert. Zwar habe ich noch keine besseren Karten für die Kanaren gefunden, doch soll das nicht heißen, dass diese perfekt seien. Im Gegenteil: Eine Überarbeitung tut dringend Not. Neue Straßen und Wege sind nicht immer verzeichnet, Ortschaften mittlerweile gewachsen, alte Pfade wurden entfernt. Auch die Höhenlinien sind ein Problem: Auf den meisten Karten liegen diese im Abstand von 100 Höhenmetern – vollkommen ungeeignet für eine kritische Navigation.

Sind Sie allein unterwegs?
Ja, das lag mir am Herzen. Ich wollte einmal ganz mit meinem eigenen Rhythmus unterwegs sein. Drei Tage lang gar nichts sagen. Bleiben, wo es mir gefällt. Mal den Rucksack an den Strand schmeißen. Oder 50 Kilometer durchziehen bis die Füße so schmerzen, dass man ohne stützende Wanderstiefel nicht mehr stehen könnte. Doch hin und wieder bekomme ich Gesellschaft, und das ist natürlich eine wunderbare Abwechslung! Freunde aus Berlin, alte Bekannte von den Inseln und sogar Vortragsbesucher, die ich überhaupt nicht kenne, waren schon da. Ein Blind Date quasi der besonderen Art.

Haben Sie keine Angst, dass Ihnen unterwegs etwas passiert?
Nein, das hatte ich noch nie. Ich halte es damit, dass zu einem zurückkehrt, was man ausstrahlt. Auch hat mich mein Jahr in Nepal in dieser Hinsicht ein wenig umgepolt: Die Grenzen sind im Kopf. Und nur da! Mein Geist schafft die Realität (übrigens eine Grundannahme der Quantenphysik). Ich lade die Dinge ein – und sie passieren. Auf wundersame Weise.

Wie sieht Ihre Ausrüstung aus?
Wenn ich diese Wanderung mit anderen Reisen vergleiche, ist sie der reine Genuss. Zwei Jahre mit dem Fahrrad durch Südamerika: Da hatte jeder von uns einen Zentner Gepäck dabei. Zu Fuss durch die Cordillera Huayhuash: 35 Kilogramm haben wir über 6.000 Meter hohe Pässe geschleppt. Essen für zwei Wochen, Seile, Steigeisen und all das, was man braucht, um bei 20 Grad unter Null nicht die Lust am Leben zu verlieren. Diesmal habe ich nur einen leichten Daunenschlafsack dabei. Der wiegt 300 Gramm. Dazu ein paar Klamotten. Das Schwerste ist die Fotoausrüstung: ein gutes Stativ von Manfrotto, Videokopf, eine Canon 5D Mark II mit zwei exzellenten Optiken, ein paar Gerätschaften für Timelapse-Aufnahmen und mein neues Lieblingswerkzeug: eine Fujifilm X100, die ich immer, aber wirklich immer, bei mir habe! Dazu ein paar schöne Bücher, Schreibzeug und eine Handvoll Alben von Miles Davis.

Wie viel Kilogramm wiegt Ihr Rucksack? 
Es werden um die 15 Kilogramm sein – und nur punktuell erheblich mehr, wenn ich das Trinkwasser für einige Tage mit mir trage.

Wie viel Proviant schleppen Sie mit sich herum? In dieser Hinsicht sind die Kanaren eine dankbare Destination. Legt man es darauf an, kann man für Tage verschwinden ohne jemandem zu begegnen. Vor allem im Hinterland von Fuerteventura war ich lange unterwegs, ohne auch nur einen Menschen zu sehen. Absolute Einsamkeit, gefühlt irgendwo zwischen Patagonien und tibetischem Hochland. Aber auch ein Haus lässt sich jederzeit finden, ein kleines Dorf mit einem Chiringuito (Anm. der Redaktion: kleiner Kiosk) und guter lokaler Küche. Also Fisch, wenn es am Meer liegt. Fleisch und Käse in den Bergen. Je weiter man auf dem Archipel nach Westen kommt, desto grüner wird die Landschaft. Seit ich auf Teneriffa bin, gibt es am Wegesrand jede Menge Brombeeren und Feigen, die Berge sind überzogen mit Feigenkakteen. Und in den Dörfern hängen reife Trauben über den Weg. Sieht so das Paradies aus? Zumindest würde ich keinen Proviant mehr dorthin mitnehmen. 

Welche Insel wird am schwierigsten zu durchwandern sein?
Auf Gran Canaria habe ich mich ernsthaft gequält. Nicht, weil die Insel per se schwer zu durchwandern wäre, sondern ob einer Hitzewelle ungeahnten Ausmaßes. Einen Monat lang. 40 Grad und mehr. Calima heißt das hier. Bis vor zehn Jahren ein leidiges, aber akzeptables Wetterphänomen, denn es dauerte nur wenige Tage pro Jahr. Warme, trockene Luft kommt von der Sahara herüber und bringt feinen, gelben Sandstaub mit sich, der mitunter gar den Flugverkehr lahmlegt. Doch mittlerweile scheinen sich die Winde verschoben zu haben. Die Hitze kommt – und sie geht nicht mehr. Auf den Kanarischen Inseln hat es seit 18 Monaten nicht mehr geregnet. Nicht einen Tropfen.

Wie begegnen Ihnen die Menschen auf den Kanaren? Halten sie Sie für verrückt, dass Sie zu Fuß ihre Inseln überqueren?

Zunächst einmal: Die Einwohner der Kanaren sind einfach wunderbar! Ein wenig wie die Festlandsspanier, aber noch einen Gang entspannter und mit einem tüchtigen Einschlag Lateinamerika. Immer offen für ein Abendessen (nirgendwo auf der Welt gibt es bessere Meeresfrüchte, vom Ziegenkäse ganz zu schweigen) und ein Glas Wein mit Freunden. Natürlich am Strand oder am Rand eines Naturschwimmbeckens. Die Beine im Wasser baumelnd. Da fällt das Integrieren nicht schwer! Ein bisschen Que tal? und Que fresquito el agua! – und schon ist man im Gespräch.

Der Verwunderung tut das jedoch keinen Abbruch, auch wenn sich die Spanier diese mit den meisten anderen Völkern teilen. Kann denn ein Argentinier begreifen, dass jemand mit einem Fahrrad von Ushuaia bis nach Salta radelt? Oder ein Deutscher, sechs Monate frei zu sein? Was können wir uns noch vorstellen in einer Zeit, in der wir ins Auto steigen, um die Zeitung vom Kiosk zu holen?

Haben Sie – schon jetzt – eine Lieblingsinsel?
Ich bin selbst überrascht: Es ist wohl Fuerteventura. Die älteste Insel der Kanaren. Die staubigste. Die am dünnsten besiedelte. Sie war Verbannungsinsel unter Primo de Rivera und Franco. Ein Skelett aus Erde.

Fuerteventura erinnerte mich fortwährend an Patagonien. Doch vor 10 Jahren konnte ich mit der Leere nicht umgehen. Ich hatte Angst vor ihr, habe sie versucht zu füllen. Mit Gesprächen, mit Büchern, mit Musik. Heute ist das anders: Leere ist ein Geburtshelfer von Gedanken. Nichts drumherum. Keine Impulse. Kopf leer. Und dann wird's spannend. Dann kommen Dinge, die man sonst nicht hört. Die im Rauschen verschwinden.

Wann werden Sie voraussichtlich das letzte Mal Ihre Wanderstiefel schnüren?
Mit 360.

INFO:

Abenteurer André Schumacher
André Schumacher
Abenteurer André Schumacher
Der gebürtige Rostocker packt seit vielen Jahren immer wieder seinen Rucksack, um eine Ecke dieser Welt ganz genau – und richtig lange – zu erkunden. So erradelte er etwa bereits Norwegen, 12 Mal kreuz und quer von Nord bis Süd und West bis Ost, fuhr mit dem Fahrrad zwei Jahre 12 000 Kilometer durch Südamerika von Patagonien bis zur Karibik. Zu Fuß ging er 1600 Kilometer von Wien über die Dolomiten bis ins Schweizer Vals, er überquerte die Hochebene Hardangervidda in Norwegen und reiste in 80 Tagen um die Welt.  

Mit großartigen Bildern und spannenden Geschichten im Gepäck tourt er regelmäßig durch Deutschland. Termine seiner Multivisionsshows: www.poletopole.de. Dort findet man auch mehr Infos und Fotos zu seiner Wanderung über die Kanaren. Auch auf Facebook berichtet er von unterwegs.

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Autor:
Bianca Schilling