Spanien Tarifa, vom Winde verwöhnt

Die Küste von Tarifa

An klaren Tagen ragen Marrokkos Berge aus dem Meer, so groß und nah, als könne man rüberspucken. Wie braune Riesen thronen sie über der Straße von Gibraltar und glotzen auf die silbrig glimmernde Meerenge, auf der Frachter, Fähren und fette Tanker ihre Bahnen ziehen. Und die Windsurfer. Wie kleine Libellen zischen die bunten Segel mit den Brettern umher, wenden, halsen und springen, bis der letzte Muskel verkatert aufgibt. Ort des Geschehens ist Tarifa, das südlichste Fischerdorf Spaniens, der letzte Zipfel der iberischen Halbinsel vor Afrika.

Die Geografie hat diesem abgelegenen Fleckchen einen besonderen Streich gespielt. Nur 14 Kilometer Wasser trennen die beiden Kontinente hier. Ein Blick auf die Karte zeigt es: Es sieht so aus, als wollten sich Afrika und Europa an dieser Stelle regelrecht küssen. Ein Nadelöhr der Erde, durch das Wind nicht weht, sondern faucht, düsenartig verstärkt durch den vorherrschenden Azoren-Hochdruck und die Gibraltar-Gasse. An bis zu 360 Tagen im Jahr, besagen die Statistiken, herrschen mehr als vier Beaufort, und nicht selten vermelden die Wetterstationen weißes, gepeitschtes Meer, über das der Poniente oder der Levante mit acht, neun Windstärken fegt. Dann heulen selbst die Kirchen, werden die Kopftücher der Marktfrauen zu fliegenden Fetzen und riggen die Surfer ihre Sturmsegel auf.

Der Wind ist an allem Schuld. Gott sei Dank. Warum die besondere Laune der Natur hier vor allem Gutes bewirkt hat, merkt, wer mit dem Auto von Malaga aus südlich fährt. Zunächst geht es vorbei an Betonbarracken, durch den Reklame-Schilderdschungel bei Torremolinos und entlang endloser Touristenghettos, Bettenburgen und Frittenbuden. Betonien! Wie fast überall an Spaniens Küsten haben hehre Investoren hier ihrem Bauwahn freien Lauf gelassen und die Ufer förmlich zugepflastert. Und schließlich kommt man am englischen Gibraltar vorbei, was außer seinem schönen Namen und dem berühmten Affenfelsen allerdings auch nicht viel hergibt.

Doch irgendwann, noch weiter südlich, wird das Land urplötzlich weit und leer. Plötzlich wachsen wieder mehr Grashalme als billige Miramar-Hotels in den Himmel. Der Wind ist schuld. Hier einen Erholungszoo für pauschal buchende Pool-Papagallos hochzuziehen, würde rote Zahlen bedeuten. Hier nämlich würde der wilde Wind jeden sonnenöl-verschmierten Touristenschenkel gnadenlos sandstrahlen und sofort verscheuchen. Nein, hier unten ist Spanien unflätig. Gerade deswegen aber noch urig, echt und schön.

Windräder heißen Surfer willkommen

Erste Anzeichen dafür, dass man sich der südlichsten Ecke Spaniens nähert, sind die Windräder. Ganze Hundertscharen der sich drehenden Energiepropeller luken auf einmal aus den Berghängen hervor. Und meistens rotieren sie, das es nur so zischt. Willkommen im windigen Süden. Willkommen in "la fin de la terra vieja" - am Ende der alten Welt. Noch etwas weiter südlich, und die weißen kleinen Häuschen von Tarifa tauchen auf. Die Straße führt die Berge runter, und dann ist man da: in Europas Hauptstadt der Windsurfer.

Schlagartig taucht man in eine andere Welt ein. Kleine Gassen, Cafés, Panaderías, und lauter Surfläden. Kaum eine Ecke, an der nicht ein blonder, braungebrannter Typ Boards repariert, Segel schneidert oder ein Schild vor die Tür gehängt hat, dass er auf dem Wasser sei. Gone surfing, sorry! Die Diaspora der Wogenreiter und Windritter dominiert den kleinen Ort, der aber trotzdem noch den gemütlichen Charme bietet, den man von einem spanischen Fischerdorf erwartet. Und vorne, am Playa grande, geht es zur Sache. Vor dem weißen, sehr weiten Strand wassern sie ihre Boards, selbst wenn die Fischkutter wegen Sturms längst wieder fest im Hafen vertäut sind. Ein windiges Spektakel, auch für bodenständige Landratten, denen bei einem Cortado oder einem eisigen Rosado in einer der Strandbars eine bühnenreife Show geboten wird. Loopings und einhändige Über-Kopf-Sprünge, hier drehen die Cracks durch.

Auch Nicht-Surfer kommen auf ihre Kosten, mit Tapas etwa

Aber Tarifa hat noch mehr zu bieten. Auch für Nicht-Surfer. Ruhe zum Beispiel. Auf der Plaza principal unten am Hafen sitzen die alten Herren einfach auf den Bänken zum Schwätzchen, lesen die Zeitung, wenn sie nicht längst weggeweht ist, und gucken den Kindern zu, die die Tauben jagen. Einfach so, manchmal den ganzen lieben langen Tag lang. Um die Ecke gibt's Tapas ohne Ende, in den kleinen Hafengassen öffnen viele einfache, aber nette Restaurants schon morgens ihre Türen. Pinten, wie sie in Büchern stehen. Pinten, in den der Wein gut schmeckt, egal wie er schmeckt.

Wer allerdings auf Abenteuer, auf andere Welt, auf Orient aus ist, nimmt die Fähre. Mehrmals am Tag fahren die kleinen Tuckerkähne von Tarifa aus rüber. Nach Afrika, Marrokko, Tanger. Zweieinhalb Stunden Fahrt, und man befindet sich in der Welt der Muhezzins. Arabische Klänge, derbe Gerüche, Medinas und ein Souk, auf dem gefeilscht und gepöbelt wird, als sei man ein Jahrhundert zurückgebeamt worden. Ob Tagesausflug oder mehrtägiger Abstecher: Von Tarifa aus ist man so schnell im Orient, dass man erschrickt. Europa und Afrika sind sich so fern, so fremd, so unnahbar - und hier quasi per Katzensprung überbrückbar. Ein interkontinentaler Kurztrip, der zurückführt in unsere eigene Kulturgeschichte. Mal eben so.

Das, mit Sicherheit, ist das nachhaltigste Erlebnis einer Tarifa-Reise. Und wer danach wieder an europäischen Ufern sitzt, über die Strasse von Gibraltar blickt, wird nicht die Surfer sehen, die sich vor seiner Nase tummeln. Der wird weit hinüberblicken zu Marrokkos Bergen, die morgens braun sind und abends, wenn die Sonne sinkt, rot glühen. Und er wird sich wundern über dieses magische Wort "Afrika", diesen Kontinent, der einen hier unten anstarrt. Selbst nachts noch, wenn der starke Wind faucht und die Sterne funkeln.

Autor:
Marc Bielefeld