Mit Stil Runterkommen, wo andere sich voll laufen lassen

Nein, ich werde hier jetzt nicht auch noch über eine Reise schreiben, die ich aufgrund einer Aschewolke nicht antreten oder nicht zu Ende bringen konnte. Und ich will auch wirklich niemanden zu einer Busreise überreden, bloß nicht. Sowas hält man meiner Meinung nach nur mit sehr starken Beruhigungs- oder Aufputschmitteln durch.

Mein letztes Reiseerlebnis war dagegen ganz anderer Art: ein Aufenthalt in einer Beauty Clinic, in der Provinz Alicante, Spanien - unweit von Benidorm. Oder wie es eine befreundete Werbetexterin auf den Punkt brachte: "Runterkommen, wo andere sich voll laufen lassen!"

Wie man auf die Idee kommt, da hinzufahren?

Erst einmal gar nicht. Meine Kollegin Julia und ich hatten die Reise im vergangenen Jahr zusammen mit einem Journalistenpreis gewonnen, und auch, wenn wir spontan vielleicht lieber eine Safari oder ein Südsee-Hopping geschenkt bekommen hätten - je mehr wir darüber nachdachten, desto besser fanden wir die Idee: fünf Tage lang komplett verwöhnen lassen. Keine Ablenkung durch einsame Strände oder Dörfer, die man unbedingt besichtigen will. Und endlich mal reichen Leuten beim Detoxen zuschauen, wovon man sonst immer nur in der Gala liest.

Wie sich allerdings schnell herausstellte, waren es vor allem wir selbst, die hier entgiften würden: die ist bekannt für makrobiotische Ernährung ("you are what you eat" ist das Motto), und da ich einen offensichtlich fatalen Hang zu Milchprodukten, Obst und Zucker habe, war ich vor allem eines - reif für eine Diät.

Morgens Porridge aus braunem Reis, wenn es gut lief noch ein paar Kiwis. Mittags und abends Suppe, Gemüse (ohne erkennbare Würze, dafür mit viel proteinhaltigen Algen), ein gebackener Apfel oder Kokos-Flan als vorläufiger Höhepunkt. Und als Digestiv: eine Brühe aus Zwiebeln, Karotten und Lauch, die selbst die besten "Kasspatzn" restlos abgetötet hätte.

Das Schlimmste aber war: Der Chefkoch des Sha hat im berühmten El Bulli im katalanischen Roses gelernt. Entsprechend war die makrobiotische Paella mit braunem Reis bei unserer Ankunft wirklich vorzüglich, dazu ist das Essen stets eindrucksvoll dekoriert, manchmal dringt unter dem Teller schwefelnder Rauch hervor, als ob ein Kamin eingebaut wäre - aber fortan gab es all das nur noch für Neuankömmlinge oder Restaurantgäste von auswärts.

So ungefähr stelle ich mir das Spannungsverhältnis in dieser Neubau-Reichensiedlung bei São Paulo vor, wo die gefächerten Balkone beinahe über die Grenze zur Favela reichen. Am dritten Tag Beauty Clinic hätte ich jedenfalls jedem, der ein Stück selbstgemachtes Karottenbrot gereicht bekam, aus lauter Futterneid am liebsten den Hals umgedreht. Ging aber gerade nicht, weil ich noch nicht mit "50mal Kauen" fertig war.

Richtiges Kauen soll laut Makrobioten für so ziemlich alles gut sein, unter anderem soll es - Zitat - "die eheliche Beziehung verbessern", was ich noch nicht nachvollziehen konnte. Jedenfalls gaben hier alle Gäste der Sha ihr Bestes. Im Restaurant sitzen sich also lauter Menschen gegenüber und kauen sich gegenseitig stumm an (was bei einem Stück Blumenkohl ohne Butter übrigens gar nicht so einfach ist).

Das war in jedem Fall einer der Momente, die Alicante zu einem unvergesslichen Urlaub machten. Und darauf kommt es ja schließlich an, wenn man verreist, oder nicht?

Autor:
Silke Wichert