Kanarische Inseln Nachhaltig reisen auf El Hierro

Der Bauschlamm macht das Fest erst perfekt: Es gießt in Strömen, zum ersten Mal seit neun Monaten. Ganz Hierro nimmt nasse Füße in Kauf, um beim Baubeginn des Autotunnels durch die tausend Meter hohe Felswand dabei zu sein. Endlich soll der Traum der Herreños wahr werden: eine flotte Straßenverbindung zwischen ihren beiden Hauptorten Valverde und Frontera. Dass es von oben schüttet, kann nur ein gutes Omen sein. Denn Regen ist auf dieser wasserarmen Insel heilig.

Für den ist die Virgen de los Reyes zuständig, die Schutzpatronin El Hierros. Keine Frage, dass auch sie an dieser Feier teilnimmt - womit die neueste Errungenschaft der Zivilisation kirchlich abgesegnet ist. Marienwunder und moderne Tunneltechnologie: Dies ist eine Insel der Gegensätze. El Hierro ist winzig und doch erstaunlich reich, eine Landschaft wie Sizilien bis Norditalien auf engstem Raum: schwarz glänzend das wirre Gekröse des erstarrten Lavaflusses, dunkelgrün die Lorbeerwälder. Abrupte Felsgrate und sanfte Hügelkuppen, undurchdringliche Passatwolken und gleißendes Sonnenlicht, Pinienduft und Meeresbrise.

Nur 30 Kilometer trennen die fruchtbare Hochebene in der Inselmitte, wo Kühe im milchigen Nebel weiden, von der Lavawüste im Süden, wo in Geröllspalten ein paar Sukkulenten vor sich hin kümmern. El Hierro ist die kleinste, die rückständigste Insel des Archipels. Doch sie trifft das Glück späten Erwachens. An der Schwelle des neuen Jahrtausends wird hier nicht nur ein Berg durchbohrt, sondern große Zukunft gemacht. Und das anders als anderswo: Bauboom und Tourismus-Monokultur der größeren Kanarischen Inseln sind dem winzigen Eiland ein abschreckendes Beispiel. Die Herreños wollen ihren eigenen Weg.

Das Geschäft mit den Fremden wird hier nur so weit gefördert, dass es El Hierros fragiles ökologisches Gleichgewicht nicht belastet. Denn die Insel hat sich die grüne Politik als Überlebensstrategie gewählt: statt Hotelbauten also ökologische Landwirtschaft und Naturschutz.

Kern der Wirtschaftspolitik ist das Programm des Desarrollo sostenible (nachhaltige Entwicklung) - also für ein naturverträgliches Wachstum auf einer Insel, die ihre bescheidenen Ressourcen behutsam nutzt. Und noch revolutionärer der folgende Plan El Hierros: Das Eiland will seine Energie möglichst bald ausschließlich aus Wind, Sonne und Biogasanlagen beziehen. Mit sauberem Strom sollen auch die Wasserpumpen, der Tiefbrunnen und die Entsalzungsanlagen arbeiten.

Das clevere Vorhaben hat soeben auch die Unesco überzeugt: El Hierros Antrag auf Aufnahme in das Programm "Mensch und Biosphäre" wurde einstimmig angenommen und die ganze Insel zum Biosphärenreservat erklärt. Mit diesem Prädikat gehört El Hierro nun in die Perlenkette der schönsten und unberührtesten Territorien der Welt - wegen ihrer landschaftlichen und ökologischen Besonderheiten allesamt Modelle für Naturschutz und Experimentierfelder für nachhaltige Entwicklung. Derzeit gibt es weltweit rund 360 Biosphärenreservate.

Was dieses Prädikat für El Hierro bedeutet? Inselpräsident Tomás Padrón: "Es ist wie das Gütesiegel D.O.C. für hervorragende Weine: Es verschafft El Hierro einen guten Ruf in der Welt. und verpflichtet uns, seine Qualität zu erhalten." Deutlicher formuliert: Mit diesem Etikett will er für seine Insel gutes Geld einspielen. für ihre Begabung, sich allerorten Finanzmittel zu sichern, sind die Herreños bereits auf dem ganzen Kanarischen Archipel berühmt. Auf Gran Canaria erzählt man sich Geschichten von schönen, neuen, parallel laufenden Straßen, die im Nichts enden ... Tatsächlich ließe sich ohne das Geld aus Madrid und Brüssel kaum eine der neuen Inselideen umsetzen.

Aber der David unter den Kanaren ist von seinen hochfliegenden Plänen überzeugt: "Das Geld", sagt Tomás Padrón, "das wir von anderen erhalten, wird gut investiert sein. Wenn es uns gelingt, als ökologisches Modell unsere Zukunft zu sichern, können wir auch anderen Inseln der Welt zeigen, wie man besser leben kann. Auch ohne die Natur, die Identität und unsere Traditionen zu zerstören."

Große Worte. Kleine, erste Tat ist die Reserva Marina, eine Meeresschutzzone vor der Südwestküste von Hierro. Das Reservat, in dem jegliches Meeresgetier Ruhe hat vor Fischern und Tauchern, gibt es seit 1996. Aus dem einst leer gefischten Seegebiet ist inzwischen eine fruchtbare Fisch-Kinderstube geworden, in der die Fischer jetzt zu ernten beginnen: Auch außerhalb der Reserva Marina sind Fische und Fänge wieder fetter geworden. Mit dem Stopp der Ausbeutung aller verfügbaren Fanggründe sichern sie ihre Zukunft.

Anfang 2000 soll auch das schon fertig gestellte Besucherzentrum im winzigen Hafen von La Restinga eröffnet werden: Promotion mit wissenschaftlichem Hintergrund für die Fischerei-Politik der klugen Hinterbänkler. Und eine starke Bestätigung fürs gemeinsame Rudern. Was woanders politische Gremien beschäftigt, haben hier 60 Fischerfamilien geschafft, die alte Cofradía de Pescadores. Das Projekt der Bruderschaft der Fischer hat in ganz Spanien für Medienwirbel gesorgt.

Zusammen arbeiten, zusammen handeln - das ist Tradition auf El Hierro. Kartoffel- und Obstbauern, Winzer, Fischer und Viehzüchter sind in Kooperativen organisiert und arbeiten einander zu - des einen Mist ist des anderen Dünger. Die Milch von Ziegen, Schafen und Kühen wird in der Central Quesería, der Käsefabrik, verarbeitet; Fischreste wandern in die Viehfutterfabrik. Beide Betriebe gehören den Kooperativen.

Die herrenischen Produkte - Käse, Milch, Wein, Honig, Obst,Trockenfrüchte, Fisch und Fleisch - vermarktet die Handelsgesellschaft Mercahierro, die sich auch um den Absatz auf den anderen Inseln kümmert. Selbst die siegreichen Lucha-Canaria-Ringer werben auf ihren Trainingsanzügen für die Productos de El Hierro. Diese sollen sich zukünftig als ökologische Qualitätsprodukte auf dem Markt behaupten.

Im Golftal der Insel experimentieren sechs von der Inselregierung bezahlte Landwirte daran, wie die Kultivierung der Tropenfrüchte Ananas, Mango, Avocado, Papaya und sogar Banane auch ohne Pestizide und Düngemittel möglich ist. Selbst wenn die Erträge der 15.000 Quadratmeter großen finca experimental noch bescheiden sind - der Versuch beweist, dass es auch ohne Giftspritze geht. Die großen Ideen des kleinen Hierro haben natürlich auch einen Kopf: Javier Morales, ein 40-jähriger Agraringenieur und Wirtschaftsminister der Insel.

Morales ist ein Beamter mit Visionen, ein Überzeugungstäter. Ein echter Herreño aus Sabinosa, einem der ältesten und entlegensten Nester weit im Westen der Insel. Der in seiner Freizeit bailarín in der Folkloregruppe seines Heimatdorfes tanzt. Javier Morales ist ein Schwärmer. Er träumt von El Hierro als einem ökologischen Laboratorium. Seine Entdeckung ist das ungeheure Potential der traditionellen Subsistenzwirtschaft, deren Vorteil kleine bäuerliche Betriebe und eine Vielzahl von Produkten sind.

Es fehlt an fruchtbarem Ackerboden und Wasser

Monokulturen hatten auf dieser kargen Insel nie eine Chance - für Landwirtschaft in größerem Stil fehlte es an fruchtbarem Ackerboden und an Wasser. "El Hierro ist klein und überschaubar, ein intakter Mikrokosmos. Wir möchten an unserer Lebensweise festhalten", sagt der Minister trotzig. Von der großen Zukunft ist im Moment noch nicht viel zu sehen - bis auf die großen, bunten Recycling-Tonnen, die Dorfstraßen allerdings nicht eben schöner machen.

Überhaupt: 1999 ließe sich auch genauso gut als Jahr des Straßenbaus feiern, der Startschüsse für diverse Großprojekte wie Tunnel und Hafenerweiterung. Doch ein bisschen Tribut an die Bequemlichkeiten des Fortschritts darf erlaubt sein - schließlich ist auch der Mensch Teil des heilbringenden Programms. Und selbst Herreños haben ein Recht auf moderne Krankenhäuser, passable Infrastruktur und gute Verbindungen zu den anderen Inseln. Einerseits. Andererseits sind auch nicht alle Herreños von der Richtigkeit des Insel- Sonderwegs überzeugt.

Eine Minderheit fürchtet, in Zukunft als lebendes Inventar in einer Art Öko-Museum im Atlantik ausgestellt zu werden. Redet schon von Öko-Diktatur. El Hierro ist bekannt für seine eigenwilligen Menschen. erst 1998 hatten sie mit einem Aufstand ungewöhnlichen Mut bewiesen. Ihr energisch-phantasievoller Protest hatte die Pläne des spanischen Raumfahrtinstituts gekippt, hier eine Satelliten-Abschussrampe zu bauen. Auch die Versprechungen Madrids vom großen Geldsegen, von Arbeitsplätzen und Raketentourismus konnten die Herreños nicht verführen.

Das spanische Verteidigungsministerium hatte sich an der Renitenz der Insulaner schon vorher die Zähne ausgebissen: Auf dem Malpaso, dem mit 1500 Metern höchsten Berg der Insel, möchte es ein riesiges Überwachungsradar samt Militärstation installieren. Mit der Deklaration zur Reserva Biosfera aber dürfte auch dieses Militärprojekt endgültig besiegt sein. Das Biosphären-Prädikat wird in Zukunft helfen, solche Pläne von vornherein abzuschmettern und auch andere Begehrlichkeiten einzudämmen.

Großinvestoren haben es auf El Hierro ohnehin schwer: Die Inselfamilie ist klein, die soziale und politische Kontrolle hoch - für Privatunternehmen ein Nachteil, für viele Eingewanderte schwer auszuhalten. Für das Ökomodell El Hierro jedoch von Vorteil. Selbst das Stiefkind Tourismus soll helfen, den Charakter der Insel zu bewahren: Viele der traditionellen kanarischen Häuser wurden in den letzten Jahren aus Ruinen zu Ferienhäusern restauriert. Und die alten Verbindungswege zwischen den abgelegenen Dörfern - steinige Eselspfade - eignen sich wunderbar zum Wandern.

Man wünscht sich hier Qualitätstourismus, und der soll Geld einspielen. Aber nur unter anderem. Neben einer intakten Land- und Fischereiwirtschaft. Ohnehin gibt es gerade mal 1200 Gästebetten. Und auch wenn irgendwo auf der Insel immer die Sonne scheint, prägt der Passatnebel das Klima doch mehr, als es den meisten Reisenden recht wäre. Um die Schönheiten dieses schroffen Felsens zu entdecken, braucht es weit mehr als nur einen Blick.

Von allen Inseln war El Hierro immer die, die am wenigsten dem Stereotyp der Kanaren entsprach. Denn etwas vom Ende der alten Welt oder vom Anfang - liegt noch immer über ihr. Wie in den Zeiten vor der Entdeckung Amerikas, als gemäß dem ptolemäischen Weltbild hier der Nullmeridian verlief. El Hierro also der äußere Rand der Erdscheibe war. Wo die Welt aufhörte. 1883 haben die Engländer den Nullmeridian nach Greenwich geholt. Geraubt, sagen sie hier. Doch noch immer ist El Hierro die bescheidenste aller Kanaren. "Die Ruhige", nennt man sie auch, El Tranquillo. Vielleicht ist es das, was sie stark gemacht hat für einen klügeren Weg als alle anderen Kanarischen Inseln.

Autor:
Sabine Keller