Lanzarote Europas Surfer Paradies

Ein magischer Moment. Und ein beängstigender zugleich. Wenn sich die Welle vorm Surfer steil auftürmt, er mit aller Kraft lospaddelt und ins Tal gleitet wie auf einer glitzernden, endlosen Autobahn, diesen Augenblick nennt man "Flow". Dann ist man völlig eins mit der Welle, fühlt sich, als wäre man schwerelos. Wer einmal jenes Glücksgefühl genossen hat, kommt schwer wieder davon los und sucht immer wieder den Kick. Wie Chris aus London, der erst seit zwei Jahren surft, aber schon abhängig ist. "Ich buche keinen Urlaub mehr ohne Garantie auf Wellen", sagt der 33-Jährige. Seine Freundin nickt genervt mit dem Kopf. Sie kann mit seiner Leidenschaft wenig anfangen und liest lieber in ihrem Roman.

Auf Lanzarote holen sich Wellenreiter ihre tägliche Dosis Adrenalin. Die Insel gilt unter Surfern als Hawaii Europas - in Anspielung auf die idealen und schnell erreichbaren Reviere, bei den Surfern kurz Spot genannt. Nicht nur Profis finden hier besonders im Winter ihre Wellen, auch Anfänger lernen in seichten Beachbreaks die ersten Gleitversuche mit den extrabreiten Brettern. Epizentrum des Surfs ist La Caleta de Famara. Der Ort im Nordwesten erinnert an eine verlassene mexikanische Stadt und liegt in idealer Nähe zu allen relevanten Spots. Es gibt einen Mini Markt, wenige Restaurants und Kneipen, die schon nachmittags von Surfern bevölkert sind. Häufig weht ein heftiger Westwind, der die Straßen mit Schichten aus feinem Sand bedeckt. Bierselige All-Inclusive-Touristen verirren sich nicht in diesen friedvollen Ort. Denn das Baden in La Caleta kann durchaus lebensgefährlich sein, jedes Jahr ziehen tückische Strömungen unerfahrene Schwimmer aufs Meer.

Für Surfschulen und Shops ist Famara hingegen der ideale Platz. Von einem malerischen Bergmassiv umschlungen, zieht sich der etwa zwei Kilometer lange Sandstrand bis zum Ort entlang. Jeden Tag sieht man Gruppen von Anfängern bei Trockenübungen auf dem breiten Strand. Schnupperkurse für einen Tag gibt es bereits ab 40 Euro. Wer das Surfen auf eigene Faust ausprobieren möchte, bekommt bei der Famara Surf School für zehn Euro am Tag ein brauchbares Brett. Komplettpakete für einen einwöchigen Kurs inklusive Unterkunft lassen sich am besten gleich aus Deutschland buchen.

Im Winter ist das Wasser angenehme 18 Grad Celsius warm, die Lufttemperatur liegt bei etwa 22 Grad. Wellenreiten kann man mit Neoprenanzug das ganze Jahr über. Die höchsten Wellen und besten Verhältnisse gibt es im Winter, von Oktober bis März, wenn die nordatlantischen Tiefs den Swell produzieren, der sich dann an den Nordwestküsten bricht.

Ein wenig weiter südlich von La Caleta gehen höchstens noch Grünschnäbel mit Selbstmordabsichten ins Wasser. Oder der Londoner Chris. "Ich brauche den Kick, die Grenzerfahrungen des Lebens", sagt der IT-Spezialist. La Santa ist im Winter, wenn die Wellen bis zu fünf Meter hoch werden, der Treffpunkt für Maulhelden und Könner mit Selbstbewusstsein. Das benötigt man auch an Lanzarotes berühmtester Ecke. Selbst aus Australien und Hawaii reisen sie an, um einmal die "Morro Negro" zu reiten. Diese Welle bricht kurz vor den Steinen und wird so hohl, dass man in der "Tube" fahren kann, einem Tunnel aus Wasser. Es geht aber auch noch gemeiner: In der Weltklassewelle "La Santa Left" sieht man gelegentlich Surfer, deren Boards von der Welle und dem messerscharfen Riff in zwei Teile zerbrochen wurden. Nachdem Chris zweimal den Vollwaschgang in einer Welle durchlitten hat, schwimmt er kleinlaut ans Ufer. "Ganz ehrlich, ich bin froh wieder an Land zu sein."

Ruhiger geht es in Arrieta zu. Der Ort im Nordosten ist mit dem Leihwagen von Famara aus in 30 Minuten zu erreichen und bietet neben preiswerten Fischrestaurants einen perfekten Beachbreak für Anfänger. Hier kann man übrigens auch ohne Surf-Ambitionen einfach auf den Wellen dümpeln oder am Strand kicken. Besonderer Anziehungspunkt ist die kleine Strandbar mit den leckeren Tapas und der musikalischen Endlos-Schleife von Manu Chao. Von hier aus bietet sich ein umwerfender Blick auf die Surfer. Arrieta wird von Surfern aber noch aus einem anderen Grund geliebt. Die Toiletten liegen so Nahe am Wasser, dass selbst eine Pinkelpause vom wohligen Getöse der Wellen untermalt wird. Und von solchen Bedingungen träumen Wellenreiter.

In Orzola, am nördlichsten Zipfel der Insel, surft Chris endlich zufrieden und fast alleine auf den Wellen. Seicht brechen die Zwei-Meter-Walzen über eine Sandbank. Nach einem Ritt von vielleicht 15 Sekunden paddelt Chris mit einem Grinsen an den Strand. "Hast Du das gesehen?", fragt er. "Das ist der Moment, für den ich lebe." Chris hat den Flow gespürt, die völlige Verbundenheit mit dem Meer. Er wird wiederkommen. Wie alle, die einmal dieses Gefühl erlebt haben.

Schlagworte:
Autor:
Thomas Soltau