Europop Der Multioptionalo an der Poolbar

Die Kulturoffensive muss warten. In diesem April sollte das "Vis-à-Vis"-Festival auf den Kanarischen Inseln Station machen: eine Initiative, die seit einigen Jahren den Austausch von Bands, Musikern und Labelbetreibern zwischen der zu Spanien gehörenden Inselkette und dem afrikanischen Festland fördert (siehe das letztjährige Programm in Dakar).

Ich war mit einem DJ und anderen Aktivisten aus Deutschland eingeladen, die reiche Vielfalt der kanarischen Musikkultur bei den Konzerten von "Vis à Vis" kennen zu lernen. Ein attraktives Kanaren-Hüpfen von Gran Canaria und Teneriffa nach Fuerteventura stand auf dem Plan. Die Organisatoren wollten das andere Gesicht der "Putzfrauen-Inseln" jenseits der üblichen Pauschalrouten präsentieren.

Doch der Kultur-Trip wurde verschoben. Grund: Die explosive Lage in Nordafrika. Durch die massiven Umschichtungen der großen Reiseveranstalter erleben die Kanaren zum Ostergeschäft 2011 einen unverhofften Boom. Alle Hotelkapazitäten sind geblockt, "kein Zimmer frei" lautet die Botschaft; auch für die Musikschaffenden nicht. Genau wie unsere Politiker waren sich auch die großen Reiseveranstalter unsicher, wie sich die Lage in Ägypten, Tunesien und im gesamten afrikanischen Mittelmeerraum entwickelt. Es wurde vorausschauend umgesattelt; denn Revolution und Bürgerkrieg passen nicht zusammen mit Liegestuhl und Schirmchen-Cocktail.

Und so gehören die Kanarischen Inseln - neben anderen Sonnenzielen - zu den Kriegsgewinnlern der dramatischen Umbrüche im arabischen Raum. In Las Palmas oder Santa Cruz de Tenerife kann jetzt erst mal Kasse gemacht werden. Wie heißt es so blumig im Branchenjargon: "Der Tourismus ist ein scheues Reh". Eine andere tolle Wortschöpfung, die zuletzt durch die Studien der Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reisen (FUR) geisterte, heißt "multioptional". Und so einem "Multioptionalo" scheint es egal, an welcher Poolbar das nächste Tuborg-Bier gezischt wird. Die Parole der frühen Zehnerjahre lautet: Hauptsache kein Stress mit Bombenlegern, Revolutionsführern oder Atomkraftwerken.

A bissel Exotik darf schon sein

Dazu passt, dass die Statistiker Deutschland zwischen Garmisch und dem mecklenburgischen Fischland Darß mit stabilen 31% als Lieblingsland des deutschen Urlaubers ausweisen. So individuell und nonkonformistisch heute Reisende in immer neuen Tortendiagrammen eingeteilt werden: Schwarzwald-Romantik oder Weinwandern in der Pfalz schlägt locker jede Fernweh-Erfahrung. Im Ausland heißen die solide-pragmatischen Sehnsuchtsziele wie ehedem Spanien und Italien. Auch Österreichs Bergwelt weist neben der relativ sicheren Günstig-Beach-Nummer an der türkischen Riviera stabile Zahlen aus. Die schnöde Botschaft der Zahlen verrät, dass a bissel Exotik schon sein darf, es dann aber auch gut ist.

Irgendwie habe ich nach dem Studium des FUR-Auswertung den Eindruck, dass das Griechenland der Militärdiktatur, das sogenannte "Regime der Obristen" bis 1974, nicht nur bei Klampfe spielenden und Retsina saufenden VW-Bus-Hippies beliebter gewesen ist als die Krisen geschüttelte Pleite-Demokratie von heute. Es dürfte zu einer Herkules-Aufgabe für die griechischen Tourismus-Strategen werden, die aktuelle Pechsträhne wieder in eine Erfolgsserie zu wenden. Der scheue Multioptional-Tourist von heute kennt da kein Pardon. Letzte Erhebungen deuten darauf hin, dass auch die Griechen von der Unsicherheit in Nordafrika profitieren werden. Ein klein wenig zumindest.

Was bedeuten diese makro-ökonomischen Bewusstseins-Schlenker von Herr und Frau Massentourist nun für den hart gesottenen Reisefuchs? Gerade jetzt zum Surfen nach Tobruk oder Tripolis zu jetten, kann sicherlich nur ein böser Witz ein. Auch abseits des Reise-Mainstreams gilt, dass Krisengebiets-Ferien nur das sind, was die Briten "cheap thrills on other people's misery" nennen. Also billige Kicks für ablehnenswerte und amoralische Zyniker. Ich empfehle derweil den ehemaligen Ostblock. Die bulgarische Hauptstadt Sofia ist das neue L.A.; und Polen wird im Zuge der strukturellen Modernisierung im Vorfeld der Fußball-Euromeisterschaft 2012 zur Königin der Herzen.