Formentera Auf Formentera schlug das letzte Stündlein

Kennen Sie das? Dieses flaue Gefühl beim Aufwachen - nicht so schlimm, dass man einfach im Bett bleibt, aber schlimm genug, um sich nur noch im Zeitlupenmodus fortzubewegen und sich zu fragen, wie man diesen Tag überstehen soll? Vergangenen Donnerstag war es soweit. Ich stand trotz übler Bauchschmerzen auf und musste sofort die Entscheidung treffen, ob mein Zustand noch mit dem Plan eines Wochenendtrips zu vereinbaren war oder ob ich das Haus lieber doch nicht verlassen sollte. Nach kurzer Reflektion (liege ich lieber mit Übelkeit in London rum oder unter der Sonne Formenteras?) holte ich meine kleine Reisetasche aus dem Schrank und begann Shorts, Badehosen, T-Shirts und Lesestoff fürs Wochenende einzupacken.

Eine halbe Stunde später saß ich im Auto auf dem Weg zu Londons City Airport. Während wir durch die Straßen Holborns kurvten, bereute ich meine Entscheidung, der Sonne nachzujagen statt im Bett zu dösen, bereits. Irgendwo hinter den Hochhäusern der Canary Wharf wurden die Übelkeitsattacken dann unerträglich und ich suchte verzweifelt nach einer Schachtel Motilium-Tabletten (gegen Übelkeit), um meinen tobenden Magen ruhigzustellen.

Zum Glück fand ich auf dem Boden meiner Tasche noch eine Packung, kurz darauf hielten wir auch schon vor dem Flughafen. Nun war ich schon zu weit gekommen, um wieder umzukehren, also ging ich durch die merkwürdig ausgestorbene Sicherheitskontrolle und suchte in der überfüllten und stickigen Lounge nach einer Möglichkeit, mich hinzusetzen. Endlich wurde der Flug nach Ibiza auf dem Monitor aufgerufen und wir marschierten die Gänge entlang bis zum Gate. Auf Mallorca bin ich schon häufiger gewesen, Ibiza war jedoch eine Premiere. Die bunte Mischung meiner Mitreisenden faszinierte mich derart, dass ich meinen labilen Magen völlig vergaß und die Parade von Passagieren bestaunte, die sich gen Flugzeug schoben und drängten. Als die endgültige Liste aller Mitreisenden weitergereicht wurde, hatte ich bereits fünf Grundtypen ausgemacht, die langsam die Kabine füllten.

Am meisten Lärm und Aufsehen verursachten die Bromley-Partymädchen mit ihren Louis-Vuitton-Taschen, Espadrilles mit lächerlich hohem Keilabsatz, engen weißen Jeans und Selbstbräuner. Noch während sie den Gang hinunterliefen, wurden bereits Pläne für Nachtclub-Besuche, morgendliche Saufgelage und Kater-Austreibungen am Strand geschmiedet.

Bei den Männern machte ich drei Gruppen aus - alle mit zu vielen Tattoos und in ähnlichen Polo-Hemden sowie geschundenen Jeans gekleidet. Sie gehörten ausnahmslos zu der Sub-Spezies britischer Männer, die in der Lage sind, ein Flugzeug lediglich mit Ausweis und Boarding Pass zu betreten. Diese Art des Reisens verblüfft mich immer aufs Neue. Mir ist total rätselhaft, wie man so viele Stunden fliegen kann, ohne ein Buch, ein Magazin, einen Stift, ein Notizbuch und vielleicht ein oder zwei Toilettenartikel dabei zu haben.

Schwule Party-Boys und Vielflieger-Hippies

Innen über die Reihen verstreut sah man Familien, die gut geschult waren in der Kunst zweiwöchiger Sommerferien und offenbar vorhatten, direkt vom Flugzeug zum Strand zu gehen. Kleinkinder trugen bereits ihre Badesachen, bei den Müttern lugten Bikini-Träger unter den T-Shirt-Ausschnitten hervor und die Väter hatten Handtücher in den Rucksack gestopft.

Schwule Party-Boys stachen erfolgreich mit weiten T-Shirts von Abercrombie & Fitch aus der Masse heraus. (Ab welchem Alter ist es offiziell für einen Mann verboten, etwas von dieser amerikanischen Kette zu tragen? Achtzehn? Zweiundzwanzig? Spätestens mit dem 30. Geburtstag sollte ja wohl der Zeitpunkt gekommen sein, mal die Marke zu wechseln.) Sie hatten auch unpassende Piercings und Jeans, die zu viel Pospalte zeigten. Die letzte Gruppe, und ich muss gestehen, dass ich sie größer eingeschätzt hätte, waren wohlhabende Möchtegern-Hippies in weit herunterhängenden Hosen, mit Leinenjacke, Baumwoll-Tuch von Reisen nach Indien (oder Liberty) und klobigen Uhren. Alle wirkten recht vertraut mit dem Set-up an Bord ihres Sommer-Shuttles.

Irgendwo über Frankreich entfaltete das Motilium endlich seine Wirkung. Die Übelkeit kehrte jedoch sofort zurück, als das Essen verteilt, beziehungsweise der Lachs hereingetragen wurde. Nach etlichen Ausflügen auf ein zu kleines Klo begannen wir unseren Landeanflug auf Ibiza, wo uns ein wolkenloser Himmel und heiße Windböen begrüßten. Einen winzigen Moment lang war ich froh darüber, dass wir für den kleinen Trip rüber nach Formentera ein Boot gechartert hatten. So würden wir Zeit sparen, da uns der Check-in auf der Fähre erspart bliebe, und bequemer wäre die Überfahrt außerdem.

Diese Einschätzung ändert sich jedoch, kurz nachdem wir den Hafen erreicht und das hübsch aussehende Apreamare bestiegen hatten. "Nur um euch zu warnen", sagte der Kapitän, "es ist heute ungewöhnlich stürmisch da draußen." Zehn Minuten später verschwanden wir zwischen hohen Wellenbergen, während ich mich vor Schmerzen krümmte und dafür betete, dass das Meer sich öffne und das Boot verschlinge, um mich von meinem Elend zu befreien.

Glücklicherweise besserte sich mein Zustand auf Formentera nach einem dreistündigen Mittagschlaf. Dies war der perfekte Ort für eine letzte Portion sommerlicher Wärme und wie immer malte ich mir aus, wie es wäre, hier auf der Insel ein schönes Plätzchen zu erwerben. Sonntagabend, zurück auf Ibiza, drängten sich wieder die unterschiedlichsten Menschen vor dem Flugzeug. Gerade als wir starten wollten, beschloss der temperamentvolle brasilianische Jet, dass er lieber unter der Sonne Ibizas bleiben wolle statt nun nach London zurückzufliegen. Es bedurfte der ganzen Überredungskunst des Piloten, ihn zur Zusammenarbeit zu bewegen. Am Ende donnerte er dann aber doch die Startbahn runter und entschwebte dann in den Himmel über dem Mittelmeer.