Slowenien Die Stajerska

Gemächlich windet sich die Drau (Drava) in weiten Schwüngen gen Osten. Der sonnige Herbsthimmel verwandelt den Strom in ein hellblaues Band. Und bis zu den fernen, diffus schimmernden Hügeln des Pohorje-Gebirges dehnen sich die Ausläufer der Pannonischen Ebene. Bei Borl (Angerstein), wo einst eine Fähre römische Legionen, später deutsche Kreuzritter, dann osmanische und habsburgische Reitertruppen, ungarische Freischärler und schließlich Hitlers SS und Titos Partisanen übersetzte, quert heute eine moderne Betonbrücke den Fluss. Gleich einem Ausrufungszeichen markiert ein schroffer, 60 Meter hoher Kalkfelsen am Südufer diesen historisch bedeutsamen Verkehrsknotenpunkt.

Dass sich hier jahrhundertelang nicht friedliche Handelswege, sondern gefährliche Kriegspfade kreuzten, verrät die Festung Borl, die den markanten Kalkfelsen krönt: Schneeweiß gekalkt leuchtet ihr meterdickes Schanzwerk bis weit in die zu ihren Füßen liegende Ebene. Hebt sich strahlend ab von der mit Wald und Wein bedeckten hügeligen Wildnis in ihrem Rücken.

Borl, imposanter Drehpunkt der slowenischen Steiermark, der historischen Untersteiermark: Hier, auf einem Siedlungsplatz der Steinzeit, bauten die Römer ein Kastell. Auf dessen Trümmern errichteten ungarische Adlige im 11. Jahrhundert eine Festung. Im 15. Jahrhundert gehörte der romanische Bau Ungarns Königen, die den Innenhof mit eleganten, dreistöckigen Renaissance-Arkaden schmückten. Gut 300 Jahre später wurde Borl von jener Barockisierungswut erfasst, mit der die Habsburger dem erstarkten Protestantismus im Land zeigen wollten, wie gottgefällige Baukunst auszusehen habe. Der slowenische Adel war begeistert - endlich Pracht und Prunk anstelle asketischer Strenge. Wo immer es ging, wurde nun alles romanisch Runde oder gotisch Spitze hinter heiter barockem Überschwang versteckt. Dieser kaiserlich-klerikalen Bauoffensive verdankt Slowenien seine rekordwürdige Zahl barocker Schlösser, Burgen, Herrensitze, Kirchen und Klöster - und den sinnlichen Charme vieler seiner Städte, Städtchen, kleinen Dörfer. Selbst manche abgelegenen Bauernhöfe spiegeln den Abglanz jener bauwütigen Zeit.

Doch der fröhliche Glanz bewahrte Borl nicht vor Schrecken: Oben auf dem Schloss wurde Gericht gehalten, unten im Tal standen die Galgen. Ein verblichener Lorbeerkranz, eine schmutzige Kranzschleife, eine verwitterte kleine Tafel im Innenhof des Schlosses erinnern daran - hier hatte die SS 1941 slowenische Partisanen eingekerkert und hingerichtet. Aber so wie die Gedenkkränze verblasst auch die Erinnerung. Für Bojan Gergjek, Delikatessenhändler im nahen Ptuj (Pettau), beginnt heute hinter Borl ein Schlaraffenmärchen: "Hier ist das Land, in dem der beste Wein und der süßeste Honig fließen."

Haloze heißt das slowenische Paradies im Rücken der Burg Borl. Die Hügelkette ist eine erdgeschichtliche Kuriosität: Sie riegelt die slowenische Steiermark nach Süden hin ab und bildet eine natürliche Grenze zu Kroatien. Dicht an dicht stehen die konisch geformten, spitz zulaufenden Bergkegel, als ob die Natur hier gekocht, Blasen geschlagen und dann sekundenschnell zu Stein erstarrt wäre. Schon am frühen Nachmittag versinken die tief eingeschnittenen Täler in dunklen Schatten. Nur die höher gelegenen Flanken der extrem steilen Hügel bekommen tagsüber genug Sonnenlicht, so dass die Bauern hier mühselig eine bescheidene Landwirtschaft betreiben können.

Was für eine Landschaft! Bis in die sechziger Jahre gab es in der Haloze keine befestigten Straßen, für die Kinder kaum Schulen, für die Bauern wenig Wirtshäuser. Junge Leute verließen ihre unwegsame Heimat - von Polenta und Wein wurde man zwar satt, aber nicht reich.Die Haloze wurde ein Niemandsland, in dem kaum etwas die Natur daran hinderte, sich auszubreiten. Riesige dichte Buchen- und Eichenwälder bedecken heute die Schattenseiten der Hügelkette wie ein dicker Pelz. Auf dem feuchtwarmen Waldboden gedeihen seltene Blumen wie Kurzhaarige Nabelmiere und Zois-Glockenblume, und wilde Alpenveilchen wuchern gleich in teppichgroßen Flächen. Kein Wunder, dass die Haloze zum Ferienziel für österreichische Urlauber geworden ist. Die sorgen nun endlich für bescheidenen Wohlstand. Nur der immer noch hinterwäldlerische Straßenzustand verhindert, dass die wilde Schöne", wie der Windmühlenbauer August Milosi seine hügelige Heimat nennt, überrollt wird.

Über halsbrecherisch steile und enge Serpentinen erreicht man den Weiler Mali Oki, in dem das blank geputzte zweistöckige Klinkerhaus des Mühlenbauers steht. Er ist mit 64 Jahren heimgekehrt, hatte genug Geld in Deutschland verdient. August denkt ökonomisch, baut modern und lebt doch altväterlich: An Feiertagen geht er meilenweit zur nächsten Kirche; seinen kleinen Weinberg bewirtschaftet er noch mit Hacke und Spaten und natürlich ohne Chemie. Seine Frau zieht Kohl und Kartoffeln, Paprika und Tomaten im Garten und füttert zwei Schweine hinter dem Haus. Und das Zubrot verdient sich August mit einem uralten Handwerk, das er als einer der letzten der Region beherrscht: dem Bau von Klapotezen - hölzernen Windmühlen. Deren Geklapper soll Vögel erschrecken und aus den Weinbergen vertreiben. Es ist die Musik der Haloze: Das scheppernde "Klackklack" füllt die Hügel im Herbst von Hrastovec bis Donaka gora.

Von Augusts Hausberg ziehen sich 1500 Weinstöcke in engen Reihen ins Tal:"Eine schwere Arbeit", sagt August. "In den meisten Lagen der Haloze können wir keine horizontalen Terrassen anlegen - die Hänge sind zu steil. Auch für Maschinen. Jeder starke Regen spült die Erde weg, und wir müssen sie körbeweise wieder nach oben tragen." Der Wein, den August selbst keltert und den er uns unter alten Apfelbäumen einschenkt, ist goldgelb und zuckersüß. "Die Kroaten mögen ihn so", sagt er. Die mag August zwar nicht, aber sie leben in Sichtweite und kommen im Herbst über die Grenze zu ihm, um Wein oder Trauben zu kaufen.

Die berühmten Weißweine der Haloze aber findet man nicht bei den Freizeitwinzern, sondern in Gasthäusern, die meist auf den Hügelspitzen thronen und zu Essen und Trinken immer eine Fünf-Sterne-Fernsicht bieten. Doch die Buschenschänken, in denen man zum Wein luftgetrockneten Schinken, würzigen Ziegenkäse und sogar Weinbergschnecken bekommt, machen uns Probleme und Gewissensnöte: Sie sind nur über kurvenreiche Berg- und Talstraßen zu erreichen, und der Autofahrer muss immer auf den Wein verzichten!

Fußwanderer sind da besser dran, der gut ausgeschilderte "Haloze-Bergwanderweg" streift die meisten dieser Schlemmerstationen. Er beginnt bei Burg Borl und führt über die höchsten Hügel durch die tiefsten Täler bis auf den Donaka gora. Zwölf schöne Aussichtspunkte und eine echte Herausforderung verspricht die Wanderwegkarte: Den 882 Meter hohen Gipfel erreichen nur Schwindelfreie über eine mit Eisenhaken gesicherte Kletterstrecke. Touristen, denen der Fußmarsch zu anstrengend, eine Autofahrt zu aufregend ist, können sich vom Reisebüro in Cirkulane mit Fahrrädern ausrüsten lassen. Doch bei Steigungen von zwölf und mehr Prozent muss man schon Kondition von daheim mitbringen.

Ein Prosit auf die alte Bäderkultur - mit Brunnenwasser statt Wein

Glücklicherweise gibt es sanftere Wege zum Wein: den "Vinska klet", den tief unter die Stadt getriebenen Weinkeller in Ptuj. Das wenige Kilometer nördlich gelegene Marburg (Maribor), die zweitgrößte Stadt Sloweniens, hat zwar einen Dom, eine Universität, ein Theater und beherbergt in seinen Mauern den mit 400 Jahren angeblich ältesten Weinstock der Welt - doch all das kann die Bürger von Ptuj, der ältesten Stadt Sloweniens, deren Weintradition 350 Jahre älter ist, nicht sonderlich beeindrucken. "Fast alles steht hier unter Denkmalschutz", kontern sie. Römer siedelten in Ptuj, sogar einer ihrer Kaiser wurde hier ausgerufen, Salzburger Bischöfe und Habsburger Marschälle residierten auf dem von ihnen errichteten Schloss über der Stadt, Minoriten und Dominikaner verwalteten von hier aus ihre Weingüter in der Haloze und deutsche, italienische und österreichische Adlige regierten in Ptuj. Und alle hinterließen unübersehbare Spuren.

Slowenisches Mittelalter mit mediterranem Flair: Angenehm locker gehen die Einwohner von Ptuj mit ihrer denkmalgeschützten Stadt um. Sie nutzen deren architektonischen Kunstwerke als farbenprächtige Kulisse für Promenaden, für ihren Klatsch und Tratsch. Outdoor ist in Ptuj in - ob vor Renaissancefront oder Barockportal, wo immer sich ein Plätzchen finden lässt, stellen sie Tische und Stühle davor, spannen Sonnenschirme darüber und servieren Bier, Espresso und vor allem Wein. Noch bis spät in den Herbst deckt das Fischrestaurant "Ribi" seine Tische auf einer Terrasse direkt an der Drava: Der legendäre Feinschmeckertreff ist zugleich eine Art Weinscheide.

Denn während im Weinkeller von Ptuj die seltensten und ältesten Haloze-Weine lagern, die dort besichtigt und verkostet werden können, hat das "Ribi" ausschließlich Weine aus der zweiten, bedeutenderen Anbauregion der Stajerska auf der Karte - die berühmten Jeruzalem-Weine. Die besten Sloweniens, sagen Kenner.

Nach Jeruzalem also. Die Reise führt durch eintönige Maismonokulturen, kulturhistorisch gesehen aber vom Salzburger Bischofssitz Ptuj und vorbei an Dornava, dem schönsten Barockschloss Sloweniens, in das frühere Herrschaftsgebiet des Deutschen Ritterordens um die Grenzstadt Ormoz. Die großen Güter, die der Orden hier besaß, wurden größtenteils vor dem Zweiten Weltkrieg, manche aber auch erst danach verstaatlicht. Zeugnis ihrer einstigen Macht ist das wuchtige, von Wehrtürmen zusammengehaltene Schloss Velika Nedelja, das 700 Jahre lang Residenz der Ordensritter war.

Gleich hinter dem Schloss beginnt die Weinstraße von Ormoz nach Ljutomer. Tatsächlich ist sie keine Straße, sondern ein Geflecht aus engen Straßen und sandigen Wegen, das wie ein feinmaschiges Netz die leicht gewellte Hügellandschaft Omoske Gorice überzieht - eine liebliche pastorale Landschaft, so ganz anders als die wilde Haloze. Statt dunkler Wälder lichte Baumgruppen in leuchtend grünen Wiesentälern. Verstreut dazwischen liegen bunt gekalkte Bauernhäuser - von grellem Pink bis zu giftigem Lindgrün und zartem Himmelblau reicht die Palette, selbst Lila taugt als Wandfarbe. Vor den ordentlich geputzten Höfen sitzen Frauen in der Sonne, entkernen Kürbisse, um daraus Kürbiskernöl zu pressen, während Männer mit Schubkarren auf den Streuobstwiesen unterwegs sind, um Obst für Most und Schnaps zu sammeln.

Nur wenige Meter höher wandeln sich die Sichten. Aus den lieblichen werden strenge, aus dem verwirrenden Durcheinander wird eine klare Ordnung - wie Höhenringe winden sich die hier horizontal angelegten Weinterrassen um die Hügel. Und verfolgen in endlosen Wellen jeden Buckel, jeden Einschnitt der Bergflanken: eine meisterlich grüne Geometrie aus Winzerhand.

Und mitten drin in dem bewegten Rebstockmeer liegt gleich einer Insel aus Dichtung und Wahrheit der Flecken Jeruzalem: ein Parkplatz für Touristenbusse, ein mit Buchsbaum eingefasster Aussichtsplatz mit Tischen und Bänken. Und eine kleine Kirche mit einer großen Legende, die erklärt, warum Jeruzalem Jeruzalem heißt: Von ihrem Kreuzzug ins Heilige Land brachten Malteserritter ein heiliges Altarbild von Maria, der Schmerzensreichen, als Reiseandenken mit und stifteten es für jene kleine Kapelle. Als Dank schenkte ihnen der Graf von Ptuj das Gebiet, und die Ritter tauften den Ort Jeruzalem, in Erinnerung an ihren erfolgreichen Zug zum Heiligen Grab.

Soweit die fromme Version. Es gibt allerdings noch eine bessere, amüsantere: Die Ritter, vom Marsch durch Deutschland und Österreich geschwächt und von der paradiesischen Landschaft hingerissen, beschlossen, ihren Kreuzzug bereits hier zu beenden. Um aber vor der Welt den Schein zu wahren, nannten sie den Ort einfach Jeruzalem. Und konnten so ernsthaft behaupten, das Ziel ihrer heiligen Mission erreicht zu haben.

Wir können die Malteser verstehen. Rund 700 Jahre nach ihnen hat das Land um Jeruzalem nichts von seinem Reiz verloren."Kelch des Glücks" nennen die umliegenden Winzer ihre fruchtbaren Sonnenhügel, auf denen die besten Kreszenzen Sloweniens gedeihen - meist halbsüße oder halbtrockene Weißweine.

"Nicht europakompatibel", scherzt Joze Kupljen, Weinmanager und einer der großen Winzer des Landes. Vor Jahren hat er deshalb seinen Jeruzalem-Weinen die letzte Süße ausgetrieben und keltert heute fast ausschließlich trockene. Stolz auf sich und seine Weine sitzt er auf der Terrasse seines ockerfarbenen Weinschlösschens in Ivanjkovci ein paar Straßenbiegungen unterhalb Jeruzalems. "Seit 1721 bauen wir hier Wein an.Vor dem Zweiten Weltkrieg gab es unsere Weine in den Grandhotels Europas. Während des Krieges nur in deutschen Offizierskasinos, nach dem Krieg nur bei Tito und den Botschaften Jugoslawiens. Ist es ein Wunder, dass nicht jeder unsere Weine kennt?"

Mit önologischen Events versucht der 56-Jährige heute seinen Spitzenlagen wieder einen Platz auf den Weinkarten der internationalen Gastronomie zu verschaffen. Eine Weinakademie hat er gegründet und die "1. International Wine Bank of Slovenia", in derem Tresor Kunden aus aller Welt gegen eine Kupljen-Aktie Weine ihrer Wahl für zehn Jahre deponieren und reifen lassen können. Sein größtes Ziel: "Ein Grand Cru Label des gesamten Jeruzalemer Anbaugebiets mit Ausstrahlung nach ganz Europa." Bis es soweit ist, begnügt sich Joze Kupljen damit, die Weinkenner Europas in seiner "Taverna" von der Qualität seiner Rieslinge, Chardonnays, Pinots Noirs zu überzeugen. Kurz hinter der Kirche hat er aus einem alten Landhaus eine stilvolle Weinschänke gemacht. Von der Terrasse dieses gastronomischen Hochsitzes aus kann man bei gutem Wetter bis nach Österreich-Ungarn und Kroatien schauen.

Und während die Gäste auf der sonnigen Terrasse Steinpilzsuppe mit warmem Käsebrot genießen, zieht ins Tal die Dämmerung ein. Der Rauch der Herdfeuer steigt in den glasklaren Abendhimmel, in dem ein paar Wolken mit Goldrand schwimmen. Die Bauern sitzen entspannt auf den Bänken vor ihren Häusern, in stiller Zwiesprache mit den Gartenzwergen, die hier mit Steingutlächeln dicke Weinfässer tragen. Stimmt, das mit dem Paradies.

Autor:
Nicolaus Neumann