Sharjah Eine Hochburg für Kunst und Künstler

Schließt diese Freiheit auch kritisches Denken ein? Zweifel am Absolutismus? Am Pseudo-Parlament? Mohammed winkt ab, alle Künstler winken ab. Natürlich gehen manche Sachen nicht. Aktbilder, zum Beispiel. Aber sonst? "Fragt doch Abd al-Rahim Salim, den Maler", sagt Mohammed.

Abd al-Rahims Atelier liegt gegenüber dem Eingang, dort, zwei große Bilder lehnen an der Wand. Viel Weiß, viel Schwarz, ein bisschen Rot. Metaphysische Melancholie. Abd al-Rahims Tisch ist übersät mit Pinseln, Farben, mit Papier, dazwischen eine Flasche Wein. Zum Arbeiten ist kaum noch Platz. "Für Künstler ist Sharjah ein feiner Ort", sagt er. Er rückt seine Brille zurecht: "Ich kann ja machen, was ich will."

Von Kindesbeinen an beschäftige ihn das Jenseitige, sagt er, jetzt 50 Jahre alt. Die Mystik. Die auch nicht gerade beliebt ist in den puritanischen Emiraten. Aber Anfeindungen? Deswegen? Wichtiger wäre ihm, sagt Abd al-Rahim, er könnte Vollzeit-Künstler sein. Nicht erst ab 17 Uhr, nach seiner Arbeit im Ministerium. Nur zum Leben reiche es dann nicht. Nicht hier, wo die Kunst zwar staatlich gefördert werde, aber sich kaum jemand dafür interessiere. So sei das nun mal. Selbst das Kunstmuseum schräg gegenüber sehe kaum Besucher.

Auch der Vortrag nicht, den gerade drei Fotografen auf dem Platz vor seinem Kabuff halten. Ein Projektor wirft Bilder an die Wand, die vorher noch geweißt worden ist; Kunstaufklärung unterm freien Himmel. Ein Kameramann ist da, ein Fotograf, eine Radiojournalistin, ein Zeitungsmann. Die übrigen Stühle besetzen Freunde. Über die Wand flimmert eine Landschaft, die Collage einer Straße, die im Nirgendwo endet. Man muss das verstehen, sagt Mohammed: Häuser in die Höhe ziehen gehe schnell.Kultur aber brauche Zeit. In der Schule haben die Kinder Kunstunterricht bis zur sechsten Klasse.

Dann ist Schluss. Trotzdem: Manche studieren hernach Malerei, Design, Kunstwissenschaft.Vielleicht ist das ein kleiner Erfolg. Auf dem Weg in die Wüste, Richtung Süden, erhebt sich rechts die Universität. Gegründet 1997, mit Akademien, die aussehen wie das Weiße Haus in Washington, grünem Rasen davor und Alleen, die breiter sind als die Champs Élysées. Mittendrin hockt das Kunstseminar, vergleichsweise klein. Mehr als 100 Studenten lernen hier. An den Wänden hängen ihre Arbeiten, Fotografien und Gemälde. Die Suche nach Formen und Farben. Abstrakte Gesichter. Eine dicke Frau im rosafarbenen Negligé.

"Gott, ich hasse dieses Bild", sagt Marjam, die Kunst studiert, im fünften Jahr. Das Frauenbild sei ihr zu provokant. Marjam al-Ghurair, 21 Jahre alt, Tochter aus reicher Familie, steht in ihrer Arbeitskammer, drei mal drei Meter groß, ein schwarzer Schleier bedeckt ihren Körper. Sie werkelt an einer kleinen Stoffmaske, bunt und voller Verzierungen.

Marjams Thema ist die Burka, die Gesichtsmaske der Frauen in den Emiraten. Sie hat mehrere überdimensionale Objekte an die Wand gehängt, aus rostigem Metall, aus bunten Lampen. Sie sagt: "Viele denken, die Burka bedeute Unterdrückung. Aber das ist sie nicht. Sie ist ein Stück Stoff unserer Tradition." Sie lächelt sanft. Auf ihren rotlackierten Fingernägeln schlängeln sich silberfarbene Blumen.

"Man muss ja keine tragen." Marjam trägt keine. Doch warum sie die Tradition so plakativ an Wände werfe, das verstünden viele Betrachter nicht. Dabei, sagt Marjam, muss Kunst doch die eigene Kultur zum Gegenstand haben. Als politische Aussage? "Ach, jeder soll sehen, was er sehen möchte", sagt sie. Schön wäre es, wenn die Menschen Kunst nicht misstrauisch beäugten. Und irgendwann ihre Arbeiten als Spiegelbild der Gesellschaft begreifen. Eines, das Werte vermittelt. Jenseits von Bauboom, Erdölgeschäft und Tourismus.

Als die Sonne verschwunden ist und der Viertelmond wie eine Wiege im Himmel hängt, bereitet sich die Theatergruppe von Regisseur Abd Allah al-Mena'i darauf vor, ein Bild der Gesellschaft zu zeichnen. Das Stück, das sie probt, heißt "Schließ die Tür". Mohammeds Sohn spielt darin einen alten Mann. Zerlumpte Gestalten, sechs Männer und eine Frau, erklimmen die Bühne, wanken darüber, sie fressen Dreck und Zeitungspapier, sie schleppen Fässer, auf denen "Öl" steht, sie umschleichen sie wie das Goldene Kalb.

"Unsere Sicht der Dinge", sagt hinterher Ahmad Jusuf, der 55-jährige Computeringenieur, den der ägyptische Staat vor 20 Jahren in die Emirate sandte, damit er beim technischen Aufbau helfe. Nun schauspielert er. Im Stück werde der Wohlstand der Emirate durchleuchtet, der erbaut ist auf dem Rücken der Emigranten, der Inder, Iraner und Indonesier. Immerhin 90 Prozent der Bevölkerung.Natürlich gehe es auch um den einzigen Lebensgrund der Emirate. "Ums Öl. Öl, das aus unserer Erde sprudelt, uns aber nur zum Teil gehört", sagt Ahmad. Er meint die westlichen Ölkonsortien.

Das Stück durchziehen viele Anspielungen. Aber das Publikum wird sie verstehen. Ganz sicher. Er blickt zum Regisseur al-Mena'i, und der nickt zustimmend aus dem Plüsch des Theatersessels. "Schließlich ist es unsere Geschichte." Die Geschichte der Araber. "Deswegen endet sie auch?" Weiter kommt Ahmad nicht. "Nein", ruft der Regisseur, "nicht verraten!" Nur so viel, flüstert er, das Stück ende in Guantánamo, dem Folterlager der Amerikaner auf Kuba. Vom Tonband dringe dann ein markerschütternder Schrei. Ahmad blinzelt. Das Stück sei eben ein bisschen politisch .

Schlagworte:
Autor:
Franz Lenze