Andalusien Schatzsuche in Sevilla

Der Gestank auf der "San José" ist schon kurz nach dem Ankerlichten unerträglich. Man schreibt den 10. März 1706. Dutzende Kälber, Schweine und Hühner hat General José Fernández de Santillán in enge Gatter pferchen lassen. Sie werden in den nächsten Wochen an Bord der Galeone geschlachtet, bis die Atlantikpassage von Cádiz in die Neue Welt am 27. April in Cartagena endet. Für viele der Matrosen und Passagiere, die auf den 40 Metern zwischen Bugspriet und Galerie um jeden Quadratzentimeter kämpfen, besteht die Nahrung allerdings meist nur aus Keksen und saurem Wein. Guter Wein und Wasser sind Offizieren und Kranken vorbehalten.

Zwei Jahre später. Den Bauch mit Kolonialwaren und vor allem mit Gold gefüllt, liegt die "San José" am Abend des 7. Juni 1708 tief im Wasser. Sie ankert mit elf Handels- und sechs Kriegsschiffen vor der Karibikinsel El Rosario. Die Hurrikansaison naht, Santillán will sein Schiff in der nahen Hafenstadt Cartagena abdichten lassen und dann nach Spanien zurücksegeln, obwohl er weiß, dass ihn britische Kriegsschiffe abfangen und plündern wollen. Doch 302 spanische gegen 192 britische Kanonen sollten wohl reichen.

Es ist eine Rechnung ohne den Wind, der am folgenden Mittag zuerst die Segel der Spanier erschlaffen lässt, um sie um 15 Uhr dem Feind zu straffen. Der erste Schuss fällt um 17 Uhr. Um 19.30 Uhr hat sich die britische Expedition der "San José" auf 60 Meter genähert und bereitet sich zum Entern vor. Doch dazu kommt es nicht mehr: Mit einem hellen Blitz explodiert die Pulverkammer der Galeone. Die "San José" zerbirst und zieht 578 Mann mit sich ins nasse Grab.

Details eines Dramas, das vom Schiffsbau bis zum Untergang akribisch mit Tinte auf Hunderten Seiten der Nachwelt überliefert wurde - und doch nur winziger Teil einer der größten und faszinierendsten Dokumentensammlungen der Welt: des "Indienarchivs" in Sevilla. Ein Archiv, in dem die Erschließung eines ganzen Kontinents in Zahlen, Worten und Zeichnungen festgehalten wurde, mit all den Glanzleistungen und Gräueltaten, von der Entdeckung durch Kolumbus 1492 bis zur Unabhängigkeit der südamerikanischen Staaten Anfang des 19. Jahrhunderts. Mehr als drei Jahrhunderte Kolonialgeschichte von Mexiko bis Feuerland schlummern hier auf 80 Millionen Seiten und Karten, notiert von pedantischen Buchhaltern des spanischen Königshauses, gebunden in 43.000 schwere Aktenordner, die Regale von acht Kilometern Länge füllen.

Die Unüberschaubarkeit war es auch, die König Karl III. 1785 dazu trieb, die drei Staatsarchive von Simancas, Cádiz und Sevilla zusammenzulegen. Sevilla hatte die Blütezeit als europäisches Handelszentrum bereits hinter sich, Logistik und Verwaltung der Seereisen in die fernen Kolonien waren in die Küstenstadt Cádiz verlagert worden. Was lag näher, als das Archiv in jenem prächtigen Palast unterzubringen, der 200 Jahre zuvor für den Handel mit den Reichtümern aus Übersee zu Füßen der Kathedrale von Sevilla gebaut wurde: die Casa Lonja, die alte Handelsbörse?

Von 1583 bis 1598 errichtet und zwischenzeitlich als Atelier des Barockmalers Murillo und als Wohnraum zweckentfremdet, wurde die Lonja baulich angepasst. Die Renaissance-Fassade des quadratischen Gebäudes mit 56 Metern Kantenlänge blieb, während das Satteldach stuckverzierten Gewölben wich und im Innern Trennwände fielen, um Platz zu schaffen für die haushohen Regale aus kubanischem Mahagoni. Einschüchternd schön dominieren seitdem der monumentale Treppenaufgang zum Obergeschoss aus rot-schwarz-weißem Málagamarmor und die langen, hohen Gänge in den Galerien, deren Korridore mit schimmerndem Jaspis veredelt sind.

Wer beim Betreten der heiligen Hallen an all die goldgeschwängerten Geschichten von Francisco Pizarros Eroberungszügen bis zum Freiheitskampf Simón Bolívars denkt und Schatzkisten oder Schrumpfköpfe erwartet, den verblüffen architektonische Strenge und raumfüllende Leere. "Wir sind ja auch kein Museum, sondern ein Archiv", lautet die amtliche Antwort von Vizedirektorin Antonia Colomar Albajar. Beim Blick in die Ordnerkartons in den schweren Regalen ruft der eine oder andere bisweilen nach Riechsalz - es sind alles leere Attrappen. Die letzten Originale verschwanden 1994 aus dem Publikumsbereich, da immer wieder gestohlen wurde.

Die jüngste Renovierung aber brachte endlich dauerhafte Lichtblicke: Die zugemauerten Torbögen über dem Treppenaufgang im Obergeschoss wurden geöffnet, das geräumige Foyer dort allen im Weg stehenden Ballasts entledigt. Zudem wurde fast die gesamte Forschungsarbeit ausgelagert - in die Cilla del Cabildo gegenüber der Südseite der Lonja, in der einst das Museum für Zeitgenössische Kunst residierte. Und all dies nur zum Zwecke, so Señora subdirectora, damit der nach Wissen durstende Forscher sich besser an archivarischen Preziosen laben kann, die in zusammenschiebbaren Stahlschränken sicher sind vor Feuer, Feuchtigkeit und nicht autorisierten Fingern.

Die gelehrten Geister genießen das Archiv uneingeschränkt als ungeheuer wertvollen Wortschatz und als historisches Füllhorn. Die kostbaren Konvolute, die vor Ort restauriert werden und inzwischen zu zehn Prozent digitalisiert sind, gelangen durch einen Tunnel unter der Calle Santo Tomás zur Cilla. 40 Arbeitsplätze plus 19 Reserveplätze in der Lonja stehen Forschern zur Verfügung, tausend Anfragen wird jährlich stattgegeben, um die verschnörkelte Kalligrafie vergangener Jahrhunderte wieder zum Leben zu erwecken.

Nie zuvor ließ sich auch so spannend wie heute verfolgen, dass längst vergessene Aufzeichnungen noch in der Gegenwart Stoff für neue Abenteuer liefern. Die Suche nach millionenschweren Schätzen, die sich beim Transport von der Neuen in die Alte Welt im Ozean verloren, führt fast immer über die vergilbten Dokumente des Indienarchivs.

"Als eines Tages plötzlich Männer mit sehr roten Gesichtern in Turnschuhen und Shorts bei uns in den Arbeitsräumen standen, wussten wir, dass wir die ersten amerikanischen Schatzsucher vor uns hatten", erinnert sich die Historikerin Genoveva Enríquez Macías. "Viele glaubten glatt, dass es Karten gäbe, auf denen alle Wracks eingezeichnet sind. Die sahen sich schon als ein Jacques-Yves Cousteau, der lächelnd eine dicke Goldkette in die Unterwasserkamera hält." Die anfängliche Ehrfurcht im Gesicht der Gäste sei aber schnell blanker Verzweiflung gewichen: "Wer sich weder mit Geschichte noch Kalligrafie und Sprache der Kolonialepoche auskennt, für den sind diese Dokumente nicht lesbar", sagt die 49-Jährige. Jäger verlorener Schätze lassen daher lieber Experten wie Señora Macías im Archiv auf die Pirsch gehen.

Mit oft vagen Ausgangsinformationen über Ort oder Datum des Untergangs gelte es dann, eine erste Fährte in den 80 Millionen Seiten zu finden. Oft zieht die sich quer durch die 16 Sektionen des Archivs von Patronat über Hafenregister, Handelsverträge, Konsulate bis hin zur Jurisprudenz. "Man muss aufpassen, nicht auf die falsche Fährte zu geraten. Ämter, Zuständigkeiten und Namen können sich geändert haben, jahrelange Verspätung beim Eingang von Schadensrapporten war die Regel."

Tausende von Schiffswracks moderten allein in der Karibik noch immer unentdeckt vor sich hin, sagt Macías, aber: "Für Schatzsucher am wertvollsten sind Schiffe, die auf hoher See bei schlechtem Wetter untergingen, da sie meist intakt waren. Aber gerade über den Verbleib dieser Schiffe weiß man am wenigsten, da sie ohne überlebende Zeugen verschwanden."

Dramen und Staatsakte - auf 80 Millionen Blatt Papier festgehalten

Die Arbeit im Archiv ist für Señora Macías "wie Kino. Die Menschen von damals waren begnadete Beobachter. Sie mussten es sein, es gab ja weder Tonbänder, Fotoapparate noch Personalausweise. Vor einer Schiffsreise zum Beispiel wurde jeder Passagier detailliert beschrieben". In Navigations- oder Expeditionstagebüchern fände sie oft ethnologische Schilderungen von unschätzbarem Wert. Oder Ereignisse wie jene von Passagieren, die bei einem Schiffbruch ertranken, weil das Gewicht der Gold- und Silbermünzen, die ins Futteral ihrer Jacken eingenäht waren, sie nach unten zog.

Die Entwicklung von GPS und Edelmetalldetektoren in den vergangenen zehn Jahren hat indes der Schatzsuche einen neuen Goldrausch beschert. Millionenbeträge als Bergungserlös sind durchaus möglich. Die Politik aber, beklagen Wissenschaftler, habe die kulturhistorische Bedeutung der Unterwasserarchäologie oft noch immer nicht erkannt. Der Preis dafür ist hoch: Manchmal verliert ein Land so nicht nur die Gelegenheit, kulturelles Erbe zu retten, sondern muss hilflos zusehen, wie es geborgen und verkauft wird. Die Unesco hat das Problem erkannt und 2001 eine bis heute nicht in Kraft getretene Konvention verabschiedet, die die Ausbeutung von Schiffswracks zu kommerziellen Zwecken verbietet. Kulturgüter, die sich seit mehr als hundert Jahren unter Wasser befinden, sollen unter Schutz gestellt werden.

Wie schwierig die Kontrolle ist, lässt sich an den jüngsten Ereignissen vor der andalusischen Küste ablesen. Im Mai 2007 präsentierte Greg Stemm, Inhaber von "Odyssey Marine Exploration" mit Firmensitz in Tampa (Florida), der Öffentlichkeit 500.000 Silbermünzen, die er in internationalen Gewässern westlich von Gibraltar aufgespürt haben will und über die britische Exklave außer Landes brachte. Den Fundort verschwieg er, das Wrack sei leider nicht zu identifizieren. Den Spaniern hingegen schwant, dass es sich um die legendäre Fregatte "Nuestra Señora de las Mercedes" handelt, die 1804 unweit von Cádiz versenkt wurde - mit einem riesigen Schatz an Bord, der Stemms Fund auffallend ähnelt. Ein Gericht in Tampa wies jedoch eine Klage Spaniens ab, die Stemm verpflichten sollte, alle Informationen rauszurücken. Das Bergungsschiff "Odyssey" kreuzte seit Jahren in der Region, und es gibt in Sevilla Befürchtungen, dass weitere Wracks in spanischen Gewässern geplündert wurden.

Die "San José" des Generals Santillán, die 1708 vor Cartagena im heutigen Kolumbien sank, ist indes als Mythos in die Annalen der Schatzsuchergeschichte eingegangen: Sie hatte Gold und Edelsteine geladen, deren heutiger Wert auf zwei bis fünf Milliarden Dollar beziffert wird - der wohl größte Schatz, der je mit einem Schiff unterging. Die Bemühungen, ihn zu heben, sind keinesfalls im Indienarchiv gestrandet. Sie sind verschwunden in einem Meer juristischer Ansprüche um die Bergungsrechte, mit denen sich seit 1982 die US-Firma "Sea Search Armada" und der kolumbianische Staat bekriegen. Erst im Sommer 2007 hat Kolumbien der Forderung der Schatzsucher erneut eine Absage erteilt, 50 Prozent der Beute für sich behalten zu können.

Kolumbien, das wie die USA die Unesco-Konvention nicht ratifiziert hat, betrachtet den Schatz als kulturelles Erbe, ohne dabei die Rechnung mit Spanien gemacht zu haben oder mit Peru, aus dessen Gebiet ein Großteil des Schatzes stammen soll. Vielleicht müssen die Schatzsucher ohnehin noch mal im Indienarchiv abtauchen, denn es gibt Zweifel, dass das Wrack, das ein paar Seemeilen von Cartagena liegen soll, tatsächlich die "San José" ist. In einem Unterwasservideo von 1982 ist nur ein mit Korallen überzogener Holzhaufen zu sehen. Insider spotten, dass es schon reiche, "ein Glas Wein zu trinken, und dann könnte dieser Haufen alles Mögliche sein".

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