Andalusien Die Nacht von Sevilla

Den kleinen Jungen hatte der Himmel geschickt. Er wusste bestimmt Bescheid. Er musste Bescheid wissen. Trug schließlich ein weißes, kurzärmeliges T-Shirt mit dem Wappen des FC Sevilla auf der Brust. Eine der billigen Kopien, die fliegende Händler in den Gassen des Altstadtviertels Santa Cruz für ein paar Euro verticken. Das Hemd war nicht mehr so schneeweiß, wie die Trikots der Spieler vor dem Anpfiff. Um ehrlich zu sein: Es war schmuddelig wie nach einer Pokalschlacht mit Verlängerung.

Und so sah auch der ganze Junge aus. Dunkelhäutig, unklar ob von der Sonne oder dem Staub der Stadt. Verfilzte braune Locken, die ihm in die Stirn baumelten, speckige Shorts von unentschiedener Farbe. An den nackten Füßen ein Paar Espandrillos mit abgelatschten Sohlen, so stabil wie Blätterteig. Er war vielleicht elf oder zwölf Jahre alt, aber seine Augen blickten müde und leer, wie die eines alternden Profis, der in der Schlussminute des letzten Spiels seiner Karriere den entscheidenden Elfmeter verschossen hat. So müde und leer wie die eines Jungen, der sein Leben seit frühester Kindheit auf den Straßen Sevillas verbringt. Verbringen muss.

Als sie ihn ansprachen, aus ihrem alten VW-Bus mit den heruntergekurbelten Fensterscheiben heraus, und nach dem Weg fragten, zum Estadio Ramón Sánchez Pizjuán, kam Licht in seinen dunklen Blick und er schickte ein stolzes Strahlen in die staubige Karre, in der der Franzose und der Deutsche, aus Portugal kommend seit Tagen unterwegs waren.

"Sí, señores", verkündete der kleine Schmutzfink. "Natürlich weiß ich den Weg. Ist doch mein Verein. Ich bin schließlich ein Biri." "Biris" - so nennen sich die Fans des FC Sevilla, nach dem gambischen Spieler Alhaji Momodo Nije, genannt Biri-Biri, der sich hier in den siebziger Jahren in die Herzen der Sevillaner dribbelte.

"Kommen Sie, ich führe Sie hin und zeige, wo Sie parken können. Ohne mich finden Sie hier nie einen Parkplatz, das ist mein Job." Und dann rannte er los, ohne eine Antwort abzuwarten. Wetzte wie ein Stürmerstar über den glühenden Asphalt der Avenida de Eduardo Dato, dribbelte durch den einsetzenden Berufsverkehr auf der vielbefahrenen Straße, fintierte Lkws, bepöbelte hupende Autofahrer, umkurvte Mopeds und blieb dabei immer in Ballbesitz.

Oder besser: in Besitz der Wahrheit, denn er kannte den Weg, und auch wenn die beiden im VW-Bus Mühe hatten zu folgen, das weiße T-Shirt hüpfte immer dann wieder vor ihnen empor, wenn sie glaubten, ihn endgültig aus den Augen verloren zu haben. Und schließlich geleitete der Biri die Fremden tatsächlich bis nah an das gewaltige Betonoval heran, das sich im unspektakulären Osten Sevillas aus dem Häusermeer hebt wie ein Wal aus dem Ozean.

Ihr Fahrzeug parkten die beiden Fremden genau da, wo der Junge sie mit wichtigtuerischen Gesten einwies. Sie schälten sich aus dem Bus, dehnten Arme und Beine wie Einwechselspieler kurz vor dem Einsatz und bedankten sich bei ihrem Führer. Der Franzose schob dem Jungen einen ordentlichen Schein in die Hand, den dieser geschickt wie ein Zauberer verschwinden ließ, und dann bestaunten sie gemeinsam die herrliche Außenansicht der Heimstätte des FC Sevilla. Die überdimensionalen, in die Stadionwand gefliesten Wappen europäischer Topvereine wurden akribisch abfotografiert, und als die zwei Fremden sich suchend nach einem offenen Eingangstor umsahen, meldete sich der kleine Biri wieder. "Es ist geschlossen, aber ich kann euch reinbringen", versprach er. "Kommt mit." Und wie zuvor tobte er los, ohne zu warten, ob die beiden Männer ihm folgen würden. Sie folgten. Durch ein kleines vergessenes Eisengitter gelangten sie tatsächlich in das Heiligste.

8. Juli 1982, WM-Halbfinale, Deutschland gegen Frankreich

Die Männer sind alte Freunde. Sie lieben Fußball. Und sie lieben Fußballstadien. Kathedralen sind es für sie. Sie hatten zusammen in Portugal die Spiele der Europameisterschaft gesehen, und sie waren nun nach ein paar Wochen Strandurlaub nach Sevilla gekommen, um Freunde zu besuchen. Und besonders der Deutsche, für dessen Team es in Portugal so gar nicht gelaufen war, wollte dieses Stadion sehen. Wollte sich erinnern an bessere Zeiten. An magische Momente. An die Nacht von Sevilla.

1982. 8. Juli. WM-Halbfinale, Deutschland gegen Frankreich. Das vielleicht beste Frankreich, das je auf dem Platz stand. Platinis Frankreich. Mit dem kleinen Energiebündel Giresse, dem eleganten Marius Trésor, dem schnellen Rocheteau. Und eben mit Michel Platini, dem König.

Deutschland? Auch damals rumpelfüßig durchs Turnier gepflügt. Man denke nur an "die Schande von Gijón" - der Nichtangriffspakt mit Österreich, wodurch sich beide Teams weitermogelten und die tapferen Algerier rauskegelten. So war es vor dem 8. Juli. Dann kam die Nacht von Sevilla. Der Deutsche atmet tief durch, blickt über die steilen, grauen Ränge auf den Rasen, der auch in der Abendsonne noch so grün ist, das es in den Augen schmerzt. Der Franzose stellt sich neben ihn, ein Moment der Andacht.

"1:0 Littbarski 17. Minute", sagt der Deutsche. "1:1 Platini 26.", antwortet der Franzose. Beide lächeln, schauen auf den Platz. "Verlängerung", sagt der Deutsche. "2:1 Frankreich, Trésor 92.", jubiliert Frankreich. Deutschland seufzt.

"3:1 Frankreich 98.", kreischt Frankreich und intoniert die Marseillaise. "2:3 Rummenigge 102.", bellt Deutschland. Frankreich seufzt. "3:3 Fischer,Fallrückzieher, 108. Minute!" Deutschlands Stimme überschlägt sich. Stille, kurze Sammlung und dann Frankreich und Deutschland flüsternd im Duett: "Elfmeterschießen."

"4:3 Giresse, 4:4 Kaltz, 5:4 Amoros, 5:5 Breitner, 6:5 Rocheteau", beten beide den Rosenkranz herunter. Dann kurze Pause. Frankreich schaut Deutschland an, Deutschland sinkt auf die Knie, schlägt die Hände vors Gesicht und heult: "Stielike verschiiiiiiießt".

Frankreich konzentriert sich, aber vergebens: "Schumacher hält gegen Didier Six!" Deutschland - wieder Hoffnung schöpfend - übernimmt das Mikrofon: "Littbarski muss jetzt treffen und er trifft! 6:6! Was für ein Spiel!"

Frankreich ringt um die erneute Führung und das imaginäre Mikrofon: "Kann Platini dem Druck standhalten? Er kann: 7:6! Vive la France!" Aber Deutschland lässt sich nicht aus dem Spiel drängen: "Rummenigge eiskalt - 7:7", trompetet es durch das Stadionrund.

Frankreich nun mit Grabesstimme beim vorletzten Akt: "Maxime Bossis läuft an. Und Schumacher hält! Oh, mon dieu, bitte nicht." Jetzt ist Deutschland obenauf, hat sich endgültig des Mikrofons bemächtigt und schildert die letzten Sekunden des Dramas. "Wenn Hrubesch trifft, ist Deutschland im Finale. Der Schiedsrichter korrigiert noch einmal die Lage des Balls, Hrubesch winkt ab, der Hamburger läuft an, schießt. Und Tooooooooor! Es ist vorbei, Frankreich ist geschlagen." Von der Tribüne stürmt Deutschland aufs Feld, während Frankreich sich in seine Rolle fügt und fassungslos zusammenbricht.

Der Deutsche steht versunken auf dem Rasen, auf dem Elfmeterpunkt und versucht, das Wunder von damals wieder heraufzubeschwören, will diesen Augenblick zurückgewinnen. Denkt an Stielike, der damals hier, genau hier zusammengebrochen ist, untröstlich war. "Falsche Seite", sagt plötzlich jemand neben ihm. Er schaut sich um. Der Biri ist neben ihn getreten. "Was meinst du?", fragt er den Jungen. "Na, das Elfmeterschießen damals. Stielike. Hrubesch. Es war auf der anderen Seite. Der andere Elfmeterpunkt." - "Woher weißt du das?" - "Es kommen immer Deutsche hierher, die das wissen wollen. Rodrigo hat es mir erzählt. Er ist der Platzwart. Schon sehr lange."

Gemeinsam gehen sie auf die andere Seite, aber der Augenblick von damals kommt nicht mehr zurück, so sehr sich der Deutsche auch konzentriert. Er gibt dem Jungen noch ein paar Euro. "Wie heißt du?" - "Miguel." - "Was willst du mal werden, Miguel, Fußballspieler?" - "Das wäre nicht schlecht. Aber noch lieber möchte ich Matador sein. Und in der Plaza de Toros de la Maestranza die stärksten und wildesten Stiere töten." Dabei wedelt Miguel eine imaginäre Muleta, ein Stierkampftuch, durch die Luft und tanzt mit kurzen Trippelschritten und lockenden Bewegungen über den Rasen. "Hättest du da keine Angst?" - "Ich habe nie Angst. Ich übe die Corrida immer mit den Autos auf der Straße. Sie sind wie die Stiere." - "Na dann freu' ich mich darauf, dich einmal in der Arena zu sehen. Viel Glück und vielen Dank, Miguel." - "De nada, adios."

"Heute hatte ich zum ersten Mal Angst in der Arena"

Später, nur eine Abschlagweite entfernt vom Stadion, standen die beiden Männer beim Bier an einem Stehimbiss direkt an der Straße. Eine Runde cerveza jagte die nächste. Es ist schon Anfang Oktober, aber die Hitze des Sommers klebt noch in der Stadt, und die Spanier flanieren nach wie vor nur leicht bekleidet, aber mit der ihnen eigenen Grandezza durch die Straßen und Gassen ihres barrio. Der Franzose und der Deutsche trinken konzentriert und viel, ohne viel Worte zu machen. Umso lauter ist dafür eine Gruppe Spanier - ein dünner mit unfassbar langer Nase, ein unscheinbarer Kleiner, ein gut gekleideter mit Pudelfrisur, der vierte mit Schnauzbart wie angeklebt, alle im besten Alter von 35 bis 50 Jahren. Sie stehen an einem der Tische nebenan. Trinken und reden viel. Hin und wieder schwappen Worte wie muerto, cojones oder corrida herüber. Sie verschmelzen in der Schwüle des Abends mit jedem Schluck Bier und dem vom Kellner flink herbeigebrachten Osborne in den Hirnen der Fremden zu Visionen von schnaubenden, schweißgefleckten schwarzen Stieren, die Flamenco tanzen mit Señoritas in blutroten, glänzenden und selbstverständlich tief dekolletierten Kleidern.

Irgendwann spricht Pudelfrisur die Fremden an. Entschuldigt sich für das laute Reden. Man habe hoffentlich niemanden gestört? Nein, nein - no hay problema. Man kommt ins Gespräch und dann trinkt man zusammen. Die Sevillaner freuen sich, dass die Fremden leidlich Spanisch sprechen und ihre Stadt besuchen, auf die sie so stolz sind, wie es nur Spanier sein können.

Obwohl - diese Gegend hier sei nicht gerade das Schönste an Sevilla, sagt Langnase. Warum die Spanier dann selbst hier abhängen würden, fragen die Fremden. Schweigen. Dann sagt Schnauzbart, es sei eine Ausnahme, normalerweise würden sie sich immer in den Tapas-Bars von El Arenal treffen. Eine Ausnahme, so, so. Und warum diese Ausnahme? Wieder Schweigen. Pudel, Schnauzbart und Langnase schauen verlegen zur Seite. Sie versuchen, den Kleinen, Unscheinbaren nicht anzusehen und bringen ihn gerade dadurch ins Scheinwerferlicht.

Der Kleine sieht irgendwie anders aus. Rötliche Haare, helle Haut, blaue Augen; vielleicht ein Baske. Aber da ist noch mehr, da ist eine Aura, die erst bemerkt, wer nah bei ihm steht. Dann spürt man, dass es kein kleines, schwaches Männchen ist, mehr eine gespannte Stahlfeder, die vibriert, die jeden Moment losschnellen kann. Der Mann, der auf den ersten Blick der langweiligste ist, ist - das ist jetzt klar - der gefährlichste. Ein Mann, dessen Augen wie gesplittertes Glas sind und der jetzt, wo er merkt, dass seine Freunde ihn anstarren, indem sie versuchen, ihn nicht anzustarren, leicht auf den Zehen wippt, mit ausholender, fast theatralischer Geste ein Glas Rotwein hinunterspült und die Fremden fixiert.

"Sie sind mit mir hier", sagt er dann. "Und ich bin hier, weil ich ein cobarde bin, ein Angsthase." Lautstarke Entrüstung und Widerworte bei Pudel, Langnase und Schnauzbart. Pudel nimmt den kleinen Mann in den Arm, küsst ihn und redet auf ihn ein. "Erzähl nicht so einen Scheiß, mein Freund." Und zu den Fremden gewandt spricht Pudel die großen Worte: "Dieser Mann hier ist der mutigste Mann Spaniens! Und darauf wollen wir trinken!" Schnauzbart und Langnase lassen Geräusche der Zustimmung hören, und alle gemeinsam heben ihr Glas, auch der Franzose und der Deutsche, die zwar nicht begreifen, um was es geht, aber nicht zu denen gehören, die einen Drink auslassen. Nur der Kleine trinkt diesmal nicht mit. Er fragt stattdessen die Fremden: "Wart ihr schon einmal bei einer Corrida de Toros, einem Stierkampf?" Die beiden verneinen. Ihr Sport sei Fußball, da gäbe es wahre Emotionen und Dramen und man hätte Angst für zwei Leben, besonders im Abstiegskampf.

Pudel schnaubt verächtlich. "Dramen? Angst? Lächerlich. Wenn du beim Fußball verlierst, sind die Punkte weg. Unterliegen die Toreros, verlieren sie ihr Leben." Dagegen können die Fremden nichts sagen, also bestellen sie Bier und Osborne für alle.

Es ist mittlerweile dunkel, aber weiterhin heiß, und der Verkehr auf der Straße hat eher zugenommen. Die Männer nippen jetzt schweigend an ihren Gläsern. Das Wort cobarde schwebt noch immer in der Luft wie ein giftiges Gas. Und alle spüren, dass der kleine Mann noch etwas sagen will, sagen muss. Er ringt mit sich, vielleicht kämpft er gegen die Angst. Als er dann seine Geschichte erzählt, erzählt er sie stockend. Immer wieder unterbrochen von weiteren cervezas, von Osborne und von aufmunternden und tröstenden Worten und Gesten seiner Freunde.

"Ich will es kurz machen. Ich bin hier in Sevilla geboren und ich bin ein Torero. Ein professioneller Matador, seit mehr als 20 Jahren. Ich hatte viel Talent, aber ich wurde nur ein durchschnittlicher Kämpfer. Ich hatte gute Stiere und gute Tage, an denen mich meine Banderilleros und Picadores zusammen mit den Zuschauern auf den Schultern durch die Puerta del Príncipe, dem Osttor, das nur für die Helden bestimmt ist, aus der Arena getragen haben. Tage, an denen das 'Olé' von den Rängen nicht enden wollte. Tage, an denen ich die Ohren der Stiere als besondere Anerkennung mit nach Hause nehmen durfte. Tage, an denen ich glaubte, ich könnte der Klasse meines Vaters nahe kommen."

"Sein Vater ist ...", unterbricht der Pudel mit ehrfürchtiger Stimme. Der Deutsche und der Franzose haben noch nie von … gehört. Ungläubiges spanisches Staunen. Der Schnauzbart versucht zu erklären: "Okay, ihr wart noch nie beim Stierkampf. Also, ... ist bei der Corrida de Toros so eine Legende wie Beckenbauer oder Platini bei euch im Fußball. Geht mal ins Museum unter der Stierkampfarena, da werdet ihr viel von ihm sehen. Er war ein begnadeter Matador."

"Du sagst es, mein Freund", setzt der Kleine fort. "Und ich war es nicht. Jedenfalls bei Weitem nicht in dem Maße. Denn neben den guten Tagen gab es auch viele schlechte. Mit weniger guten Stieren und schlecht ausgebildeten Picadores. An diesen Tagen tropfte ein tödliches Schweigen von den Rängen und mir wurde der salir por la puerta grande, der ehrenvolle Abgang durch das große Tor verweigert." "Wegen deines Vaters waren sie immer kritischer mit dir als mit anderen Matadores", versucht Langnase zu trösten. Der Kleine lächelt. "Vielleicht. Aber das ist nicht der Punkt. Das Entscheidende ist: Ich hatte niemals Angst, auch an den schlechten Tagen nicht."

Der Matador verlangt nach rotem Wein, leert das Glas dann in tiefen Zügen ohne abzusetzen. "Bis auf heute." - "Was war heute? Hat der Stier dich erwischt?", fragt der Deutsche. Der Matador schaut ihn mit einem Blick an, in dem sich Verachtung und Mitleid mischen. Dann schnauft er und zieht sein Hemd aus. Steht da, mit nacktem Oberkörper und zeigt sein ganz persönliches Schlachtfeld. Wie eine Landkarte mit eingezeichneten Bombenkratern und Eisenbahnlinien auf hellem Wüstensand. Wulstige Nähte und schlecht verheilte Wunden. "Erwischen tut er dich immer mal. Das ist es nicht. Nein, es ist viel schlimmer. Heute hatte ich zum ersten Mal Angst in der Arena, und ich weiß nicht warum. Ich weiß nur, dass der Stier es gespürt hat und die Zuschauer auch." Der Matador greift wieder zum Glas, das Blau seiner Augen schimmert wässrig. Er wendet sich ab. "Und deshalb sind wir heute nicht wie sonst in die Bars rund um die Stierkampfarena gegangen, wo wir sonst immer nach der Corrida feiern", erklärt Langnase mit leiser Stimme. "Wir wollten, dass man unseren Freund in Ruhe lässt."

"Außerdem ist das mit der Angst Unsinn", sagt Schnauzbart und nimmt den kleinen Matador in den Arm. "Jeder Torero hat Angst, es geht nur darum, diese Angst zu beherrschen und so seine Würde zu behalten. Und das hast du, mein Freund, Hunderte von Malen geschafft und wirst es auch wieder schaffen."

Alle reden jetzt wieder auf den Matador ein, und flößen ihm im wahrsten Sinne des Wortes Mut ein. Wieder ist es der Pudel, der die schönsten Worte findet: "Nur wer einmal Angst hatte, kann mutig sein. Und nur wer seine Angst offen zugeben kann, ist ein wahrer Held. Deshalb bist du für mich der mutigste Mann Spaniens!"

Der Matador ist, das merkt man, nicht überzeugt. Aber er ist dankbar für solche Freunde. Und er ist betrunken. Alle sind betrunken. Und sie trinken weiter, nicht um die tief sitzende Melancholie zu vertreiben, sondern um sie zu konservieren in Alkohol, sie dadurch zu beherrschen, damit man sie hervorholen und wieder wegpacken kann, wie man einen alten Witz hervorkramt und ihn nach erzählter Pointe wieder verschließt in den hinteren Hirnschubladen, um ihn bei gewünschter Gelegenheit erneut hervorzukramen.

Die Stimmung steigt. Lieder werden gesungen. Auch französische und deutsche, aber hauptsächlich andalusische Melodien. Die Männer und ein paar von der Atmosphäre angelockte Frauen tanzen dazu. Hart klappern ihre Absätze auf dem Pflaster. Klackklack - klackklackklackklack - klackklack. Dann knallt es.

Nur ein dumpfer Knall und ein leises Knirschen von einer Art, dass niemand, der dabei war, dieses Geräusch vergessen kann. Die Männer schauen sich um, Frauen kreischen. Dann sehen sie es. Nur 20 Meter entfernt steht ein roter Kombi, und davor liegt ein Mensch auf dem Asphalt. Die Spanier laufen zur Unfallstelle, der Deutsche und der Franzose kommen langsamer hinterher. Pudel und Langnase sind die Ersten am Unfallort. Sie bücken sich, stocken dann. Stehen wieder auf, schlagen sich die Hände vors Gesicht, wenden sich ab, zittern am ganzen Leib, schluchzen. Dann ist der kleine Matador da. Er setzt sich auf die Straße, die plötzlich rot ist. Um ihn herum schreien Menschen nach der Ambulanz. Handys werden gezückt.

Der Matador ist ganz ruhig. Während alle schreien und sich abwenden, bettet er den Kopf des Verunglückten in seinen Schoß, wiegt ihn vorsichtig. Spricht leise mit dem Jungen in dem T-Shirt, das einmal schmutzig-weiß war und nun das Blut kaum noch aufnehmen kann. Blut, das dem Jungen aus dem geplatzten Hinterkopf läuft. Das Blut, mit dem das Leben davon läuft. Zu schnell, selbst für den flinken Miguel, den Biri, der so gern Matador werden wollte, dessen Stiere die Autos auf den Straßen Sevillas waren und der niemals Angst hatte.

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