Südkorea Willkommen im Stundenhotel!

Freitagabend, kurz vor Mitternacht: Im Viertel Sinchon in der südkoreanischen Hauptstadt Seoul füllen sich langsam die Motels. Rund um die Baramsan-Straße reiht sich eine Unterkunft an die andere. An fast jedem der teilweise architektonisch sehr außergewöhnlichen Gebäude blinkt oder leuchtet das koreanische Wort für Motel. Durch die schummrigen Gassen schleichen Pärchen auf der Suche nach einem freien Zimmer. Die sind am Wochenende Mangelware. Wer nicht vorher reserviert, hat ab 23 Uhr kaum noch Chancen in einem der guten Motels unter zu kommen: Dort wo Whirlpool, Spielekonsole, Popcorn und Softdrinks zur Grundausstattung gehören. Und selbst die mit weniger ausgestatteten Zimmer sind schnell ausgebucht.

Auch tagsüber sind die Motels stark frequentiert. Vier Stunden Motel kosten umgerechnet ab zehn Euro. Der deutsche Ausdruck Stundenhotel bringt auf den Punkt, worum es geht. Allerdings nur wenn man ihn wörtlich nimmt. Denn das schlechte Image, das dem Ausdruck im Deutschen anhaftet, ist in Korea fehl am Platz. Mit Prostitution haben die Lovemotels so viel gemein wie der nordkoreanische Diktator Kim Jong-il mit einem Menschenrechtler.

In einem offiziellen Hotelführer der Stadt Seoul findet sich eine nette Umschreibung für den von Koreanern eher ungern benutzten Ausdruck Lovemotel. "Das Bobo Hotel", heisst es dort, "zieht viele junge Touristen an, die die Studentenkultur erleben möchten." Was sich im ersten Moment lustig anhört, trifft doch den Kern der koreanischen Motelkultur.

Was für Deutschland oder Europa WG- und Studentenparties, das sind in Korea die Karaokeräume, Multimediazimmer und Motels: Ein fester Bestandteil im Leben koreanischer Jugendlicher. Kaum einer gibt es zu, aber fast jeder war schon mal in einem. Auch wenn es nur ein paar Stunden waren. Die Lovemotels sind viel mehr als das, was ihr Name suggeriert. Weil koreanische Jugendliche oft wesentlich länger als ihre europäischen Altersgenossen bei den Eltern leben, werden Abende mit Freunden, dem Freund oder der Freundin in Motels und sogenannte Freezones verlegt. Auch Zweisamkeit vor der Ehe findet oft nicht zu Hause statt. Jedoch sind öffentliche körperliche Zuneigungsbekundungen in der koreanischen Gesellschaft alles andere als breit akzeptiert. Da wird das Motelzimmer zum temporären Wohn-, Jugendzimmer oder zur Studentenbude. Was vor 50 Jahren das Autokino war, ist in Korea heute das Lovemotel.

Die Kundschaft ist bislang vor allem eines: koreanisch

Um das eigene Image aufzubessern, gibt es unter Lovemotelbetreibern in den letzten Jahren einen Trend zur Namensänderung. Aus Motel wird Hotel. Der Rest bleibt gleich: Innenausstattung, Service, Kundschaft. Und die ist bisher vor allem eines, koreanisch. Touristen verirren sich eher selten in ein Lovemotel. Wesentlich schlechter ausgestattete Backpacker-Hostels sind viel öfter Ziel junger Reisender. Zwar sind mittlerweile auch einige "Bobo Hotels" über Buchungsseiten großer Reiseanbieter verfügbar, meistens handelt es sich dabei aber um Motels, die wenig zu bieten haben, schon alt sind und in ihrem Inneren mehr an ein schlechtes Hotel denn an ein Lovemotel auf dem neuesten Stand erinnern.

Dabei sind es die Lovemotels, die mit Abstand das beste Preis-Leistungsverhältnis aufweisen. Wer nicht im Hilton oder im Hyatt absteigt, tut gut daran im Ritz einzuchecken. Nicht im Ritz Carlton sondern im Ritz Motel. Oder im Echae, im Campus Hotel oder einem der unzähligen anderen. Die Zimmer, ausgestattet mit dem allerneuesten technischen Schnickschnack, von Spielekonsole über zwei Computer bis hin zu rasend schnellen Internetverbindungen und virtuellen Videotheken mit jedem Hollywood-Blockbuster der letzten fünf Jahre in Originalsprache, sind sauber und gemütlich, sofern große Fenster und tolle Aussicht verzichtbar sind. Und das ab 15 Euro für eine Nacht im Doppelzimmer. Neben normalen Zimmern, Suites und VIP-Räumen hat fast jedes Motel für umgerechnet rund 400 Euro auch ein Partyzimmer für zehn bis fünfzehn Personen: doppelstöckig, mit Videobeamer, Partykühlschrank und privatem Swimmingpool.

Weil freitags und samstags in Seoul die Betten knapp werden und die Nachfrage das Angebot übersteigt, werden die Zimmerpreise an den beiden Abenden normalerweise zwischen fünf und zehn Euro angehoben. An wichtigen Feiertagen wie Weihnachten oder Silvester sind Preissteigerungen von 100 Prozent durchaus üblich. Wer sich als Tourist allerdings dazu entscheidet, eine Woche oder länger in einer der außergewöhnlichen Unterkünfte zu verbringen, der kann, die nötigen Kontakte oder Sprachkenntnisse vorausgesetzt, auf einen Sonderpreis hoffen.

Für junge Touristen haben die Motels dann auch noch einen weiteren Vorteil. Ganz praktische Annehmlichkeiten wie einen Computer im Zimmer, ein schneller kostenloser Internetanschluss oder eine täglich neu gefüllte Minibar können den Aufenthalt in Korea enorm erleichtern. Auch Reisenden, denen der Gedanke im Stundenhotel zu übernachten nicht zusagt. Und einmal sollte man es auf jeden Fall probiert haben. Diejenigen, die schlecht über Lovemotels reden, haben in der Regel noch keines von innen gesehen.

Autor:
Malte E. Kollenberg