Seoul Feiern in Südkorea

Seoul ist aus seinem Dornröschenschlaf erwacht. Die Hauptstadt Südkoreas gilt inzwischen als Geheimtipp in Asien. Kultur, Essen, Lifestyle, Design, Mode - die Metropole hat einiges zu bieten. Insbesondere im Nachtleben schickt sich Seoul an, anderen asiatischen Großstädten wie Tokio den Rang abzulaufen.

Die treibenden Kräfte hinter der Aufholjagd sind vor allem zwei Stadtteile: Die Studentengegend Hongdae und das schicke Ausgehviertel Gangnam auf der Südseite des Han-Flusses. Beide haben sich in den letzten Jahren zu Anziehungspunkten für einheimische Partygänger und Feiervolk von außerhalb gemausert.

Hongdae wird die Gegend rund um die Hongik Universität, eine von Koreas wichtigsten Kunsthochschulen genannt. Die Straßen und kleinen Gässchen sind schon seit Jahrzehnten ein Anziehungspunkt für Kreative aus dem ganzen Land. Kleine Galerien, Kunstprojekte und neue Idee sprießen an jeder Ecke aus dem Beton.

Der Spielplatz vor dem Haupttor der Universität ist so etwas wie das inoffizielle Zentrum des Viertels. Für viele startet hier die Reise durch Nacht. Der "Playground" ist einfach ein idealer Treffpunkt, auf dem Kinderspielplatz ist eigentlich immer etwas los. Vor allem am Wochenende wird er abends zur Plattform für Kreative jeglicher Couleur. Fast jeden Samstag spielen Live-Bands, umringt von Schaulustigen, die sich das Spektakel - auch bei minus 15 Grad - nicht entgehen lassen wollen. Wenn ausnahmsweise keine Band spielt, ist der Platz voll mit jungen Breakdancern und Straßenkünstlern, die sich hier ausprobieren.

So wie Geon, Young-yoo und Ho-yeong. Die drei sind auf das zum Spielplatz gehörende Toilettenhäuschen geklettert. Von dort haben sie den besten Blick auf das bunte Treiben, trinken Soju - koreanischen Schnaps - mit Cola und kommentieren, was sich unter Ihnen tut. Dort hat sich gerade ein Zweierteam angeschickt, die noch spärlichen Zuschauer mit Beatbox- und Breakdance-Einlagen zu unterhalten. "Die da unten sind nicht gut", sagt Ho-yeong. "Wir sind sind viel besser", grinst er. Eigentlich studieren alle drei. Aber das Studium verliert an einem Abend in Hongdae völlig an Bedeutung. "Das hier ist eigentlich unser Lebensinhalt", erzählt Young-yoo. Jedes Wochenende sind sie in Hongdae unterwegs. Wenn nicht auf dem Spielplatz, dann in einem der zahlreichen Clubs des Viertels. Das ist auch heute der Plan. Wenn sie den Cola-Soju leer getrunken haben, wollen sie weiter ziehen.

Raus aus der Illegalität

Vielleicht ins M2, Hongdaes größte Tanzfläche. Seit 2004 gibt es den Electroclub. Entstanden ist er aus dem MI und dem Mat Matta. "Weil beide Clubs mit M anfingen, haben wir den neuen einfach M2 genannt", erzählt DJ UNKLE, Gründer und Besitzer des Tanztempels. Der über 50-Jährige (sein genaues Alter möchte er nicht nennen) ist eine Koryphäe in der Seouler Nachtwelt. Die Sonne hat er in den letzen Jahren nicht oft gesehen, für ihn beginnt der Tag um 19 Uhr. Seit den 1980er Jahren ist er DJ, seit 1995 Clubbesitzer. Damals waren Diskotheken in Korea noch illegal. "Bis 2001 stand eigentlich immer draußen jemand Schmiere und hat nach der Polizei Ausschau gehalten", sagt DJ UNKLE.

Doch diese Zeiten sind zum Glück vorbei. 2001 hat die Regierung eingelenkt. Die Fußball-WM stand vor der Tür, da wollte man nicht das Feiern verbieten. Auf einmal waren Diskotheken wie das MI und das Mat Matta wichtig für das Ansehen Koreas in der Welt. Nicht ganz unschuldig an dieser Richtungsänderung ist wahrscheinlich auch die Club Culture Association (CCA). Der Verband versucht seit dem Jahr 2000 die Clubkultur in Seoul zu fördern. Choi Jung-han ist eines der Gründungsmitglieder. Heute ist er Verbandspräsident und die Stimme der Diskobesitzer in Hongdae.

"Wir haben damals gesagt, es gibt zwei Möglichkeiten: Entweder wir legen uns mit der Regierung an oder wir müssen weiter heimlich und illegal feiern, " erinnert sich Choi an die Anfänge."Wir wollten die koreanische Clubszene aus der Illegalität holen, uns organisieren und gemeinsam Partyabende veranstalten." Aus dieser Grundidee enstand 2001 der Clubday. Jeden letzten Freitag im Monat konnte seitdem für rund 10 Euro in zuletzt über 20 Clubs des Viertel die ganze Nacht gefeiert werden. "Angefangen haben wir mit vier von fünf Technoclubs, die es hier gab", sagt Choi. Mit der Zeit weitete sich der Clubday aus. Zu einer Hand voll Electro-Clubs gesellten sich Hip Hop-, Rock- und Jazzläden.

Nach fast zehn Jahren hat sich Ende 2010 die Erkenntnis durchgesetzt, dass Dance- und Liveclubs nicht so einfach unter einen Hut zu bringen sind. Die Unstimmigkeiten zwischen den Betreibern wurden immer größer. Man konnte sich untereinander nicht über die Aufteilung der Kosten einigen. Am 27. Januar fand der Clubday vorerst zum letzten Mal statt.

Choi Jung-han sieht das vorzeitige Ende des Clubdays allerdings positiv: "Wir wollen in Hongdae nun zurück zu den Wurzeln des Viertels." Die CCA soll zu einer Kulturplattform werden und auch die Clubs sollen wieder kreativer werden. Man verspricht sich davon, dass die Gegend um die Hongik Universität wieder stärker von Seouls zweitem großen Partyviertel abgrenzt.

Denn Gangnam, südlich des Han-Flusses, entwickelte sich in den letzten Jahren zum Berlin-Mitte Seouls und zu einer echten Konkurrenz für Hongdae. Schicke Boutiquen, luxuriöse Autohändler und ein lebendiges Nachtleben haben sich hier angesiedelt. Einer der angesagtesten Läden ist ausgerechnet ein Kulturprojekt aus Deutschland. Die Platoon.Kunsthalle hat ihr Asien Hauptquartier in Seoul errichtet.

Der Schnaps gehört ins Bier!

"20 Millionen Einwohner, eine riesige Stadt, aber mehr hast du von Seoul nicht gehört", sagt Tom Büschemann, einer der Gründer, des in Berlin gestarteten Kulturprojekts. 2006 hatte man sich entschieden nicht nach Tokio, sondern nach Seoul zu gehen. Seit 2008 gibt es nun die Platoon.Kunsthalle auf einem ehemaligen Parkplatz in Gangnam.

Das Containergebäude in der Nobelgegend hat sofort im ersten Jahr den Korean Architecture Association Preis bekommen, erzählt Büschemann stolz. Wie in Berlin wollen sie mit der Platoon.Kunsthalle auch in Seoul ein subkulturelles Gegengewicht im sonst so schicken Viertel setzen. Die allabendliche Kundschaft rekrutiert sich auch tatsächlich zu einem großen Teil aus Hongdae. Veranstaltungen wie der Nachtflohmarkt, der einmal im Monat stattfindet, ziehen die jungen Kreativen über den Fluss. Wenn der Abend dort zur Neige geht, fahren sie wieder gen Norden und feiern in Hongdae die Nacht durch.

Fragt man DJ UNKLE, dann haben Clubs in Gangnam jedoch noch einen ganz entscheidenden Nachteil. "Wer in Hongdae feiern geht ist Stammgast. Und wer zum ersten Mal kommt, der kommt immer wieder", erklärt das Nachtleben-Urgestein. "Gangnam muss sich erst noch eine so treue Fangemeinde erarbeiten."

Für Touristen hat das Studentenviertel Hongdae noch einen weiteren Vorteil: Auch wer nur für einen längeren Zwischenstopp auf dem Flughafen Incheon Station macht, kann sich ein paar Stunden ins Seouler Nachtleben stürzen. Seit Dezember 2010 verbindet eine neue Schnellbahnlinie den Flughafen mit einigen markanten Spots in Seoul, darunter auch Hongdae. Rund 45 Minuten braucht man vom Airport in Seouls größtes Partyviertel.

Ausgang 9 der Hongik-University-Station bringt einen direkt ins Nachtleben. Vorbei an kleinen Buden, an denen frittiertes Gemüse, Reiskuchen in scharfer Soße und Sundae, koreanische Blutwurst, verkauft werden, geht es direkt rein ins Feiergetümmel. Unzählige Kneipen reihen sich hier aneinander. Wer vor hat, in einer der asiatischen Bars etwas trinken zu gehen, der lässt die Essenstände am besten erst einmal links liegen, denn in den hiesigen Kneipen ist es üblich, zum Trinken auch etwas zum Essen zu bestellen. Die klassischen Beilagen zum Getränk heißen in Seoul Anju. Ein Anju pro Tisch ist dabei vollkommen ausreichend.

Wer den Abend richtig koreanisch beginnen möchte, der bestellt eine Flasche Soju. Der Schnaps gehört zu jedem Ausgehabend in Seoul dazu. Soju ist günstig, eine Flasche kostet rund zwei Euro in einer der zahlreichen Soju & Hof Bars. Das Wort Hof ist in Korea gleichbedeutend mit Kneipe und leitet sich übrigens vom deutschen Hofbräuhaus ab. Ob die Sitte, ein Glas Soju ins Bier (koreanisch Maekju) zu schütten, ebenfalls aus Deutschland importiert wurde, ist nicht bekannt. Nichtsdestotrotz ist das Gemisch, ein sogenannter Somaek, die perfekte Starthilfe für einen Trip durch das Seouler Nachtleben - egal ob die Reise nach Hongdae oder Gangnam führt.

Autor:
Malte E. Kollenberg