Seoul Eine Nacht in der Sauna

Oh Gi-ho schaufelt glühende Kohle in eine Stahltonne. Schweiß rinnt ihm unter der Schutzmaske von der Stirn. Wenn der Behälter voll ist, verschließt sein Kollege Cho Sang-sun das Metallfass mit einem Deckel, dann rollen sie die glühendheiße Tonne hinter den Ofen. Aus der Lücke zwischen der schlecht sitzenden Abdeckung und dem runden Stahlbehälter schlagen noch die Flammen, es funkt und glüht.

"Das machen wir jeden Dienstag", erklärt Oh Gi-ho. Insgesamt 50 Tonnen Eichenstämme werden jeden Monat verbrannt. Einmal in der Woche schaufeln sie die glühenden Holzreste aus dem riesigen Ofen inmitten der südkoreanischen Hauptstadt Seoul. Die Anlage ist Teil einer koreanischen Sauna, eines Jjimjilbangs. Früher setzten sich die Anwohner direkt in die heißen Öfen, in denen kurz zuvor noch Ton gebrannt worden war. Heute werden die Öfen nur zu dem Zweck befeuert, die daneben liegenden Kammern zu heizen. Auf den Holzlatten, die darin auf dem heißen Stein- oder Lehmboden ausgebreitet sind, liegen, sitzen und schwitzen die Besucher. Ganz frisch angeheizt steigt die Lufttemperatur im Innenraum auf rund 100 Grad Celsius.

Jedes Jjimjilbang ist ein kleines Entspannungsparadies

Doch Jjimjilbangs sind noch viel mehr als ein runder Raum und heiße Luft. Jedes Jjimjilbang ist ein kleines Entspannungsparadies. Am Eingang erhält jeder Besucher eine Hose und ein Hemd. Frauen bekommen andere Farben als Männer. Nachdem die Schuhe in einem kleinen Schließfach deponiert sind, geht es in die Umkleide. Ab hier wird nach Geschlechtern getrennt, auch im Badebereich und in den Duschen. Erst im allgemeinen Aufenthaltsbereich treffen sich die Geschlechter wieder.

Dort arbeitet Lim Sum-ran. Die 55-Jährige ist Verkäuferin an einem von zwei Kiosken im Jjimjilbang Hanbangland. Dem Warenangebot nach ist der Kiosk eher ein kleiner Supermarkt. Trotz Nudelsuppen, Cola und Eiskaffee, am beliebtesten sind die in Sojasoße gedämpften Eier und Sikhye, ein süßliches, meist geeistes Reisgetränk. In kleinen Plastikschalen werden die dunkelbraunen Eier angeboten, dazu gehört ein kleines Tütchen Salz. Sikhye wird in Plastikbehältern mit Strohhalm verkauft. Sie gehören zur koreanischen Sauna wie die Brotzeit in einen bayerischen Biergarten.

"Das Ei und das Reisgetränk sollen den Flüssigkeits- und Salzverlust beim Schwitzen ausgleichen", erklärt Sang Hyun-kyu, Manager in Seouls größtem Jjimjilbang, dem Dragon Hill Spa direkt am Bahnhof Yongsan. 2000 Besucher kommen während der Woche pro Tag zum Entspannen und Klönen. Am Wochenende sind es bis zu 5000 Gäste. Über rund 13.200 Quadratmeter erstreckt sich der Wellnesstempel. Mit jedem erdenklichen Schnickschnack ist das Dragon Hill Spa ausgestattet. Ein Raum ist beispielsweise komplett mit japanischem Hinoki-Holz verkleidet. Besonders stolz ist man hier aber auf den Salzraum, der komplett aus Salzkristallen besteht: Boden, Decke und Wände. Der Raum gilt als besonders gesundheitsfördernd. Am rechten Rand befinden sich Sitzmöglichkeiten mit eher ungewöhnlichen Erhebungen in der Mitte. "Die Steine sind der menschlichen Anatomie angepasst und weil sie aufgeheizt sind, halten sie den Unterleib warm, wenn man sich darauf setzt", erläutert Sang Hyun-kyu. "Das ist besonders gut für Frauen."

Rustikalsauna mit Zaubersaft

Im Jjimjilbang Kyusoodang in Hongdae, einem der Ausgehviertel Seouls, hat man sich auf Feierkundschaft spezialisiert. "Viele Touristen machen nur einen kurzen Zwischenstopp in Südkorea und fliegen von hier weiter. Mit der neuen Bahnlinie vom Flughafen sind sie ruck-zuck in Hongdae, gehen hier feiern, und statt im Hotel übernachten Sie bei uns. Das ist billiger und meistens auch noch einfacher. Man muss es eben nur wissen", berichtet Ryu Chae-an. Und tatsächlich ist der nächtliche Aufenthalt im Jjimjilbang eine der besten Möglichkeiten um eine lange Nacht ausklingen zu lassen. "Wir sind aber kein Motel", fügt Ryu hinzu. Erst das Gepäck im Jjimjilbang lassen und dann ausgehen ist nicht möglich. Wer allerdings mit Rucksack oder Koffer kommt, kann seine sieben Sachen während des Besuchs in einem Hinterzimmer abstellen.

Jjimjilbangs gelten in Korea als der Geheimtipp um günstig zu übernachten. Zwischen 12 und 24 Stunden kann bleiben, wer am Eingang umgerechnet sieben Euro Eintritt gezahlt hat. Für umgerechnet einen Euro gibt es eine extra Decke dazu. In den allgemeinen Aufenthaltsbereichen sind die Fußböden beheizt, und in Kombination mit einer einfachen Matte lässt sich so die Nacht gemütlich verbringen. Dem Trend zur Übernachtung im Jjimjilbang wird im Dragon Hill Spa luxuriös begegnet. In einem neuen Bau stehen 100 Schlafkabinen zur Verfügung.

Im Hanbangland herrscht dagegen eher Lagerfeuerromantik. Statt Schlafkabinen bietet es offenes Feuer in einem "Heilraum" und dazu Folienkartoffeln. Manchmal kommt es sogar vor, dass Besucher gar nicht mehr weg wollen. "Einmal hatten wir ein Paar hier, deren Haus gerade umgebaut wurde. Die haben zwei Wochen bei uns verbracht. Weil es der Frau gesundheitlich nach der langen Zeit im Jjimjilbang viel besser ging als vorher, wären sie am liebsten hier geblieben als ins frisch renovierte Haus zurückzukehren", erzählt Kang Yun-ah. Seit Jahren arbeitet die 42-Jährige im Hanbangland. Sie glaubt, dass das Geheimnis der etwas rustikaleren Sauna in der Flüssigkeit liegt, die dort aus dem Holz extrahiert wird, hinter dem großen Ofen, dort wo Oh Gi-ho und Cho Sang-sun arbeiten.

Im Eingangsbereich können Besucher Plastikflaschen mit dem Wundermittel aus Eichenholz kaufen. Für alles soll es gut sein. Ob für die Haut, als Beigabe zu Soßen oder um gegen den schlechten Geruch im Badezimmerabfluss vorzugehen. Die Hinweise auf dem Flaschenetikett lassen keine Anwendungsmöglichkeit aus. Und auch wen das Allzweckmittel nicht überzeugt, ein Besuch im Jjimjilbang lohnt sich allemal. Denn das ist vor allem eines: sehr koreanisch.

Autor:
Malte E. Kollenberg