Tessin Zwischen der Schweiz und Italien

Das Paradies liegt in den Bergen. "Paradiso, Paradiso", verkündet der Mann in Uniform gelassen über Lautsprecher. Die Glocke am Bug des Dampfers bimmelt leise. Der See schimmert türkis, Sonnenstrahlen tanzen auf glattem Wasser. Saftig-grüne Hänge rings umher. Willkommen im Luganer Vorort Paradiso und auf der anderen Seite der Alpen - im Tessin, dem südlichsten Kanton der Schweiz. Fast schon Italien. Fast.

An der Uferpromenade wachsen Palmen und Kastanien. Das Klima ist mild, die Landschaft ein Traum, und die Bürokraten wohnen jenseits der Berge im Norden. Die Kuhglocken an dem Nippesstand neben der Anlegestelle wirken, als hätten sie sich aus einer fremden Wirklichkeit hierher verirrt.

Jetzt, zur Mittagsstunde, gibt es Risotto und Wein aus der Gegend. Hier wird Italienisch gesprochen, nur viel leiser als in Mailand oder Rom, und die Hände halten sich beim Reden zurück und liegen manierlich auf dem Tischtuch. Viele Häuser und Hotels strahlen in den Farben des Südens. Die ganze Gegend wirkt wie frisch renoviert. Fast schon Italien. Und doch: Die Autos fahren durch die Stadt ohne zu hupen und halten an den Zebrastreifen tatsächlich an. Die Züge kommen pünktlich auf die Minute und an Laternen hängen hier und dort Tütenspender für Hundekot. Es wird auch mehr Zeitung gelesen im Tessin, weil sie bei den Abonnenten wirklich jeden Morgen im Briefkasten steckt, nicht erst drei Tage später. "Das Tessin", so sagt mancher Italiener, "das ist ein Italien, das funktioniert."

"Vorzimmer des Südens" nennt der Schriftsteller Alberto Nessi seine Heimat. "Wenn ich nach Bern fahre, fühle ich mich wie im Ausland." Dabei hat Nessi gar nichts gegen die Bundesstadt. Schön sei es dort, aber wie in einer anderen Welt, und Schwyzerdütsch verstehe er kaum. Der Weg nach Italien scheint ihm natürlicher. Direkt an der Grenze, in Chiasso, ist der Literat aufgewachsen.

Wenn die italienischen Schweizer über die aus der Hauptstadt scherzen, sagen sie: Die Berner fahren so lange im Kreisel umher, bis das Benzin verbraucht ist - weil sie ständig die Ausfahrt verpassen. Hin und wieder kommt "so ein Wind aus Bern", sagt mancher über die Bundespolitik. Den nimmt man dann nicht so ernst oder regt sich einfach mal richtig auf.

"Plötzliches Italien", notierte Franz Kafka in sein Reisetagebuch, als er 1911 per Bahn den Gotthard durchquert hatte und das Tessin erreichte. "Später verschwindet das Italienische oder der Schweizer Kern tritt vor."

Die Doppelkultur ist allgegenwärtig und sehr geschätzt. Man freut sich der Nähe zu Bella Italia und ist doch froh, Schweizer zu sein.Auf der Außenterrasse eines schönen Restaurants am Luganer See steht ein Schild: "Das Brot ist teuer! Bitte nicht die Fische füttern! Danke!"

Man pickt sich von beiden Seiten einfach das Beste heraus. Ein bisschen Dolce Vita, dies aber bitte geregelt. Was die Kreativität angeht, lasse er sich von Italien inspirieren, verrät ein Tessiner Winzer. Aber bei der Qualität sei er sehr schweizerisch. Der derzeit berühmteste Tessiner ist der Architekt Mario Botta. Seine Bauwerke sind in der Welt verteilt, schmücken San Francisco und Athen und natürlich das Tessin. Bottas Bürogebäude steht in Lugano.

Auch er schätzt sehr, dass es im Tessin beide Einflüsse gibt. "Einerseits spürt man die Kultur des Nordens, den Pragmatismus, die Rationalität. Auf der anderen Seite ist da der Geist des Mediterranen mit den großen Dimensionen, dem intensiven Licht", sagt Botta, "und auch geografisch besitzt das Tessin diese zwei Realitäten!"

Bergdörfchen mit Häusern aus Granit wie vor Hunderten von Jahren und wilde Flüsse treffen hier auf spiegelglatte Seen, an deren Ufern Palmen gedeihen, Magnolien, Azaleen. Hohe Berge und die Sprachbarriere trennen den Kanton von der restlichen Schweiz. Nach Italien hin aber ist das Tessin geöffnet, dort werden die Berge langsam flacher und sanfter, spiegeln auch die Mentalität. Hier ist man offener als in der deutschsprachigen Schweiz - aber zugegeben, auch reservierter als die italienischen Nachbarn. Vertrauen will verdient sein, nicht verschenkt.

"Für mich gibt es zwei Arten von Tessinern", sagt Clown Dimitri, der in Ascona am Lago Maggiore aufwuchs und in Verscio im Centovalli ein Theater samt Theaterschule führt. "Den Ur-Tessiner, der sehr herzlich, tolerant und vorurteilslos ist, und den Neureichen, der zu Geld kam und ein bisschen diese Tugenden verloren hat." Zum Glück, sagt Dimitri, und ein Grinsen fährt über sein Gesicht, seien letztere immer noch in der Minderheit. Die Tessiner stünden in ihrer Art bestimmt den Italienern näher, seien vielleicht nur "nicht ganz so geschmeidig," sagt er und überlegt einen Moment: "Eine Spur bürgerlicher. Nicht ganz so problemlos."

Dass das Tessin ein Zwischenland ist, liebt man vor allem im Norden. Urlauber aus Deutschland und der deutschsprachigen Schweiz kommen im Sommer in Scharen in die "Sonnenstube". Dabei ist der Urlaub hier nicht gerade günstig. Aber angenehm und so sicher. Das Auto kann man überall stehen lassen und zur Not auch mal die Handtasche darin vergessen. Am nächsten Morgen ist sie noch da. Kriminalität ist kein ernstes Problem. Hier erscheint alles verlässlich.

Manchmal kann die Fürsorge komische Züge annehmen: Wenn sich das Warnschild am Verzasca-Fluss so furchteinflößend liest wie der Beipackzettel zu einem stark wirkenden Medikament.Wenn von Unterkühlungen, Blutstauungen und Strömungen die Rede ist und darunter: "Achte auf die Kinder", steht, alles viersprachig und "Kinder" noch einmal fett gedruckt. Mit dem Zusatz: "Eine Sekunde genügt, und ein schöner Ausflug wird zum Drama."

Sehr rasch hat sich der Besucher daran gewöhnt, dass das Tessin ein Italien auf halber Lautstärke ist und alles auf Hochglanz poliert. Aber dann ertappt er sich plötzlich dabei, wie er sich über eine vernachlässigte Häuserfassade freut, von der doch tatsächlich der ockerfarbene Putz bröckelt. Oder wenn mal ein paar Fenster, nicht eingehakt!, in einer Altstadtgasse geöffnet sind und ein Fernseher viel zu laut aufgedreht herunterschallt.

Doch dabei bekommt man fast ein schlechtes Gewissen: weil es wunderschön hier ist. Dann erinnert man sich an die Käsefrau vom Markt in Bellinzona. Auf die Frage, was ihr im Tessin am besten gefalle, hatte sie ohne zu zögern und fast ein wenig vorwurfsvoll geantwortet: "Aber alles doch!". Und an den Herrn auf der Bootsfahrt über den Lago Maggiore, der laut darüber nachdachte, hier in der Gegend ein Haus zu kaufen. "Vielleicht", hatte er gesagt und träumerisch über den See geschaut, "ist das ja ein Paradies, das funktioniert."

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Autor:
Andrea Walter