Fast Lane Wenn die Postfrau verspätet klingelt

Ich habe kein besonders ausgeprägtes Verhältnis zu Briefkästen. Im Büro bearbeitet mein Assistent Alex für gewöhnlich jenes Bündel, das täglich gegen 9:30 Uhr bei uns aufschlägt. Nach ungefähr einer Stunde werden mir dann ein paar Briefe zum Lesen überlassen, einige Magazine, um sie dem Stapel hinzuzufügen (damit ich sie in einem ruhigen Moment ohne Eile lesen kann). Ein paar Briefe wandern in die Tragetasche (für die entspannte Lektüre im Bett) und einige Briefe werden verschlungen, sobald ich meine eigene Post verarbeitet habe.

Manche dieser Postsendungen sind mit dem Vermerk "persönlich und vertraulich" versehen, dabei handelt es sich in der Regel um eine Mischung aus Danksagungen, Vorschlägen für Artikel von alten Obersten, die jetzt pensioniert in Devon leben, und Mitteilungen dieses seltsamen - und ich meine wirklich: seltsamen - Gefängnisinsassen, der entweder ein Fan dieser Kolumne oder von "Monocle" ist.

Zu Hause in London sehe ich die Post selten rein, das meiste wird ohnehin ins Büro umdirigiert. Aber weil ich mich immer noch in St. Moritz (meiner wahren Heimat) von einer Knieoperation erhole, habe ich begonnen, auf die Ankunft des Schweizer Postmanns zu warten, der täglich all diese hübschen, perfekt beschrifteten Aluminium-Briefkästen füllt, die den Eingang zu dem Gebäude säumen, in dem ich untergebracht bin.

Vor einigen Wochen erwähnte einer unserer Tokioter Moderedakteure, dass er frei für ein japanisches Frauenmagazin gearbeitet habe, das eine Männerausgabe herausbringe. Seit jeher ein Fan dieses Frauenmagazins, das unter seinem neuen Chefredakteur einen kompletten Richtungswechsel vollzogen und in den Verkäufen um 200 Prozent zugelegt hat, war ich natürlich scharf darauf, dessen neuen kleinen Bruder zu sehen.

Via E-Mail alarmierte ich meine Kollegen in Tokio und London, dass ich unbedingt eine Vorab-Ausgabe dieses neuen Biests in den Fingern halten wolle. Das Londoner Büro kriegte ein Exemplar und vermeldete: "Sie haben wirklich hinbekommen, was Magazine gerade jetzt brauchen. Du wirst es lieben."

Im Nachhinein, muss ich sagen, habe ich zu sehr auf die Stärken der britischen Royal Mail vertraut. Aber ich redete mir gut zu, dass das Magazin irgendwann am Samstag spätestens auftauchen werde - entweder auf regulärem Weg oder durch eine Sonderzustellung. Aber: Nichts.

Nachdem auch am Sonntag nichts geliefert wurde, erhielt ich am frühen Montag einen Anruf von FedEx, wann ich denn zu Hause sei? Da das Unternehmen kein großes Verständnis für meinen Physiotherapieplan aufbrachte, sagte ich Ihnen, sie sollten die Sendung beim Portier abliefern oder sie einfach gegen meine Zimmertür lehnen.

Dann musste ich mir ausdenken, wie ich mich in den nächsten paar Stunden beschäftigen könne. Die Physio würde eine Stunde fressen. Ein schneller Besuch der örtlichen Co-op-Filliale wegen Zeitungen und ein paar Essentials würde weitere 15 Minuten aufbrauchen - und dann was?

Als ich von meinen Besorgungen zurückkam, fand ich in meinem elektronischen Briefkasten zahlreiche Meldungen, dass Condé Nast weitere Magazine schließen werde: das "Gourmet" werde dem "Cookie" und ein paar anderen folgen. Während ich die Meinungen und Analysen zu all dem durchging, summte die Klingel.

Ich schlurfte zur Tür, wo die Dame von FedEx mit einem Kugelschreiber bereit stand, zwei Pakete haltend - eines war groß und eines war ein großer Umschlag. Weil ich wusste, was sich in dem Umschlag befand, ging ich zuerst auf das Paket los und war ziemlich überrascht darin ein Mikrofon und äußerst aufwendige Ausrüstung für mein Mini-Karaoke-System zu finden.

Die beigelegte Karte erklärte, dass dies das perfekte Geschenk sei, um in den Bergen beschäftigt zu bleiben und auch dazu diene, Freundschaften mit seinem Schweizer Nachbarn zu schließen. Das Geschenk war von Emilia de Poret und ihrem Ehemann Amaury - sie eine sehr talentierte schwedische Popsängerin und nun auch eine neue Karaoke-Seelenverwandschaft.

Bevor ich meine Aufmerksamkeit dem Umschlag widmete, machte ich mir einen Kaffee, dann riss ich das Paket auf. Während ein Klang die Ankunft einer neuen E-Mail im Hintergrund ankündigte, fragte ich mich ob es eine digitale Entsprechung zu dieser Erfahrung gäbe: diesem lustigen Vorspiel, das man mit einigem Papier, Kleber und Tinte haben kann, dem Ritual des Wartens auf ein ausgezeichnetes Magazin oder Buch und schließlich der Zeremonie des Cover-Betrachtens?

Dann dieses erste zögerliche Blättern durch die Seiten, um das Auge zu reizen. Mit angeregtem Appetit schließt du das Magazin dann, damit du es später, nachdem du es dir entsprechend behaglich gemacht hast, so richtig genießen kannst. Ich kann mir keine Entsprechung dieses Gefühls in "den neuen Medien" vorstellen. Selten bin ich besonders aufgeregt wegen eines Website-Launches. Nie war ich in freudiger Erwartung, etwas auf YouTube sehen zu können. Die einzige ähnliche Sache, bei der ich neulich vielleicht Aufregung verspürt habe, war beim Betrachten des letzten Jason-Bourne-Films.

Am Ende des Tages schenkte ich mir jedenfalls ein kleines Glas Wein ein, schaltete die Nachttischlampe an und widmete mich diesem Magazin. Das Cover war warm, einladend und wunderschön beleuchtet. Das Magazin war ein klein wenig übergroß und in einer interessanten Technik geklammert, die es den Herausgebern erlaubt hatte, eine Vielzahl unterschiedlicher Papiere einzuarbeiten. Es roch hölzern und fühlte sich gehaltvoll an. Es war alles was viele Magazine (das dauernswerte "Gourmet" und das "Cookie" eingeschlossen) nicht sind: Es war sowohl kommerziell als auch redaktionell ein Stück wahrer Handarbeit - im Gegensatz zu den meisten Magazinen dieser Tage, die längst damit aufgehört haben, eine angemessene Wertschätzung jenes Mediums zu sein, das sie repräsentieren; stattdessen sind sie nicht mehr als Broschüren für ihre verlustreichen Web-Auftritte.

Einige von Ihnen werden das Magazin, über das ich hier rede, längst erkannt haben. Der Rest muss noch eine Woche auf die große Enthüllung warten.

Übersetzung: MERIAN.de

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Autor:
Tyler Brûlé