Schweiz Wandern, Biken und Klettern in Flims

Wanderführer Curdin Bundi

Auf 2675 Metern Höhe erwartet man nichts anderes als einen tollen Fernblick. Doch auf dem Cassonsgrat im schweizerischen Graubünden bleibt selbst routinierten Wanderern der Mund offen stehen, wenn sie nach der Fahrt in einer von zwei 57 Jahre alten, roten Gondeln an der Bergstation Cassons ankommen: Tief unten im Tal liegen winzige, weit verstreute Bergdörfer, blaue Seen leuchten als Farbtupfer zwischen dunkelgrünem Tannenwald und sattgrünen Wiesen, und die Berge – ach, die Berge! – umrahmen die komplette Szenerie wie eine gewaltige, steinerne Kette. Ihre schneebedeckten Gipfel wirken, als hätte ein Riese sie aus einer lustigen Laune heraus mit Puderzucker bestäubt.

"Es ist ungewöhnlich, dass noch so viel Schnee hier oben liegt", sagt Curdin Bundi und deutet auf die weißen Bergspitzen. Auf Hochdeutsch hieße der kernige Graubündner mit dem grauen Schnauzbart und der schwarzumrahmten Brille Konrad – man befindet sich auf rätoromanischem Sprachgebiet. Zusammen mit seiner Frau führt Bundi ein Sportgeschäft unten in Flims, seit zehn Jahren arbeitet er zudem als Wanderleiter. Für den 65-Jährigen ist diese Arbeit jedoch mehr als bloßer Zuverdienst. Er ist mit diesen Bergen aufgewachsen, kennt sie wie seine Westentasche. "Ich komme jeden Sonntag in aller Herrgottsfrühe her", sagt Bundi. In typisch schweizerischem Understatement wiegelt er gleich wieder ab: "Doch, ich kenne den Berg recht gut. Aber er verändert sich jedes Jahr ein bisschen."

Faszinierende Bergwelt und Graubündner Speisen

Bundi erzählt von der außergewöhnlichen Geschichte der Flimser Bergwelt. Ihre Gipfel gehören zur Tektonikarena Sardona, die 2008 zum Unesco-Welterbe gekürt wurde. Durch einen Zusammenstoß der afrikanischen und der europäischen Kontinentalplatten türmten sich die Glarner Alpen hier über Jahrmillionen Jahre hinweg auf. Jüngeres Gestein schob sich unter älteres Gestein – normalerweise ist das umgekehrt. "An der 'Glarner Hauptüberschiebung' sieht man schon von weitem, wo dieser Prozess vonstattenging", sagt Bundi und weist auf eine markante Linie, die den Berg in zwei teilt. Vom flachen, steinigen Cassonsgrat geht er weiter über Felsen und Felder aus gehärtetem Schnee bis zum Unteren Segnesboden. Von dieser Hochebene hat man einen guten Blick auf das Martinsloch. Die runde, etwa 19 Meter hohe Öffnung befindet sich am rechten Rand der Tschingelhörner – neun Berggipfel, die wie eine Reihe überdimensionaler, versteinerter Vampirzähne spitz in die Luft ragen.

Flimser Berge
Melanie Maier
Selbst in den Sommermonaten liegt auf den Gipfeln noch Schnee.
Nach einer kurzen Mittagspause in der Segneshütte mit deftigen Capuns – in Mangold gewickeltem Spätzleteig mit gebratenem Speck und Käse – geht es weiter auf den "Trutg dil Flem". Der weiß-rot-weiß markierte Wasserwanderweg führt am Bach Flem entlang bergab – mal geht es durch schattigen Wald, mal an bunten Bergwiesen vorbei. Hier blühen weiße Margeriten, blaue Glockenblumen, violetter Wiesenklee und gelbe Schlüsselblumen. Auf dem Trutg dil Flem überquert man sieben Brücken, die von dem Schweizer Architekten Jürg Conzett entworfen wurden. Unter der vorletzten Brücke – der Wasserfallbrücke – rauscht der Flem wild tosend über die Felsen. Sie zerstäuben seine eisige Gischt in Myriaden kleinster Wassertröpfchen: eine willkommene Abkühlung für die müden Wanderer. Rund 1500 Höhenmeter unter dem Cassonsgrat stößt man schließlich auf die ersten Häuser von Flims. Dort  empfiehlt sich Curdin Bundi – seine Frau erwarte ihn bereits zum Abendessen.

In einem Höllentempo talwärts: Augen zu und durch

Dass Flims nicht nur bei Wanderern, sondern auch bei Bikern sehr beliebt ist, verwundert niemanden, der schon mal dort war. Neben schönen Radwegen zu drei türkisblauen Badeseen – dem Crestasee, dem Laaxersee und dem Caumasee – locken die Downhill-Routen "The Never End", "Afterwork Trail" und "TREK Runca-Trail" Freerider, Cross-Country-Fahrer und Enduro-Biker aus ganz Europa nach Flims. Bevor man sich auf eine dieser Pisten wagt, kann man seine Fahrfähigkeiten in sogenannten "Skill Areas" an den Talstationen verbessern. Guide Dario Linder macht es vor und dreht auf seinem Bike eine Runde auf dem "Pumptrack" – einer rechteckigen Schotterpiste, auf der sich viele kleine Hügel aneinanderreihen. Linder tritt drei, vier Mal in die Pedale, dann holt er jeweils vor dem nächsten Hügel mit dem ganzen Oberkörper Schwung und flutscht einmal durch den Track. So geht das!

Pumptrack Flims.
Melanie Maier
Mit der richtigen Technik muss man im Pumptrack nur mit dem Oberkörper Schwung holen.
Oben auf dem Runca Trail fängt dann das große Zittern an. Nach der gemütlichen Fahrt im Sessellift von Flims über die Bergstation Foppa bis nach Naraus klopft einem das Herz zu Beginn des steilen Freeride-Trails bis zum Hals, während man in einem speziellen Downhill-Schutzhelm wie Darth Vader vor sich hinröchelt. Dabei kann in der Schutzmontur aus Knie- und Ellbogenprotektoren plus Brust- und Rückenpanzer wenig passieren. Linder fährt voraus. "Immer mindestens 15 Meter weit nach vorne gucken!", ruft er. "Nicht direkt nach unten schauen. Je schneller man fährt, desto einfacher ist es." Der Downhill-erprobte Radguide hat natürlich Recht. Wenn man sich erst einmal traut, saust man in einem Wahnsinnstempo abwärts – und genießt es. Anfänger haben zudem immer die Möglichkeit, die künstlich angelegten Hindernisse des Runca Trails zu umfahren.

Klettersteig Pinut.
Melanie Maier
Am Fels entlang und steil bergauf: der Klettersteig Pinut.
Der historische Klettersteig Pinut

Doch Flims hat noch mehr zu bieten: Der Klettersteig Pinut führt von der Milchstation in Fidaz – einem Ausläufer von Flims – in rund drei Stunden auf den Flimserstein. Auf einem schmalen Pfad durch den Wald geben die Baumspitzen immer wieder den Blick auf die Südseite des steil abfallenden Hochplateaus frei. Nach etwa einer halben Stunde Fußmarsch gelangt man an den Einstieg des Klettersteigs. Da werden die Knie dann doch etwas weich: Nur über eine dünne Steigleiter erreicht man die erste eiserne Treppe, die direkt am Fels entlang nach oben führt. Es hilft alles nichts. Beide Karabiner einklinken, tief durchatmen und es geht hoch auf den ältesten noch erhaltenen Klettersteig der Schweiz.

Nach dem ersten steilen Aufstieg und ein paar Metern über nackten Stein fühlt man sich im Gänsemarsch schon etwas sicherer und wagt einen vorsichtigen Blick in die Ferne. Die eindrucksvollen Gipfel der Signina-Gruppe begrenzen den Horizont und zwischen Waldflächen, die bis an die Berghänge reichen, blitzen die türkisgrünen Flimser Seen im Sonnenlicht. "Hier sieht man noch die Reste einer alten Treppe", sagt Alex Eberhöfer und deutet auf eine in die Jahre gekommene Holzleiter tiefer unten am Fels. Der gebürtige Flimser arbeitet seit 1997 als Bergführer – der Pinut ist ein Heimspiel. "Den Klettersteig gab es schon im 18. Jahrhundert. Pinut heißt aber eigentlich nicht der Gipfel, sondern eine Wiese am Berg. Sie gibt gerade genug Heu für eine Kuh. Trotzdem suchten die Bauern früher einen Weg hinauf – da sieht man, wie arm die Flimser damals waren."

1906 kaufte Christian Meiler-Brun aus Flims die Pinut-Wiese und begann sofort mit der Anbringung eiserner Treppenleitern, die größtenteils noch heute bis nach oben führen. 2007 wurde der Klettersteig renoviert. Die neuen Treppen und Stege kleben fast freischwebend am Berg – das ist nur etwas für Schwindelfreie. Technisch ist der Pinut aber einfach, auch Anfänger können ihn bewältigen. Nach rund 450 Höhenmetern, drei Felswänden, zwei bewaldeten Terrassen und einem schmalen Höhlendurchgang erreicht man erschöpft und zufrieden die Hochebene des Flimsersteins. Dort kann man sich in ein Gästebuch eintragen, das in einer Art Metallbriefkasten verwahrt wird. Nur wenige hundert Meter weiter ruft eine Selbstbedienungshütte mit Rivella und kühlem Panaché (Schwizerdütsch für Bier mit Limonade - für Norddeutschte also ein Alsterwasser und für Süddeutsche ein Radler) zur Pause. Schließlich geht es zum letzten Mal bergab – zum Glück auf einem bequemeren und einfacheren Weg.

Autor

Melanie Maier