Mit Stil Skiurlaub ohne Skier

Es gibt drei Kommentare, die man ständig zu hören bekommt, wenn man erzählt gerade in Zermatt im Skiurlaub gewesen zu sein: 1. "Ist der Wohlstand bei Euch ausgebrochen?" Nein, leider nicht, aber ja: Zermatt ist verdammt teuer. 2. "Ach, das Matterhorn... Da ist doch das Matterhorn, oder?" In der Tat, und ".ZerMATT" und "MATTerhorn" ist eigentlich eine spitzen Eselsbrücke; aber das nur so nebenbei. 3. "Wahnsinns-Skigebiet!" Letzteres kann ich zwar mit Blick auf die Pistenkarte auch irgendwie bestätigen, nur aus eigener Erfahrung leider nicht. Das war nämlich mein erster Skiurlaub ohne Ski fahren.

Ich habe mich früher immer gefragt, was diese Menschen eigentlich im Winter in den Bergen die ganze Zeit machen, wenn sie weder Abfahrt noch Langlauf betreiben. Aber seit einem etwas hartnäckigen Hüftproblem, auf das ich hier unter keinen Umständen näher eingehen will, weiß ich: Skiurlaub ohne Ski fahren geht. Es kann sogar ganz schön sein; wenn man Käse in allen Variationen mag und zwischendurch mal die Sonne scheint.

Auf der Internetseite von Zermatt steht: "Bei 300 Sonnentagen im Jahr fällt so wenig Niederschlag wie sonst nirgends in der Schweiz." Zermatt ist also quasi die Cote d'Azur der Schweiz. Aber auch die bekommt mal ein Tief ab und dieses sehr seltene Ereignis durften wir diesmal exklusiv miterleben: von sieben Tagen schien nur zweimal die Sonne, was - wie unsere Vermieterin, die Wirtin der "Ritty Alm" und der Taxifahrer nicht müde wurden zu betonen - wirklich ungemein selten und jämmerliches Pech ist. Genau das will man hören im Urlaub.

Aber zum Glück ist Zermatt an sich ja auch schön: relativ wenige Bausünden, malerische Kulisse, nur Elektrofahrzeuge, die allerdings so leise sind, dass die Gefahr überfahren zu werden wahrscheinlich größer als in, sagen wir, der Autoaltlasten-Hochburg Togo. Dazu gibt es dort die wahrscheinlich höchste Boutiquen-Dichte für Luxusuhren in ganz Europa (ungefähr 1 pro 10 Einwohner) und das Hotel "Mont Cervin Palace" mit einem schönen Bade- und Spa-Bereich für die zwei wirklich verregneten Tage pro Jahr.

Eine bedenkliche Verbreitung von Outdoor-Jacken im Partnerlook

An den übrigen Tagen, während die anderen Ski fahren waren, ging ich also wandern. Was man halt so tut als Nicht-Skifahrer. Das ist eine eingeschworene Gemeinschaft, diese "Stöckerer", die ohne Brett aber mit Skistöcken den hübschen Weg von Zermatt nach "Blatten" oder "Zum See" erklimmen: Jeder grüßt jeden, was in der Hochsaison glaube ich etwas anstrengend wird. An hübschen Aussichtspunkten aufs "Hörnli" kommt man auch mal ins Gespräch, vor allem, wenn man den Altersdurchschnitt auf der Strecke um ungefähr 30 Jahre senkt und keine TÜV-geprüften Wanderschuhe trägt. Was mir außerdem auffiel: die bedenkliche Verbreitung von Outdoor-Jacken im Partnerlook, die zwar zur Komplexitätsreduktion beim Koordinieren einer 10-köpfigen Familie auf der Piste irgendwo Sinn machen mag, bei einem einzelnen Pärchen aber ähnlich lächerlich daherkommt wie aufeinander abgestimmte Pyjamas.

An einem der beiden Sonnentage bin ich bis zur Ritti-Alm hochgestiegen, die unterhalb von Riffelberg liegt und glücklicherweise auf den wenigsten Karten eingezeichnet ist. Eine Hütte, wie man sie sich wünscht, ohne Ballermann-Musik, ohne Liegestühle, dafür mit jeder Menge Sonnenplätzen und dem besten hausgemachten Apfelstrudel. Theoretisch kann man auch mit der Gornergrat-Bahn hoch fahren, eine Stunde durch den Schnee laufen, und dann bis Riffelalp fahren, um den Rest bis ins Tal zu laufen - alles zum Spottpreis von nur 56 Franken! Aber bergauf ist der Weg deutlich angenehmer und bis zur Ritti-Alm hat man bei Sonne mehr geschwitzt als ich in meiner ganzen, überschaubaren Skikarriere. Da ist das anschließende Käsefondue dann schon wieder halb drin.

Andere Vorteile als "Stöckerer": Sie sind zeitlich flexibler als die Skifahrer, die alle immer noch vor dem Hütten-Abhängen auf die italienische Seite rüber fahren wollen und deshalb immer die besten Sonnenplätze weg schnappen. Man kriegt gefühlt noch mehr frische Bergluft ab (auch wenn das natürlich totaler Quatsch ist). Man trinkt deutlich weniger, weil man beim Après-Ski zwar auch in Skiklamotten steckt und die Haare von der Mütze genauso ruiniert sind wie vom Skihelm, sich aber trotzdem irgendwie nicht-zugehörig fühlt.

Jetzt muss ich aufhören, sonst glaube ich am Ende noch selbst, dass Skiurlaub ohne Ski fahren in Wirklichkeit viel besser ist und ganz so, ist es dann doch nicht. Nächstes Mal werden die "Stöcker" wieder an den Nagel gehängt.

Autor:
Silke Wichert