Schweiz Schauriges Maskenfest im Lötschental

Tschäggättä - schon der Name ist ein Wortungeheuer. Jedes Jahr an Mariä Lichtmess erwachen im Schweizer Lötschental die dazu gehörigen Gruselgestalten zum Leben: Behängt mit Ziegen- und Schaffellen, die Füße in alten Säcken, Kuhglocken laut bimmelnd um die Taille und, am allerwichtigsten, das Gesicht entstellt mit einer Schauermaske, bewegt sich ein Tross hüpfend und laufend durch die Gassen. Ein Almauftrieb von Freaks - und einer, der eine lange Tradition hat in der Gegend: Über Jahrhunderte wurde die Tradition des Schnitzens kunstvoll entstellter Holzmasken von Familie zu Familie weitergeben.

Als Ursprung des Maskenspektakels wird der Walliser Volksaufstand von 1550 gesehen. Manch Forscher vermutet gar, dass die Verkleidungen bis ins 11. Jahrhundert zurückgehen - damals trieb eine Räuberbande im Lötschental ihr Unwesen. Über die Jahrhunderte nahm der Brauch immer wieder unterschiedliche Formen an, gleich blieb die Regel, dass der Zug nur von ledigen Männern ausgeübt werden durfte.

Hinter gruseligen Masken und Kostümen verschanzt, zogen sie durch die Straßen. Das Ziel: Kindern und jungen Frauen Respekt beizubringen. Dabei erlaubten sich die Maskenträger teils derbe Späße: Junge Frauen wurden mit Ruß und Blut beschmiert, Kinder wurden von den Gruselgestalten bis zur Erschöpfung um die Hütten gejagt. Über die Jahrhundert versuchte die Kirche immer wieder, dem gruseligen Treiben Einhalt zu gebieten - aber das machte die Tschäggättä nur populärer.

Angst und Schrecken verbreiten wollen die Tschägättä, die Gescheckten, noch heute. Längst jedoch ist aus dem einst wilden heidnischen Treiben eine familienfreundliche Touristenattraktion geworden, "Tschägättä light" sozusagen: Inzwischen sind auch Verheiratete und Jüngere zugelassen, auch die Späße sind harmloser: ein Schütteln, ein Klaps auf den Po, Einseifen mit Schnee und nur manchmal noch das Schwärzen der Opfer mit Ruß - die maskierten Monster haben an Schrecken verloren.

Da die meisten von ihnen heutzutage im echten Leben tagsüber berufstätig sind, werden die einst über die Tage zwischen Mariä Lichtmess und Aschermittwoch verteilen Umtriebe in zwei abendlichen Umzügen gebündelt. Besucher von nah und fern finden sich dann im Lötschental ein, um sich von den geheimnisvollen Maskengestalten einen wohligen Schauer des Schreckens über den Rücken jagen zu lassen.

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Nico Cramer