Bern und Berner Oberland Kaviar aus der Schweiz

Störe im Tropenhaus Frutigen

Wie man aus der Not eine Tugend macht, lehrt der Stör im Frutiger Tropenhaus. Die Not ist das vom Erdinneren auf 18 Grad erwärmte Gebirgswasser, das sich in der Röhre des neuen Lötschberg-Basistunnels sammelt. Statt wie früher zu versickern, tritt es heute ins Freie – und würde ungekühlt Fauna und Flora der Flüsse im Tal gefährden. Doch ein Tunnel-Ingenieur wurde von seiner russischen Gattin zu der Idee inspiriert, die daraus eine Tugend machte: Störe, 200 Millionen Jahre alte Überlebenskünstler, kennen solche Temperaturen aus sommerlich-warmen Flussunterläufen. Und obendrein werden sie – vor allem in Russland – geschätzt für ihre Eier: Kaviar.

Restaurant Oona
Tropenhaus Frutigen
Restaurant Oona
Seit 2009 haben Störe nun ein neues Habitat erobert: Das warme Tunnelwasser wurde am Stadtrand von Frutingen umgeleitet in künstliche Warmwasserbecken. Darüber entstand ein Tropenhaus, heute ein beliebtes Ausflugsziel mit Bananen und Papaya-Plantagen und ausgezeichnetem Restaurant. Und ja, auch die Idee mit dem Kaviar hat geklappt. Eine Austellung erzählt die Geschichte der Fischart, die bereits zu Zeiten der Dinosaurier unsere Flüsse und Meere bevölkerte – und die heute durch die Überfischung unserer Gewässer und schwindende Lebensräume vom Aussterben bedroht ist. Kindgerechte Bilder zeigen und erklären die hiesige Kaviar-Produktion bis hin zum Wermutstropfen, dass die Tiere zur Entnahme ihrer Eier geschlachtet werden müssen.

Bananenstauden im Tropenhaus Frutigen
Tropenhaus Frutigen
Bananenstauden im Tropenhaus Frutigen
Der Frutiger Kaviar der Marke "Oona" ist der erste Schweizer Kaviar. 500 Gramm des "No. 103" kosten 1568 Franken. Ein Fantasiepreis? "Wir nehmen jedes Tier zehnmal in die Hand", erklärt Paul Sindilaria, Leiter Aquakultur und Veredelung. Drei Jahre verstreichen allein, bis das Geschlecht eines Störs bestimmt werden kann. Kurz danach liegen die Männchen als Filets in den  Delikatessenläden. Die Weibchen dürfen noch ein paar Jahre weiterschwimmen, müssen aber regelmäßig zum Ultraschall, wo das Reifestadium ihrer Eier kontrolliert wird. Für die letzten Monate werden sie in kaltes Wasser umquartiert und auf Diät gesetzt, damit Fleisch und Eier nicht nach Schlamm schmecken. Und das Warmwasser? Bevor es zurück in die Natur sprudelt, beheizt es die Frutiger Tropenhallen und lässt dort Zimt, Kakao und Kaffee gedeihen – wobei es abkühlt. So helfen sie sich gegenseitig: das warme Tunnelwasser und der Stör.

Stör im Tropenhaus Frutigen
Tropenhaus Frutigen
Schuppenloser Bartträger: Stör im Tropenhaus Frutigen
Der freundliche Bartträger ohne Schuppen und Gräten, dessen glitzerndes Knorpelgerüst sich wie Perlenketten an Rücken und Körperflanken entlangzieht, ist eigentlich längst aus den hiesigen Flüssen verschwunden. Nun ist er doch in die Schweiz zurückgekehrt.
www.tropenhaus-frutigen.ch
Autor:
Martin Helg