Tessin Hermann Hesse am Luganer See

Hermann Hesse wohnte viele Jahre im Tessin

Es ist das Jahr 1919. Der Erste Weltkrieg, die Inflation, der Tod des Vaters, eine gescheiterte Ehe und ein schwer erkrankter Sohn haben Hermann Hesse gezeichnet, ihn mittellos, frustriert und allein zurückgelassen. Also sucht der 42-Jährige eine neue Heimat und findet sie in dem Bergdorf Montagnola über dem Luganer See.

Zunächst belächeln die Einwohner den "komischen Deutschen mit dem Strohhut", für sie ist er ein "paciügon", ein Wirrkopf. Und völlig unbekannt. Man konnte ja nicht ahnen, dass in den Zimmern der unbeheizten Casa Camuzzi ein künftiger Nobelpreisträger logiert. Doch Hesse erholt sich im Paradies von seiner Depression. "Hier scheint die Sonne inniger und die Berge sind röter", schwärmt er. Es ist die "vollste, üppigste, fleißigste und glühendste" Zeit seines Lebens. Mit der Novelle "Klingsors letzter Sommer" setzt er seinem Alter Ego und dem Bergdorf ein literarisches Denkmal. Außerdem vertieft er hier seine in der Therapie erworbenen Malkünste und mausert sich zum Aquarellmaler. "Ich liebe nicht nur die Landschaft und das Klima, sondern auch die Tessiner." Hesse sollte nicht der letzte Literat sein, der sich im Tessin niederließ.

Bis heute profitiert Montagnola vom Schaffensrausch des Dichters, der bis zu seinem Tod 1962 dem Ort treu blieb. 15 000 Literaturliebhaber pilgern jährlich in das ihm gewidmete Museum, um seine Aquarelle und seine Brillen zu bestaunen – und natürlich die Schreibmaschine,auf der er "Das Glasperlenspiel" und "Siddharta" schrieb. Und nach dem Besuch führt ein Themenweg kulturbeflissene Wandersleute zu jenen Plätzen, die Hesse zu seinem Werk inspirierten.

Das Museum Hermann Hesse ist von März bis Oktober täglich, dazwischen nur am Wochenende geöffnet. www.hessemontagnola.ch

Diese drei Literaten machten Berzona zum berühmten Künstlerdorf:

Der Gastgeber: Max Frisch erwarb 1964 ein altes Steinhaus in Berzona und blieb bis zu seinem Tod 1991. Dort heiratete er und liebte es, die Künstlerprominenz zu bewirten. Seine Erzählung "Der
Mensch erscheint im Holozän" spielt im Onsernone-Tal.

Der Sprössling: Golo Mann, passionierter Wanderer, kaufte Ende der Fünfziger ein Ferienhaus oberhalb des Ortes, wo der Historiker an seinem "Wallenstein" schrieb. Selbst die Dorfbewohner wussten, dass Thomas Mann sein Vater war.

Der Eigenbrötler: Alfred Andersch kam 1957 in das abgelegene Bergnest, wo er sich bis zu seinem Tod 1980 völlig auf die Arbeit konzentrierte. Aus dem Refugium wetterte er gegen Atomwaffen und
Massenkonsum. Wie Frisch liegt er in Berzona begraben.

Weitere Informationen über das Tessin: www.ticino.ch

Autor

Cornelia Heim