Schweiz Größter Abenteuerspielplatz der Alpen

Prächtig sieht’s aus von hier oben. Aus der Gondel der Stockhornbahn fällt der Blick weit über das Berner Oberland. Grüne Almen und weiße Gipfel sind zu sehen, tief unten grasen Kühe. Welch himmlischer Bergfrieden! Wäre da nicht Jumpmaster Michi, der sich anschickt, mir ein 100 Meter langes Gummiseil um die Füße zu knoten und mich daran erinnert, noch ein letztes Mal tief durchzuatmen. "Halb so wild", sagt er. "Einfach sachte vorn über kippen lassen. Hörst mi?"

Der Mann hat gut reden. Er ist in den Bergen aufgewachsen und schon als Knirps in kurzen Hosen über die Grate geturnt. Doch er mag sich noch so gut auskennen, von Höhenangst hat er keine Ahnung! Unter meinen Turnschuhen, die über die kleine Rampe der Gondel ragen, geht’s abwärts – 134 Meter schnurstraks ins Bodenlose! Und spätestens jetzt begreife ich etwas sehr Elementares. Nämlich dass man zum Bungee-Springen vor allem eines braucht: Mut – Mut zum Nein sagen! Ohne mich. Auf keinen Fall! Und so spreche in letzter Sekunde den weisen Satz: "Michi, ich hab’s mir anders überlegt. Bind’ mich los. Hörst mi!"

Tja. Dann eben kein Bungee-Jumping. Und das macht überhaupt nichts. Denn hier gibt es zig Alternativen, um sich auszutoben. Willkommen in Interlaken – dem wohl bekanntesten Abenteuerspielplatz der Alpen. Eingerahmt vom Brienzer- und Thunersee sowie vom gigantischen Dreigestirn Eiger, Mönch und Jungfrau liegt der kleine Ort inmitten alpiner Idylle. Und bietet modernen Erlebnis-Urlaubern und solchen, die es werden wollen, eine schier unbegrenzte Zahl an Outdoor-Kicks. Denn Interlaken ist so eine Art Epizentrum für Thrill-Sucher. Kaum etwas, das hier nicht geht: Ob Paragliding, Riverrafting, Kayaking, Biken oder Hiken, dazu Klettern und Kraxeln in allen Varianten – die Liste an Sportmöglichkeiten nimmt gar kein Ende. Ein Eldorado also für alle, die Bergluft schnuppern und dabei nicht nur krimilesend im Sonnenstuhl vor der Alphütte liegen wollen.

Und der nächste echte Krimi wartet schon. Aber diesen hier werde ich genießen. "Lauf!" ruft Fluglehrer Peter. Und wir laufen los. Hinter uns bläht sich der Gleitschirm riesenhaft auf, noch vier, fünf Schritte den Hang hinunter, der Boden scheint wegzukippen – und dann heben wir ab. Wir fliegen! Lautlos. Immer höher. Immer schöner. Wie im Schaukelstuhl sitze ich in dem Tandemgeschirr vor dem Piloten, und der gibt mir jetzt sogar die Steuerleinen in die Hände. Links rum, rechts rum: Gleiten auf Augenhöhe mit den Falken. Paragliding ist eines der Highlights in Interlaken, machbar auch für absolute Fluganfänger. Wer will, kann nach dem Schnupperflug einen Grundkurs absolvieren. Und schon nach einer Woche solo durch die milde Bergluft sausen – in weit über 1000 Meter Höhe.

Es ist nachmittags, über den Gipfeln schwebt ein sattblauer Himmel, und die nächste Eskapade heißt Canyoning. Zehn Meter über einem brodelnden Fluß stehen wir mit acht Leuten mitten in der Saxetenschlucht, bestens verpackt in Klettergurten, Helmen und mit dicken Karabinern bestückt. Wir seilen uns ab, rutschen über Felsvorsprünge und pendeln an lotrechten Klippen talwärts. Näher kann man der Natur nicht kommen. Canyoning, das bedeutet die Berge fühlen. Betasten. Riechen.

 Aber Interlaken kann einen auch ganz sanft auf Trab bringen. Bei der herrlichen Mountainbiketour am Wilderswil etwa, bei einer leichten Bergwanderung bis hoch zum Augstmatthorn oder auch nur beim ruhigen Verharren abseits allen Trubels. Ganz oben am Beatenberg haucht ein leichter Wind durch die Massive, erhaben liegt einem das gesamte Tal zu Füßen – und kein Mensch weit und breit. Nach drei Tagen Abenteuer satt ein Moment grandioser Einkehr. Denn zum Schluss gibt’s noch eine elementare Erfahrung, gratis: Die gewaltigen Berge rufen nicht. Sie schweigen mir eine wundervolle, majestätische Stille entgegen.

Wissenswertes

Spätestens Ende April beginnt die Frühjahrssaison für alle Outdoor-Aktivitäten. In Interlaken haben sich über 30 Spezialveranstalter angesiedelt, die kleine und großen Abenteuer für jeden Geschmack anbieten. Alle Touren und Aktivitäten können vorab per Telefon oder direkt vor Ort gebucht werden. Und die Möglichkeiten sind zahlreich: Bungee, Canyoning, Biken, Gletscherwandern, Golfen, Hydrospeed, Fallschirmspringen, Paragliding, Inline-Skaten, Reiten, Kajaken und Windsurfen auf den Seen bis hin zum Zorbing (bergab rollen in einem großen weichen Ball): Erfahrene Guides weisen die Teilnehmer ein und begleiten sie auf den Ausflügen in der Umgebung. Bike- und Wandertouren können natürlich auch auf eigene Faust unternommen werden. Wer sich ein individuelles Pauschal-Package zusammenstellen lassen will, kontaktiert Interlaken Tourismus: Verlängerte Wochenenden zum Beispiel mit Abenteuern und Unterkunft nach Wahl werden hier genau nach Wunsch geschnürt. Kontakt: Tel. 0041/33/8265300. Eine Liste aller Veranstalter im Internet unter: www.interlakentourism.ch

Für Singles:

In munterer Gesellschaft macht Abenteuer gleich doppelt so viel Spaß. Das gilt besonders fürs River Rafting. Bis zu 12 Teilnehmer legen Schwimmwesten, Helme und Neoprenanzüge an und rauschen anschließend zusammen in einem Boot die klaren Wildwasser der Simme oder Lütschine runter – freudiges Gekreische garantiert! Trips dauern 4 Stunden und kosten 95 CHF inkl. Transfers, Snacks, Ausrüstung. Über: Alpin Center Interlaken, Tel. 0041/33/8235523 (www.alpincenter.ch).

Gruppendynamik ist auch beim Canyoning angesagt, wo sich die Teilnehmer teils gegenseitig sichern und gemeinsam die Schluchten erobern. Eine 3,5-Stunden-Tour ins Saxeten-Tal kostet 110 CHF inkl. Transfer und Ausrüstung. Über: Outdoor Interlaken, Tel. 0041/33/8267719 (www.outdoor-interlaken.ch)

Wer nicht nur rauf auf die Berge will, kann in Interlaken auch einen Windsurfkurs belegen. Erstaunlich: Wegen guten Thermikwinden und Flachwasser herrschen hier optimale Bedingungen – auch für Novizen. Bei den beliebten Weekendkursen lernt man dabei schnell und locker Gleichgesinnte kennen. Kosten: 180 CHF inkl. Material und Schulung. Über: Hangloose, Tel. 0041/79/2335228 (www.surfshop-hangloose.ch)

Nightlife: Der angesagteste Club in Interlaken ist die "Metro Bar" in Balmer’s Herberge. Bei guten Drinks und bekannten DJs füllt sich jeden Abend der kleine Dance Floor – bis in die frühen Morgenstunden. Gemütlich: die vielen Couches, auf denen sich Jung und Alt  zum "Chill out" treffen (www.metrobar-interlaken.com)

Für Paare:

Wer sich zusammen fit halten will, macht zum Beispiel eine Bike-Tour. Die Berge rund um Interlaken bieten perfekte Downhills, Offroad-Strecken und herrliche Routen in einsamer Natur. Zu buchen sind spezielle Fahrtechnikkurse (etwa "Easy Ride"-Kurs: 4 Stunden 90 CHF), Ausfahrten mit Guide, oder man lässt sich von den Experten eine Tour empfehlen und strampelt zu zweit los (Miet-Bikes 25 CHF/halber Tag). Fahrräder, Touren und Kurse über Action-Sport Interlaken, Tel. 0041/33/8211003 (www.actionsport-interlaken.ch).

Geradezu geschaffen ist Interlaken zum Wandern, was zu zweit besonders Spaß macht. In der Region gibt es über 500 Kilometer markierte Wanderwege, für jeden Level an Fitness und Trittsicherheit. Topografische Karten und kostenlose Wanderprospekte sind in den Tourismusbüros erhältlich. Interlaken Tourismus, Tel. 0041/33/8265300.

Eher romantisch dagegen ein Ausritt inmitten der Bergwelt: Vom Reitstall Voegeli Untersee führen Touren mit gutmütigen Pferden in unberührte Natur. Reitkenntnisse sind nicht erforderlich. 2 Stunden kosten 80 CHF. Über: Alpin Raft, Tel. 0041/33/8234100 (www.alpinraft.ch).

Bootsfahrt: Romantisch ist eine Fahrt mit einem der urigen Dampfer auf dem Thuner oder Brienzer See. Auf dem Sonnendeck kann man die unglaubliche Landschaft rund herum am besten genießen: von den Bergen bis zu den alten Schlössern und Kirchen, die sich an die Hänge schmiegen. (www.thunersee.ch)

Essen: Der perfekte Abschluss für einen Aktiv-Tag: ein gemütliches Essen zu zweit. Am besten im alten "Fonduestübli" im noblen Grand Hotel "Beau Rivage". Hier kriegt man Schweizer Spezialitäten vom Feinsten.

Sollte man keinesfalls missen: Mit der Jungfraubahn  aufs Jungfraujoch, den höchsten Bahnhhof Europas auf 3454 Meter. Die Schienen verlaufen mitten durch den Eiger – bis zu einer Aussichtsplattform mit wahrlich gigantischem Blick mitten in die senkrechte Nordwand. Schwindelerregend schön!

Für Familien:

Eine Riesengaudi für alle Kinder: Die Heimwehfluh-Rodelbahn. Auf einem einzigartigen Einrohrsystem rutschen Kids in kleinen Wagen vom Berg bis ins Tal – und das ziemlich geschwind! (www.heimwehfluh.ch)

Ab auf die Rollen: Auf den Rundstrecken und auf verschiedenen Touren in der Umgebung werden die Kleinen fit gemacht für die Inline-Skates und kommen hier bestens in Schwung. Dabei gibt es auch spezielle Fahrtechnik-Kurse für den Nachwuchs. (www.actionsport-interlaken.ch)

Schilthorn à la Bond: Genau hier wurden schon die spektakulären Bergszenen aus "Im Geheimdienst Ihrer Majestät" gedreht, als James Bond halsüberkopf Verbrecher jagte. Die Gondel führt direkt hinauf zum Schilthorn auf 3000 Meter. Hier oben gibt’s ein Drehrestaurant, von dem aus man 360 Grad Rundumblick hat – bis zum Montblanc und zum Jura! Da staunt die ganze Familie.

Hier kommen Jung und Alt gemeinsam auf ihre Kosten: Die sieben Themenwelten im Mystery Park von Interlaken zeigen und erklären den Gästen die großen Rätsel dieser Welt mit Modellen, Shows und Ausstellungen. Wie wurden die Pyramiden gebaut? Woher kommen Meteoriten? Wie lebten die Maya? In dem spektakulären Gebäude werden zudem Raumflüge und Tauchfahrten nach Atlantis simuliert. (www.mysterypark.ch)

Autor:
Marc Bielefeld