Schweiz Gemütlicher Schmelztiegel im Wallis

Jeden Abend zerfällt Sion in zwei Teile. 50.000 Menschen leben und arbeiten in der Hauptstadt des Wallis, in den Boutiquen und Restaurants der Altstadt, in Ateliers, Werkstätten und bei der Kantonsregierung, doch nur gut die Hälfte von ihnen geht hier am Abend zu Bett. Der Rest fährt heim ins deutschsprachige Oberwallis.

Sion ist ein gemütlicher Schmelztiegel. Herrschaftliche Patrizierhäuser säumen die Hauptstraße Rue du Grand-Pont, die hölzernen Türen des Rathauses sind mit filigranen Schnitzereien geschmückt. Diese Stadt, in der Ober- und Unterwallis aufeinandertreffen, hat scheinbar keine Probleme. Bis eben auf dieses eine: So sehr man sich jeden Tag bemüht, die separatistischen Präfixe auszublenden und das Bild einer zufriedenen, hübschen Hauptstadt zu wahren, so wenig will das gelingen.

Abends ist in Sion nur noch Französisch zu hören. Die Bewohner schlendern in der Dämmerung durch die mittelalterlichen Gässchen, treffen sich in einem der Cafés noch auf ein Glas Fendant und schauen nachts auf dem Heimweg stolz auf die kunstvoll ins beste Licht gesetzten Steinmauern ihrer beiden Schlösser: Das trutzige Schloss Valeria erhebt sich auf dem gleichnamigen Hügel und beherbergte einst die Domherren mit ihren Bediensteten, auf der Anhöhe gegenüber thront die Ruine des Schlosses Tourbillon, erbaut im 13. Jahrhundert als Sommerresidenz der Bischöfe.

Doch sobald es wieder hell wird, geht in Sions Fluren und den Sitzungssälen des Walliser Staatsrats der Kampf um die Einheit des Kantons in die nächste Runde. Die Größenverhältnisse sind klar im Wallis: Fast zwei Drittel der Einwohner sprechen Französisch, nur etwas mehr als ein Viertel Deutsch.

Thomas Antonietti ist Konservator des Geschichtsmuseums von Sion, das im Schloss von Valeria die Geschichte des Kantons vor einer architektonisch beeindruckenden Kulisse inszeniert. Er spricht von "Empfindlichkeiten", wenn es um das Verhältnis der beiden Bevölkerungsgruppen geht. Ober- und Unterwallis - beide fühlten sich in Regierung und Verwaltung stets unzureichend vertreten.

Dem Besucher, der ziellos durch Sion schlendert, fällt das nicht weiter auf. Er wird sich höchstens wundern, wie schnell er die Stadt hinter sich lässt: Nur einen viertelstündigen Spaziergang von der zentralen Place de la Planta entfernt, Richtung Norden, beginnen die Weinberge mit ihren typischen Steinterrassen. Nicht viel weiter ist es zum Mont d'Orge im Westen, hinter dem sich ein dicht von Schilf und Bäumen umringter See versteckt. Mitten in der Altstadt führt die Rue des Châteaux hoch zu den Schlössern. Auf den Felsen des Schlosses Valeria, am Fuß der Kirche, die in 621 Meter Höhe über der Stadt thront, wärmen sich Skorpione auf Steinen in der Sonne. Kakteen wachsen auf kargem Grund zu einem stacheligen Bilderrahmen um ein Panorama aus Reben und schneebedeckten Bergspitzen, das die taubenblauen Wasser der Rhone im Tal längs durchschneiden.

Die "Empfindlichkeiten" sind überall

Wer aber in Sions kleinem Zentrum bleibt und mit den Menschen ins Gespräch kommt, der bemerkt sie überall, diese "Empfindlichkeiten". Die französischsprachige Stadtführerin sagt: "Die Oberwalliser behaupten, wir Unterwalliser arbeiteten nicht. Sie nehmen uns nicht ernst - aber wir sind gut für Folklore." Immerhin eine Art Spiegelgemeinsamkeit gebe es: "Die Oberwalliser wollen nicht, dass man sie für Deutsche hält, und wir wollen keine Franzosen sein."

Ein Winzer versteigt sich sogar zur kühnen These, Oberwalliser bevorzugten kräftige Farben, während die Unterwalliser Pastelltönen zugeneigt seien, und ein Galerist sagt, er habe ohnehin selten mit Oberwallisern zu tun. Vor 15 Jahren sei er Mitglied einer kantonübergreifenden Künstlergruppe gewesen. Er habe das für einen guten Ansatz gehalten. "Aber dann haben sich die Oberwalliser abgespalten, weil sie fanden, wir seien zu wenig dynamisch."

Um den Streit zu verstehen, den die Wallis-Geschwister bis heute miteinander austragen, muss man bis ins fünfte Jahrhundert zurückgehen. Nach dem Ende der römischen Herrschaft geht das Wallis im burgundischen Königreich auf. Zeitgleich wandern Alemannen in das schweizerische Mittelland ein, werden auch im romanischen Oberwallis sesshaft und führen dort die deutsche Sprache ein. Im Jahr 999 macht Rudolf III., der letzte König von Hochburgund, dem Bischof von Sitten die Grafschaft Wallis zum Geschenk. Es ist die Geburtsstunde des Kantons. Und seine Kindheit verläuft blutig.

Im 11. Jahrhundert beginnen die Grafen von Savoyen, ihre Herrschaft im Unterwallis auszudehnen und Konflikte mit den benachbarten Oberwallisern zu entfachen, die vom 13. Jahrhundert an immer häufiger mit Waffen ausgetragen werden. Mit den Alpenpässen ist das Wallis ein bedeutendes Transitland für die Händler, Pilger und Armeen Europas. 1475 vertreibt das Heer der Walliser die Savoyer endgültig. Die neuen deutschsprachigen Herren aus dem Oberwallis lassen die Untertanen ihre Macht spüren. Während der folgenden 300 Jahre darf bei öffentlichen Anlässen nur Deutsch gesprochen und zum Beispiel ein Französischsprechender nicht zum Bischof gewählt werden.

Das Blatt wendet sich, als das Feuer der Französischen Revolution auch die romanischen Walliser erreicht. 1799 besiegen sie bei Sion mit französischer Hilfe die Oberwalliser Armee, 1810 wird das Wallis als Département du Simplon Teil des Französischen Kaiserreichs. "Der Einmarsch Napoleons", sagt Museums-Konservator Thomas Antonietti, "heißt im Unterwallis bis heute Libération, im Oberwallis Besatzung." Zwei Sprachen, zwei Sichten, eine Geschichte.

Die Regierungsgebäude des Kantons sind über ganz Sion verteilt. Der Staatsrat residiert an der großzügig angelegten Place de la Planta. Hier arbeitet Gaby Nanzer, sie kümmert sich um die Öffentlichkeitsarbeit ihres Kantons. Sie hat zwar französische Wurzeln, aufgewachsen ist die 56-Jährige jedoch im Oberwallis. "Wir sind eine Minderheit", sagt sie. "Wer hier überall verstanden werden will, muss Französisch sprechen." Geschrieben klingt dieser Satz pragmatisch. Aber wenn Gaby Nanzer ihn ausspricht, wird darin auch zornige Resignation hörbar.

Nanzer erzählt von Untersuchungen, die erwiesen haben sollen, dass die kulturellen Unterschiede zwischen Ober- und Unterwallisern nur gering ausgeprägt sind: Von Goms bis hinunter ins Val d'Illiez gelten die Walliser als bodenständig, arbeitsam, zuverlässig, eigensinnig, stark. Sie sei erstaunt gewesen über die Vorurteile, die ihr in Sion entgegen gebracht wurden, als sie vor Jahren ihren Job in der Verwaltung antrat. "Die Unterwalliser denken einfach, wir seien alle Bauern."

Rechtlich gleichgestellt sind beide Teile seit dem Beitritt des Wallis zur Eidgenossenschaft im Jahr 1815. Wenige Jahre später führten die Behörden die proportionale Vertretung nach Bevölkerungszahlen ein, was den Unterwallisern zugute kam. Die Herren von gestern wurden zur Minderheit. Und einige ihrer Nachkommen leiden bis heute darunter.

Schüleraustausch zwischen Ober- und Unterwallis

Nun sei es zwar tatsächlich so, dass im Oberwallis jeder jeden kenne und bei Partys oft gefragt werde: "Von wem sind Sie?", weil die Wahrscheinlichkeit groß sei, dass man Eltern oder Verwandte des Gesprächspartners um ein paar Ecken kenne. Und sicher müsse das auf Unterwalliser befremdlich wirken, die über das offene Tal direkten Zugang zur französischen Schweiz finden, während im Oberwallis hohe Berge den Anschluss an die deutsche Schweiz erschweren. Der Bau des Lötschbergtunnels immerhin habe die Fahrt von Visp nach Bern auf eine knappe Stunde verkürzt.

Doch auch die Schienenbrücke kann die auf kantonale Einheit bedachte Seele kaum trösten. Eher wachse die Gefahr, sagt Nanzer, dass das Wallis noch weiter auseinanderdrifte.

Sogar Schüleraustausche werden inzwischen organisiert. Aber während die Oberwalliser von der Erfahrung profitieren, verstehen die Unterwalliser im deutschsprachigen Teil oft kein Wort. Auch in Sions Schulen wird Schriftdeutsch unterrichtet, was aber eben nur bedingt zur Kommunikation in Walliserdeutsch befähigt. Für die Identitätsbildung bleibt das nicht ohne Folgen. Der erste Entwurf für ein kantonales Qualitätslabel hieß "Marque Valais". Das Oberwallis war entsetzt. "Und die Macher haben nicht einmal daran gedacht, dass das ein Problem sein könnte", sagt Gabi Nanzer fassungslos. Inzwischen hat man einen Kompromiss gefunden. Das Label gibt es auch als deutsche Variante: "Marke Wallis".

Die Kantonsverfassung nennt Französisch und Deutsch als gleichberechtigte Landessprachen; sämtliche amtliche Dokumente müssen in beiden Sprachen erstellt werden. Gaby Nanzer sagt, sie habe an ihrem Arbeitsplatz in Sion oft das Gefühl, die einzige zu sein, die darauf hinweist, wenn dieser Grundsatz verletzt wird. "Ich weiß nicht, warum das zwischen uns nicht harmonischer laufen kann." Wir sitzen draußen auf der Place de la Planta. Ein Kellner tritt an den Tisch. Sie bestellt einen Kaffee. Auf Französisch. "Ich bin ein harmoniebedürftiger Mensch", sagt Gaby Nanzer. "Aber die Geste, die muss schon von der Mehrheit kommen."

Doch es gibt auch Momente, in denen die Sprachbarrieren bedeutungslos scheinen, jeden Freitag etwa, wenn sich die Marktstände an der sonst eher ruhigen Rue du Grand-Pont vor den bunten Festerläden der Häuser drängen und die Altstadt erfüllt ist von Stimmen- und Sprachengewirr. Sion wirkt dann fast mediterran. Oder abends, wenn man durch die kopfsteingepflasterten Gässchen spaziert und unter den Arkaden des alten Getreidemarkts aus dem Jahr 1869 an den wackligen Holztischen des "Café de la Grenette" Platz nimmt. Über dem Eingang baumelt ein roter Kronleuchter. Jimi Hendrix dröhnt aus dem Inneren der kleinen Bar ins Freie. In lauen Sommernächte spielen vor dieser zauberhaften Kulisse oft Jazz- und Rockbands, denen sowohl die Unter- als auch die Oberwalliser zujubeln.

Boris Michel ist 38 Jahre alt und firmiert auf den Quittungen des Lokals schlicht als "The Boss". Sein Café sei eine Institution in Sion, erklärt er stolz, es bestehe schon seit den sechziger Jahren. Er selbst hat es vor sieben Jahren übernommen. Über das Verhältnis von Ober- und Unterwallisern könne er wenig sagen. Beide jedenfalls kämen nur selten zusammen. "Im Wallis", sagt er, "leben einfach engstirnige Menschen, die umgeben von Bergen aufgewachsen sind, oben wie unten. Und wenn sie nicht wegen der Sprache streiten, streiten sie wegen etwas anderem."

Es ist Nachmittag. Die Sonne fällt schräg zwischen den Säulen der Arkaden hindurch. Wäre es nicht einfacher, die Oberwalliser würden sich von ihrer Muttersprache trennen und zum Französischen übergehen, das sie ohnehin mehrheitlich beherrschen? Michel lächelt. Sein erhobener Zeigefinger pendelt von rechts nach links. "Non, non - mit einer einzigen Sprache im Wallis wäre es doch nur noch schlimmer", sagt er. "Dann müssten die Leute einander zuhören - und verstehen, was sie sagen."

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Autor:
Karin Ceballos Betancur