Monte-Rosa Eine unabhängige Berghütte

Falsche Bescheidenheit gehört nicht zu den Eigenschaften, die Meinrad Eberle prägen. Die Funktionäre des Schweizer Alpen-Clubs (SAC) konnten noch so viel von ihrer Tradition reden und vom einfachen Leben im Gebirge schwärmen. Hoch oben am Monte Rosa wollten sie eine bescheidene Unterkunft, ohne überflüssigen Komfort, ganz den spartanischen Idealen des Alpinismus verpflichtet. Aber da bissen sie bei Professor Eberle auf Granit. Der sagt: "Wenn ich das Ganze im Wesentlichen bezahle, will ich auch eine Dusche haben."

Meinrad Eberle, Jahrgang 1937, ist Professor an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich (ETH). Zu ihrem 150-jährigen Bestehen organisierte er eine Reihe von Projekten, die das Profil dieser renommierten Universität widerspiegeln sollen. Das größte ist die wohl teuerste Hütte der Welt. Sie gilt als Prototyp für eine neue Generation von Bergunterkünften: modern, hochtechnisiert und weitgehend autark. Die Baukosten von rund 6,4 Millionen Schweizer Franken trugen zu zwei Dritteln die ETH und verschiedene Sponsoren, den Rest steuerte der SAC bei. "Der Alpen-Club hätte sich diese Hütte nie leisten können", sagt Eberle.

Im September 2009 wurde das spektakuläre Bauwerk eingeweiht. Die Hütte des 21. Jahrhunderts ragt als Monolith mit unregelmäßigen Kanten aus dem Berg. Seine Außenhaut glänzt silbern, die Fassade ist mit Aluminiumblech verkleidet. Eine Seite schimmert dunkelblau, dort sind Photovoltaikelemente montiert. In 2883 Metern Höhe exponiert sich der Kristall als Solitär in einer graubraunen Mondlandschaft. Unten zieht sich der zerklüftete Gornergletscher breit und weiß ins Tal. Oben ragt das Monte-Rosa-Massiv, gekrönt vom höchsten Berg der Schweiz, der 4634 Meter hohen Dufourspitze.

"Die Hütte ist ein Statement der ETH", sagt Professor Eberle, "das Bauwerk ist interdisziplinär entwickelt worden. Es ist nachhaltig, und es hat eine tolle Architektur." Eberle ist Maschinenbauer, sein Ehrgeiz gilt der Energietechnik. Zu 90 Prozent soll sich die Hütte selbst versorgen. Nur wenn die Sonne zu wenig scheint, springt im Keller das rapsölbetriebene Blockheizkraftwerk an. "Die Architekten haben eine spektakuläre Verpackung entworfen", sagt Eberle, "in der ich die Idee der Nachhaltigkeit verkaufen kann."

Die alte Monte-Rosa-Hütte stand 90 Meter tiefer, erbaut in den Jahren 1894/95.Auch sie funktionierte einigermaßen autark. Zum Waschen gab es kaltes Wasser am Brunnen. Ein Dieselgenerator produzierte Strom. Wer am Abend länger in der Gaststube saß und erst spät ins Massenlager ging, brauchte die Stirnlampe, weil der Wirt das Licht ausgeschaltet hatte. Die Plumpsklos lagen außerhalb, je nach Wetter musste man für die 50 Meter zum Pinkeln nochmals Bergstiefel und Regenjacke anziehen. Und jeweils Ende August schloss die Hütte. Mochte das Wetter auch noch so schön sein - die Schmelzwasservorräte waren aufgebraucht.

Für viele Bergfreunde waren diese Hütten aus altem Holz und Naturstein eine Schweizer Institution. Oben in den Bergen konnte man für ein paar Tage den Zwängen der Zivilisation entkommen. Morgens klatschte man sich eine Handvoll kaltes Wasser ins Gesicht. Das reichte, weil alle nach Schweiß rochen.

Das Restaurant wird ferngesteuert

Die Neue Monte-Rosa-Hütte bietet mehr Komfort. Sie hat 120 Betten, aber es gibt kein Massenlager mehr. Höchstens acht Gäste schlafen in einem Raum. Die Doppelstockbetten sind genauso wie die Wände aus hellem Holz gearbeitet. Toiletten, Waschräume und Duschen liegen am Flur. Zur verlässlichen Wasserversorgung wurde eine große Kaverne in den Fels gesprengt, sie speichert 200 Kubikmeter Schmelzwasser. Wer eine schwierige Bergtour plant, kann in der Hütte via Internet den Wetterbericht abfragen, und Fernsehen gibt es auch. In der großen Gaststube bieten schräge Fenster eine spektakuläre Aussicht und vis-à-vis ragt das Matterhorn über die Westalpen.

Die Hütte ist fünfeinhalb Stockwerke hoch. Balken aus unbehandeltem Massivholz bilden das Skelett des Experimentalbaus im Hochgebirge. Diese Ständer aufzurichten war der schwierigste Schritt der ganzen Bauzeit. Die Balken wurden im Tal vorgefertigt, bis hin zu den Mustern, die eine computergesteuerte Maschine ins Holz gefräst hat. Ein Hubschrauber hat die Ständer als fliegender Kran auf das vorbereitete Fundament gestellt.

Bis alles Material auf der hochalpinen Baustelle war, mussten die Helikopter rund 3000 Mal abheben. Auch der Bauleiter kam nicht zu Fuß von Zermatt, die Kosten für die Versorgungsflüge summierten sich auf eine Million Franken. Doch trotz aller technischen Hilfsmittel griffen die Bauarbeiter auch auf archaische Methoden zurück, wie sie Bergbauern seit Jahrhunderten anwenden: Im Frühjahr streuten sie Asche auf den Schnee, um das Schmelzen zu beschleunigen, damit der Bau beginnen konnte.

Horst Brantschen war zehn Jahre lang Wirt auf der alten Monte-Rosa-Hütte. Seine Rösti und sein selbst gebackenes Brot genießen bei Bergsteigern einen legendären Ruf. Hogi, wie er von allen genannt wird, ist nicht nur Bergführer Bergführer, hat auch eine Lehre als Koch und eine als Schreiner absolviert. Jetzt wirtschaftet er in der neuen Hütte. Und stellt sich auf Kinderkrankheiten der Haustechnik ein, insbesondere Heizung und Kläranlage machen ihm Sorgen. In dieser Beziehung bewegt er sich wie ein Astronaut im All, der von Houston abhängig ist. Die ganze nachhaltige Technik der Hütte im Wallis wird von Zürich ferngesteuert. Auch hier ist Professor Eberle kompromisslos: "Der Hüttenwirt kommt mir nicht an den Computer."

Aber auch an der ETH Zürich gibt es keinen Fortschritt ohne Rückschritt. Der Tresen in der neuen Hütte ist kleiner als in der alten, da passt kein Bierfass mehr drunter. Das steht jetzt im Keller, das Bier läuft durch eine lange Leitung und wird warm. Das ist nicht gut für Hogi Brantschen. "Da muss ich viel wegschütten", sagt der Hüttenwirt, "bis der Bergsteiger sein kaltes Bier bekommt".

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Autor:
Johannes Schweikle