Schweiz Die teuerste Uhr

Wohlhabend zu sein, so will es ein Schweizer Sprichwort, bedeutet mehr Uhren sein eigen zu nennen als Zeit. Vielleicht ist das der Grund, warum es einige Kunden im "Les Ambassadeurs" eilig haben. Sie wissen genau, welches Modell sie wollen; in wenigen Minuten hat eine Verkäuferin die Uhr eingepackt, eine Schachtel Pralinen beigelegt, ist die Rechnung im Wert eines Mittelklassewagens gezahlt, und die Herrschaften sind schon wieder weg.

Im "Les Ambassadeurs" tut man dabei alles, um ihren Aufenthalt zu verlängern. Mit Sitzecken aus hellem Nappaleder und dezentem Licht fühlt man sich im Uhrenladen in der vornehmen Genfer Rue du Rhône wie in der Lobby eines Fünf-Sterne-Hotels. "Kaffee? Wasser? Saft?", heißt es, sobald sich die Tür wieder geschlossen hat. Schließlich soll sich hier auch eine Majestät wohlfühlen. Und auch der Kraftprotz aus Hollywood, der eine Audemars Piguet verlangte, bekannt für ihr wuchtiges Äußeres und großes Gewicht. "Eine gute Wahl für einen starken Mann", meint der Verkäufer Laurent Garcia.

Garcia hat eine Philosophie, und die lautet: Jeder, der eine Luxusuhr möchte, soll auch eine bekommen. Deshalb liegen hinter seinem Ladentisch Listen für die Kunden, die weder Königinnen noch Filmstars sind: Deren Freunde tragen dort ein, wie viel sie zum gemeinsamen Geschenk beisteuern möchten.

Deshalb kriegt auch das junge Paar in Jeans und Lederjacke einen Platz im Nappaleder. Sie wollen die Uhr abholen, die sie sich gestern ausgesucht haben, zur Geburt des Kindes: eine Ulysse Nardin für fast 20.000 Franken. "Gerade für Menschen, die keine Millionäre sind, ist der Kauf einer Luxusuhr ein Fest", sagt Garcia, "sie gehen hier mit leuchtenden Augen raus."

Die teuerste Uhr im Geschäft ist eine Vacheron Constantin, sie ist transparent, man kann das Uhrwerk aus 18-karätigem Gold sehen, und sie kostet 600.000 Franken. Natürlich hat Garcia auch günstigere Angebote, etwa eine Longines für nicht mal tausend Franken. Schließlich soll für jeden Geschmack und jeden Geldbeutel etwas dabei sein.

Es gibt Stammkunden, die jedes Jahr eine teure Uhr kaufen oder sich zum Geburtstag gleich zwei Nobelzeitmesser spendieren. Garcia hat Kunden, die 400 oder 500 Luxusuhren besitzen. Sie lieben ihre feine Ästhetik, die mechanische Präzision. "Das Wichtigste ist aber die Tradition", weiß Garcia: In der Schweiz eine kunstvolle Uhr zu kaufen ist ein bisschen wie aus Modena mit dem Ferrari nach Hause zu fahren.

Tradition bedeutet, dass die Edelstücke, die in Genf auf Samt gebettet und wie rohe Eier aus den Vitrinen bugsiert werden, in der Fantasie der Käufer immer noch etwas von der felsigen Kargheit des Vallée de Joux in sich tragen. Das Tal, wo einmal alles begann.

Die Schweizer nennen es auch das pays des loups, weil es hier so kalt und einsam ist, dass sich angeblich nur Wölfe wohlfühlen. Das Vallée de Joux ist Teil des Schweizer Jura, bekannt für seine schroffen Kalkfelsen und weitläufigen Hochebenen. In diesen abgelegenen Tälern entlang der Grenze zu Frankreich, wo außer dem Gebimmel der Kuhglocken kaum ein Laut die Ruhe stört, ist die Schweizer Uhrenproduktion zu Hause. Ursprünglich an den Höfen Englands und Frankreichs beheimatet, kam die Uhrmacherkunst Mitte des 16. Jahrhunderts mit den hugenottischen Glaubensflüchtlingen nach Genf, dem Zentrum der Reformation. Hier galt das Wort Calvins, der den Bewohnern das Tragen von Schmuck verbot.

Die Goldschmiede und Juweliere wichen auf die Feinmechanik aus, und die Bürger der reichen Stadt legten ihr Geld fortan in edlem - als "Technik" geduldetem - Uhrwerk an, das sich ja ebenfalls mit Gold und Juwelen verzieren ließ. Die Nachfrage war so groß, dass die Genfer Goldschmiede begannen, simple Arbeiten an die ärmlichen Bauern im Jura abzugeben. Hatte vorher ein Meister eine Uhr komplett hergestellt, etablierte sich nun eine Arbeitsteilung, das "Verlagssystem": Die Jura- Bauern produzierten Rohwerke, denen die Genfer Juweliere den letzten Schliff verpassten.

Eifersüchtig wachten Genfer Uhrmacher darüber, den Bauern nicht zu viel Know-how zu verraten - ohne Erfolg. Längst waren viele zu paysanshorlogers geworden: Vor allem während der strengen Winter molken die "bäuerlichen Uhrmacher" im Morgengrauen die Kühe, um dann im Tageslicht Gehäuse, Zahnräder, Zeiger und Federn zu produzieren. In Le Locle, einem beschaulichen Städtchen, das als Wiege der Schweizer Uhrenindustrie gilt, wurden um 1750 bereits 15.000 Uhren im Jahr hergestellt. Hundert Jahre später begann die Hochzeit der Schweizer Uhren - ihre Traditionen prägen das Land bis heute. So stammen etwa die Außenminister meist aus der Westschweiz: Ein Relikt aus der Zeit, als das global gespannte Netz der Uhrenvertreter auch diplomatische Aufgaben übernahm.

Doch auch als im 19. Jahrhundert die ersten Manufakturen entstanden waren, blieb der Großteil der Arbeit in den Bauernstuben, an groben Tischen, wo mit Pedal und Schwungrad Kraft für die kleinen Bohrmaschinen erzeugt wurde. So ein Rad ist an Daniel Auberts Arbeitstisch in Le Brassus bis heute befestigt. Den 150 Jahre alten Zirkel aber verwendet er immer noch, ein Stück vom Großvater. In Auberts Atelier würde der sich noch zurechtfinden: "Ich arbeite wie ein Holzwurm", sagt Aubert und bohrt winzige Löcher in eine Platine. Zuerst wird das rohe Metallstück zurechtgeschnitten, dann geschliffen, die einzelnen Zahnräder, Federn und Juwelen eingesetzt und gefeilt, bis sie genau passen.

In Hunderten von Jahren haben sich diese Arbeitsschritte kaum verändert - doch Aubert ist einer der letzten, die noch in Heimarbeit Uhren herstellen - der richtige Mann für Menschen, die einen wirklich exklusiven Zeitmesser verlangen. Vom ersten Bohren bis zum Wisch mit dem Poliertuch: "Meine Uhren sind komplett Handarbeit." Und: Er stellt nur Einzelstücke her. Wer möchte, kann sogar seine Initialen in eines der Zahnräder gravieren lassen. Auberts Spezialität sind transparente und mit weniger als sieben Millimeter Durchmesser extrem flache Uhren - "Damit sie gut unter den Smoking-Ärmel passen" -, und er präsentiert sie liebevoll in einer glänzenden, mit weißem Leder ausgeschlagenen Holzschatulle.

Sein billigstes Modell kostet bereits 3000 Franken; die derzeit teuersten, meist aus massivem Gold und rundum mit Diamanten verziert, etwa 40.000. Doch nach oben ist dem Preis keine Grenze gesetzt: "Das hängt davon ab, welche Komplikationen der Kunde verlangt". Beispielsweise einen "ewigen Kalender", der garantiert kein Schaltjahr verpasst. An solchen Uhren arbeitet Aubert schon mal zwei Jahre, andere sind in zwei Monaten fertig. Inzwischen hat er gut 50 Uhren der Marke "Daniel Aubert" produziert. Der 68-Jährige hat alle Krisen der Uhrenindustrie mitgemacht und überlebt: den Ölschock, in dessen Folge auch das Gold für die Uhren teurer wurde; die Erfindung der Quarzuhr, bei der der Arbeitsaufwand zehnmal geringer ist als bei einer mechanischen Uhr.

Der Anteil Schweizer Uhren auf dem Weltmarkt fiel in den siebziger Jahren von 43 auf 15 Prozent, 50.000 Menschen verloren ihren Job. Viele Uhrmacher schlugen sich mehr schlecht als recht mit Reparaturarbeiten durch. Andere, wie Aubert, gründeten mit Freunden eine eigene kleine Firma und spezialisierten sich auf luxuriöse Produktion in kleiner Stückzahl. Und Nicolas Hayek machte die Swatch, die fast ohne Edelsteine auskam und die Uhrenindustrie wiederbelebte, zur Kultuhr.

Um 1900 kamen weltweit acht von zehn Uhren aus der Schweiz. Mittlerweile ist nur noch jede 20. der jährlich 700 Millionen produzierten Uhren "Made in Switzerland" - ihr wertmäßiger Anteil aber liegt bei 60 Prozent. "Das Luxussegment stirbt nicht aus", sagt Pierre Buser, Konservator am Uhrenmuseum in Le Locle. So hängt in der Region um Neuchâtel auch heute noch jeder zweite Arbeitsplatz direkt oder indirekt am Uhrengeschäft. Der Run auf die teure Mechanik machte nicht nur kleine Uhrmacher wie Aubert wieder zu gefragten Experten - auch ehemals große Marken witterten Morgenluft.

Es war die Stunde, in der die alten Rezepte wieder hervorgekramt wurden, und bei Zenith in Le Locle ist das sogar wörtlich zu nehmen: Als mitten in der Krise der damalige US-Eigentümer nur noch Quarzwerke produzieren wollte, brachte der Uhrmacher Charles Vermot entgegen den Anweisungen Spezialwerkzeuge und Konstruktionspläne auf dem Dachboden in Sicherheit - sie mussten nur wieder hervorgeholt werden, als in den Achtzigern mechanische Uhren wieder gefragt waren.

Zur Freude der Verkäufer bei "Les Ambassadeurs" in Genf, der Liebhaber handgefertigter Uhren und zum Segen Daniel Auberts, der sich um betuchte Kunden aus aller Welt keine Sorgen machen muss.

Autor:
Klaus Werle