Schweiz Die Eroberung des Titlis mit der Rigi

So nah wie in dieser Gondel kommen sich grundverschiedene Menschen selten. Drei junge Schweden freuen sich auf die Abfahrt im Tiefschnee. Neben ihnen schauen zwei orthodoxe Juden unsicher aus dem Fenster ins feuchte Grau. Sie tragen Schläfenlocken und schwarze Pelzmützen, die Schweden Helme. Airbag-Rucksäcke sollen ihr Überleben sichern, falls sie in eine Lawine geraten. Die Seilbahn heißt Rotair. Ihre kreisrunden Kabinen drehen sich während der Fahrt einmal um die eigene Achse. Die Bahn ist eine der Attraktionen des Titlis-Tourismus, eingeweiht wurde sie 1992.

An Tagen wie heute hat bloß niemand etwas davon, denn draußen herrscht dichter Nebel. Die Freerider unterhalten sich aufgekratzt über den Neuschnee. Die beiden Juden schweigen. Um sich gegen mögliche Unbilden zu wappnen, die ihnen auf einem 3032 Meter hohen Alpengipfel widerfahren mögen, haben sie einen Regenschirm dabei. Über den Fenstern der Gondel begrüßen Tafeln die Gäste auf Hebräisch und Arabisch, auf Afrikaans und Hindi. Kaum ein Berg in der Schweiz lockt solch internationales Publikum an wie der Titlis bei Engelberg. Vor allem bei asiatischen Gästen erfreut er sich großer Beliebtheit. Nur fünf Minuten dauert die Fahrt auf den Gipfel. Von hier oben soll man an guten Tagen sechzig Prozent der Schweiz sehen können.

Langsam dreht sich die Gondel aus dem Trüben. In den Gletscherspalten schimmert bläuliches Eis. Felswände stürzen so steil in die Tiefe, dass sich kein Schnee halten kann. Oben angekommen, zeigt das Hochgebirge seine gleißend weiße Pracht. Im Süden reicht das Panorama bis zum Finsteraarhorn und zum Eiger. Im Norden schweift der Blick weit über die Ausläufer der Alpen, am Horizont ist der Schwarzwald als bescheidene Erhebung zu sehen. Der Betrachter steht erhaben über dem Nebelmeer wie auf einem Bild von Caspar David Friedrich.

Eine bewaldete Kuppe ragt gerade noch aus den weißen Wogen: die Rigi. Ein Gipfel, auf dem heute wieder Ruhe herrscht, auf dem aber einst der Bergtourismus für die Massen seinen Anfang nahm. Hier begann der verkehrstechnische Sturm auf die Gipfel, der mit den rotierenden Kabinen auf den Titlis einen vorläufigen Höhepunkt erreicht hat. Im 19. Jahrhundert gelang einem Tüftler auf dem knapp 1800 Meter hohen Berg die Quadratur des Kreises. Menschen gelangten auf die Spitze, ohne die Strapazen des Aufstiegs auf sich nehmen zu müssen.

"Ich will alles Volk auf die Berge führen, damit sie alle die Herrlichkeit unseres erhabenen Landes genießen können!", erklärte Niklaus Riggenbach pathetisch. Der Mann war kein Dichter, sondern Ingenieur. Und er trieb seinen Plan mit atemberaubender Energie voran, baute die erste Bergbahn Europas auf die Rigi: Die Zahnradbahn nahm 1871 den Betrieb auf. Die 1250 Aktien seiner Gesellschaft waren schon am ersten Verkaufstag weit überzeichnet. In weniger als zwei Jahren ließ er von Vitznau am Vierwaldstättersee ein Gleis in Normalspurweite mit einer Zahnstange in der Mitte auf den Berg bauen. Um rentabel zu fahren, kalkulierte er mit 50.000 Reisenden. Die kühnen Erwartungen des Pioniers wurden übertroffen: Schon im ersten Jahr beförderte seine Zahnradbahn mehr als 60.000 Gäste.

Die Rigi war wie geschaffen dafür, den Massentourismus auf die Spitze zu treiben. Einen "zahmen Berg" nannte man ihn: keine schroffen Felswände, stattdessen Wiesen und Wälder, die sich lieblich über dem Seeufer erheben. Auf rund 1450 Metern entspringt eine Quelle. In ihrem kalten Wasser will ein gewisser Bartholomäus Joler im Jahre 1540 wundersame Heilung erfahren haben. Eine Kapelle wurde gebaut, Gläubige pilgerten nach Rigi Kaltbad. Ihnen folgten die ersten Touristen. Als Riggenbach seine Zahnradbahn baute, gab es wütende Proteste: nicht von Naturschützern, sondern von den Maultiertreibern und Sänftenträgern, die zu Recht um ihr Auskommen fürchteten.

Im Lokschuppen der Talstation in Vitznau, gleich neben der Dampferanlegestelle, zeigt Hans Weber seine Schätze. Er kümmert sich um die Vermarktung der Rigi-Bahn, und sein Stolz hat einen Grund: Die älteste Dampflok in seinem Depot stammt von 1923, an Pleuelstangen und Rädern ist kein Fleckchen Rost zu sehen. Hier in der Ebene ragt der Dampfkessel bedenklich schief Richtung Hallendecke, auf dem Gleis mit 25 Prozent Steigung steht er gerade. Für eine Bergfahrt braucht die Lok zehn Zentner Kohle und 2200 Liter Wasser.

Die Königin der Berge

Durch den Bau der "Vitznau-Rigi-Bahn" wurde die Rigi zum umkämpften Renditeobjekt. Riggenbach baute seine Strecke auf dem Gebiet des Kantons Luzern. Vier Jahre später dampfte die Konkurrenz aus dem Nachbarkanton Schwyz den Berg hinauf, beförderte Reisende vom Bahnhof Arth aus auf das Bergplateau. Die Herberge dort war dem Andrang nicht mehr gewachsen, man baute neu, und jetzt wurde geklotzt: 1875 eröffnete das Grandhotel "Schreiber", entworfen im Stil der mondänen Palasthotels mit Türmchen, Zinnen und rund 250 Betten.

Die Werbestrategen des 19. Jahrhunderts lernten an der Rigi das elegante Lügen. Der Name leitet sich vermutlich von den "Riginen" her, den Bändern, die im Fels zu sehen sind. Aber mit einer kleinen Umdeutung verkaufte sich das erhabene Ausflugsziel viel besser: Aus der Rigi wurde regina montium, die Königin der Berge. An Ständen bekamen die Touristen Edelweiß angeboten, obwohl diese Pflanze auf diesem Berg wohl niemals wuchs.

Die Rigi hat den Ansturm der Massen erstaunlich gut überstanden. Zwar verlotterte das Grandhotel auf dem Gipfel und wurde abgerissen. Die Bergbahn dagegen entwickelte sich zum nostalgisch verklärten Kulturgut. "Als die Betreiber den Fahrplan ausdünnen wollten, gab es heftigen Widerstand", sagt Weber. Bereits 1907 wurde die Strecke elektrifiziert. Die Dampfloks werden nur noch für Nostalgiefahrten im Sommer eingesetzt. Sie erinnern die Passagiere an die Geschichten von Jim Knopf und Lukas, dem Lokomotivführer. Der Berg am See wird zu einem von Lummerlands Gipfeln.

Im Winter setzt die Rigi-Bahn Sportpendelzüge ein. Auf den halb offenen Waggons drängen sich Menschen mit schneefrischen Gesichtern. Mit rund 20 Stundenkilometern lassen sie sich zum Start der nächsten Abfahrt transportieren. Zur Wahl stehen eine Langlaufloipe und vier kurze Skilifte. Hans Weber sieht den zunehmenden Wintertourismus am Berg mit gemischten Gefühlen. Er schätzt die Langsamkeit auf der Rigi. "Hier kann man im Sommer in Ruhe seine Wurst braten und den Schwingern zusehen", sagt er. Wie viele Einheimische liebt er das traditionelle Spektakel, bei dem sich stämmige Ringkämpfer auf der Rigi im Sägemehl wälzen, um ihre Kräfte zu messen.

Auf internationalen Tourismusmessen tut Weber sich aber oft schwer, den Berg als Destination zu verkaufen. "Nennen Sie mir einen Grund", bekommt er zu hören, "warum ich eine Gruppe da hochschicken soll." Schließlich gibt es spektakulärere Gipfel mit weitaus mehr Attraktionen. So ist die Rigi wieder ein Berg für die Schweizer geworden. Die Karawane der internationalen Gipfeltouristen ist von der Rigi weitergezogen auf den Pilatus und den Bürgenstock. Schon um 1900 hatten Gipfelsammler eine breite Auswahl an bequem erreichbaren Zielen wie den Gornergrat oder das Rothorn.

Seit 1967 führt eine Seilbahn auch auf den Titlis. Die Bergstation dort wirkt wie eine Einkaufspassage. Im Uhrengeschäft beraten drei Asiatinnen, die teuerste Uhr kostet mehr als 100.000 Franken. Nicht weit entfernt steht Dharam Reshamawalla aus Mumbai und lächelt. Er und seine Frau tragen Schweizer Tracht. Der Fotograf verdeckt ihre Turnschuhe mit Plastikheu und lehnt dem Mann ein Alphorn an die Schulter. Das original Schweizer Alpenfoto im XL-Format kostet 118 Franken.

Aber es gibt auch Menschen, die ihr Glück hier oben jenseits der Kitschkulisse finden. Eine Taiwanesin hat sich auf die Plattform gewagt. Der Wind pfeift eisig, eng hat sie ihr Kopftuch um Haar und Mund geschlungen. Andächtig wie ein Kind greift sie durch das Geländer in den frischen Schnee und lässt die märchenhaften Kristalle durch die Finger rieseln. Ihre Augen erzählen vom Staunen.

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Autor:
Johannes Schweikle