Fast Lane Dicke Luft im Abteil

Immer wieder werde ich gefragt: Wann, wo und wie schreiben Sie diese Kolumne eigentlich? Die allgemein gültige Antwort lautet: Das ist von Woche zu Woche unterschiedlich - abgesehen von den seltenen Momenten, in denen ich mich in London aufhalte und mein komfortables Bett am Morgen des Abgabetages zu nachtschlafender Zeit verlasse…

Meist setze ich die Worte auf einem neuen, allerdings schon ziemlich ramponierten MacBook Pro zusammen. Unter extremen Bedingungen werden sie auch mal in einen BlackBerry gehackt - etwa wenn in einem französischen Bahnhof oder im Shinkansen zwischen Nagoya und Tokio kein WLAN zur Verfügung steht (warum in Gottes Namen bieten japanische Zug-Betreiber kein Pay-as-you-go-System für Ausländer an?). Ungefähr zweimal pro Jahr kommt es vor, dass die Kolumne per Hand ins Notizbuch geschrieben, einem vertrauenswürdigen Kollegen in meinem Londoner Büro durchs Telefon diktiert und dann für den Feinschliff an die Reaktion geschickt wird.

In guten Wochen liefere ich sehr früh ab, in schlechten (und meist sind es eher schlechte) trifft der Text gerade noch rechtzeitig vor Ende der Deadline ein. Aufgrund meiner extensiven Reisetätigkeit entstehen viele Kolumnen irgendwo über Russland, wenn ich gerade Richtung Osten oder Westen zwischen London, Tokio, Seoul, Hongkong und London hin und her pendle.

In dieser Woche begann ich meine Kolumne hingegen in einem im Vergleich zur 777 eher behäbigen Transportmittel: Die ersten Worte wurden in einem der leuchtend roten Eisenbahnwaggons der Schweizer Rhätischen Bahn verfasst. Während meine Freunde noch ihre Taschen und Getränke verstauten, bevor sie sich für die zweistündige Fahrt runter nach Chur niederließen, hatte ich mir bereits den sonnigsten Platz gesichert und öffnete das Fenster. Der Himmel draußen war dunkelblau und die Strahlen der Sonne wären warm genug, um eine Badehose zu tragen, hätte man sich an einem weniger öffentlichen Ort befunden.

Seit zwölf Jahren bin ich ein regelmäßiger Gast dieser Bahn zwischen Chur und St. Moritz. Wenn ich viel Gepäck dabei hatte, mit dem ich nicht groß die Bahnsteige wechseln wollte, habe ich zwar gelegentlich auch mal einen Fahrer engagiert, aber obwohl man umsteigen muss, um vom Züricher Flughafen nach St. Moritz zu gelangen, ziehe ich die Zugfahrt doch bei weitem vor.

Bürohengste, Gschaftlhuber und Hypochonder

Ganz abgesehen vom Komfort, dem Preis-Leistungsverhältnis und der alpinen Aussicht genieße ich es vor allem, dass sich die Fenster öffnen lassen - und zwar richtig. Für diejenigen, die noch nicht das Glück hatten, an den Wundern dieser recht einzigartigen Transportform teilzuhaben: Die Rede ist weder von halbherzig aufgeklappten oberen Fensterteilen, noch von diesen nervigen Konstruktionen, die erst so aussehen, als ließen sie sich vollständig öffnen, dann aber nur einen kleinen Spalt zulassen, durch den noch nicht mal ein Hauch frischer Luft ins Abteil gelangt; nein, wir sprechen über Waggons, die Zugfenster besitzen, die sich bis auf Taillenhöhe runterziehen lassen.

Fenster, die über diese eigentlich simple Funktion, sich hoch- und runterziehen zu lassen, verfügen, mögen angesichts der Tatsache, dass sie mal europaweit die Norm waren, nicht wie eine spektakuläre Errungenschaft wirken. In unserer Zeit mit ihren fanatischen Gesundheits- und Sicherheitsaposteln, die den gesunden Menschenverstand aushöhlen, ist es allerdings äußerst bemerkenswert, dass man es dieser wunderbaren Einrichtung erlaubt hat, weiter zu existieren.

Während ich mein Gesicht von der Sonne wärmen lasse und die hereinschwebende kühle, frische Luft einatme, stieg jedoch mein Blutdruck, als ich an all die Bürohengste, Gschaftlhuber und Hypochonder dachte, die für das Versiegeln der Fenster verantwortlich sind und das "comfort cooling" europaweit in Eisenbahnen einführten. (Mit Hotels, Wohnungen und Büros, die hermetisch abgedichtet sind, will ich gar nicht erst anfangen!) Ich bin durchaus ein Freund von aufgedrehten Klimaanlagen, zum Beispiel in einem TGV an einem heißen Abend außerhalb des Gare de L'Est in Paris oder im Nozomi vor Osaka. Ich finde es auch wunderbar, die Möglichkeit zu haben, frische Luft hereinzublasen, wenn der Morgen kühl und mein Kopf noch benebelt ist, oder der Nachmittag mühsam und ich jeden Gedanken an ein Nickerchen verbannen muss.

Eins meiner Lieblingsbilder im Fotoalbum meiner Mutter nach der High School ist ein 35mm-Schnappschuss von ihr, auf dem sie sich aus einem der Fenster genau dieses Zuges beugt, während er sich einen Weg durch die Alpen bahnt. Im Alter von vier oder fünf Jahren bin ich immer wieder zu diesem Foto zurückgekehrt und habe mir vorgestellt, wie toll es gewesen sein muss, zwischen den Gletschern und Wiesen, Dörfern und Bergspitzen hindurchzufahren, den Wind im Haar zu spüren und den stechenden Duft nach feuchtem Heu in der Nase, während heiße Tränen die gekühlten Wangen herunterlaufen. Ich war dankbar, dass ich dasselbe tun konnte, als ich 1983 zum ersten Mal einen Schweizer Zug bestieg. Und letzten Sonntag war ich glücklich, dass ich das Fenster vollständig runterziehen und 10 Minuten Sonne genießen konnte, bevor ich mich wieder auf den Weg ins trüb-winterliche London machte.

Ich bin mir nicht sicher, wo die "Anti-offene-Fenster"-Lobby ihren Hauptsitz hat, wer diese teuflische Organisation anführt, oder was sie letztendlich zu erreichen hofft, aber jemand muss sie aufspüren, sie zusammenpferchen und ihnen zeigen, was passiert, wenn sie in einen sauerstoffarmen Raum gestopft werden und sich die Fenster nicht öffnen lassen. Nach ein paar Stunden (oder sogar Minuten) werden sie vermutlich feststellen, dass versiegelte Fenster sehr viel gefährlicher sind als welche, die sich den dahinter liegenden Elementen tatsächlich, so Gott will, öffnen.

Autor:
Tyler Brûlé