Luzern Der Vierwaldstättersee in der Schweiz

Morgens um halb acht taucht Gottfried Hofer seine Hand in einen Topf heißes Wasser. "Ohne den frieren mir die Finger ab", sagt der Fischer. Eine Stunde schon hat er Netz um Netz aus dem Vierwaldstättersee in seinen braunen Stahlkahn gezogen. Zehn Grad misst das Wasser. Drei Stunden liegen noch vor ihm. Jeden Tag außer sonntags fummelt er so wie jetzt handgroße Felchen, Barsche und mitunter auch armlange Hechte aus den Maschen. Hofer, 74, drückt den Rücken durch, schaut auf die Berge ringsum. Der Pilatus glänzt in der aufgehenden Sonne. "Ich fahre schon über fünfzig Jahre auf den See", meint er schließlich, "aber für mich ist die Umgebung noch immer ein Traum." Schleimiggrüne Algen pflückt der Fischer aus dem Netz. Er regt sich nicht auf. Er kennt das.

Der Vierwaldstättersee ist der Fixpunkt seines Lebens. Er sorgt für sein Auskommen - wie das vieler anderer Menschen. Hofer ist sich sicher: Jeder, der vom See lebt, ist ihm verbunden auf ganz eigene Weise. Vielarmig zieht sich das Gewässer von den gefälligen Hügeln des Luzerner Alpenvorlands in die schroff aufragenden Berge. Seit etwa 12000 Jahren liegt es so da, ein Meer mitten in der Schweiz, sogar ein paar Möwen wippen auf den Wellen. 214 Meter misst die tiefste Stelle, weit mehr als hundert Kilometer die Uferlinie. An ihr liegen die kleinen Orte, in denen der Seeblick aus dem eigenen Neubauapartment schon mal eine Million Franken kostet. Die Sicht geht von dort hinaus auf die steil ansteigenden Almen, an deren Hängen verwitterte Holzhäuser mit rauchenden Kaminen kleben. Der Vierwaldstättersee entfaltet eine seltene Anziehungskraft, die nicht mehr loslässt.

Gottfried Hofers Familie legt hier schon seit Generationen ihre Netze aus. Ihn hat es nie weggezogen von hier. Ein Mann, ein See. So ist das bei ihm. Früher habe er ein Radio an Bord gehabt. "Aber heute bin ich gern allein mit dem See. Er lebt und ist unberechenbar, ich spiele ein Spiel mit ihm. Das Wasser zirkuliert ständig, denn seine Becken sind unterschiedlich tief. Der Wind schiebt es in die eine Richtung, in der Tiefe rollt es dann zurück. Die Fische wandern, Mond und Regen spielen eine Rolle." Nach vier Stunden und fast dreißig eingeholten Netzen wuchtet Hofer zwei graue Kisten auf den Steg in Meggen. Knapp vierzig Kilogramm Fisch, viel ist das nicht, siebzig Kilogramm sind bei einem guten Fang drin. "Morgen", sagt Hofer nur, "ist ein besserer Tag." Heute hat der See seine Schätze gehütet, doch der Fischer nimmt es ihm nicht übel. So wie man einer großen Liebe nicht gleich alles krumm nimmt.

Ohnehin ist der See viel zu stark, als dass man ihm seinen Willen aufzwingen könnte. Im Sommer zeigt er sich fast immer friedlich, wird zum Spielplatz für Surfer und Segler. Zur Schneeschmelze aber schwillt er an und überschwemmt nicht selten Vorgärten und Hotelterrassen. Er atmet mit den Jahreszeiten, und wer ihn kennt, stellt sich auf seinen Rhythmus ein. So wie Kapitän Kuno Stein, der an diesem Morgen auf der Brücke der "Gotthard" steht und das 58 Meter lange Ausflugsschiff mit einem leichten Tippen am Steuerhebel vom Pier in Luzern raus aufs Wasser dreht. 38 Jahre ist es her, dass Stein auf dem Vierwaldstättersee als Matrose angefangen hat. Mittlerweile hat er das Kommando über die "Stadt Luzern", das Flaggschiff seines Arbeitgebers. Nur ab und zu vertritt er wie heute einen Kollegen und steuert die "Gotthard" oder ein anderes Schiff.

Alles andere als still: Sturmwolken und Windböen gehören dazu

Der Kapitän, 56, setzt seine weiße Mütze ab und wechselt in den Steuerstand. Sturmwolken ziehen auf, Regen schlägt feine Punkte auf das fischhautsilbrige Wasser. Rund drei Stunden dauert die Fahrt nach Flüelen, kreuz und quer, von Ort zu Ort, dahin, wo die altehrwürdigen Hotels stehen, der Wind die Kastanien an den Uferpromenaden zaust und der See mitunter so stark blendet, dass unvorsichtige Spaziergänger die sonnenbebrillten Angler erst dann erkennen, wenn sie sie schon fast ins Wasser geschubst haben. Stein treibt die "Gotthard" mit 23 Kilometern in der Stunde in die aufsteigenden Wellen. "Wenn die Fallwinde vom Gotthard zuschlagen", sagt er, "da kann es die Bänke auf dem Deck wegschleudern. Aber ich liebe den See, auch wenn er sich wie jetzt grau in grau zeigt." Machtvoll wirkt dann das Land. "Und wenn der Himmel aufreißt, dann ist da so ein helles Licht. Das muss man einfach erlebt haben."

Dieser Wechsel von Licht und Schatten, von Wärme und Kälte zieht Stein raus aufs Wasser. Der See fasziniert nicht nur ihn, sondern auch über zwei Millionen Passagiere, die jedes Jahr die zwanzig Motorschiffe und Dampfer der Schifffahrtsgesellschaft des Vierwaldstättersees besteigen. Ihre Flotte ist innerhalb des Landes die größte der Schweizer Personenschifffahrt, sogar eine Werft am Luzerner Ufer gehört zum Unternehmen. Schiffbauer verschweißen dort in rauchschwangerer Luft Stahl und Aluminium zu schnittigen Rümpfen und päppeln alte Schaufelraddampfer zu neuer Stärke auf. Schipperten die Menschen am See früher Obst, Wein und Stoffe über das Wasser, so schleppen ihre Schiffe heute Kies. Gewonnen wird er an der Mündung der Reuss, ganz hinten im Urner Becken, wo sich der Fluss milchigblau in den Vierwaldstättersee stürzt und Steine aus dem Gotthardmassiv mitreißt, die Schwimmbagger dann wegschaufeln.

Die Abgründe des Sees

Bis ins 19. Jahrhundert war der Vierwaldstättersee eine wichtige Handelsverbindung auf dem Weg nach Norditalien. Aber als 1830 die Gotthardstraße das Reisen erleichterte, entdeckten englische Touristen die Bergwelt der Innerschweiz. Bereits 1837 ging der erste Ausflugsdampfer auf Jungfernfahrt, und wenn die weißen Schiffe heute wie vor 170 Jahren über den See stampfen, wünscht man sich in einem milden Anflug von Romantik junge Frauen auf das Achterdeck, denen der Wind einen cremefarbenen Seidenschal vom Hals zupft, direkt in die Hände eines aufmerksamen Kavaliers. Heute reisen nur wenige Ausflügler mit Kuno Stein, und der Regen treibt die älteren Damen und Herren zu Kaffee und Kuchen hinter die Glasscheiben. Die "Gotthard" sei "sehr agil", sagt der Kapitän, das Schiff kommt schnell ins Schaukeln, doch Kuno Stein steht fest in seinem Führerhaus, als das Schiff hinter Vitznau die mit achthundert Metern schmalste Stelle des Sees kreuzt, der Wind es packt und kräftig durchschüttelt.

Bootstour über den Vierwaldstättersee
Darshana Borges
Unter Schweizer Flagge quer über den See.
"Du weißt nie, was kommt", sagt Stein, und mit jedem Kilometer nähert er sich wolkenverhangenen Felsen, die abrupt in die Höhe ragen. Sie lassen das Entree zum Urner Becken wie das Tor zur Hölle wirken. Es sind vor allem diese letzten Kilometer vor Flüelen, die den Kapitän nach 38 Jahren noch immer fesseln. Er schweigt und schaut. Auf die paar Häuschen von Bauen, hineingekauert in eine Nische unter mächtigem Fels, aus dem Wasser stürzt wie Blut aus einer tiefen Stichwunde, und auf das senkrecht abfallende "Teufelsmünster". Endlich schält sich Flüelen aus dem Dunst, und als sich Kuno Stein die Beine auf dem Pier vertritt, faucht der Wind in seinen Ohren und zerrt an seiner Jacke. Er wird ihn zurücktreiben nach Luzern, wo sein Tanz mit dem See am nächsten Morgen aufs Neue beginnt.

Der Vierwaldstättersee ist an den meisten Orten so schön und friedlich, dass kaum jemand an seine Abgründe denkt, an die Welt unter Wasser. Franz Hattan aus Hergiswil kennt sie wie kaum ein anderer, das ist sein Beruf: Taucher. "Die Leute denken, in solch einem See wäre nichts los", sagt er, "aber das stimmt nicht. Und deshalb ist der See auch ein toller Arbeitsplatz." Still ruht der See? Von wegen. Vor 400 Jahren rutschte bei Weggis ein so großer Hangabschnitt ins Wasser, dass eine vier Meter hohe Tsunamiwelle über den Vierwaldstättersee raste. Bis heute stürzen immer wieder Felsen hinein und bringen Arbeit für Hattan, etwa an den Leitungen, die das Trinkwasser für Luzern aus bis zu hundert Metern Tiefe saugen. Er räumt nach schweren Regengüssen Schwemmholz weg, setzt Bojen, gießt Betonfundamente für Sprungtürme und Stege und schweißt Brückenpfeiler. Dazu steigt der 58-Jährige mit dem breiten Brustkorb in seinen Taucheranzug und gleitet langsam ins Dunkel.

Der See ist auch für Taucher spannend

"Wenn die Sonne scheint, kann man vielleicht dreißig Meter tief gucken, dann wird's duster." Aber Hattan taucht ohnehin nicht gern in die extremen Tiefen. Sich fünfzig Meter senkrecht an den unterseeischen Steilhängen herunterfallen zu lassen, das sei ihm schlicht zu langweilig. "Ein paar Meter nur runter und sich dann treiben lassen - das ist es." Am liebsten bleibt er dort, wo die Sonne gut hinkommt, etwa drüben bei Küssnacht. Der Taucher erzählt von pyramidenförmigen Felsen am Grund und von vier Meter hohen Algenwäldern, von Seegraswiesen und Hechtkraut, das sich träge im Wasser wiegt. "Da gibt's massig Fische. Man muss nur still schweben, dann kommen die von selbst." Vor allem gegen Mitternacht steige er gern ab, zur Jagdzeit, mit einer Lampe. "Und dann knipse ich sie aus." Der Blick aus zehn Metern Tiefe auf den leuchtenden Mond sei schlichtweg unschlagbar.

Seit 38 Jahren ist Kuno Stein Kapitän auf dem Vierwaldstättersee
Darshana Borges
Seit 38 Jahren ist Kuno Stein Kapitän auf dem Vierwaldstättersee.
Die meisten Reisenden hingegen suchen das Glück lieber in der Höhe, etwa auf den Spitzen der schneebedeckten Berge ringsum. Das Gefühl von Freiheit verstärkt sich mit jedem Meter nach oben, mit jedem Blick auf den sich stetig wandelnden See, dem der Wind Falten in die Haut presst und die Wolken helle und dunkle Flecken auftupfen. Manche erkennen in ihm von oben ein gigantisches, glitzerndes Auge, das in den Himmel schaut. Hier oben schärft sich der Sinn für die Extreme, man fühlt die Kälte der Berge, während unten am Wasser Palmen und Feigen wachsen. Toni Ottiger kennt diese Gegensätze, jeden Tag genießt er sie - wenn auch aus umgekehrter Perspektive.

Der Winzer lebt im Örtchen Kastanienbaum und schaut Morgen für Morgen aus seinem tiefrosafarbenen Haus zuerst auf den See und dann auf seine gepachteten Weinberge ringsum. "Der Wein ist der Süden", sagt Ottiger, "und der Schnee auf den Bergen, das ist der Winter im Norden. Die Kontraste hier am See sind schon enorm." Ottiger sitzt auf einer kniedicken Bank im Schatten einer 120 Jahre alten Linde, auf dem Tisch vor ihm steht eine entkorkte Flasche Muscat. Ottiger, 56, baut seit dreißig Jahren Wein an. Er liebt den Vierwaldstättersee, auch weil er von ihm lebt. Nur wenige Kilometersüdlich von Luzern, auf dem sanft ansteigenden Südhang der Horwer Halbinsel, gedeihen auf sieben Hektar Trauben für jährlich 50 000 Flaschen Rot- und Weißwein. "Noch nie sind mir Reben erfroren", sagt Ottiger. "Der See ist das größte Argument für den Weinbau hier. Ohne ihn hätte ich nicht solchen Erfolg."

Der Vierwaldstättersee ist dem Winzer übers Jahr ein wohlwollender Begleiter. Wie ein großer Ofen speichert er die Wärme, selbst in harten Wintern bleibt er in der Regel eisfrei. Dunst sammelt sich über ihm, wenn die Lufttemperatur unter den Gefrierpunkt fällt, aber kaum jemals so tief, dass die Rebstöcke sterben. Er sorgt dafür, dass die Knospen früh austreiben, und verhindert Frühjahrsfröste, auch weil er der Luft viel Platz zum Fließen lässt. Wachsen die Reben heran, weht stets eine Brise vom See herüber und trocknet die Trauben, verhindert Fäulnis. "Im Herbst aber, wenn die Trauben reifen, dann ist der See am wichtigsten", sagt Toni Ottiger. "Dann wirkt er wie ein Spiegel, der die Sonnenstrahlen sammelt und das Licht auf den Weinberg wirft. Das unterstützt die Zuckerbildung in den Trauben."

Ottiger gießt Wein nach an seinem Tisch unter der großen Linde, seinem "Kraftort", wie er sagt. Er friert ein wenig, obwohl die Frühlingssonne so kräftig scheint, dass sie die Haut schnell rötet. Es ist Mitte April, vor einigen Tagen haben seine Reben wieder zu treiben begonnen. Der Winzer weiß, er hat viel Glück mit dem Vierwaldstättersee. Einen besseren Freund könnte er sich kaum wünschen.

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Autor:
Christian Sywottek