St. Bernhard Der Rettungshund der Nation

Was ist mit Barry los? Träg steht er da, hechelt, dreht den Kopf. Ans Bein der Tierpflegerin Karin will er sich schmiegen. Es ist still an diesem Septembermorgen auf 2470 Meter Höhe. In braungrüne Wiesen gebettet liegt hier das Hospiz des Großen Sankt Bernhard. Dann und wann knattert von Martigny oder Aosta her ein Motorrad die Passstraße hoch, ab und zu pfeift ein Murmeltier.

Luna, die lebhafte Freundin Barrys, springt den Pfiffen nach, will spielen. Barry lässt sich den Hals kraulen, lagert sich zu Karins Füßen, als müsse er ein Gerücht widerlegen: Immer der tüchtigste der Hospiz-Hunde erhält den legendären Namen Barry. Liegt da und hechelt, dieser Nachfahr des großen Barry I., des berühmtesten aller Schweizer Hunde. Schwer muss ein Leben in diesem Schatten sein. Barry I. - das war der Über-Bernhardiner. Menschenfreund und Wohltäter zu Lebzeiten, Lebensretter und Schweizer Nationalheld. 40 Menschen soll er aus dem Schnee gerettet haben, zwischen 1800 und 1812. Zwei Jahre später starb er im Ruhestand in Bern, wo man ihn, ausgestopft, besichtigen kann.

Als Plüschhund der Marke Steiff hat Barry einen Stammplatz in den Flughafen-Shops gleich neben der Toblerone. In 85 Ländern von Liberia bis Litauen ist er zum Briefmarken-Sujet geworden. In einer Walt-Disney-Produktion von 1953 spielt der Bernhardiner den Begleiter von Peter Pan, in einer "Heidi"-Verfilmung den Gefährten des Alpöhi. Auch für Zigarren und Schokolade hat er schon geworben.

Barry leckt Karins Hand, will ihre ganze Aufmerksamkeit. Das hat Barry I., der Ahn, wohl nicht anders gemacht, damals, wenn er sich anschickte, einen vor Kälte steifen Reisenden ins Leben zurückzuholen. Die nasse Zunge ins Gesicht! Einschlafen im Schnee ist tödlich! Überhaupt gleichen sich die Verwandten. Dieselben treuen Augen, der gleiche breite, schwere Schädel. Die Stirn, steiler als bei Hunden üblich, bildet mit der Schnauze fast einen rechten Winkel - eine Denkerstirn.

Aber Barry kann nicht, was Barry I. konnte, mehr noch, er darf es nicht. Ausgerechnet jetzt, wenn der Schnee kommt, werden die Hospiz-Bernhardiner ins Tal gefahren, damit sie im Stammhaus in Martigny überwintern. Man braucht sie nicht hier oben im Hospiz, wenn die Straße gesperrt ist und keine Touristen mehr da sind. Man braucht sie schon gar nicht als Lebensretter. Nicht nur, weil es heute Lawinensuchgeräte gibt, die - welche Ironie! - auch noch "Barryvox" heißen. Nein, Barry darf nicht, weil andere im Rettungsdienst besser sind: Schäferhunde, Labradors, Retriever, sie alle sind leichter, wendiger, passen besser in den Rettungshelikopter.

Groß wie ein Esel

Doch noch ist es nicht Winter auf dem Sankt Bernhard, und vor dem Zwinger der Hospiz-Hunde stehen zwei Dutzend Fans mit ihren Fotoapparaten, Pensionäre, Familien, Bernhardiner-Liebhaber aus aller Welt. Dürfen sie die Hunde berühren? Und ob! Barry wird dafür angehimmelt, dass er sein eigenes Maskottchen an Sanftheit übertrifft.

Die Hunde vom Großen Sankt Bernhard wurden um 1700 erstmals erwähnt. Damals soll der im Hospiz für die Küche zuständige Chorherr ein Laufrad für die Tiere konstruiert haben, mit dem der Bratspieß gedreht wurde. Aber die Hunde konnten auch anderes. Da der Alpenübergang bei Wegelagerern beliebt war, wurden sie als Schutzhunde eingesetzt; "allein der Anblick der Molosse" soll 1787 eine Räuberbande gehindert haben, den Kirchenschatz des Hospizes zu plündern.

Bei aller Gutmütigkeit, die Barry ausstrahlt: Seine genetischen Wurzeln führen zu Bauernhunden, die Höfe und Herden der Region bewachten, und vielleicht sogar bis zur Tibet-Dogge. Über sie schrieb Marco Polo, nachdem er in China ihre Bekanntschaft gemacht hatte: "Sie ist groß wie ein Esel und hat das Brüllen eines Löwen."

Ihren Weltruhm erlangten die Hospiz-Bernhardiner aber durch das Aufspüren Verschütteter in Schnee. Bei der Bergung waren sie allerdings auf Hilfe der Menschen angewiesen. "Ihr Instinkt und Spürsinn erlauben es den Hunden nicht, bis zu großen Tiefen vorzudringen. Die Geistlichen durchsuchen die Lawine Stelle um Stelle mit einer großen Stange", notierte 1786 der Genfer Naturforscher Horace Bénédict de Saussure. Dennoch: Aus Küchensklaven im Laufrad waren Rettungskräfte geworden.

Die Zeit war reif für Barry, den Super-Hund. "Er rettete 40 Personen das Leben. Vom 41. wurde er getötet", steht auf seinem Denkmal auf dem Pariser Hundefriedhof. Es heißt, ein Soldat Napoleons habe seinen Retter für einen Wolf gehalten und ihn derart verletzt, dass Barry im Hospiz starb. Ein Heldentod passt nun mal besser zum Mythos als der in Wahrheit ruhige Lebensabend in Bern.

Und das Schnapsfässchen am Hals? "Es ist wohl einem Jux entsprungen", sagt der Kioskbesitzer Giuseppe Vuyet. Spelunken-Besucher sollen das Fässchen einem ausgestopften Tier umgehängt haben. Warum aber schaffte der Schnaps den Sprung in Barrys ikonografische Grundausstattung?

Vuyet blickt von seinen Plüschtieren auf, als müsse er sich die Antwort gut überlegen. Dann sagt er etwas, was das ganze bunte Treiben auf dem Pass erklären könnte, die Streichel-Manie der Barry-Pilger und das Pathos der Reiseführer, die die Hunde für ihre "Hilfsbereitschaft", "Gastfreundschaft" und "Großzügigkeit" preisen. Vuyet sagt: "Die Leute wünschen sich ihre Bernhardiner als bessere Menschen."

Das legendäre Schnapsfässchen

Weil sie sich aber moralische Überlegenheit nicht ohne einen Verstand vorstellen können, der dem ihren mindestens ebenbürtig ist, braucht es das Schnapsfässchen. Es symbolisiert den Gipfel tierischer Vernunft: Irgendwie muss der Hund Barry es geschafft haben, den halb erfrorenen Lawinenopfern auch noch selbst mitgebrachten Schnaps einzuflößen! Dieser Mythos hat sich als so viel stärker als die historische Wahrscheinlichkeit erwiesen, dass auf dem Plüschtiermarkt nur ein Bernhardiner mit Fässchen überhaupt als Bernhardiner gilt. Giuseppe Vuyet verkauft sogar Plüsch-Katzen mit Schnapsfässchen besser als Bernhardiner ohne Fässchen.

Auch die Tierpflegerin Karin weiß, dass der Hundebetrieb auf dem Hospiz von der Legende lebt. Wenn die Gäste von ihr wissen wollen, ob Barry tatsächlich einmal einen kleinen Jungen ins Hospiz getragen habe, sagt sie: "Es ist nicht bewiesen, aber es ist auch nicht unmöglich". Das hören die Kinder gern, die selber ein wenig auf Barry reiten möchten. Dies kann Karin ihnen freilich nicht erlauben, denn Barry hat Dysplasie: Seine Gelenkkugeln sitzen schlecht in den Pfannen.

Das Wohlergehen von Barry und seinen Freunden liegt in Händen der Barry-Stiftung, die seit 2005 Besitzerin der Hospiz-Bernhardiner ist und ihre Aufgaben ernst nimmt. Die Richtlinie "Verbesserungen zu Gunsten der Hospizbernhardiner" umfasst u. a. regelmäßige Bäder und Zahnpflege und die "Bildung eines Zucht-Ausschusses, der primär die Interessen der Hunde vertritt". Im Gegenzug wird der Mensch mit bedingungsloser Liebe belohnt. "Ein Bernhardiner grüßt auch dann freundlich, wenn man etwas später nach Hause kommt", sagt Rudolf Thomann, der Geschäftsführer der Stiftung. Die Hospizhunde haben es im freundlichen Grüßen so weit gebracht, dass sie heute als Gesellschafter in Altersheimen tätig sind; das Projekt heißt "Die dargebotene Pfote".

Wer solche Erziehungserfolge im Hospiz bei den Chorherren zur Sprache bringt, erntet Stirnrunzeln. "Unsere emotionale Energie richtet sich zu stark auf das Tier", sagt Pater José Mittaz. "Hunde können menschliche Begegnungen nicht ersetzen". Die Übergabe der Hundezucht vom Kirchen- in den Stiftungsbesitz war für ihn eine unsentimentale Formalität: "Wir haben hier oben 700 Jahre lang ohne Bernhardiner gelebt, wir würden es auch jetzt ohne sie schaffen. Der Heilige Sankt Bernhard war kein Hund, sondern ein Mann!"

Gut möglich, dass die Natur einer weiteren Vermenschlichung Barrys bald Grenzen setzt: Dieser Zögerer, diese Seele von einem Hund, der nicht mit Murmeltieren spielt, sich dafür umso bereitwilliger von Kindern streicheln lässt, wird sich nicht fortpflanzen - wegen des Hüftproblems. Und er ist kein Einzelfall. Nur die Hälfte der Hospiz-Hunde ist fit genug für die Zucht. Die Selektion ist nötig, weil Magenverdrehungen, Krebs und Gebärmuttervereiterungen unter Bernhardinern auf der ganzen Welt grassieren. Viele dieser Krankheiten sind Folgen verfehlter Zucht-Ideale, die dem Tier alles Wölfische austreiben und es zum Wunschbild eines Menschen formen möchten - so siebzig bis achtzig Kilogramm schwer, lieb und vernünftig.

Wurde Barry I. noch 14 Jahre alt, so ist heute die durchschnittliche Lebensdauer auf acht Jahre gesunken. Auch die Schönheit leidet unter Zucht-Exzessen. Was nützen seelenvolle Augen, die sich ständig entzünden? Was nützen makellose Haare, wenn das Tier damit so sensibel ist, dass es sie beim ersten Besitzerwechsel büschelweise verliert? "Die Leute wollen immer das Unvereinbare", sagt Rudolf Thomann. "Ein feinfühliges Wesen, aber auch eine robuste Physis und dominantes Verhalten."

Es ist Abend geworden auf dem Sankt Bernhard. Giuseppe Vuyet, der Kioskbesitzer verräumt seine Plüschhunde, Pater Mittaz verrichtet das Abendgebet. Die Tierpflegerin Karin schließt die Zwingertür. Auf einer Decke liegt Barry. Ob es gut wäre, seine Art probehalber wieder ins Wölfische zurückzuzüchten? Falls ihm der Schöpfer einen Funken Weisheit mitgegeben hat, ist ihm eine Antwort wahrscheinlich egal.

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Martin Helg