Fast Lane Der Arzt, dem Designer vertrauen

Wie weit man an die Extreme seiner persönlichen Mobilität stoßen kann, wurde mir am Montag sehr deutlich vor Augen geführt, als ich schnell mal in die Schweiz flog, um einen Arzt zu konsultieren und dann zum Mittagessen eine Flugzeugschau zu besuchen. In den vergangenen Wochen hatte ich mich nach Kräften bemüht, mein irgendwie lädiertes rechtes Knie zu ignorieren. Ich bin mir nicht ganz sicher, was die Ursache des Übels war, habe jedoch den Verdacht, dass der ausgedehnte Lauf um den Imperial Palace, das fehlende Stretching und dann im Anschluss das lange, köstliche Abendessen im Schneidersitz auf einer Tatami-Matte in Omotesando daran nicht unbeteiligt waren. Vor zwei Wochen musste ich das Joggen dann ganz einstellen - in der Hoffnung, dass sich auf diese Weise alles wieder beruhigen würde. Der Schmerz ließ aber leider nicht nach.

Am Freitag rief ich schließlich meinen Arzt in der Schweiz an und fragte, ob er anhand der Symptome vielleicht in der Lage wäre, eine Diagnose übers Telefon abzugeben. Der verantwortungsvolle Dr. Georg bat mich, an meinem Knie herumzustochern und zu drücken, während ich an meinem Schreibtisch saß, den Telefonhörer zwischen Ohr und linker Schulter eingeklemmt. Dann sollte ich das Bein auszustrecken und ein paar Mal zu beugen. Gleichzeitig wurde ich mit Fragen zu meinen sportlichen und sonstigen Aktivitäten überschüttet. Letztendlich kam er zu dem Schluss, dass eine Diagnose übers Telefon wahrscheinlich nicht zu einer baldigen Genesung führen werde und legte mir nahe, für ein MRT nach St. Moritz oder Zürich zu kommen.

"Ich bin am Dienstag eh mittags in Genf zum Essen verabredet", bot ich an, "einen Termin am Dienstagmorgen könnte ich also einrichten."

"Ich sorge dafür, dass sich meine Kollegen bei Ihnen melden und dann gucken wir, was wir für Sie tun können", antwortete der Herr Doktor.

Dreißig Minuten später erhielt ich eine Bestätigung, dass ich am Dienstagmorgen um 7.45 Uhr in der Züricher Hirslanden Klinik erwartet und meine Ergebnisse dann noch am gleichen Tag erhalten würde.

Das war ja klar: Wenn man verletzt ist, muss dem Flugzeug natürlich das allerletzte Gate ganz hinten in Heathrows Terminal 1 zugewiesen werden - ich tat mein Bestes, um mir beim Gang zum Gate nicht ein dauerhaftes Hinken anzueignen. Aber am nächsten Morgen wurde ich früh wach, genoss ein herzhaftes Frühstück im Hotel Rössli und bemühte mich dann, bereits etwas vor meinem Termin in der Klinik anzukommen. Da ich doch einige Zeit in den Krankenhäusern verschiedener Kontinente verbracht habe, darf ich sagen, dass ich die Schuhwahl des Schweizer Krankenhauspersonals doch immer wieder aufs Neue verwundert zur Kenntnis nehme.

Die Schweizer sind Vorbild für einen einzigartigen Klinik-Schick

Ich nahm einen der besten Plätze in der Radiologie-Abteilung ein und beobachtete von dort aus Assistenten, Krankenschwestern, Techniker und Ärzte in ihren so seltsamen wie wundervollen Schuhen. Ob es wohl eine Frage der Hierarchie war, ob man ein Paar weißer Schuhe mit Keilabsatz und großen Plastikschnallen trug oder ein Paar weißer Birkenstock-Schuhe mit geschlossener, leicht kartoffelförmiger Spitze? Die Schweizer mögen vielleicht keinen Preis für ausgeprägtes Modeempfinden gewinnen, aber sie sind Meister eines einzigartigen Klinik-Schicks, dem sich die Krankenhäuser anderer Länder vielleicht anschließen sollten.

Das beste Ensemble, das ich entdeckte, trug ein braun gebrannter junger Arzt: gepflegte weiße Hosen im Cargo-Stil mit vielen Taschen für Scheren, Taschenlampen und wichtigem medizinischem Zubehör. Er hatte offenbar einige Mühe darauf verwendet, sie über dem Knöchel gerade so weit hochzukrempeln, dass über den haferflockenfarbenen Wanderstrümpfen, die durch seine weißen, an den Zehen offenen Birkenstock-Sandalen hervorlugten, noch ein bisschen Bein zu sehen war. Oben trug er ein gut geschnittenes weißes Piqué-Polohemd und ein Stethoskop, den Labormantel hatte er sich wie ein Cape über die Schultern gehängt. Um 8.10 Uhr war das MRT fertig. Die unhandlichen Scans wollte ich eigentlich nicht mitnehmen, aber man bestand darauf und so suchte ich nach einem eleganten Weg, sie in meine Tasche zu stopfen.

Drei Stunden später protestierte mein Knie spürbar, während ich durch die Ausstellungsräume der EBACE ging, der europäischen Fachmesse für Geschäftsreiseluftfahrt. Auch wenn ein Privatflugzeug diese Kolumne schneller beflügeln würde, gab es in der großen Messehalle nichts, was mir besonders ins Auge sprang. Vor dem Stand von Eurocopter, die ihre Zusammenarbeit mit Mercedes anpriesen, waren recht viel Brasilianer versammelt, um die Kabine eines Sondermodels auszuprobieren; Boeing und Airbus präsentierten ihre neuen Großraumflugzeuge mit besonderer VIP-Ausstattung. Die Kampfflugzeuge wirkten zusammen mit den Falcon Jets am Dassault Stand etwas fehl am Platz in der ansonsten zivilen Umwelt. Dann warf ich noch einen kurzen Blick auf mein Lieblingsflugzeug, eine Pilatus PC-12, und ich sah mir das Modell des neuen Honda Jets an, das eine gewisse manga-artige Niedlichkeit ausstrahlt.

Nach dem Mittagessen spazierte ich mit einem kanadischen Landsmann hinaus auf die Rollbahn, um mir den neuesten Business-Jet mit interkontinentaler Reichweite des Unternehmens anzusehen. Verziert mit der Aufschrift VistaJet überzeugte die neueste Variante von Bombardiers Global-Express-Reihe innen mit dicken, weichen Teppichen und geschmackvollen Möbel. Mein Knie hörte schlagartig auf weh zu tun. Ich musste es allerdings sanft warnen, sich nicht zu sehr zu entspannen, da es zurück nach London nicht in so einem Privat-Jet reisen würde, sondern eingequetscht in dem, was Swiss als Business-Klasse bezeichnet.

Bei der Landung in Heathrow klingelte mein Telefon und Dr. Georg verkündete, dass ich mich in London gar nicht erst häuslich einrichten solle, da ich mir einen ordentlichen Meniskus-Riss zugezogen hätte und mir ein zweiwöchiger Klinik-Aufenthalt bevorstünde. Mehr über die Schweizer Krankenhaus-Kleidung folgt.

Autor:
Tyler Brûlé