Wallis Cäsar Ritz - der König der Hoteliers

Vor hundert Jahren lebten die Menschen in den Walliser Tälern nicht sehr anders als die Bozo am Niger oder die Washoe-Indianer in den Rocky Mountains: Sie ernährten sich von dem, was der karge Boden und das Vieh hergaben, und sie bauten ihre Hütten mit Holz aus dem Wald sowie Steinen und Lehm aus dem Fluss, und die Stoffe für ihre Kleider woben sie eigenhändig in der Stube. Das Wasser holten sie am Brunnen, und die mächtigsten Männer im Dorf waren der Priester und der Häuptling. Geld spielte keine Rolle, denn man hatte keins und brauchte keins - höchstens für eine Flasche Schnaps ab und zu oder ein Werkzeug aus Eisen.

Schwer vorstellbar, dass in einem solchen Dorf ganz zuoberst im Oberwallis, in Niederwald unweit des Rhonegletschers, am 23. Februar 1850 ein Bauernbub geboren wurde, der die prächtigsten Hotels der Welt erschaffen sollte und dessen Name heute noch Inbegriff von Eleganz und Luxus ist. Cäsar Ritz war das 13. und letzte Kind einer alteingesessenen Bauernfamilie. In dem wettergegerbten Holzhaus, das heute noch mitten im Dorf in einem Haufen ähnlicher Häuser steht, waren schon sein Großvater und sein Urgroßvater zur Welt gekommen. Im Winter ging er zur Schule und musste jeden Morgen ein Holzscheit für den Ofen mitbringen, im Sommer hütete er Vaters Ziegen auf der Alp.

Er sei ein verträumter Bub gewesen, heißt es in seinen Lebenserinnerungen, die er fünfzig Jahre später seinem Sekretär in ein schmales Quartheft diktierte; schon früh habe er Sehnsucht verspürt, dem engen, eintönigen Dorf zu entrinnen und hinauszuwandern in die weite Welt, die jenseits der Berge liegen musste. Seine Mutter hoffte, dass aus ihm ein Altarschnitzer oder Heiligenbildermaler würde. Da man diese Kunstfertigkeit im Dorf nicht lernen konnte, führte der Vater den zwölfjährigen Cäsar tief ins Tal hinunter in die Kantonshauptstadt Sitten und brachte ihn bei einem Kunstschlosser unter. Als der Jüngling aber nach drei Jahren noch immer keine berufliche Neigung erkennen ließ, verlor der Vater die Geduld, brachte ihn zur Lehre nach Brig ins Hotel "Zur Krone und Post". Leider setzte der Wirt Cäsar noch im ersten Lehrjahr wegen fehlenden Talents vor die Tür, worauf sich dieser im Speisesaal des Studentenkollegs als Faktotum verdingte. Aber auch dort wurde er entlassen - angeblich, weil er dem Rektor zu wenig fromm war. Erstaunlicherweise durfte er als Sakristan im Haus bleiben, die Glocken zur Frühmesse läuten und den Geistlichen in den Chorrock helfen.

Vermutlich hatte Cäsar Heimweh, getraute sich aber ohne Geld und vorweisbaren Erfolg nicht heim nach Niederwald. Dann, 1867, machte unter den jungen Leuten von Brig die Nachricht die Runde, dass in Paris die Weltausstellung eröffnet werde. Restaurants und Hotels, so hieß es, benötigten massenhaft Personal. Cäsar machte sich sofort auf die Reise.

Seine erste Pariser Anstellung fand er im "Hôtel de la Fidélité", das er nach kurzer Zeit fluchtartig verließ - angeblich wegen einer russischen Baronin, in die er sich unsterblich verliebt hatte. Er zog weiter in ein derbes Boulevard-Café, dann in ein Restaurant "à prix fixe" und dann alle paar Wochen in ein anderes Haus.Wie es scheint, erwachte Cäsar damals aus seiner jugendlichen Verträumtheit. Bald war er der flinkste Kellner weit und breit - allerdings zerschlug er auch am meisten Geschirr. Unverkennbar wurde sein Drang, immer mehr zu können und voranzukommen. Er wechselte vom bescheidenen Restaurant in ein gutes, in ein besseres und in ein noch besseres und kletterte höher vom Burschen in der Anrichte zum Hilfskellner, zum Kellner, zum Oberkellner und schließlich zum Geschäftsführer. Nach zwei Jahren war er im "Voisin" angelangt, dem schicksten und teuersten Restaurant von Paris. Dort musste er allerdings wieder ganz unten als Hilfskellner anfangen.

Feuer für den Prinzen

Im "Voisin" begegnete Ritz, der eben erst der archaischen Subsistenzwirtschaft eines alpinen Hochtals entlaufen war, den mächtigsten, berühmtesten und reichsten Menschen der damaligen Welt - zwar nur als Hilfskellner vorerst, aber immerhin. Er durfte Edward, Prince of Wales, Feuer für seine Zigarre bieten und der märchenhaften Sarah Bernhardt Champagner einschenken, George Sand das Fischbesteck bereitlegen und Alexandre Dumas die Zigarrenkiste reichen, und er durfte dem Staatsmann Léon Gambetta dabei zusehen, wie er drei "Perdreaux truffés" und vier "Sorbets au Rhum" hintereinander verschlang.

Cäsar Ritz beobachtete seine Kundschaft aufmerksam und merkte sich alles genau. Er prägte sich ein, dass amerikanische Stahlbarone die großzügigsten Trinkgelder geben, wenn man sie mit respektvoller Kumpelhaftigkeit behandelt, und dass blaublütige Gäste es mögen, wenn man sich von einem Besuch zum nächsten ihrer kulinarischen Vorlieben erinnert. Und schon bald muss Cäsar bemerkt haben, dass die Reichen und Mächtigen dieser Welt für das viele Geld, das sie ausgaben, in den Hotels des 19. Jahrhunderts doch recht kümmerlich bewirtet wurden; denn diese waren nichts weiter als unlustige Absteigequartiere zwischen zwei Etappen und schlichter Notersatz der ungleich komfortableren privaten Häuslichkeit.

Als Ritz 1872 im Hotel "Splendide", einem der teuersten und nobelsten Häuser der damaligen Welt, Schuhe putzte und Geschirr spülte, wurde der hohe Gast noch mit der Öllampe in sein Gemach geleitet, und jeden Morgen stand ein Krug heißen Wassers vor seiner Tür. Hatte er Glück, brannte im Winter ein Kaminfeuer im Zimmer, ansonsten kroch er unter die Decke und wartete auf den Morgen. Zwar war die Industrialisierung weit vorangeschritten, die Menschheit dank Dampfschiffen und Dampflokomotiven mobil wie nie zuvor; die Hotellerie aber steckte noch im Postkutschenzeitalter. Darüber wunderten sich vor allem die amerikanischen Gäste: "Was - kein Eiswasser? Keine Pullmanwagen? Kein Badezimmer?" Die Vanderbilts, die Rothschilds und die Carnegies waren reich genug, sich allen Komfort zu leisten. Und sie verlangten ihn.

Bei einem Abstecher nach Wien zur Weltausstellung 1873 begegnete Ritz dem deutschen Kaiser, dem Kronprinzen Friedrich und Kanzler Bismarck, dem belgischen und dem italienischen König sowie Zar Alexander und erneut Prince Edward - und er fand manches heraus: beispielsweise, dass der englische Thronfolger sein Steak gern gut durchgebraten aß und gegrilltes Hähnchen besonders liebte; dass er nach dem Essen eine leichte Havanna wünschte und ägyptische Zigaretten von Laurens bevorzugte. Ritz entging auch nicht, dass Edward Zigeunermusik liebte und den Wiener Walzer. Und so kam es, dass der Brite, als er später mit großem Gefolge in Cäsars eigenen Hotels in Monte Carlo, Cannes, Paris und London zu Gast war, wie durch ein Wunder stets die Speisekarte, die Musik und die Einrichtung ganz nach seinem Geschmack vorfand.

Der wendige Oberkellner

Zu jener Zeit reisten die Leute, die zur guten Gesellschaft gehören wollten und konnten, im Winter ans Meer und im Sommer in die Berge. Die Männer trugen Monokel und hohe, steife Hüte, die Damen Fischbeinkorsagen und Riechsalzfläschchen in den Falten ihrer wallenden Röcke. Im Winter war Nizza das Mekka von Eleganz und Snobismus, im Sommer Luzern oder Sankt Moritz, und in der Zwischensaison erholte man sich in einem Kurbad von den Anstrengungen der Hauptsaison.

In den nächsten Jahren folgte Cäsar Ritz dieser Gesellschaft auf ihren saisonalen Wanderungen wie ein Jäger dem Wild. Im Winter 1874/75 war er "Restaurant-Manager" im "Grand-Hôtel" von Nizza, im Sommer diente er als Oberkellner im "Rigi-Kulm" ob Luzern, und im darauffolgenden Winter war er in San Remo.

Es war im ersten Sommer im "Rigi-Kulm", als er eine schicksalshafte Begegnung hatte mit Oberst Alphons Pfyffer, der als Offizier im Dienst des Königs von Neapel gegen Garibaldi gekämpft hatte und nach Luzern zurückgekehrt war, um sein Vermögen in den Bau eines Luxushotels am See zu investieren. Das Hotel "National" war ein Palast, der den höchsten Ansprüchen der internationalen Kundschaft genügte; nach Aussage von Cäsar Ritz' späterer Ehefrau Marie-Louise war es das luxuriöseste Hotel der Schweiz, wenn nicht der ganzen Welt.Weil aber Pfyffer nichts von Hotellerie verstand, war es schlecht geführt und schlecht besucht. Der alte Soldat beobachtete den wendigen Oberkellner Ritz bei der Arbeit, war beeindruckt und engagierte ihn als Direktor des "National".

Cäsar Ritz machte sich sofort daran, das "National" neu einzurichten nach dem Geschmack des europäischen Adels von Geblüt, Geist, Macht und Geld, den er so gründlich kennengelernt hatte. Mit dem Geld des alten Oberst Pfyffer richtete er rauschende Feste aus, wie sie die Welt - oder zumindest Luzern - noch nicht gesehen hatte. Wenn der Ex-König von Neapel zu Besuch kam, ließ Ritz ein Musiktrio aus Neapel anreisen, und als die Nichte des Ex-Königs ihre Hochzeit im "National" feierte, sprangen beleuchtete Fontänen aus dem Vierwaldstätter See auf. Als die Gäste nach dem Diner ins Freie traten, zog eine Flotille von napolitanischen Fischerbooten, mit bunten Laternen behängt, unter inbrünstig gesungenem "O sole mio" an einem großen Dreimaster vorbei, dessen Segel, von der Rückseite mit tausend Kerzen angestrahlt, in leuchtenden Farben die vereinigten Wappenbilder der beiden blaublütigen Familien trugen. Gleichzeitig loderten vom Pilatus, vom Stanserhorn und Bürgenstock riesige Höhenfeuer auf.

Dreizehn Sommer lang führte Cäsar Ritz das "National". Immer im Oktober ging er in französische Kur- oder Küstenorte und ab 1880 nach Monte Carlo, wo er acht Jahre lang das "Grand-Hôtel" leitete. Im Januar 1888 heiratete er eine Hotelierstochter namens Marie-Louise; unmittelbar davor hatte er mit dem Baden-Badener Hotel-Restaurant "de la Conversation" und dem "Hôtel de Provence" in Cannes seine ersten Häuser erworben. Von da an ging es Schlag auf Schlag: 1889 kaufte er das "Minerva" in Baden-Baden hinzu, und gleichzeitig übernahm er die Leitung des "Savoy" in London, das als das schönste Hotel Großbritanniens galt.

Bauernhände und klobige Füße

Den Höhepunkt seines Eroberungsfeldzugs erreichte Cäsar Ritz Mitte der neunziger Jahre, als er gleichzeitig die größten Häuser in London, Aix-les-Bains, Rom, Luzern, Frankfurt, Wiesbaden, Biarritz und Paris führte. 14 Hotels in fünf Ländern standen unter seinem Kommando, mehr als 2000 Gästebetten und ebenso viele Angestellte - in jenen Jahren war das Ehepaar Ritz unablässig mit der Eisenbahn unterwegs zwischen London, Paris, Luzern und Rom. In seinen Kleiderkoffern hatte Cäsar sechs Anzüge für jeden Tag, er besaß fünf Fräcke und fünfzig Paar Schuhe. Seiner Frau gestand er, dass ihm bei seiner dürftigen Bildung und Erziehung makellose Kleidung immerhin eine gewisse Sicherheit gebe im Umgang mit den Berühmtheiten dieser Welt. Tief im Innersten litt er unter der Vorstellung, dass er Bauernhände und klobige Füße habe; deswegen trug er gewohnheitsmäßig zu kleine Schuhe und verwendete auf seine Maniküre mehr Pflege als manche Kokotte.

Die wichtigste Episode in Cäsar Ritz' Leben, so schreibt Marie-Louise in ihren Memoiren, war die Zeit in Rom, als er mit Planung und Bau des "Grand-Hotel" betraut war. "Welche Schönheit, welche Pracht!", soll er ausgerufen haben, als er das erste Mal zum Kapitol hinauffuhr. "Zu denken, dass ich von all dem nichts wusste! Welch armseliger Ignorant bin ich doch!" Er war erschüttert von der grandiosen Fülle ästhetischer und historischer Eindrücke, die auf sein schönheitsdurstiges Berglergemüt einstürmte, und unersättlich fuhr er in der offenen Kutsche kreuz und quer durch die alten Stadtviertel. Ausgiebig verweilte er bei den Thermalbädern Caracallas und kam zum Schluss, dass im Vergleich zur Antike der moderne Mensch des ausgehenden 19. Jahrhunderts ein Barbar sei, der nur mit größter Anstrengung darauf hoffen könne, die Zivilisationsstufe der alten Römer zu erreichen.

Leider hatte die Ewige Stadt auf den empfindsamen Mann nicht nur inspirierende, sondern auch lähmende Wirkung, weil er in den großartigen Ruinen auch ein Mahnmal für die Eitelkeit allen menschlichen Strebens erblickte. In jenen Tagen, schreibt Marie-Louise, habe sich das Gift der Resignation in das Herz ihres Mannes geschlichen. Einmal habe er nach einem Besuch der Sixtinischen Kapelle lange schweigsam im Wohnzimmer gesessen, dann sei es aus ihm herausgebrochen: "Michelangelo hat einen Blick ins Jenseits getan. Was er gesehen hat, ist grandios, aber auch schaurig und erschütternd. Ich hätte nie für möglich gehalten, dass mich ein Bild so packen und deprimieren könnte."

Von dieser Erschütterung sollte Cäsar Ritz sich nie mehr erholen. Nach Eröffnung des "Grand-Hotel" in Rom kehrte er zwar nach London zurück, und 1897 baute er in Paris das erste eigentliche Hotel "Ritz" - das erste Hotel also, das nicht nur nach seinen Ideen gebaut wurde, sondern auch seinen Namen trug. Aber richtig froh wurde er nicht mehr. Anfälle von Mutlosigkeit mehrten sich, der noch nicht Fünfzigjährige fühlte sich alt und verbraucht. "Ich weiß es genau, höchstens vier Jahre habe ich noch", sagte er nach der Geburt des zweiten Sohnes René im August 1896. "Und was habe ich bisher erreicht? Nichts, gar nichts."

Dann kam der 24. Juni 1902. Ritz hatte im Londoner "Carlton" zu Mittag gegessen, der ganze Saal hatte vibriert vor Vorfreude darauf, dass der Prince of Wales, Cäsars alter Bekannter, als Nachfolger der verstorbenen Queen Victoria den Thron bestieg. Plötzlich stand Ritz bleich in der Mitte des Saals und verkündete mit heiserer, erregter Stimme: "Ich bedaure, Ihnen mitteilen zu müssen, dass die Krönung nicht stattfinden wird. Die Ärzte des Königs haben es für nötig befunden, Seiner Majestät eine sofortige Operation anzuraten, deren Ausgang gefährlich, ja sogar tödlich sein kann." Dann brach er in der Halle zusammen. Die Angestellten trugen ihn ohnmächtig in sein Büro.

Es war eine Blinddarmoperation, der sich König Edward VII. unterziehen musste, und er erholte sich bestens davon; Cäsar Ritz aber blieb ein gebrochener Mann. Als Marie-Louise ihn an jenem Tag um vier Uhr nachmittags zu Hause der Kutsche entsteigen sah, war er bleich und schwankend, ein Bild der Zerrüttung. Am nächsten Morgen fragte sie den Arzt, der die ganze Nacht am Krankenbett verbracht hatte: "Wie lange...?" Der Doktor führte sie sanft zu einem Stuhl und sagte: "Einige Monate, vielleicht ein Jahr, vielleicht auch länger."

Es sollten 16 Jahre werden. Ritz versank in weltferne, friedliche Träumerei und verließ die Wohnung kaum mehr. Marie-Louise musste seine geschäftlichen Verpflichtungen übernehmen. Viel Zeit verbrachte er mit einem Kunststudenten, der ihm das Modellieren beizubringen versuchte. Stunden konnte er an seinen Gips- und Tonfiguren werkeln. Besonders stolz war er auf seine Miniatur des Familien-Terriers, die das Hündchen schlafend und mit auf die Vorderbeine gebetteter Schnauze darstellte. "Schau her, ich bin jetzt endlich auch imstande, Kunstwerke zu schaffen!", soll er seiner todtraurigen Gattin freudestrahlend zugerufen haben.

Die letzten zwölf Jahre verbrachte er in Sanatorien am Genfer See, seine letzte Station war eine abgelegene Klinik in Küssnacht am Rigi. Dort starb er Ende Oktober 1918 in den Armen einer Pflegerin. Seine Gattin Marie-Louise, welche die Ärzte telegrafisch herbeigerufen hatten, kam zu spät. Sie hatte im kriegsmüden Paris - drei Wochen vor dem Waffenstillstand - keinen Reisepass bekommen.

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Alex Capus