Schweiz Beim Uhrmacher in die "Lehre" gehen

Atelier von Philippe Dufour

Seinen Händen ist anzusehen, dass sie vor zwei Tagen noch Holz gehackt haben. Die Handflächen sind groß wie Untertassen, die Haut ist rau, der Nagel des linken Daumens ist dunkellila unterlaufen. Der sei ihm dazwischen geraten, als er die Scheite draußen an der Hauswand aufgestapelt hat, erzählt Olivier Piguet. Und von diesen Händen soll ich nun also lernen, aus Rädchen, kaum größer als Haferflocken, und Schrauben, die mit bloßem Auge schwer von Mohnkörnchen zu unterscheiden sind, eine Uhr zu bauen. Dafür bin ich hier, weit oben im Juragebirge, im Vallée de Joux, bekannt als das Tal der Uhren.

Hier am Lac de Joux, der wie ein Schrägstrich zwischen bewaldeten Bergketten vor der Grenze zu Frankreich liegt, stehen einige der besten Uhrenmanufakturen der Welt - darunter Blancpain, Audemars Piguet und Jaeger-LeCoultre. Wie sie in diese karge Gegend gekommen sind, das ist eine Geschichte von Vertreibung und Neuanfang, die Geschichte von Olivier Piguets Vorfahren. Sie waren unter den Protestanten, die vor mehr als 300 Jahren vor den Katholiken aus Frankreich hierher flohen und sich in dem abgeschnittenen Hochtal ansiedelten. Im Sommer waren sie Bauern und konnten den abschüssigen und steinigen Böden gerade genug zum Leben abtrotzen. Im Winter, wenn es hier bis zu minus 30 Grad kalt wird, hatten sie draußen nichts zu tun. So bauten sie sich ein Doppelleben auf. Wenn Eis und Schnee kamen, zogen sie sich mit Schräubchen und Rädchen in ihre Häuser zurück und fertigten Uhrenteile - die sie dann ins zwei Tagesmärsche entfernte Genf brachten.

Wie so ein Doppelleben zwischen grober und feiner Arbeit funktioniert, offenbaren Olivier Piguets Hände. Er hat sie nach dem Holzhacken zwei Tage zur Ruhe kommen lassen, jetzt gehorchen sie wieder dem Feinmotoriker in ihm. Mithilfe eines Schraubenziehers, dünn wie ein Zahnstocher, dreht er behutsam eine der Mohnkörnchen-Schrauben in einem Metallplättchenfest. Als ich das eben versucht habe, ist der Schraubenkopf abgebrochen. "Du musst ein Gefühl für Winzigkeit entwickeln", sagt Oliver Piguet. Und mit Winzigkeit meint er: "Drehe bis Stopp, dann noch eine Minute weiter - eine, nicht fünf." Ein Sechzigstel einer Schraubendrehung also.

Uhrmacherhaus in der Schweiz.
Gregor Lengler
Die Fensterreihe im Obergeschoss des ehemaligen Uhrmacherhauses oberhalb von Le Sentier erleichterte einst die Arbeit an filigranen Teilchen.
Heute ist Übungstag, aber morgen soll ich meine eigene mechanische Armbanduhr bauen. Und Olivier Piguet, das sonnengebleichte Haar zum Zopf gebunden, ist mein Meister. Von all den Uhrmachern im Tal ist er einer der wenigen, die Laien in ihr Handwerk einführen, seine Kurse für maximal drei Teilnehmer sind über Monate ausgebucht. Neben mir sitzen zwei Herren, die beide mit Vornamen Peter heißen. Einer von ihnen sammelt Uhren, der andere ist passionierter Selbermacher, er hat sogar schon ein Auto gebaut. Mit den Winzigkeiten seiner Uhr kämpft er trotzdem genauso wie ich. Gebeugt, die Fingerspitzen in rosa Gummi-Fingerlingen, damit kein Schweiß an die sensiblen Bauteile gelangt, die Augen immer auf Höhe der Tischkante sitzen wir vor unseren Werken. Es wird still wie bei einer Andacht. Von außen muss es aussehen, als woll ten wir hineinkriechen in diese Miniatur-Welten - an denen sich seit Jahrhunderten im Grundprinzip nichts verändert hat: ein Antriebsmechanismus, ein Räderwerk, ein Hemmungsmechanismus, die zusammen das Zeitzählen ermöglichen.

Die Lupe macht in den Mohnkörnchen Drehschlitze sichtbar. Und in den Mini-Rubinen, in denen sich die Zapfen der Rädchen später reibungsarm drehen können, erkenne ich Ausbuchtungen. Ein Satz, den Albert Einstein gesagt haben soll, wandert durch meinen Kopf: "Zeit ist das, was man an der Uhr abliest." Wenn das so ist, was baue ich dann hier, einen Zeitmesser oder eine Zeitmaschine?

Wenn man sich so auf Winzigkeiten konzentriert, wachsen die gedanken. Und Oliver Piguet befeuert das Gedankenwachstum mit seinen Geschichten: von der "Sandzeit", wie er sie nennt. Zeit, die Menschen von Sanduhren ablasen, bevor es mechanische Uhren gab. Auch Kerzen und Wassertanks waren Messhilfen, aber keine exakten. Piguet erzählt von den ersten Uhrmachern, die ihre Kunst als geheime Wissenschaft hüteten. Und davon, wie die Welt sich durch exakte Uhren verändert hat: wie die Erdkugel in Zeitzonen eingeteilt wurde, wie alles effizienter wurde, auch die Kriegsführung. Außer Sichtweite zur selben Zeit von zwei Seiten angreifen, das funktioniert erst, seit es tragbare Uhren gibt.

In der Pause sitzen wir in der Herbstsonne vor Olivier Piguets Haus. Es wurde 1798 aus Steinen gebaut, und man kann ihm das Doppelleben ansehen, das die Menschen hier einst führten: An der Südwestfassade, auf die am meisten Licht fällt, ist unter dem Dach eine Reihe von drei Fenstern eingezogen. "Dort saß im Winter der Uhrmacher", erzählt der Hausherr. "70 Prozent des Hauses waren für die Kühe, der Rest für die Menschen." Unten, wo jetzt die Werkstatt ist, habe das Vieh gehaust. Der Boden war einst mit Heu und Mist bedeckt, jetzt robben wir oft auf allen vieren über die Fliesen - in der Hoffnung, ein in den Raum katapultiertes Mohnkörnchen-Schräubchen wiederzufinden.

Dent de Vaulion, unter dem der lac de Joux liegt
Gregor Lengler
Weitblick für den Durchblick: Der Berg Dent de Vaulion, unter dem der Lac de Joux liegt.
Vereinzelt stehen im Tal noch diese alten Uhrmacher-Bauernhäuser mit Fensterreihen unter dem Dach. Das Doppelleben aber ging vor mehr als 100 Jahren durch die Industrialisierung und den Bau großer Uhrenmanufakturen hier im Tal zu Ende. Viele ließen die grobe Arbeit hinter sich und setzten ihre ganze Energie daran, immer noch kleinere und noch präzisere Uhren zu bauen. Eine von ihnen flog sogar zum Mond. Die Omega Speedmaster, die der Astronaut Buzz Aldrin 1969 am Arm trug, als er hinter Neil Armstrong den Mond betrat, wurde im Nachbarort L'Orient entwickelt.

Als die billigeren und präziseren Quarzuhren in den 1970er Jahren von Asien aus die Märkte schwemmten, brach im Jura die "Quarz-Krise" aus, von der sich viele Manufakturen lange nicht erholten. Die Wende kam, als man sich auf Qualität als Stärke besann: Als Haute Horlogerie, eine Haute Couture der Uhren mit kleinen Stückzahlen und sehr hohen Preisen, sind mechanische Uhren jetzt wieder sehr gefragt. Wie Präzision zur Obsession wird, wie Winzigkeiten, die vor der Lupe wachsen, an Bedeutung gewinnen, kann ich schon nach wenigen Stunden nachvollziehen. Das kleinste und filigranste Rädchen, genannt Hemmungsrad, wird sich ab morgen 14.000 Mal am Tag drehen, und zusammen mit dem Hemmungsanker werden seine Zacken 250.000 Mal täglich Tick oder Tack machen - wenn ich jede Innerei richtig platziere.

Das Erbe zu pflegen, darum geht es

Was einen guten Uhrmacher ausmacht, frage ich unseren Meister. "Ruhe und Motivation", antwortet er - als sei damit alles gesagt. Vielleicht kann einer der bekanntesten Uhrmacher im Tal mehr beisteuern. Abends nach dem Kurs besuche ich ihn: Philippe Dufour, Mitte 60, weißer Kittel, weißer Bart, Lupe auf die Stirn geschoben. Sein Atelier, ein ehemaliges Schulzimmer, ist voll mit Uhrmacher-Patina - alten Schränken, Tresoren, Tischen und Schubladen. Überall liegen mir inzwischen einigermaßen vertraute Werkzeuge und Teilchen herum.

Dufour ist hier im Tal groß geworden, so wie Olivier Piguet, in seinem Stammbaum gibt es viele Uhrmacher. Ihr Erbe zu pflegen, darum gehe es ihm, sagt er, zu erfinden gäbe es nichts Wesentliches mehr. "Mit dem Uhrenmachen ist es wie mit der Musik: Wir haben alle Noten." Er zeigt mir eines seiner flachen, eleganten Werke, in dem eine extrem komplizierte Mechanik steckt - und rund ein Jahr von Dufours Lebenszeit. Es ist eine Repetitionsuhr, die Stunden und Minuten schlagen kann wie eine Kirchturmuhr. Sie sei mehr als 800.000 Franken wert, die Familie des Sultans von Brunei habe sie ihm zur Wartung geschickt, sagt er und streichelt das Ziffernblatt. "Die Zeit macht sie so besonders." Jede Zacke eines jeden Zahnrades sägt und poliert er selber. "Jede Uhr wird ein wenig anders, das ist auch launenabhängig."

Manchmal habe er das Gefühl, dass verrückt ist, was er da tut - etwa, wenn er einen Tag lang an einer Winzigkeit feilt und sie ihm dann zerbricht. Dann müsse er raus in den Wald, den Blick weiten. Philippe Dufour ist Wildhüter. Langsam dämmert mir, dass es mit dem Doppelleben hier doch nicht ganz vorbei ist. Die Arbeit draußen ist vielleicht nicht mehr überlebenswichtig. Aber sie bewahrt Menschen wie Philippe Dufour davor, durchzudrehen.

Das Vallée de Joux ist keine Verkaufsfassade

Nach meinem Besuch spaziere ich an der zweispurigen Hauptstraße entlang durch den Ort Le Sentier. Und das Einzige, was mir nach einer Weile auffällt, ist, dass mir nichts besonders auffällt. Ein Kiosk mit Buchecke, ein Bäcker, ein Supermarkt, eine Kirche, dann nur noch Wohnhäuser - und von irgendwo dahinter das ewige Gebimmel der Kuhglocken. An Jaeger-LeCoultre, der ältesten Manufaktur hier, die inzwischen 1200 Mitarbeiter hat, laufe ich beinahe vorbei, ohne sie zu registrieren. Sie sieht aus wie ein Krankenhaus. Ich hatte mehr Willkommen-im-Uhrental-Gedöns erwartet, Plakate vielleicht mit den Gesichtern der Hollywood-Stars Diane Kruger und Clive Owen, die da draußen in der Welt die Reverso, das bekannteste Modell von Jaeger-LeCoultre, über die roten Teppiche tragen. Der Glamour aber findet hier nicht statt. Das Vallée de Joux ist keine Verkaufsfassade, es ist nach wie vor der Ort, wo entwickelt und geschraubt wird. Und man spürt immer noch die Abgeschnittenheit. Es wird dunkel, die Straße ist verwaist, der Uhrenladen hat geschlossen, die Auslage ist spärlich beleuchtet und halb leer. Die teuren Uhren übernachten in Tresoren.

Frühmorgens können sich die Bäume und Gipfel perfekt im See spiegeln, er liegt bewegungslos da - als stünde die Zeit still. Ich bin fast ein wenig enttäuscht, als der Wind plötzlich durchs Tal haucht, die Baum-Spiegelung riffelt und die Wolkenkarawanen am Himmel anschubst. Fast hatte ich das Gefühl, aus der Zeit gefallen zu sein. Dabei war ich lange nicht mehr von so viel Zeit umgeben. Wenn man es mit Einstein betrachtet, dass Zeit das ist, was die Uhr anzeigt, dann sind die Manufakturen ja nichts als riesige Zeitfabriken. Wenn man es anders betrachtet, wenn Zeit ein Rohstoff ist, der durch Uhren nur messbar wird, dann sind die Manufakturen Zeit-Verpacker. Und dieser Rohstoff, die dahinplätschernde Zeit, wäre der einzige, der hier reichlich vorhanden ist - bis auf Holz und Fisch vielleicht. Das Gemeine ist: Uns klauen die Uhrmacher den Rohstoff Zeit mit ihren supergenauen Uhren. Wo gibt es denn jenseits dieser Berge Zeitlöcher wie das gerade hier am See, in denen einen Moment lang schlicht nichts passiert?

Um neun Uhr sitze ich vor dem Werk von 16,5 Kalibern, das ich zum Leben erwecken soll. Es ist noch atemraubender als am Tag zuvor, heute wird nicht mehr geübt, jedes Abrutschen mit dem Schraubenzieher kann meine Uhr ruinieren. Es wird eine Skelett-Uhr, bei der man später durch eine Saphirscheibe den Rädchen bei ihren Tausenden Umdrehungen zusehen kann. Olivier Piguet pirscht durch die Stille, die im Raum hängt, zieht mal ein Schräubchen nach oder putzt mit Weichgummi Staubpartikel aus dem Werk, die wir übersehen haben. Aber viel zu tun hat er nicht. Es ist erstaunlich, wie schnell man ein Gefühl für Winzigkeiten entwickelt. Kurz vor dem Mittagessen greife ich mit einer Pinzette die Unruh auf, ein Rädchen mit Spiralfeder, das Herz meiner Uhr. Ich kann nichts sehen vor lauter Rädchen, aber ich kann ihn hören, den Moment, in dem die Unruh in ihrem Rubin sitzt. Sofort setzt das gleichmäßige Ticktack ein.

Wenig später kriegt sie ihre "letzte Ölung". Mit einer Pipette, die wie eine Stecknadel aussieht, soll ich Öl in die Ausbuchtungen der Rubine träufeln. Die sind kaum größer als Mohnkörnchen und sollen zu zwei Dritteln gefüllt werden. Ich muss an den Märzhasen aus "Alice im Wunderland" denken, der das mit Butter versucht, woraufhin die Uhr stehen bleibt. Aber mein Werk läuft vorerst. Olivier Piguet nimmt mir feierlich meine Quarzuhr ab und sagt: "Die hat jetzt wohl Konkurrenz." Es ist tatsächlich so, das, was ich da gebaut habe, ist mehr als eine Uhr. Wenn ich das laute Ticktack von Hemmungsrad und Anker höre, dann habe ich das Gefühl, dass es meine Zeit ist, die da läuft.

Autor

Tinka Dippel