Südschweden Wandern im Nationalpark Söderåsen

Die Entscheidung fällt in vier Sekunden. Blauer Punkt. Die Zahl drei. Diese Route klingt machbar. Wir stehen am Eingang des Nationalparks Söderåsen im Südschweden vor dem Wegweiserschild – und starten unsere Tour durch den Wald. Das wir, das sind wir Eltern und unsere zwei Jungs, vier Jahre und knapp eineinhalb. Unser Großer ist ein Wald- und Wiesenjunge, so wie wohl alle Kinder in dem Alter. Jede Nacktschnecke, jeder Pilz ist ein Ereignis – daher wird die Strecke von drei Kilometern ein Leichtes, so schätzen wir aus Erwachsenensicht die Machbarkeit der Tour ein. Unser Jüngster ist Laufanfänger, mit steiler Lernkurve zwar, aber dennoch sitzt er über lange Strecken gerne mal im Buggy. Und genau den holen wir schnell noch aus dem Auto, als wir die ersten hundert Meter auf einem breiten Weg aus Bretterbohlen entlang des Sees hinter uns haben und merken, wie schön man hier auch rollern kann.

"Wir müssen nach blauen Punkten suchen, die zeigen uns den richtigen Weg," erkläre ich meinem großen Sohn, als der Kleine im Buggy verpackt ist. Er sprintet los und sucht die erste Wegmarkierung. Von Lasse ist bald nicht mehr viel zu sehen. Ein Glück, dass unsere Strecke großzügig markiert wurde. Und statt nach ihm Ausschau zu halten, muss ich nur kurz die Ohren spitzen: "Hiiiiiiier ist ein Punkt," schallt es immer wieder durch den Wald. Mit Mühe können wir ihn nach den ersten rund 500 Metern zum Stehenbleiben bewegen. Wir wandern an dem plätschernden Bach Skärån vorbei. Die Luft ist so frisch und klar und fühlt sich absolut rein an, dass ich sie am liebsten tetrapackweise mit nach Hause nehmen würde. An einer Wasserstelle hängt eine Schöpfkelle und animiert zum Testen des frischen Flusswassers. Unser Sohn schaut skeptisch, als ich ihm einen Schluck Wasser daraus anbiete. "Das kann man trinken?", fragt er mit großen Augen. Und nippt schließlich daran. "Lecker", lautet sein Fazit, und fischt mit der Kelle gleich noch mal Wasser.

Der Söderåsen Nationalpark gehört zu den jüngeren Nationalparks Schwedens

Der Söderåsen Nationalpark ist einer der jüngeren Nationalparks Schwedens, liegt in der Provinz Skåne und umfasst 1625 Hektar. 2001 hat man ihn unter besonderen Schutz gestellt. Das Ziel: die Erhaltung einer größeren zusammenhängenden südschwedischen Waldlandschaft mit Edellaub. Umgefallene Bäume bleiben an Ort und Stelle liegen, vom Wind entwurzelte Bäume zeigen ihr Wurzelwerk. Rund 1500 Pilzarten hat man bereits gefunden, und das Wasser des Flusses wird für Umweltuntersuchungen als Referenzwasser genommen. Besonders beliebt ist der Aussichtspunkt Kopparhattan, von dem man über das tief eingeschnittene bewaldete Spalttal blicken kann.

Es donnert und poltert hinter uns. Wir alle bleiben ruckartig stehen und schauen gebannt nach oben. Ein riesiges Geröllfeld ist neben uns, wie eine Wand übereinandergestapelter, überdimensionaler Hagelkörner liegen die Steine dicht an dicht rund zehn Meter hoch. Eine Handvoll Steine hatte sich gelöst und war mit Getöse Richtung Tal gepoltert. Nach wenigen Sekunden ist Entwarnung – sie sind sicher und still in reichlicher Entfernung liegen geblieben. Bis zum Wanderweg scheint es lange keiner mehr geschafft haben: Die Steine entlang der Strecke sind mit einer dicken Moosschicht überzogen. Auf den Schrecken verteile ich eine Runde Apfelschnitze.

Wenige Meter weiter werden die Bohlen des Weges immer schmaler, an Schieben ist nicht mehr zu denken. Der Kleine muss aussteigen, mein Mann trägt den Buggy. Nicht schlimm, die drei Kilometer sind ja gleich geschafft. Das nehmen wir zumindest an. Niels stolpert mit seinen kleinen Füßen über Bretterbohlen und Wurzeln, trabt und schwankt nach Gleichgewicht suchend dem Großen euphorisch hinterher. "Mama, guck mal, eine schwarze Nacktschnecke", höre ich Lasse aufgeregt rufen. Und schon hocken die beiden Jungs wenige Millimeter über dem Kriechtier auf dem Fußboden. Knallschwarz ist sie – und fett. Nicht zu vergleichen mit den schlanken Exemplaren, die wir aus der Großstadt gewohnt sind. "Eine Schweden-Nacktschnecke", erklärt mein Großer dann auch mit Nachdruck. Biologie kann so einfach sein, wenn man vier ist.

In Schweden gilt das Jedermannsrecht - in Nationalparks allerdings eingeschränkt

In Schweden gibt es 29 Nationalparks. Der erste wurde bereits 1909 eingeweiht, überhaupt der erste in Europa. Ein Beweis, wie sehr die Schweden mit ihrer Natur verbunden sind. Neben den Nationalparks zählt das Land 3200 Naturschutzgebiete, heute sind insgesamt zwölf Prozent des gesamten Landes geschützte Fläche. Das Selbstverständnis für Natur schlägt sich auch im Jedermannsrecht wieder, dem Allemansrätten. Jeder darf sich in Schwedens Natur frei bewegen, auch auf Privatwegen, frei Campen für eine Nacht ist ebenfalls erlaubt, das Pflücken von Blumen, Beeren und Pilzen gleichfalls. Einzige Bedingung: Man muss alles so verlassen, wie man es vorgefunden hat. In den Nationalparks gelten allerdings einige Einschränkungen, die Vegetation darf nicht beschädigt werden – und das Campen ist nur an ausgewiesenen Plätzen möglich.

 

Bianca Schilling
Größtenteils verlaufen die Wege über Stock und Stein.

"Hiiiiiier," ruft Lasse mal wieder und zeigt auf ein Schild. Der Punkt ist blau, es zeigt eine drei. Wir fangen an, zu zweifeln. Wieso steht hier eine drei, wenn die gesamte Strecke doch nur drei Kilometer lang sein soll? Aber egal, die Stimmung ist gut. Der Kleine balanciert gerade schwankend über wackelige Steine und bekommt Schlagseite. Mit einem Satz halte ich ihn gerade noch fest, bevor er im schlammigen Matsch gelandet wäre. Ich trage ihn einige Meter, aber er windet sich wieder gen Boden. Von Müdigkeit keine Spur. Er schleift einen Stock hinter sich her, stochert im Matsch, wirft Steine. Huckleberry Finn in klein. Dabei läuft er weniger geradeaus als querfeldein, so dass wir ihn nach einigen Minuten zu einer Zwangspause im Tragerucksack verdonnern. Mit dem Kleinen auf dem Rücken kommen wir etwas schneller voran. Balancieren über die Steine, kraxeln über einen dicken Baum, der auf den Weg gefallen ist - und sind ab jetzt Pilzabenteurer. "Alles klar, da ist schon einer, mir nach," nimmt Lasse begeistert unseren Motivationstrick an. Die Hände in die Seiten gestemmt, präsentiert er stolz einen Pilz nach dem anderen, während wir unter dem grünen Blätterdach Strecke machen.

'Lierna, 1,6'. Das steht auf dem nächsten Schild. "Wir haben definitiv die falsche Route gewählt", sage ich zu meinen Mann – und gucke mir sorgenvoll unsere verkappte Wandertruppe an. Mein Mann schleppt den Buggy, ich schleppe Niels und Lasse schmeißt kleine Steinchen von der kleinen Brücke ins Wasser. Ob er die restlichen Kilometer noch schafft? Es ist absolut ruhig im Wald, begegnet ist uns bislang niemand, der Weg besteht aus unebenen Steinbrocken. Zurück sind es mindestens drei Kilometer – uns bleibt keine Chance. "Weiter geht’s", rufen wir betont heiter. Wir wandern jetzt auf der anderen Seite des Flusses weiter. Lasse trällert ein Lied, das er umtextet "Wir sind Piraten und laufen durch den Wald, singen Heyhoheyhohey". Erste Anzeichen von Erschöpfung – gar Bocklosigkeit? Negativ. Ich bin beruhigt. Nach der Stolperstrecke gibt es eine Pause mit Zimtrollen und Apfelschorle. Der Kleine schläft friedlich im Tragerucksack.

Kleine Tiere, große Wirkung: eine Blindschleiche ist das Highlight

 

Bianca Schilling
Der Wald wird sich selbst überlassen, umgestürzte Bäume bleiben liegen

"Mama, das nächste Mal gehen wir aber woanders hin. Dahin, wo man nicht so viel laufen muss, okay?" fragt Lasse, als er genüsslich seine Zimtrolle muffelt. Oh, oh, denke ich innerlich, jetzt mag er nicht mehr. Ohne die Antwort abzuwarten, pest er kurz darauf schon wieder los und ruft: "Nach oben müssen wir, da oben ist ein Baum mit blauem Punkt". Es geht steil bergauf. Abenteuerlust siegt über Müdigkeit. Lasse marschiert die rund 30 Meter steile Strecke in einem Rutsch durch und überschlägt sich fast vor Aufregung, als wir oben ankommen: "Wow, guckt doch mal, wie tief das hier runter geht".

 

Wenige Meter weiter kommen wir an der Picknickstelle "Liagården", einem Rastplatz mit Apfelbäumen und Grillplatz an. Doch als wir das nächste Schild entdecken, vergeht uns die Lust auf ein Päuschen: noch mal 2,6 Kilometer. Zum Glück ist der Weg eben. Und zum Glück stolpern wir fast über eine Blindschleiche direkt auf der Strecke. "Ui, eine echte Schlange"! Und zum Glück kann sich unser Großer weiterhin an fast jedem Pilz, jeder Flechte, jeder Nacktschnecke erfreuen – während der Kleine artig schlummert, so dass wir die letzten Kilometer tatsächlich schaffen.

 

Bianca Schilling
Attraktion der ganz besondern Art: eine Nacktschnecke

Wir können es selbst nicht so recht glauben, als wir wieder am See Odensjön ankommen und uns die Tafel mit den Wanderrouten genauer ansehen. Der blaue Punkt und die drei, die uns vor rund fünf Stunden haben euphorisch starten lassen, zeigen lediglich den "Korsskär" an, den Ort, an dem das Tal gespalten wird. Wir hingegen sind die längste Route gewandert: 'Korsskär-Liagårdsrundan, 7,4'.

 

"Das war deine allererste Wanderung", erzählen wir Lasse daraufhin. Und wie stolz wir auf ihn sind, dass er durchgehalten hat. Abends vor dem Zubettgehen fragt er mich: "Wie heißt das noch mal, was wir heute gemacht haben?" "Eine Wanderung", sage ich. "Das muss ich mal meinen Freunden in der Kita erzählen," antwortet er und schläft ein.

Infos zum Nationalpark Söderåsen:

Der Haupteingang des Söderasen Nationalparks ist in Skäralid. Hier befinden sich eine Ausstellung im Naturum über die Flora und Fauna im Park sowie ein Restaurant mit Blick auf den See. Man kann zwischen verschiedenen Wanderrouten wählen (für alle, die sich vor dem Start über die Routen informieren möchten): http://www.soderasensnationalpark.se/En/activities/Pages/walking.aspx.

Die meisten Besucher gehen zum Kopparhatten, einem Aussichtspunkt über den gesamten Wald und die Spalttäler.

Übernachten in der Nähe vom Nationalpark:

Vom Campingplatz "Röstånga Camping & Bad" hat nach nur wenigen Minuten Zugang zum Nationalpark Söderåsen. Der Platz liegt an einem kleinen See und bietet neben den Stellplätzen für Wohnmobile und Zelte auch kleine Holzhäuschen mit kompletter Ausstattung sowie Wohntrailer an. Für Unterhaltung ist bestens gesorgt: Für Kinder stehen Wasserrutsche, Pool, Hüpfkissen, BMX-Parcour, Minigolf und Klettermöglichkeiten bereit. Im Hochsommer werden die Kleinen in einem Kinderhaus kostenlos betreut. Im See kann geangelt werden und mit dem Kanu lassen sich Runden drehen. Für Erwachsene werden im Hochsommer u.a. Kräuterseminare angeboten und Segway-Touren.

www.rostangacamping.se

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Herrenhäuser Gärten

Autor:
Bianca Schilling