Småland Glaskunst mit Tradition

Wenn die Dunkelheit über die 1000-Einwohner-Stadt Kosta mitten in den einsamen Wäldern Südschwedens kommt, steht eines der unauffälligen Gebäude plötzlich so unerwartet im Rampenlicht, wie ein Broadway-Theater am Nordpol. Im einsehbaren Atrium des Hotels hängt eine 800 Kilogramm schwere Leuchte aus Glas, die an eine gigantische auf den Kopf gestellte Hyazinthe mit gelben Blüten denken lässt. Nebenan im Schaufenster der Hotelbar sieht man die Gäste so klar wie in Edwards Hoppers Gemälde "Nighthawks". Sie sitzen unter tageslichtfarbenen Leuchten, die wie Eiszapfen von der Decke hängen, an kobaltblau beleuchteten Tresen, die aus vier Tonnen Glas geformt wurden, und trinken aus mundgeblasenen Gläsern.

Dass Kjell Engman, der Glasdesigner, der diese ungewöhnliche Bar entwarf, leidenschaftlich taucht und sich abends bei einem Glas Wein gerne unter den Ozean träumen würde, ist dem Raum anzusehen. Fast alles leuchtet blau, bis hin zum Glasboden und den gläsernen Barhockern. Kitsch und Kunst schrammen im 2009 eröffneten  Kosta Boda Art Hotel, bei dessen Bau 100 Tonnen Glas verarbeitet wurden, sehr kantig aneinander; doch das stört den Betrachter kaum, schließlich befindet man sich mitten im Glasreich, auf Schwedisch "Glasriket", im Südosten von Småland.

Einer Welt, zwischen Kalmar an der Ostküste und Växjö im Landesinneren, die zumindest auf den ersten Blick sehr heil aussieht. Auf schnurgeraden Landstraßen fährt man vorbei an klaren Seen, dunklen Tannenwäldern, kleinen schwedischroten Holzhäuschen und ein paar Parks, in denen Elche auch noch nach ihrer Brunftzeit vor Flinten geschützt sind, allerdings nicht vor Fotos schießenden Touristen. Natürlich ist das "Glasreich" ein Kunstbegriff: Er steht für die derzeit 13 Glasmanufakturen, die sich hier verstreut im Umkreis von zirka 80 Kilometern angesiedelt haben.

Die Glastradition wurde 1630 begründet, als ein Halbbruder des schwedischen Königs den aus Deutschland stammenden Glasbläser Paul Gaukunkel anwarb. Småland war damals bitterarm, aber von drei Dingen hatte es genug: dem Holz der Wälder, um die Brennöfen anzuheizen, dem Wasser der Seen, um die Schleifsteine anzutreiben und den Quarzsand des Bodens, einem Bestandteil von Glas. Der Erfolg der Produktion machte aus einer deutschen Manufaktur eine ganze Kolonie von Glasbläsern. Über 100 Betriebe entstanden damals. Die bekannteste "Glasbruk" wurde 1742 begründet: Die Glashütte in Kosta, die sich mit der in Boda vereinigte, später von dem Betrieb Orrefors übernommen wurde und heute unter der Bezeichnung Orrefors Kosta Boda AB firmiert.

Über eine Million Anhänger der Glaskunst reisen jährlich ins Glasriket, vor allem zu den bekannteren Standorten. Sie beobachten in den Fabriken, wie Glasbläser mit ihren "Pfeifen", hohlen Stangen aus Metall, die orangeglühende Masse wie Honig um einen Löffel drehen, sie in Form blasen und in wertvolles Kristall verwandeln. Und natürlich kommen sie auch, um die seit Jahren in Familienbesitz befindlichen Glasservice mit Schnäppchen aus der Outlethalle weiter aufzustocken. Mundgeblasene Schalen, Champagnerflöten, hochstielige Weingläser oder in Handarbeit hergestellte Leuchten, die es im Fabrikverkauf "Kosta Outlet" zu günstigeren Preisen gibt als im Handel.

Doch die Behäbigkeit der klassischen Formen wird mittlerweile auch gebrochen. Für eine jüngere Zielgruppe, die langstieligen Weingläsern im homogenen Set nicht mehr viel abgewinnen kann. Der Shootingstar unter den acht Designern von  Kosta Boda ist Ludvig Löfgren, der Pop-Art-Künstler unter den Glasbläsern: Sein erste Kollektion aus dem Jahr 2007 nannte er "Vivienne", nach der Mode-Punk-Queen Vivienne Westwood. Genauso wie sie will er Traditionelles und Neues vereinen.

Auf einem Werbeplakat sitzt der 39-Jährige mit dem blassen Teint und dem ebenholzfarbenem Haar auf einem rostroten Samtsofa, davor steht eine hölzerne Transporttruhe der Firma, hinter ihm eine vorgetäuschte Fassade aus grauem Ziegelstein. Der Raum suggeriert ein Loft, das sich auch im New Yorker Stadtteil Soho befinden könnte. Dazu passend - Löfgrens Kunstwerke, die überall im Raum drapiert sind: schwarze, glänzende Gorilla-Skulpturen in Buddha-Pose, Vasen als Palmen oder durchsichtige Teelichthalter in Form von Totenschädeln und Kobraköpfen, so hoch und schwer wie Briefbeschwerer.

Ein Angebot aus China

So eine düstere Symbolik würde nur Teenager mit Vorliebe für Hardrock anziehen, befürchteten anfangs Traditionalisten aus der Marketing-Abteilung. Doch sie sollten Unrecht behalten. Die Teelichthalter in Totenkopf-Optik verkaufen sich mittlerweile gut - es gibt sie auch als Teil einer limitierten Edition, als "Vanitas Disco" in grellem Blau oder Gelb für jeweils 638 Euro das Stück. Inspiriert zu dieser Form wurde Löfgren durch niederländische Barockkünstler aus dem 17. Jahrhundert, die Totenköpfe oder dornige Rosen in ihre Stillleben pinselten, heutige Tattoomotive. Seiner aktuellen Kollektion gab er einen japanischen Namen: "Obakemono", in Anlehnung an Geister aus der japanischen Mythologie, dem Unbekannten.

In diesem glänzenden Kosta-Boda-Imperium sieht der Tourist nicht viel von den wirtschaftlichen Rissen, die sich heute durch das einst so mächtige Glasreich ziehen. Das Königreich ist geschrumpft. Nur 13 Glashütten der früheren 100 Manufakturen, allen voran der Zusammenschluss Orrefors Kosta Boda, haben die Industrialisierung der Glasproduktion überlebt. Daneben gibt es noch einige Studios und Boutiquen in kleinen Schwedenhäuschen, wie das von Glaskünstler Lars Sö im dünn besiedelten Dorf Eriksmala. Allerdings hätte er im Sommer dieses Jahres sein Geschäft, das Glasstudio Erikshyttan, fast an die Chinesen verkauft.

Als Sö 1972 von Kopenhagen nach Smäland zog, wusste er noch nichts über die Glasbläserei. Aus Christiania, der berühmten Hippiekommune der dänischen Hauptstadt kam er angereist - hier in die schwedische Einsamkeit, mit hüftlangen Haaren, Dreitagebart und Herzklopfen. Der gelernte Stahlarbeiter hatte sich in eine Schwedin verliebt, die mitten in den Smålander Märchenwäldern wohnte. Um sich hier fest anzusiedeln, brauchte er Arbeit, und die gab es in dieser Gegend nur in den Glasfabriken. Im Alter von 35 Jahren lernte der gebürtige Kopenhagener bei einer zweijährigen Ausbildung an der renommierten Glasbläser-Schule in Kosta, wie man die Glaspfeife als Werkzeug nutzt. Nach der Ausbildung machte er sich 1991 selbstständig, zusammen mit den Künstlern Maja Cunningham und Simon Holm, erst als Hersteller von Funktionsglas, dann als Künstler. Sein Markenzeichen sind heute geometrische Formen, aus groben heißen Klumpen formt er Vasen und Skulpturen, die überzogen sind mit Farbschichten und kunstvollen Mustern.

Skulpturen, für die sich plötzlich nicht mehr nur Touristen interessieren, sondern auch Geschäftsmänner aus China, genauer gesagt aus Dalian, einer Hafenstadt in der Provinz Liaoning. "Zwei chinesische Geschäftsmänner im Anzug standen im Sommer plötzlich in meinem Laden. Sie hatten keine Ahnung von der Glasbläserei", sagt der schlacksige Sö, er zieht an seiner selbstgedrehten Zigarette und lächelt verschmitzt, "aber sie mochten meine Werke und interessierten sich für mein Know-how." Mehr noch, die Firma aus Dalian wollte sogar sein Geschäft aufkaufen.

Doch Sö wollte seine Boutique im kleinen weißen Holzhaus mit der Werkstatt nebenan behalten, und so einigte er sich mit den Interessenten auf einen Kompromiss: Sö und seine Partner sollen im Januar 2012 für einen Monat nach Dalian reisen und drei der besten Arbeiter in der chinesischen 450-Mann-Fabrik zeigen, wie man aus einer sirupartigen Masse in einem über 1000 Grad heißen Ofen Glaskunst herstellt. Ein schlechtes Gewissen hat er nicht, sein Wissen über die Kunst der Glasbläserei, das hier in Småland jahrhundertelange Tradition hat, an die Chinesen zu verkaufen. "Irgendwann geschieht das doch so oder so, das kann man leider nicht aufhalten", sagt er, und sein Lächeln verschwindet das erste Mal. "Kunst ist das erste, was in einer Krise den Bach herunter geht. Wahrscheinlich wird die chinesische Ware sogar irgendwann wieder nach Schweden zurückverkauft".

Hütte Transjö - ein schwedisches Musteridyll

Etwa zehn Fahrtminuten von Sös Boutique entfernt liegt eine Glashütte, in der man sich ebenfalls der Kunst, und nicht der Massenware widmet. "Die meisten Touristen atmen erst einmal tief durch, wenn sie hier angekommen sind", sagt einer der zwei Meister der Hütte Transjö. Und das kann man Jan-Erik Ritzman sofort bestätigen: Die Kleinste unter den 13 Glasmanufakturen im Glasriket ist im Gegensatz zu den größeren Hütten mit ihren Megaoutlets wie Kosta Boda ein schwedisches Musteridyll: Kleine rote Holzhäuschen liegen verstreut im Grünen, ein Bach schlängelt sich an der Werkstatt vorbei. Überall leuchtet und glitzert es: Gläserne Pilze wachsen aus dem akkurat gepflegten Rasen. An den Baumästen knorriger Bäume, die sich über den Fluss beugen, hängen Glasobjekte an einer Schnur, die sich im Wind drehen und im Wasser spiegeln. Gerade ist ein Bus angekommen, ein dänischer Kulturverein, eine Ausnahme hier.

"Normalerweise haben wir hier keinen Bustourismus", sagt Ritzman, der Meister, er trägt Jeanshemd, Schnürschuhe und einen grauen Dreitagebart. Der 68-Jährige spricht langsam, mit Bedacht. Er ist einer der wenigen, die noch übriggeblieben sind von den alten Könnern der Glaskunst. Bereits im Alter von 13 Jahren fing er in der Fabrik von Kosta Boda an zu arbeiten, die Schule hat er dafür abgebrochen. "Ich habe alle Formen der Glasbläserei von der Pieke auf gelernt. Das macht man heute nicht mehr, man spezialisiert sich", sagt er. Seine breite Erfahrung ist gefragt: Der Glaskünstler wird weltweit von Schulen angefragt, er hält Vorträge in Japan und Amerika und ist ein begehrter Lehrer für junge Auszubildende.

Wie für Lars Skulberg. Ein junger Mann, der so aussieht, als gehöre er hier in diese Wäldern, mit Joppe, beige karierter Schirmmütze, flussblauen Augen und dichtem braunen Bart. Der 31-jährige Norweger hat seine Ausbildung bei Kosta im dritten Jahr abgebrochen, um in der kleinen "Transjö Hytta" die hohe Kunst der Glasbläserei zu lernen. "Ich bewundere die Virtuosität des Meisters", sagt er, "wenn seine Augen beim Arbeiten funkeln, weiß man: Gleich passiert etwas Spektakuläres - ein neues Kunstwerk entsteht, einfach aus blauer Luft".

Wo in der renommierten Kosta-Schule 60 Schüler auf vier Lehrer kommen, gibt es hier nur zwei Assistenten und zwei Meister, ideale Bedingungen, um das Handwerk zu lernen. Die Hütte der Auszubildenden liegt hinter dem Fluss bei den Ruinen einer alten Glasfabrik, gleich bei einem See mit einer roten Saunahütte. Skulberg und sein Mitauszubildender Dan Clausen wohnen hier mietfrei, sie bekommen einen eigenen Verkaufsplatz in der Boutique. Dafür erhalten sie allerdings während ihrer Ausbildung auch keinen Lohn. Die kann zwar lange dauern, doch die Aussicht nach 10 oder vielleicht auch 15 Jahren Arbeit ebenfalls Meister zu werden, ist den Schülern genug. "Ich wollte schon als Achtjähriger Glasbläser werden", sagt Skulberg, "Inspiriert hat mich auch meine Mutter. Sie fertigte mit einem kleinen Brenner und Glasstäben bunte Perlen aus Glas. Genetik ist anscheinend gefährlich."

Lieblingsstück aus seiner eigenen Kollektion ist eine zweiarmige Kerzenleuchte, eine Seite ist weinrot, die andere atlantikblau. Sie steht in der hellen Boutique gesondert im Ausbildungsregal, neben den Schalen und Vasen, die der zweite Auszubildende, Clausen, gefertigt hat. Skulberg führt die Touristen aus Dänemark herum, mit stolzem Blick erklärt er dem schon etwas älteren Publikum die Kunstskulpturen, die in der Werkstatt nebenan entstehen. "In Schweden sammeln viele 40- bis 50-Jährige aus Tradition Glasservice," sagt er. "Doch die jüngeren Leute, die kaufen sich heute lieber einen LCD-Fernseher." Für das Geschäft abträglich seien auch die Konkurrenz aus Fernost und die Billig-Gläser von Ikea.

Sentimental wird er deswegen nicht, wenn eines seiner Kunstwerke einen Abnehmer findet und aus seinem Leben verschwindet, im Gegenteil. "Wenn ein junges Paar in den Laden kommt und etwas kauft, freue ich mich, denn dann weiß ich, es gibt eine Zukunft für uns", sagt er. "Mit unseren Unikaten können die Chinesen schließlich nicht konkurrieren."

Autor:
Bettina Hensel