Mit Stil Fischen und Faulenzen

Als ich einer Kollegin erzählte, womit ich mein nächstes Wochenende verbringen würde, reagierte sie etwa so irritiert, als hätte ich gerade verkündet, bei der Mohn-Ernte in Afghanistan helfen zu wollen. "Zwei Frauen, in Stockholm - beim Angeln? Wer hat dir denn die bescheuerte Pressereise aufgequatscht?"

Das war ein bisschen gemein, weil ich und meine Freundin Svenja diesen Trip ganz freiwillig und absichtlich unternahmen. Aber statt Angeln hätte ich wohl besser "Catch & Relax" sagen sollen, so wie es die Schweden verkaufen, und was sich zugegebenermaßen etwas schicker anhört als "fischen und faulenzen".

Catch & Relax - das klingt nach Wellness, Entschleunigung, back to nature, wonach sich der moderne Großstädter halt so sehnt. Wie sich hinterher herausstellte, war sogar Jamie Oliver gerade deswegen in Stockholm gewesen. Catch & Relax war also so was von angesagt, während Angeln, nun ja, immer noch für Angela Merkel, 5 Uhr aufstehen und halbtote Würmer steht.

An einem Samstag um 10 Uhr warteten wir also hoch motiviert in Gummistiefeln an der Uferpromenade "Strandvägen" auf Bo Lundgren, der mit seiner Frau Helen seit ein paar Jahren organisiert (obwohl er mit seinem Namen sicher auch alles andere hätte werden können). Meistens holt er mit einem seiner Motorboote Gruppen ab, mehrheitlich Männer, die im Schärengarten vor Stockholm, nach Hechten, Forellen oder Zander fischen, während ihre Frauen Manolos, Louboutins und Gucci im Stadtteil Östermalm einkaufen.

Besonders beliebt ist im Programm des Ehepaars Lundgren auch das "Afterwork Fishing": die Stadt hinter sich lassen, die Angel auswerfen und dann aufs Wasser schauen, bis es stockdunkel ist. Extrem meditativ, auf Wunsch gibt es noch ein Bier dazu. Nach dreien fühlen sich die meisten wahrscheinlich wie Brad Pitt in "Aus der Mitte entspringt ein Fluss" (dass es da um Fliegenfischen und nicht um Angeln mit Plastikfisch-Wobbler geht, ist irgendwann auch egal).

Wie wir uns anstellten?

Ganz passabel eigentlich, wenn man mal von den ersten Würfen absieht, die nach einem halben Meter laut platschend im Wasser landeten. Dann zeigte uns Bo den richtigen Schwung aus dem Handgelenk, und als ich später von dem rot-goldenen Köder auf einen grünen Fisch mit aufreizender Schlängelflosse umgestiegen war, bin ich mir auch ganz sicher, dass kurz etwas sehr Großes angebissen hatte - woraufhin ich vielleicht etwas zu aufgeregt mit der Angel in Bos und Svenjas Richtung wedelte. Sollte man nicht machen.

Die dicken Fische, so Bo, wären ja gerade so dick, weil sie schlau seien. Die hielten nur nach sicherer Beute Ausschau, nach Fischen, die schon etwas angeschlagen seien und deshalb langsam schwimmen, statt so nervös zu zucken wie mein Köder. Am Ende fing also nur Bo einen Mini-Zander, der aber nach einem aufmunternden Klaps (weil er in der Luft geradezu stoned werden würde) wieder zurück ins Wasser durfte.

Wer Glück hat, den nehmen Helen und Bo am Ende eines Fischen-und-Faulenzen-Tages noch mit in ihr hübsches altes Haus nach Hästholmen, einer kleinen Insel gut eine Stunde östlich von Stockholm gelegen. Gerade mal 80 Häuser gibt es dort, die meisten haben ein rotes Sauna-Boot vor der Tür. Das ist der perfekte Abschluss eines der besten und irgendwie sogar aufregendsten Ausflüge seit langem. Und hätten wir keine langen Hosen und Gummistiefel getragen, wäre wir sogar noch an den Beinen braun geworden.

Nur Fisch gab es leider auch beim Essen keinen, was weniger an unserem kläglichen Fang lag. Bo schaufelte sich eine große Portion Caesar Salad auf den Teller und erklärte dann ganz selbstverständlich: "You don't eat your living, do you?"

Autor:
Silke Wichert