Schweden Europas wildester Road Trip

"Ein Schneesturm. Und das im Juni", sage ich laut, um die "Wettergötter" auf ihr Versehen aufmerksam zu machen. Doch wie es scheint befinden sich die Herrschaften im Tiefschlaf, denn fünf Minuten später peitscht mir der Wind immer noch eisige Flocken ins Gesicht. Mein Mann Erik nimmt es gelassen: "Besser als die Mücken." Ich kratze meine zerstochenen Waden, beschließe, ebenfalls das Beste aus der Situation zu machen und summe die erste Strophe von "Schneeflöcken, Weißröckchen". Passend zu dieser gefühlten Weihnachtsstimmung treten kurz darauf auch noch sechs Rentiere aus dem Wolkenvorhang. Mit großen braunen Augen starren sie uns an, drehen sich gemächlich um und verschwinden schnell wieder hinter einer weißen Wand.

Wir sind auf dem Bergplateau Stekenjokk, das nur von Juni bis Anfang Oktober befahrbar ist. Kurz bevor im Sommer die Schranken geöffnet werden, kämpfen sich Räumungsfahrzeuge durch bis zu sieben Meter hohe Schneemassen. Nicht nur die extremen Wetterverhältnisse, auch seine Aussichten machen den Stekenjokk zum spektakulärstem Abschnitt des schwedischen Vildmarksvägen. Im Moment ist die Sicht aber nur spektakulär schlecht. Wir flüchten zurück ins Auto. "Lass uns fahren, bevor wir Schneeketten aufziehen müssen", sagt Erik.

Soweit kommt es zum Glück nicht. Einmal, weil die Schneeketten Zuhause im Schuppen liegen. Zum anderen, weil die Wettergötter doch noch ein Einsehen haben. Als hätte sie jemand mit einem großen Aufnehmer vom Himmel gewischt, sind die dunklen Schneewolken plötzlich verschwunden. Lichtflecken tanzen über endlose Tundra, felsige Berggipfel räkeln sich in der Sonne. Ich bekomme Gänsehaut und zum ersten Mal an diesem Tag liegt das nicht an der Kälte. Es ist eine weite, ungezähmte Landschaft, in der man den Geist von der Leine lassen will. Eine Landschaft, die das Gestern und Morgen und alle Alltagssorgen in kleinen klaren Bergseen ertränkt und die es fast unmöglich macht, nicht den Kopf aus dem Autofenster zu stecken und vor Freude laut zu jauchzen.

Nüchterne Zeitgenossen erklären solche Sinneszustände in den Bergen gerne mit den Auswirkungen der Höhenluft. Doch obwohl der Stekenjokk mit seiner spärlichen Vegetation ein wenig an eine Hochebene im Himalaja erinnert, sind wir gerade mal rund 800 Meter hoch. Im nordwestlichen Gebirge Schwedens, dem subarktischen Fjäll, liegt die Baumgrenze schon bei 700 Metern. Die ersten Fjällbirken, die uns auf der Fahrt Richtung Tal begegnen, sind klein, krumm, knorrig. Um hier zu überleben, müssen sie sich auf felsigen Böden fest klammern, gut acht Monate Winter im Jahr aushalten, eisigen Winden trotzen und sich von den Schneemassen zwar verbiegen, aber nicht brechen lassen. 

Viel Natur, wenig Menschen

Der schwedische Vildmarksvägen, die Wildnisstraße, beschreibt einen 500 Kilometer langen Kreis im Nordwesten des Königreiches, zur Hälfte führt er durch Jämtland, zur Hälfte durch Südlappland. Auf dem Weg liegen die Ortschaften Strömsund, Gäddede, Dorotea und Vilhelmina, alte Treffpunkte der Sami, wie Ankarede und Fatmomakke, und jede Menge unberührte Natur. Rentiere, Elche, Biber, Königsadler, Polarfüchse und Braunbären leben zwischen schroffen Felsen und Bergen, blumenbedeckten Hügelketten, an kristallklaren Seen und in verwunschenen Märchenwäldern. Menschen gibt es nur wenige. Mit gerade mal einem Einwohner pro Quadratkilometer ist die Gegend extrem dünn besiedelt und auch unter Touristen ist der Vildmarksvägen noch immer ein Geheimtipp.

Tausende Nordkap-Pilger, die jeden Sommer auf der E45 Richtung Norden brausen, lassen ihn buchstäblich links liegen. Das ist schade für diejenigen, die den wohl wildesten Road Trip Europas verpassen, aber wunderbar für alle, die die Panoramastraße ohne viel Gegenverkehr, endlose Wander-, Mountainbike- und Skilanglauf-Pfade ganz ungestört genießen wollen. Zu den Highlights entlang der Strecke gehören mehrere Wasserfälle, darunter der Hällingsåfallet, bei dem die Wassermassen 43 Meter in Europas längsten, mit Wasser gefüllten Canyon stürzen, sowie der türkis schimmernde Gaustafallet, an dem eine Szene des Filmes „Ronja Räubertochter“ gedreht wurde. Eine Tour durch Schwedens längste Grotte, die Korallgrottan zwischen Stora Blåsjön und Ankarvattnet, ist nichts für Menschen mit Platzangst, für Höhlenliebhaber aber ein magisches Ergebnis. Ganz in der Nähe liegt das Bjurälven-Naturschutzgebiet mit fantastisch geformten Felsen, seltenen Blumen und seinen unterirdischen Bächen und Flüssen, die gelegentlich an die Oberfläche kommen und eine herrliche Synphonie zusammen sprudeln.

Bärenstarke Begegnungen

Und dann gibt es natürlich noch die Bären. Über 1000 Braunbären leben in der Region. Die Gemeinde Strömsund wirbt mit der höchsten Bärendichte der Welt. Mit diesen Fakten im Hinterkopf wandern wir am Stensjön, einem der unzähligen Naturreservate in der Vildmarksvägenregion. Bären, das haben wir gelesen, gehen Menschen aus dem Weg, solange sie sie rechtzeitig hören. An Eriks Rucksack bimmelt schon eine Bärenglocke, zur Sicherheit singe ich noch aus vollem Hals. "Hieß es nicht, dass der Stensjön zu den stillsten Gebieten Schwedens gehört?" beschwert sich mein Mann. Doch dann raschelt es vor uns im Birkenhain. Stocksteif bleiben wir stehen. Nichts passiert. "Das waren sicher nur die Trolle", sage ich. "Doch eher der Wind", tippt Erik. 

Der Schreck sitzt uns trotzdem in den Gliedern und das wird nicht besser, als wir am Seeufer einem alten Schweden begegnen. "Gar nicht weit von hier bin ich mal versehentlich zwischen eine Bärin und ihre Jungen geraten", erzählt Sven, während er beginnt, die schätzungsweise 50 Lachsforellen in seinem Boot auszunehmen. Er konnte sich retten, indem er flink auf einen Baum kletterte - eine Methode, die nicht unbedingt erfolgsversprechend ist, denn auch Bären können klettern.

Einem Mann in der Nachbarschaft erging es da schlechter. Er wurde auf der Bärenjagd aufgefressen. Angst vor Meister Petz, versichert er uns, müssten wir aber trotzdem nicht haben. "Man bekommt sowieso nur selten einen zu Gesicht." Sven lebt schon sein ganzes Leben lang in dem kleinen gelben Holzhaus, in dem er vor 68 Jahren geboren wurde - zehn Kilometer vom nächsten Nachbarn und 30 Kilometer vom nächsten Geschäft entfernt. "Die Winter sind furchtbar, aber der Fisch ist gut", sagt er und reicht uns eine Tüte mit vier Lachsforellen. "Damit ihr heute Abend was fürs Lagerfeuer habt."

Auf der Suche nach einem einsamen Seeufer, an dem wir unser Zelt aufschlagen und Fisch grillen können, fahren wir einige Stunden später über die holprigen Seitenstraßen des Vildmarksvägen. Es ist schon elf Uhr abends, aber das macht nichts, denn der Himmel leuchtet in blau und pink - richtig dunkel wird es hier zu dieser Jahreszeit nicht. Und plötzlich sehen wir ihn am Wegesrand: einen jungen Braunbären, auf den Hintertatzen und mit neugierigem Blick. Wir bleiben stehen. Er hebt eine Vordertatze, als wolle er uns eine gute Reise wünschen, lässt sich auf alle Viere fallen und verschwindet im Wald.

INFOS

Anreise: Strömsund, der südlichste Punkt des Vildmarksvägen, ist rund 1900 Kilometer von Berlin entfernt. Für die Anreise sollte man mindestens zwei, besser drei Tage einplanen. Alternativ kann man über Stockholm nach Östersund (200 km von Strömsund) fliegen und von dort mit dem Mietwagen weiterfahren. Um den Vildmarksvägen zu erkunden, braucht man einen Wagen oder ein Fahrrad und gute Kondition. Teilstrecken kann man aber auch wunderbar in Wanderschuhen, auf einem Pferd oder mit dem Kanu zurücklegen.

Reisezeit: Die schönste Wildblumenpracht gibt es im Juli. Für Outdoor-Aktivitäten ist die Zeit von Mitte August bis Mitte September ideal, wenn die Mückenplage fast verschwunden ist und die Landschaft in rot-goldenen Herbstfarben leuchtet. Die besten Bedingungen für Wintersportler gibt es ab Mitte Februar bis Ende März, der Stekenjokk ist im Winterhalbjahr (Oktober bis Juni) aber gesperrt.

Reisedauer: Eilige legen den Road Trip über den Vildmarksvägen in nur zwei bis drei Tage zurück. Wer den wahren Zauber der Gegend entdecken will, sollte sich aber mindestens ein bis zwei Wochen Zeit nehmen.

Mehr Infos: bei den Tourismusbüros in Strömsund, Vilhelmina, Dorotea und Gäddede und unter www.vildmarksvagen.se

Autor:
Heidi van Elderen