Schweden Ein Schloss zur Hochzeit

Dass Schweden rockt, hat man im gepflegt-mittelalterlichen Städtchen Kalmar offensichtlich ein wenig verschlafen. Anstelle von nationalen Bands wie Mando Diao, The Hives und Moneybrother ertönen die Hits der 1980er Jahre mit "Ghostbusters" und "Roxanne" aus den Lautsprechern des Krögers. Es ist Freitagnacht, die Bars und Clubs am Rande des Larmtorget-Platz in der Innenstadt füllen sich, die Sportsbar O'Learys, das Lilla Puben und das The Rock. Vor jedem Eingang steht ein Security-Mann und wacht darüber, dass weder Betrunkene noch unter 18-Jährige die Trinkhallen betreten. Bezahlt werden sie nicht von den privaten Betreibern, sondern von der Kommune Kalmar Län.

Die Innenstadt mit Ihren Bars, Restaurants und Geschäften liegt auf der Insel Kvarnholmen (Mühleninsel), die die Form eines Siebenecks hat. Sie ist umgeben von schönen Wasserkanälen, auf denen Möwen und Schwäne schwimmen, an manchen Stellen, wie etwa dem Kattrumpan, übersetzt Katzenpo, kann man sogar baden. Kalmars ursprünglicher Stadtkern, auf schwedisch Gamla stan (oder Gamla staden), ist auf dem Festland, hinter dem Kalmarer Schloss und bei Slottsfjärden, dort wo der wichtige Hafen lag. Als Kalmar 1611 von den Dänen angegriffen wurde, wurde ein Großteil der Stadt zerstört. Eine sicherere Lage musste her und so beschloss man 1640, ihren Kern wenige 100 Meter weiter auf die Mühleninsel zu verlegen. Ein schwerer Brand vier Jahre später beschleunigte den Umzug. Sowohl die Gamla stan, als auch die heutige Innenstadt lohnen einen Besuch.

Doch bei Touristen ist die Stadt mit ihren knapp 60.000 Einwohnern vor allem für die sechs Kilometer lange Ölandbrücke bekannt, die Kalmar auf dem Festland mit der schwedischen Ferieninsel verbindet. "Die meisten wissen nicht einmal den Namen der Stadt, an der sie auf dem Weg nach Öland vorbei fahren", sagt Henning Henschel aus Hamburg, der seit sechs Jahren in Kalmar lebt. Er trägt schulterlanges Haar und ein schwarzes T-Shirt mit Totenkopf-Emblem. Vier verschiedenfarbige Festivalbändchen aus Deutschland schlingen sich um sein Handgelenk, der Alkohol sei schließlich auf schwedischen Konzerten immer noch zu teuer. Henschel macht seinen Doktor in Chemie hier. Doppelt so gut bezahlt sei die Stelle als wissenschaftlicher Mitarbeiter in Schweden im Vergleich zu einer Universität in Deutschland.

Seit 2010 ist Kalmar offiziell Teil der Linné-Universität, zusammen mit Växjö in der Provinz Smäland mit rund 30.000 Studenten, die meisten studieren in Växjö. "Die beiden Städte liegen über 100 Kilometer auseinander, diese Fusion ist logistisch für manche Mitarbeiter nicht gerade der Idealzustand, wie so viele andere Dinge auch", sagt Henschel und muss ein wenig grinsen. Die Universität trägt vielleicht künftig auch zum Bekanntheitsgrad der Stadt bei. Touristischen Aufschwung soll Kalmar auch die Austragung des "Iron Man" bescheren sowie die Fußball Europameisterschaft der Frauen, die 2013 in der neu ausgebauten Guldfågel-Arena des Kalmar FF stattfinden wird.

"Was man hier in Kalmar anschauen soll?", wiederholt Marlene Norrby. Die schwedische Doktorantin sitzt mit Universitäts-Kollegen abends im "Pipes of Scotland" am Stortorget, dem Hauptplatz in der Innenstadt. Die schottische Bar residiert fürstlich im Erdgeschoss eines Art-Nouveau-Gebäude aus dem Jahr 1907, gleich neben dem Rathaus im Renaissancestil und der gelben, barocken Kathedrale, dem Domkyrkan. Allein 17 Sorten Fatöl, also Fassbier, gibt es hier, darunter auch Weihenstephaner Weißbier, Radeberger und sogar Oktoberfestbier vom Münchner Hofbräuhaus, ein halber Liter kostet rund 6 Euro - ein bezahlbares Getränk. Norrby überlegt kurz, "Haben Sie schon die Burg gesehen?", fragt sie. Das wohl prächtigste und älteste Wahrzeichen der ganzen Stadt liegt auf einer schmalen Halbinsel und wird im Sommer von bis zu 2500 Touristen am Tag besucht.

Burg Kalmar: Ein Bollwerk gegen Angreifer

Die heutige Provinzstadt Kalmar war einst eine der mächtigsten Städte Schwedens mit engen Handelsbeziehungen zur deutschen Hanse. Flotten und Armee zogen hier vorbei, um sich auf Gefechte vorzubereiten, Schwarzpulver lag in der Luft. Kalmar hatte eine Schlüsselposition in der Verteidigung gegen Piratenangriffe, Feinde aus dem südöstlichen Ostseeraum und gegen die Dänen. Nur wenige Kilometer weiter südlich zur ehemaligen Reichsgrenze zu Dänemark reckte sich eine der am schwersten armierten Festungen Schwedens mit einer Ringmauer gegen alle Angreifer, die von der Ostsee und vom Land kamen. Zwischen 1307 und 1611 hielt die Burg Kalmar 24 Belagerungen stand.

Doch besonders bekannt ist die Festung für ein historisches Bündnis, das hier 1397 besiegelt wurde: Das Abkommen zur Vereinigung Dänemarks, Schwedens und Norwegens unter einem Regenten, die Gründung der sogenannten Kalmarer Union unter der Führung von Königin Margarethe und dem Regiment ihres Neffen, Erik von Pommern. Ein Abkommen, das Kalmar zum zentralen Ort im Norden machte. An die Union erinnert heute nur noch eine versteckte Skulpturengruppe an einem abseits gelegenen Platz unter hohen Bäumen am Bahnhof. Das Denkmal wurde 1997 zum 600-jährigen Jubiläum des Büdnisses errichtet.

Als die Union 1523 endete und Gustav I. Wasa schwedischer König wurde, veränderte sich auch das Aussehen der vom Krieg stark gezeichneten Festung. Wasa und seine zwei Söhne rüsteten die alte Burg auf, mit Stein- und Erdwällen gegen die neue Artillerie. Gleichtzeitig verpflichteten sie ausländische Architekten, es in ein Schloss im Stil der Renaissance zu verwandeln - mit fein gemeißelten Portalen, Kassettendecken mit Ornamenten und einem Brunnen, der mit seinem Überbau und seinen Löwenmasken einem kleinen Tempel gleicht. Schließlich wollten sie den europäischen Fürstenhäusern die Stirn bieten, ihnen beweisen, dass Schweden kein hinterwäldlerisches Königreich war.

Nach Jahrzehnten des Krieges und der Verlagerung der schwedischen Grenze verlor Kalmar seine Schlüsselposition. Das Schloss verkam ab dem ausgehenden 17. Jahrhundert, wurde als staatlicher Getreidespeicher, Gefängnis und sogar als königliche Schnapsbrennerei genutzt. 1810 ersuchte ein Bischof sogar darum, die freistehenden Mauern des Schlosses und seinem Turm abreißen zu lassen, um aus den Steinen ein Gymnasium zu bauen. Dies geschah zum Glück nicht. Mitte des 19. Jahrhunderts wurde das Schloss erstmals restauriert. Die Arbeiten dauern heute noch an.

Könige samt Gefolge wandeln inzwischen nur zu ausgesuchten Anlässen durch die Säle des Schlosses. Dafür ist es mit seinen archäologischem Museum, Ausstellungen und Konzerten ein Anziehungspunkt für ganz normale Besucher geworden. In der Kapelle der Burg schließen Pärchen sogar den Bund zur Ehe. Und ein Symbol für Treue könnte die Wahl dieses Orts tatsächlich sein, denn feindliche Übergriffe hat die Burg schließlich meist abgewehrt.

Autor:
Bettina Hensel