Schottland Scottish Fair: Verrückte Spiele der Schotten

Sie schlängeln sich durch Slalomstangen, balancieren über Wippen, wuseln durch Stofftunnel oder fliegen mit wehenden Ohren meterweit über Hindernisse. Rotwangige Mädchen treiben sie mit spitzen Schreien zu immer neuen Höchstleistungen an. Die Zuschauer auf der Haupttribüne verfolgen den Wettlauf der Terrier um die Bestzeit entweder lächelnd oder mit herzzerreißendem Winseln, je nachdem, welcher Spezies sie angehören, Mensch oder Hund.

Bis zu 30.000 Gäste, Vierbeiner nicht mitgezählt, treffen sich alljährlich in einer weißen Zeltstadt vor den Toren von Scone Palace unweit von Perth, dem Wohnsitz von Earl und Countess of Mansfield, zu einem Treiben, das zwei Tage dauert: zur "Scottish Fair", Jahrmarkt, Messe und Sportfest. Wer das Gelände betritt, lässt den Alltag hinter sich. Eben noch schlurften die Besucher auf den Parkplätzen durch ein Meer aus Blech, jetzt schreiten sie über saftiges Grün, auf einen schulterhohen Hirtenstab aus den Highlands gestützt.

Viele haben Gewehre geschultert oder tragen Tarnkleidung. Jeder zweite führt einen Hund an der Leine. Ich sehe Unmengen von Sherlock-Holmes-Mützen und Tweed-Jacken, häufig sogar in Kombination mit Kilt und Schwert. Die Zeltstadt duftet nach gegerbtem Leder, Gras, Schafspelz, Bonbons und geölten Waffen. Die Besucher inhalieren die Luft wie ein Aphrodisiakum. Die Gewehrsalven von den Tontaubenschießständen sind ohrenbetäubend, doch der Lärm stört kaum jemanden hier. Alle zwei Stunden lassen die Lumberjacks in der umzäunten Feldarena ihre Kettensägen aufheulen: Die beiden durchtrainierten Muskelprotze im Schottenrock wollen aus Holzstämmen Stühle formen.

Ein Ort beladen mit schottischer Geschichte

"Die Leute lieben das", sagt Ian McCall, Direktor der Game Concervancy Trust, der die Fairs organisiert. "Außerdem befinden wir uns an einem Ort, der mit schottischer Geschichte beladen ist." Vor den Mauern von Scone Palace stand die im 12. Jahrhundert erbaute Augustinerabtei Scone Abbey, in der alle schottischen Könige zur Inthronisation auf dem Stone of Scone Platz nahmen, einem Sandstein. Englands Herrscher Edward I. verschleppte den Krönungsstein im Jahre 1296 als Kriegsbeute nach London und deponierte ihn unter dem Thron in Westminster Abbey. 700 Jahre blieb er dort, als Symbol der Unterwerfung der Schotten unter die Engländer. Erst 1996 wurde er, mit offizieller Erlaubnis der Queen und des Premierministers, von London zurückgebracht; heute befindet er sich in Edinburgh Castle.

Aus den Lautsprechern, die in den Ästen der mächtigen Bäume hängen, erklingt eine Stimme; seit Stunden füttert sie die Besucher der Scottish Fair mit Informationen zum Programm. Der Mann, der die Massen derart im Griff hat, sitzt in einem kleinen Holzverschlag am Rande des Main Ring neben der Tribüne. "Keine andere Veranstaltung kann sich mit der Scottish Fair vergleichen", erklärt Jimmy McGregor, der normalerweise durchs Land tingelt und mit seiner Stimme auf kleinen Bühnen als Storyteller arbeitet. Jetzt ist er Zeremonienmeister.

James Tomlinson, Weltmeister im Fliegenfischen, hat den Main Ring betreten. Der Champ trägt eine Jeansjacke zum Kilt, die von oben bis unten mit Medaillen bestückt ist. Sichtbare Zeichen großer Siege, die er sich rund um den Erdball geangelt hat. Tomlinson posiert wie ein Popstar. Immer wieder wirft er seine Rute auf dem Rasen aus. Wurf folgt auf Wurf. Akribisch erklärt er jede seiner Bewegungen. Das Publikum applaudiert.

Es gibt Elemente im Entertainment- Programm, deren Faszination sich einem Städter aus Kontinentaleuropa Menschen dazu, sich zu Hunderten auf Strohballen zu zwängen, um bei den "Open Spaniels" Jagdhunde zu beobachten, die auf einer Wiese nach Stoffhasen schnüffeln? Was begeistert Erwachsene und Kinder daran, dass eine Schar schnatternder Gänse in einen Pferch getrieben wird? Warum strömen Menschen in eine Arena, um einer Frau beim Chili- Showkochen zuzusehen? Weshalb stehen Dutzende von Männern um einen Schotten im Kilt herum, der bedächtig Steine klopft, um sie dann akribisch zu einem Schießstand zu türmen? Die Antwort steht auf einem Transparent, das die Gamekeeper Row überspannt: "Wir Schotten sind im Ländlichen verwurzelt. Der Unterschied zwischen Stadt und Land und die damit verbundene Intoleranz der Städter gegenüber der Landbevölkerung ist bei uns lange nicht so ausgeprägt wie in anderen Teilen Großbritanniens. Aber wenn wir nicht wachsam sind, wird sich unsere Gesellschaft allmählich von ihren Wurzeln entfernen."

Die Spiele: viel mehr als ein großes Volksfest

Für Charly Gladstone, Chairman des schottischen Game Concervancy Trust, ist die Game Fair zwar auch ein großes Volksfest, aber in erster Linie ein Versuch, die Bevölkerung über Landschaftspflege und Game-Management aufzuklären. "Die Fair hat pädagogischen Wert", sagt der Chairman. Und fügt hinzu, dass die Schotten, wie er findet, ein Recht auf den Besitz von Waffen haben. Vereinzelten Bemühungen, es einzuschränken, treten Traditionalisten wie er mit aller Kraft entgegen. Mahnend sprechen die Veranstalter der Fair von der natürlichen Balance, die es zu bewahren gilt.

Das klingt zwar sanft und ökologisch, verhüllt aber nur geschickt die Forderung der Männer nach einem Freibrief für die Jagd. Lächelnd sagt Charly Gladstone: "Wenn man uns verbieten würde, zu jagen und zu schießen, wären wir nicht mehr motiviert, uns um ein ausgewogenes Verhältnis in der Natur zu kümmern." Er sieht mich an, wie man einen hoffnungslosen Romantiker anschaut, dem unter dem Schlagwort "natürliche Balance" immer noch die Selbstreinigungskräfte der Natur versteht. "Wenn wir die Kontrolle über die Natur abgäben", sagt Gladstone, "würde es hier bald von Hasen, Füchsen und Bussarden wimmeln. Wer einer Spezies erlaubt, sich über Gebühr auszubreiten, nimmt in Kauf, dass alle anderen in Mitleidenschaft gezogen werden."

Und leiden wird, meint der Schotte, vor allem der Mensch: Die Hälfte der schottischen Landbewohner lebt von Jobs in der Countryside-Industrie. Noch ist Schottland nicht verloren. Aber die Alarmglocken läuten. Robert Hughes von der British Deer Society, die den Wildbestand im Lande kontrolliert, versteht die Diskussion ums Jagen und Schießen nicht. Er dürfe sich kaum noch mit zwei Hunden in den Weiten Schottlands blicken lassen: "Nur noch einen von ihnen darf ich auf den Hasen loslassen. Wenn ich mit zweien jage, kostet mich das 500 Pfund Strafe oder ein halbes Jahr Gefängnis."

"Kill the Bill!", heißt das Motto, das sich Hughes und die Gamekeeper auf die Fahne geschrieben haben, um die Gesetzesvorlage zur Neuordnung der Jagd abzuschmettern. Die schottische Protestbewegung hat bereits in der Hauptstadt Druck gemacht: Am Countryside-March auf London im Jahre 1998 nahmen 250.000 Menschen teil. Sie gingen auf die Straße für die Freiheit ihrer ländlichen Bräuche. "Das war die größte Demonstration seit der Anti-Atom-Bewegung", sagt Robert Hughes stolz.

Unter einem Zeltdach vor dem Scone Palace ducken sich hinter Gittern ängstlich zwei Wölfe. Sie wurden in einem neu geschaffenen Reservat in den Highlands angesiedelt. Beißender Pulverdampf weht vom Schießstand herüber; aus dem Food-Zelt duftet es nach Fisch und Fudge, dem klebrig-süßen Zuckerwerk. Von Aal bis Ale werden in dem Gourmet-Tempel alle Köstlichkeiten Schottlands dargeboten. Andernorts hätten die Organisatoren einem Zelt, in dem 30.000 Leute satt werden sollen, einen soliden Holzfußboden verpasst. Nicht so in Scottish Fair Country: Hier wandeln wir in tiefem Gras. So sind die Schotten. Ackerbauern, Viehzüchter - und Jäger. In ihrer Erdverbundenheit haben sie einen Landschaftsgarten von imposanter Schönheit geschaffen. Und lieben es, darin auf alles zu schießen, was nicht rechtzeitig auf den Bäumen ist.

Autor:
Dirk C. Fleck