Schottland Golf: ein Nationalspiel?

Natürlich spielen. Das erste Ping noch vor dem ersten Hahnenschrei. Ohne Pause über Mittag. Kurze Rast erst gegen drei. Gesüßter Tee mit Milch, Gebäck. Und weiter. Selbst noch am Abend, im letzten Dämmerlicht. Gleich Sternschnuppen stoben die Bälle davon. Auf Nimmerwiedersehen. Verglüht, verloren. Aber wir, wir waren selig. 171 Löcher in sieben Tagen auf zwölf unsterblich schönen Plätzen. Schwingen, abschlagen, einlochen. Golf und Golf und nur Golf.

Sie sagen: verrückt. Ich aber sage: Wir wollen vom Leben alles. Und manchmal kriegen wir es. Also - lasst uns schwärmen. Von Schottland. Oder genauer: von der Grafschaft Fife. Gelegen zwischen Firth of Forth und Firth of Tay. In Edinburghs Vorgarten, sozusagen. Vom Airport nur eine Möwenflugstunde bis dahin. Und doch so fern. Das Königreich des Golfs. Wer von dort die Welt betrachtet, denkt sich die Erdkugel als kleinen, weißen Ball. Er neigt sein Haupt in Demut, greift zu Holz 1 und lauscht dem Satz der Sätze: "Please, Gentlemen, play away."

Gen St. Andrews also zogen wir. Gemächlich und ohne Hast. Der Weg war unser Ziel. Zugegeben: Keine ganz normale Reise. Wir nannten es eine Wallfahrt. Die Schläger geschultert, durchmaßen wir das Land. Von Saline, nahe der Grenze zur Grafschaft Perth, bis zur Wiege des Spiels, dem grünen Allerheiligsten, dem wogenumspülten Old Course. Kaum 70 Kilometer Luftlinie von Ost nach West. Dazwischen, auf grasgrünen Samt gebettet, Smaragde, Rubine, Brillanten. Golfplätze wie Edelsteine. 43 an der Zahl. Die hießen: Aberdour und Kinghorn, Dunfermline und Lundin, Elie und Anstruther, Kingsbarns und Cupar.

Der Herbst schickte seine ersten Boten. Wirbel aus goldenem Blattwerk. Er schenkte dazu Tage, deren Himmel waren kalt wie Stein. Uns fröstelte. Dann wieder rissen Winde an uns, die jagten die Wolken. Daraus stürzte das Licht zu Boden. Natur im malerischen Wetterwechsel. Es nieselte, regnete, schüttete. Es trocknete, dampfte, leuchtete auf. Erstrahlte. Skizzen in Blei, zart getupfte Aquarelle, kräftiges Öl. Satte Töne. Blau, blauer denn blau. Grün, immer noch grüner. Uns stockte der Atem. Es war eben so: unbeschreiblich.

Bilder wie diese finden sich im blank geputzten Spiegel unserer Seele. Bunte Kalenderblätter einer fröhlichen Himmelfahrt. Natürlich waren wir mit gebotenem Ernst bei der Sache, notierten auch jede Menge. Allem voran: Schlag auf Schlag. Birdies, Pars und Bogeys. Buchhalterarbeit. Akribisch, mit Bleistift, verrichtet. Brüchiges Gummiband schnürt jetzt die Score-Karten zu Päckchen. Daheim werden sie eifersüchtig gehütet.

Es sind Dokumente kühner Offensiven und schmählicher Rückzüge. Protokolle der Siege über das Selbst. Die Vergeblichkeit des Seins, darüber gallenbittere Klagelieder. Grandiose Triumphmärsche, kleinlaute Abgesänge. Ach, von allem alles. Um es mit Heinrich Heines Worten zu sagen: Wir haben das Wunderbarste gesehen, was die Welt dem staunenden Geiste zeigen kann. Und wir staunen noch immer - über die mächtigen, Kraft spendenden Wurzeln einer Jahrhunderte währenden und wachsenden Kultur. Die Exklusivität der Normalität auf Plätzen, ehrwürdig wie Methusalem. Auch über die Seele des Spiels und ihr Echo im Herzen der Schotten. Oder war es umgekehrt?

Unter denen, die wir trafen, waren Arbeiter und Intellektuelle. Geldadel und arme Schlucker. Unterschiedslos, immer alle miteinander. Jeder mit jedem. Kinder darunter, in löchrigen Hosen, aber gesegnet mit göttlichem Schwung. Greise Veteranen, auch die. Drew Robertson war so einer. Er spielte noch mit Hölzern aus Holz. War 74 Jahre alt, Golfer seit 51 Jahren, und er drehte täglich seine Runde. Der Tag der Hochzeit, die Geburt der Kinder, die Beerdigung der Gattin - kein Tag ohne Drew auf dem Platz. So erzählte er es, und ein Lächeln längte seine Lippen. Lundin Links war Drews Heimat. Ein Platz wie aus dem Geschichtsbuch. Bespielt seit mehr als hundert Jahren und einst geteilt von der Bahnlinie nach St. Andrews. Darauf wies der Name von Loch 17 hin: "Station".

Zwei Plätze wie siamesische Zwillinge

Das Meer in graziösem Schwung vor runden weichen Graskuppen. Largo Bay. Mächtige Sandbunker, gebannte Blicke. Das Clubhaus ein gischtweißes, von Türmchen geziertes, viktorianisches Relikt. Darinnen schweres Ledergestühl. Darinnen Edelholztafeln mit den Namen der Sieger und Captains aus versunkenen Jahrzehnten. Goldene Hieroglyphen. Darinnen eine Bar mit den feinsten Malt Whiskys des Landes und den profansten Bieren. Darinnen Alt und Jung, die einen beim Schwätzchen, die anderen bei einer Partie Snooker. Sitzen und schauen! Hinaus. Durch Panoramascheiben aufs Meer. Hinweg über den Platz. Und weiter. In die Ferne. Hinüber über eine Bruchsteinmauer zum nächsten Platz, zur nächsten Geschichte.

Zwei Plätze wie siamesische Zwillinge. Gemeinsam geboren auf hartem Grund. 1868 war das. Nun getrennt. Ihr da drüben und wir hier. In Freundschaft. Leven und Lundin Links.Wir spielten auf beiden, und keiner fragte nach unserem Handicap. Spielerlaubnis für jedermann. Obwohl doch Championship-Plätze. David Webster, der Hüter des kleinen Shop, bemühte eine schottische Weisheit. "Golf is an easy game, but it's hard to play." Sollte jeder wissen.

Unsere Gedanken schweiften voraus. Manchmal schien es, als leuchteten uns die Sterne heller. Näher, immer näher rückte St.Andrews. Schon lag der halbe Weg hinter uns, und rückblickend spielte ein jeder von uns des Abends den Stichwortgeber. Anfangen, wo alles anfing. Gewiss doch, Saline. Ein kleines Städtchen am Fuße der Ochil Hills. Neun Löcher. Steil bergan, steil bergab. Windstill unten, von Böen gepeitscht der Gipfel. Das Grün von Bahn 5 und ein Blick, den nannten wir "forever". Der ging nahezu bis Edinburgh. Nicht schlecht für nur fünf Pfund Spielgebühr.

Im Vereinshaus saßen William McNair, 65, und seine beiden Söhne. Clubmeister, sie alle drei. Jeder zu seiner Zeit. "Golf", schnarrte William, "ist in Schottland Arbeitersport. Jeder kann es sich leisten." 25 Pfund Aufnahmegebühr, 170 Pfund Jahresbeitrag, Wochenkarten für 40 Pfund und Teilnahme an Meisterschaftsspielen der Clubs von Fife - ganze 10 Pfund. Snobs nannten sie in Saline "toffee nosed people". Ihr Clubhaus diente nicht nur den Golfern, sondern gleich dem ganzen Dorf. Als Kneipe, Tanzsaal und Bingo-Spielhalle. Tradition, tief verwurzelt in den Anfangsjahren. Es waren Bergarbeiter, die den Saline Golf Course anlegten. Während eines Minenstreiks. Wie herrlich.

Die nächsten Stationen? Dunfermline und der Gedanke: Wie erholsam sind Golfplätze, die leer sind! Dieser gegründet 1887. Heimat von Robert Lockhart, der anno 1890 den Amerikanern das Golfen nahe brachte. Das Clubhaus - ein 600 Jahre altes Schloss. Und Bäume standen da, Bäume? 300 Jahre alte Riesen. Danach Aberdour. Die Forth Bridge rechter Hand. Verstrebtes Gitterwerk wie ein stahlgenietetes Mieder. Abschlag zum Grün der Bahn 2 durch eine Felsenlücke. Hinweg über säuselnde Dünung: Flieg, du kleines Bällchen, flieg. Nervenflattern davor und ewige Manöverkritik danach. Selbst noch beim pint of Lager im Clubhaus. Hätte, wäre, wenn und aber. Egal und cheers und - bitte: das Handy ausgestellt. Verboten in schottischen Clubräumen, auf schottischen Plätzen. Dieses Volk hat noch Kultur.

Weiter. Über Kinghorn nach Leslie. Neun Löcher im Hinterhof einer Arbeitersiedlung. Spielen und dabei den Werktätigen beim Leben zuschauen. Wie sie nach Hause kommen, sich zum Essen an den Tisch hocken. Wie sie streichen, hämmern, reparieren. Oder schnell noch eine Runde drehen. So wie wir. Und dann Falkland. Ein winziges Städtchen. Mit kleinem Jagdschloss und großer Geschichte. Maria Stuarts Refugium vor der Welt. Tennis lernte sie hier, mit ihren Falken streifte sie durch die Wälder. Im 16. Jahrhundert war das, und Golfen war verboten. Per Edikt von König James II. Seine Männer, so wollte es der Monarch, sollten sich besser im Bogenschießen üben. Es ging, wie immer, gegen England.

Es war eben jene Örtlichkeit, an der Lynn in unser Leben trat. Windstill war es, die Natur hielt ein Nickerchen. Barmherzige Stille ringsum, da erscholl ein Schrei. "Fore", brüllte es, also: "Achtung Leute, da kommt ein Ball. Geht in Deckung!" Das kleine Geschoss sauste derweil durch die Luft und bohrte sich mit sattem "plopp" in weiche, gut gelockerte Erde. Und zwar keine 30 Zentimeter neben einer wohl proportionierten Gärtnerin. Nicht, dass die Frau besonders erschrocken wäre. Sie jätete weiter Unkraut und schaute erst auf, als wir vor der kleinen Gartenpforte auftauchten. Da erhob sie sich zu stattlicher Größe, glättete die karierte Schürze und sprach den erstaunlichen Satz: "Junger Mann, sie hätten Eisen 8 nehmen sollen." Donnerwetter. Das war Lynn McEvan, Clubmeisterin des Falkland Golf Club in Fife. Mutter dreier Kinder, Handicap 12.

Aber nun: Auf Leven folgt Lundin und auf Lundin folgt Elie. Ein hübscher Ort im Ausruhestand. Refugium betuchter britischer Rentner. Los, los. Es wartet schon Mister Lindsay Terras. Stolzer Eigner einer adretten Bettstätte. Bed & Breakfast. Mitglied dazu im Elie Golf House Club. Lindsay stellt uns vor. Führt uns ein. Das ist nötig, denn die Zeit steht still in Elie. Zutritt zum Clubhaus nur für Mitglieder. Haupteingang für Gentlemen. Nebeneingang für Ladys. Von acht bis zehn Uhr dürfen Frauen nicht auf den Platz. Und zum Smoking Room, dem gemütlichsten Raum des Hauses, haben sie keinen Zutritt.

Wiederum: Die Damen halten eine eigene Barlizenz. Die Damen zahlen weniger Beitrag und Greenfee. Überhaupt: Die Damen kochen gerne ihr eigenes Süppchen. Und das seit 1884. Was zu betrachten ist: In der Ladies' Lounge Korbsesselchen statt schwerem Leder. Bridgetische. Sherrygläser auf dem Sideboard. Darüber Bilder, goldgefasste Fotografien. Die Ahnengalerie. Golfmode im Wandel der Zeiten. Die hübsche Alex Flowers, Champion 1925, in langem Rock, mit Stiefeln und ausladendem Hut. Ann Dorsay in Knickerbockers. Anno 1951.Vielleicht war die Kleidung nicht so bequem, sagt Irene Murrays Blick. Aber hatte diese Zeit nicht Stil? Sie hatte, und so viel ist gewiss, ihre kleinen Sensationen.

U-Boote gehörten dazu. Eines, das im Ersten Weltkrieg gegen die Deutschen fuhr, hieß Excalibur, und weil Elie am Meer liegt, ist ein Teil dieses Schiffes noch heute im Einsatz. Das Periskop. Sich solches auf einem Golfplatz vorzustellen, dazu reicht selbst kindliche Fantasie nicht aus. Und doch: Da ragt es, acht Meter hoch, aus dem Dach des Starterhäuschens heraus. CK 15,U-Boot-Periskop, Seriennummer 293. Gebaut von Barr & Shout, Glasgow. Ken Murray, einstmals Police Officer, geht gerade auf Tauchtiefe. Schaut durch das Seerohr und kontrolliert das Grün der Bahn 1. Vom Abschlag aus ist der kleine Flecken Land für die Golfer nicht zu erspähen. Sie spielen blind einen Hügel hinan. Nur eine weiße Richtungsstange weist den Weg. Wie Männer zu Kindern werden, darüber könnte Ken Murray ganze Bücher schreiben. Ein jeder Gast will einmal Kapitän auf großer Schleichfahrt spielen. Wir auch. Ein Gedränge ist das und gar mancher macht militärisch Meldung. "Grün 1 frei." Oder: "Möwe auf Abschlag Bahn 14." Was für ein Heidenspaß. Fast vergessen, warum wir eigentlich kamen. Natürlich spielen.

Tage gibt es, da bräuchte man Blei in den Schuhen. Das ist so einer. Die Wolken, von Furien gehetzt. Schwarz über kochender Brandung. Salz netzt die Haut. Aber spielen. Hinunter zum Meer. Einmal im Leben Bahn 13. Gelistet in der Liste der 500 schwersten Löcher der Welt. Das muss sein. Vorneweg Lindsay. Die drahtige Figur wie im Schattenriss. Welch majestätischer Schwung. Wieviel Gefühl beim Putten. Ach, was für ein Stilist. Und wir? Im Rough. Im Aus. Im Kaninchenloch. Uns trifft der Zorn des Himmels. Was für ein Tag. Stoff für das große Golf-Latinum. Abgelegt zu später Stunde in der Golf Tavern, "Loch 19" genannt. Dort scheint uns wieder die Sonne. Und Lindsay erzählt: Wie alles und jeder beginnt. In Schottland.

Sie waren vier Buben. Sie nahmen die alten Schläger der Väter. Und gingen einfach mit. Schauten und lernten. Chippen. Pitchen. Putten. Schwingen. Probierten. Oft stundenlang. Greenkeeper vertieften die Lehren des Lebens. Wettergegerbte Köpfe, darinnen unzählige Geschichten. Über das Gras, den rechten Schnitt. Schnelle Grüns, langsame Grüns. Die Tücken der Bunker, die Tiere des Platzes. Über Etikette und Strategie. Den Wind und was passiert, wenn er schläft. Auch über Gott und das Wörtchen Demut. Geduld und die Zügel heißer Leidenschaft. Gab es je Golflehrer? Übungsbälle auf der Driving Range? Erstauntes Schulterzucken. Wozu? Niemand fährt ungestraft zum Golfen nach Schottland. So ziehen wir weiter.

Über Anstruther, wo uns Greenkeeper-Lehrling Nicola eines der gruseligsten Par-3-Löcher der Welt zeigt. "The Rockies".Wie soll man das beschreiben? Du stehst auf einem Plateau. Steil stürzt die Klippe ins Meer. Unten, handtuchbreit, blinkt Rasen. Dorthin soll der Ball. Einem gelingt der Schlag. Noch am Abend ist er ganz trunkene Seligkeit. Dann Crail. Golfing Society nunmehr seit 1786. Zwei 18-Loch-Plätze nebeneinander. Beide Beleg schottischer Golfarchitekten- Wahrheit: "Gott hat viele Plätze angelegt, wir Menschen müssen sie nur entdecken." Dann Kingsbarns. Eröffnet im Juli 2000. Das Kontrastprogramm. Denn dort wurde dem Allmächtigen geholfen. Mit Bulldozern. Und plötzlich dreht sich die Welt und ist wieder alt und vertraut.

Feines Volk, fremdes Volk

Zahlungskräftig. Japaner, Amerikaner, Kontinental-Europäer. Nicht mehr 10 Pfund für eine Runde. In Kingsbarns sind es 105. Plus 30 Pfund für den Caddie. Plus 10 Pfund Tipp. Schon kippt die Stimmung. Haben wir den Schlagbaum verpasst? Wo ist unser Schottland? Noch acht Meilen bis St. Andrews. Unterwegs eine Golf- Großbaustelle. Ein neues 60-Millionen- Pfund-Prestigeobjekt. Aufgewühlte, geschundene Erde. Uns, die wir das Paradies gesehen, schaudert. Wenig später erreichen wir Golfers Heiligtum. The Old Course. Davor, düster gleich einem Mausoleum, das Clubhaus des Royal and Ancient Golf Club. Ziel unserer, Ziel jeder Wallfahrt.

Pilger in rauen Mengen. Aber keine Startzeit. Nicht heute, nicht morgen, nicht nächsten Monat. Wer frustrierte Amerikaner, enttäuschte Japaner erleben möchte - er fahre dorthin. Ein Spaziergang im Abendlicht. Über den Platz der Plätze. Strath, Shell und Hell Bunker. Das berühmtberüchtigte Road Hole, Swilton Bridge. Valley of Sin. Geistesberührt. Durch die Luft schneidet ein letzter Ball. Leise. Ein herrlicher Ton. Das ist unser Abschied.

Durchs Inland windet sich das Sträßchen nach Cupar. Für eine Runde ist noch Zeit. Auf dem ältesten 9-Loch-Platz der Welt. Gegründet 1855. Die Einfahrt zum Clubhaus ist zugleich die Einfahrt zum Friedhof. Oben am Hang, dort wo eine Mauer das Reich der Toten vom Reich der Golfer trennt, steht auf dem Grab der Ruby Osborne, gestorben 27. Januar 1917, ein weißer Engel. Maschendraht schützt seine Flügel vor irdischen Fluggeschossen. "Eines Tages gucken wir alle über diese Mauer", sagen die Männer von Cupar. Es sind dies: Ian McAulay, Supermarktleiter. Stuart Donaldson, Arbeiter im Holzwerk. Gary Muir, Dorfpolizist. Graham Townsend, Bäcker. Fergus Sharp, Ingenieur. Sie feiern den Saisonabschluss. "Aber zuerst", rufen sie, "spielen wir noch eine Partie." So ziehen wir über den Platz und sind weit mehr als die Etikette erlaubt. Was für ein Spaß.

Welch herrlich schottische Geschichte zum Schluss: Da starb vor Monatsfrist einer, und alle beneideten ihn um seinen Tod. Stewart Williamson war sein Name, und es war die letzte Birdie-Chance seines Lebens, als Gott eingriff und ihn hinter die Friedhofsmauer schickte. Keine 30 Meter entfernt vom Grün der Bahn 3. Darauf lag, ganz nah an der Fahne, sein Ball. Stewart wollte zum Putter greifen, fasste sich stattdessen ans Herz und schlug einfach um. Er wurde 63 Jahre und vier Monate alt. Und was taten die Männer von Cupar? Sie ließen Stewarts Ball auf dem Grün. Drei Tage später trugen sie ihn entlang der Mauer zu Grabe. Als gesagt, was zu sagen, und gesungen, was zu singen war, blickten alle den Hügel hinauf zum Grün von Loch 3. Dort stand einer der ihren und spielte mit zittrigen Händen Stewarts letzten Ball. Er rollte 30 Zentimeter und verschwand im Loch. Die Trauergemeinde applaudierte. Man nahm Stewarts Score-Karte, trug drei Schläge ein und legte sie als letzten Gruß auf den Sarg.

Autor:
Hans Borchert