Edinburgh Eine Stadt mit Charakter

Wäre am 16. Oktober 1939 wirklich mit ihm geschehen, was Richard Demarco gerade so wortreich erklärt, als nämlich - der Zweite Weltkrieg war gerade 43 Tage alt - die deutsche Luftwaffe einen Angriff auf Leith flog, den Hafen von Edinburgh, und sich die Schussspuren eines Luftduells im Sand um den spielenden, neunjährigen Richard abzeichneten, und wäre der kleine Ricki von einem dieser Projektile erwischt worden, ja, dann wäre Edinburgh heute um eine real attraction ärmer. Das ist mal gewiss.

Ricki Demarco hält Hof, und wenn Mister Demarco Hof hält, dann redet er, und alle anderen schweigen. Er ist Maler und Impresario und Weltkulturbotschafter für Schottland, er ist Exzentriker und Visionär und liebenswerter Schwätzer, er ist einer jener Typen, wie sie nur eine herrlich zerrissene, eitle, kühle, wunderschöne Hauptstadt hervorbringen kann. Edinburgh ist ein Monstrum, Edinburgher sind Snobs. Edinburgh wird geliebt oder gehasst.

Madame de Staël schrieb einmal, dass "die höchste Stufe des Intellekts in der Edinburgh Review anzutreffen sei". Krimiautor Philip Kerr allerdings nannte Edinburgh sein MdU, das "Museum der Unnatur", in dem es Internatsschulen gebe, "jene riesigen gotischen Felsenschottischen Leidens, die in der ganzen Stadt verteilt sind, schwarz und zerklüftet, wie faule Zähne". Edinburgh ist ein Castle, das sich eine Stadt hält, die selbst in zwei disparate Teile zerfällt: die düster-mittelalterliche Altstadt um die Royal Mile und die georgianische, lichte Neustadt ab der Princes Street.

Nur eine Stadt wie Edinburgh kann einen Charakter wie Richard Demarco erfinden, der ein Maler ist, der eigentlich kein Maler ist - und der das auch genauso sagt. Richard Demarco steht in einer Galerie in der Bread Street. Er ist ein kleiner Mann, doch seine Gesten sind groß. Demarco entstammt einer italienischen Familie, die vor hundert Jahren eingewandert ist. Doch einen echteren Schotten als ihn gibt es nicht. Nachdem er erläutert hat, wie glücklich er und alle anderen sind, nicht 1939 das erste Opfer des Luftkriegs geworden zu sein, ergibt er sich seinem zweiten Lieblingsthema: Europa.

Gouachen hängen an den Wänden, Tagebuch seiner Reise nach Georgien. Warum Georgien? Demarcos Stimme ist ein schneidendes Werkzeug, metallisch, viril, sehr überzeugend: Weil Georgien und Schottland das Band bilden, das Europa zusammenhält. Ist denn nicht die gesamte antike Mythologie aus dem Kaukasus? Ist nicht Edinburgh, ähnlich wie Rom, auf sieben Hügeln gebaut? Weiß man nicht, dass König Artus seinen Sitz auf dem Hügel gegenüber Edinburgh hatte? Er holt nicht Luft. Er redet über das Schwert Excalibur, über das alte Flaggschiff der schottischen Marine, über das britische Königshaus, das mehr schottisches und deutsches als englisches Blut in seinen Venen hat. Er hört nicht auf zu reden, und das alles wegen - Europa.

Spuren Europas im Vorort Leith

Edinburgh unterscheidet sich von Glasgow, weil es Stil, Geschichte und Größe hat - behaupten die Edinburgher. Und Schottland unterscheidet sich von England, weil es Europa will und weit stärkere europäische Bindungen hat. Sagt Richard Demarco. Und fügt hinzu: All das könne man in Edinburgh sehen, wenn man endlich aufhören würde, immer nur auf das Castle zu starren. Nein, im Vorort Leith, im Hafen, sind Europas Spuren zu sehen.

Leith? Edinburgh, muss man wissen, ist keine Hafenstadt, hat nur einen Hafen geschluckt, und das ist Leith. Ein unscheinbares Städtchen, in dem die Britannia liegt, die ehemalige Königliche Yacht. Ein paar schicke Bars am Wasser und sonst nur Wind, kratzig wie schottisches Graubrot. Die Leute sind bodenständig und sprechen einen harten Akzent, und mit dem Castle haben sie nicht viel am Hut. So wie Ann Daena, die in der Turmhaube eines ehemaligen Warenhauses wohnt, Blick über Leith und seine langweiligen Straßen und die Waterfront, die so still ist, als ob der Hafen ausgezogen wäre: Edinburgh lebt mit dem Rücken zum Wasser, da hat Demarco Recht.

Auch Ann will Europa, aber eines ohne Großbritannien, eines mit einem unabhängigen Schottland. Ann Daena ist Lokalpolitikerin, Patriotin, wie sie sagt, also etwas, das man in der Vergangenheit eher in den Highlands fand, weniger in Edinburgh. Sie ist eine ruhige Person. Sie passt zu Leith. Einst hat sie Whisky verkauft, sie kennt sich also aus mit allem, was schottisch ist. Ann spricht leise, sie ist eine leise Frau: kurze Haare, mütterliches Kinn, aufmerksame Augen.

Das Exzentrische der Stadt hat sich nicht sichtbar in ihr niedergeschlagen. Für Ann Daena - die an Gott glaubt, aber nicht in die Kirche geht - ist Leith die Keimzelle von Edinburgh, wie Edinburgh die von Schottland ist. So gesehen ist es für sie nur natürlich, in Leith zu wohnen und nicht in Edinburgh, auch wenn ihre Tanten sie deswegen scheel ansehen: Leith? Ja, aber! Hier bekommt man in den lauten Pubs Haggis mit neeps and tatties, Schafsmagen gefüllt mit Innereien. Schmeckt besser, als es klingt. In Leith gibt es auch einen Straßenstrich, das wäre in Edinburgh unmöglich. Ann Daena sieht fast ein wenig stolz aus. Leith ist proletarisch, Edinburgh adelig. Leith ist der Stadtteil, den Edinburgh nur ungern hat - des Hafens wegen, klar. Die Politikerin hebt ihr Glas auf die seltsame Stadt, und man weiß nicht, ob sie Leith meint oder Edinburgh. Wahrscheinlich beides, denn beides ist eins.

Edinburgh hat 453.000 Einwohner, Glasgow 612.000. Das sagt gar nichts darüber, wer in Schottland den Ton angibt - es kann nur eine geben: Edinburgh. Glasgow hat das Geld, Edinburgh gibt es aus. Glasgow fabriziert, Edinburgh handelt. Kein Edinburgher würde je nach Glasgow ziehen, it's impossible, indeed. Edinburgh ist puritanischpresbyterianisch, Glasgow katholisch, der Highlander und der irischen Einwanderer wegen. Noch bis vor 30 Jahren konnte man in Edinburgh nicht anständig essen gehen, und erst mit dem Edinburgh International Festival hat sich das Image der Stadt verbessert.

Die schottische Kirche ist auch heute noch in Edinburgh weitaus stärker präsent als im liberaleren Glasgow; bezeichnenderweise hat das schottische Parlament seinen provisorischen Sitz in der Assembly Hall der Hochkirche von Schottland. Edinburghs zwei Gesichter: Da ist die Old Town, deren grau gewandete mittelalterliche Mietskasernen aus Granit sich eilfertig die Royal Mile emporschachteln, zum Schloss hin. Hier findet man winzige, charmante Gassen (close und wynds), zwei Friedhöfe, auf denen es natürlich spuken soll, einen Observatoriumshügel, den Sommerpalast der Queen und eine Kathedrale, die hier Kirk genannt wird. Messingbehaubte Kastenuhren, mittelalterliche Hausmarken, Reste von Stadttoren - und ein ewig grauer Himmel, der aussieht wie der Unterbauch eines Wasservogels. Edinburgh: Edins Burg. Schottlands Herz.

Hinter der Princes Street beginnt die von 1767 an errichtete großzügige New Town mit Privatgärten, lichtdurchgossenen Häuserbögen, einem botanischen Garten und schattigen Parks. Robert Louis Stevenson ist hier aufgewachsen, bevor er, wegen seiner schwachen Lunge, nach Samoa ging, und Sir Walter Scott, Schriftsteller und Wiedererwecker Schottlands. Diese beiden Stadtteile sehen aus, als ob sie nicht zueinander gehören würden, und tatsächlich weigerten sich nach Fertigstellung der Neustadt die Mieter, aus ihren alten achtstöckigen, verseuchten Wohntürmen auszuziehen.

Edinburgh ist ein Wunder

Daniel Defoe, englischer Romancier und Spion, schrieb 1724, "dass es wohl Orte gebe mit mehr Einwohnern, aber keinen mit mehr auf so engem Raum wie in Edinburgh." Edinburgh ist ein Wunder. Das Schlimme ist, dass Edinburgh das ganz genau weiß. Michael Shea, der Krimiautor, sieht dieses Wunder jeden Morgen, wenn er aus dem Fenster seiner Wohnung schaut, auf die Kaufmeile West Princes Street Gardens und die Silhouette der Neustadt dahinter, den Calton Hill mit dem Trafalgar Monument, den alten Stadtgraben, den Greyfriars Graveyard und den Ramsay Garden, den Vorhof zum Castle.

Michael Shea ist ein distinguierter Herr, einer dieser Männer, die nur mit der Oberlippe zu sprechen scheinen; ein echter Schotte. Seine Gesten sind sparsam, sein Tonfall nüchtern, allenfalls ein wenig eitel, aber wer am Ramsay Garden wohnt, hat Grund, stolz zu sein. Wenn Ricki Demarco die lange Liste der Jekyll- und Hyde-Charaktere verkörpert, setzt sich in Michael Shea die lange Liste der Edinburgher Krimiautoren fort - von Stevenson über Sir Arthur Conan Doyle bis zu Phillip Kerr und Ian Rankin.

Seine Geschichten spielen sich auf dem Parkett der Hochfinanz ab, der großen Intrige. Da kennt sich Shea gut aus, denn er war zehn Jahre lang der Pressesekretär ihrer Majestät der Königin. Er sitzt an seinem Arbeitstisch. Akten liegen sorgsam drapiert umher, coffee table books sind aufgeschlagen. Michael Shea hat eine Titelliste, die so lang ist wie die der schottischen Freimaurer; er spricht Deutsch, Französisch und Rumänisch, er hat eine norwegische Frau, zwei Kinder und gut gestylte Augenbrauen. Er ist Deputy Lieutenant der Stadt, und wenn Hoheiten nach Edinburgh kommen, darf er sie im Namen der Königin empfangen.

Man kann sehen, dass ihm das etwas bedeutet. Er ist ein typischer Edinburgher: stolz, leutselig, aber Distanz haltend. Und sehr fleißig. Schon 20 Krimis hat er veröffentlicht. Warum hat Edinburgh so viele Kriminalautoren hervorgebracht, Mister Shea? Michael Shea steht am Fenster und trinkt Tee."Wegen der Kirche", sagt er dann. Angefangen hatte alles wohl mit John Knox, dem wortgewaltigen, düsteren Radikalreformer der schottischen Kirche, der gegen die "Weiberherrschaft" der schottischen Königin Maria Stuart und der englischen Elisabeth wetterte.

Mit ihm und der 1560 verabschiedeten Confessio Scotia verlernten die Edinburgher für die nächsten 400 Jahre das lustige Leben, zogen sich ins Private zurück. Alles wurde heimlich, und sonntags sprachen nur die Glocken. Dieses puritanische Dunkeltum war guter Nährboden für Schlüssellochguckerei und Wanderungen in die Tiefen einer Seele, die all das Sinistre einer gotischen Schlossstadt in sich begraben musste, bis es von einigen Pathologen schriftstellerisch seziert werden konnte.

Später wird Michael Shea ins "The Lairgh" gehen, einen Club mit mahagonidunkler Täfelung und fetten Ledersesseln, in denen dezent gekleidete Antiquitätenhändler versinken und die Welt durch ein Whiskyglas betrachten. Dies ist das Edinburgh der Hinterzimmer und Verbindungen und lebenslanger Verbindlichkeiten. Wer hier nicht hineingeboren wurde, wird niemals hineinkommen. Wo anders hätte Michael Shea wohnen können, wenn nicht am Ramsay Garden? Was anders hätte er sein können, wenn nicht Pressesekretär der Königin? Welch andere Bücher hätte er schreiben sollen, wenn nicht Krimis?

Autor:
Volker Handloik