Schottland Der Fernwanderweg Southern Upland Way

Der Fernwanderweg Southern Upland Way in Schottland.

Wie eine Herausforderung hörte es sich nicht an: Wandern im Grenzgebiet zu England. Dabei hätte schon der Name Respekt einflößen müssen: Southern Upland Way klingt nach Hochlage. Außerdem war die Strecke bei ihrer Eröffnung 1984 der erste Wanderpfad überhaupt, auf dem man die Britische Insel von der Atlantik- bis zur Nordseeküste durchqueren konnte. 340 Kilometer misst die Gesamtdistanz. Der Weg bietet reichlich Abwechslung, denn Schottlands Süden präsentiert nicht nur Hügelketten im Mittelgebirgsformat, sondern auch sattgrüne Weideflächen, bunte Marktflecken und sogar Wälder.

Um all das zu sehen, muss man jedoch nicht die ganze Wegstrecke ablaufen. Schon auf kleinen Abschnitten berührt der Southern Upland Way ständig wechselnde Landschaften. Deshalb entscheiden wir uns für eine leicht gekürzte Tour. Von Moffat im Herzen Südschottlands bis nach Melrose, rund 60 Kilometer weiter östlich. Wir übernachten, bevor es ernst wird, im Moffat House. Wer sich in diesem umgebauten Herrensitz zur Ruhe bettet, wohnt in einer historischen Fälscherwerkstatt. Vor mehr als 200 Jahren schmiedete hier der romantische Dichter James Macpherson einige seiner "Ossianischen Verse". Die verkaufte er später als "Fragments of Ancient Poetry" des angeblichen Minnesängers Ossian und als Sensationsfund einer keltischen Überlieferung. Der Schwindel flog zwar auf, aber Macpherson wurde als genialer Nachahmer berühmt.

Der nächste Morgen bringt schnelle, tief ziehende Wolken, die vereinzelte Sonnenstrahlen hindurch lassen: Nachdem wir uns beim Full Scottish Breakfast den Magen gefüllt haben, werden die Rucksäcke geschultert. Am südlichen Ortsrand von Moffat führt uns der Weg um die letzten einzeln stehenden Gehöfte, bis er vor einem Weidezaun zu enden scheint. "Sie müssen da rüber, es geht auf der anderen Seite weiter!", ruft ein Mann in Gummistiefeln, der unser Zaudern beobachtet hat. In der Tat: Das britische Wegerecht erlaubt es fast überall, fremden Boden zu betreten, solange man nichts zerstört und die Tore hinter sich wieder schließt, damit das Vieh auf den Weiden bleibt.

Ein letzer Blick zurück ins Tal, dann fängt der Wald an

Jenseits des Zauns begleitet uns noch eine Zeit lang der Moffat Water, ein kleiner, aber reißender Fluss mit viel Treibholz. Dann wird es still. Wir laufen über schweren, von Kühen zertrampelten Boden und werfen einen letzten Blick zurück ins Tal, bevor Wald anfängt. Er ist das Ergebnis systematischer Wiederaufforstung. Über Jahrhunderte hatte Britannia, stolze Herrscherin der Meere, Raubbau an der Natur betrieben und Bäume für den Flottenbau fällen lassen. Erst vor etwa 80 Jahren begann die Nachzucht von Gehölzen.

Zwei Wanderfalken fliegen auf. Sie drehen nach Norden ab, dorthin, wo Dutzende Bäche und Rinnsale von den steilen Hängen fließen. Es waren eiszeitliche Naturgewalten, die dieser melancholischen Landschaft ihr Gesicht gaben. Ein Gletscherabbruch hinterließ Senken und Anstiege, denen der Wanderweg hier folgt. Nach acht Stunden Fußweg legen wir Rast ein. Als Sitz muss dafür ein Holzstamm genügen. Bänke oder gar Schutzhütten darf man auf dem Coast-to-coast long distance footpath kaum erwarten. Faszinierende Ausblicke hingegen schon.

Tief unten schimmert die Wasserfläche des Loch of the Lowes, dem ersten von zwei Bergseen. Erstmals seit langem bietet dieser Ort wieder Einkehrmöglichkeiten. Der Himmel reißt auf, doch die Luft bleibt feucht, trotz Sonnenschein. Während wir uns dem Ufer nähern, spannt sich ein Regenbogen über dem zweiten See, St. Mary's Loch. Selbst das Fremdenverkehrsamt hätte unsere Ankunft nicht stilvoller arrangieren können. Vor dem Gasthaus Tibbie Shiels Inn betätigen zwei Hunde die Hupe eines geparkten Autos. Damit rufen sie ihr Herrchen, das im Pub versumpft sein muss - keine schlechte Werbung für das Haus. "Habe ich ihnen so beigebracht", erklärt uns drinnen im Schankraum stolz der Besitzer und bestellt ungerührt ein weiteres Bier.

Nur ein paar schottische Moorhühner kollern im Unterholz

In der gemütlichen Kneipe sind schon ganz andere Wanderer hängen geblieben. Walter Scott und Robert Louis Stevenson nennt die Wirtin fast beiläufig, trägt Fisch auf und erzählt von früher: als die umliegenden Gewässer noch so fischreich waren, "dass die Einheimischen zum Fischen nur Decken benutzt haben". Auch Thomas Carlyle, der englische Essayist und Historiker, kam als Wanderer und Angler zum St. Mary's Loch. Wir übernachten in Zimmern mit Blick über den See, "wo im Wasser klar und tief einstmals die Forelle schlief", wie ein Gedicht über dem Bett mitteilt.

Am nächsten Tag folgen wir in der ersten halben Stunde dem Seeufer in einem weiten Bogen. Im auffrischenden Wind macht ein Segler sein Boot klar. St. Mary's Loch habe seine Besonderheiten, sagt er. Die Bedingungen wechselten häufig. Man müsse auf alles gefasst sein. An der düsteren Ruine des Dryhope Tower lassen wir den See hinter uns und klettern wieder in die Berge. Ein kurzer, aber heftiger Regenschauer; ein Tal wie ein Windkanal. Dann Stille. Nur ein paar Red Grouses kollern im Unterholz - die schottischen Moorhühner, deren Rufe wie eine Aufforderung klingen: Go back! Go back! Go back! Doch an Umkehr ist nicht zu denken, als plötzlich ein großer, kläffender Hund auf uns zuschießt und uns den Rückweg versperrt.

Einige Zeit später trifft uns das Unerwartete, von dem der Segler sprach, in Gestalt eines Bauern mit hochgekrempelten Ärmeln. Sean Curry ist ein kräftiger Mann Mitte Dreißig und von Beruf Schafzüchter. Er ist zwar mit der Reparatur eines Zauns beschäftigt, aber für einen Schwatz bleibt ein bisschen Zeit. "Kommt ja selten jemand vorbei", sagt er und erzählt vom vergangenen Sommer, der viel zu trocken gewesen sei und auch zu kalt. "Da ist nicht viel Futter gewachsen." Wir befinden uns im Sheep Country, dem Land der Schafe im schottischen Süden.

Traquair House: Unter Monarchen schwer beliebt 

Traquair House heißt unsere nächste Station am Weg. Seit dem 12. Jahrhundert ist das Jagdschlösschen bewohnt - seit 1491 von der Familie Maxwell Stuart -, und 27 Monarchen waren hier im Laufe der Jahrhunderte schon zu Besuch. So ist im Museum unter anderem das Bett von Maria Stuart zu besichtigen, der Queen of Scots und Gegenspielerin Elizabeths I. Von außen betrachtet wirkt das Gebäude abweisend. Sein festungsartiger Stil erinnert uns daran, dass wir schottisch-englisches Grenzland durchwandern, wo Herrenhäuser über lange Zeit militärische Funktionen erfüllten.

Ganz anders zeigt sich der Park des kleinen Kastells: Ein Labyrinth aus dichten Hecken dient dem Zeitvertreib der Gäste und hält den Gärtner in Atem. "Manchmal komme ich für mehrere Tage kaum heraus", sagt er und führt durch die verschlungenen Wege. Wie lange gewöhnliche Spaziergänger brauchen, um sich darin zurecht zu finden? "20 Minuten", schätzt er, "dann sind sie wieder weg."

Die nächsten 15 Kilometer gen Südosten führen in eine Region, die eng mit dem Namen eines großen Dichters verbunden ist: Sir Walter Scott. Der Schöpfer des europäischen Historienromans hat dem Grenzland zu literarischem Ruhm verholfen und sich mit seinem Refugium Abbotsford ein Denkmal gesetzt. Direkt am Ufer des Tweed ließ er sich um 1820 ein verschachteltes Landhaus errichten, das ihn wirtschaftlich zwar nah an den Rand des Ruins brachte, aber zugleich als "Romanze in Stein und Mörtel" hoch erfreute. Theodor Fontane besuchte Abbotsford zwei Jahrzehnte nach Scotts Tod. Die Spurensuche verlief ernüchternd, denn Fontane, damals Korrespondent in England, empfand das Gemäuer als reichlich verbaut. Immerhin beeindruckte ihn die vertäfelte Bibliothek.

Die Distel als Symbol des Southern Upland Way

Noch einmal weist uns die stilisierte Distel als Symbol des Southern Upland Way die Richtung: bergab nach Melrose. Die Füße gehen längst wie von selbst. Laut rauschend bahnt sich der Tweed seinen Weg. Aus dem bräunlich-torfgefärbten Wasser springen Lachse, versuchen, eine Staustufe zu überwinden. Angler in Gummihosen stehen in hüfthohem Wasser. Melrose, nicht mehr als ein Städtchen, wird von einer mehr als 800 Jahre alten Abtei überragt. Und mancher unserer geistigen Wegbegleiter auf dem Wanderpfad hat sich an ihr versucht: Sir Walter Scott widmete dem Bauwerk Verse und den Roman "The Monastery" (1820), und William Turner malte die Ruine. Romantisch wirkt sie noch heute, besonders im einsetzenden Dämmerlicht, wenn sich die fein ziselierten Konturen der Fensterdurchbrüche, Strebepfeiler, Kapitelle und Kapitellchen vor dem Abendhimmel abzeichnen.

Just in dem Augenblick, als sich die Straßenbeleuchtung einschaltet, erreichen wir Burts Hotel, das erste Haus am Platz. Bevor wir jedoch unsere Zimmer beziehen, geht der Blick noch einmal hinüber nach Westen, in jene Richtung, aus der wir gekommen sind. Dort stehen die Berge wie eine unwirkliche Theaterkulisse und erinnern daran, dass der Mensch selbst im Tiefland immer irgendwie auf der Höhe bleibt.

Autor:
Reinhard Ulbrich