Rügen Zurück zur Insel

Ich wollte immer nur weg, und dass ich auf Rügen groß wurde, machte die Sache nicht leichter. Denn in Sassnitz war Endstation für den "Meridian", einen sozialistischen ICE. Dessen Verspätungen waren grandios, doch man konnte sich auf die sechs Stunden verlassen, die er hinterm Fahrplan war.

Ich machte mein Abitur Anfang der Achtziger in Bergen, rechtzeitig zu Unterrichtsende war der Zug da. Jeden Tag brachte er mich nach Sassnitz, dort war die DDR zu Ende. Wir stiegen aus und gingen entlang der Waggons zum Ausgang. Der Lautsprecher rief: "Sassnitz Bahnhof. Reisende, die nicht im Besitz eines Ausreisevisums sind, bitte aussteigen!" Währenddessen wurden die Waggons abgekoppelt. Nur die Erste Klasse blieb dran, sie rollte weiter zum Hafen und auf die Fähre nach Schweden.

Jeden Tag gingen wir vorbei an den Wagen der Ersten Klasse. Die Besitzer eines Ausreisevisums hatten die Fenster geöffnet und starrten auf uns herab wie auf Verdammte. Wir gingen vorbei, meist ignorierten wir sie. Manchmal aber blickten wir auch mitleidig hoch. Denn sie waren ja verdammt, die Angehörigen einer zum Absterben verurteilten Gesellschaft. Das hatten wir gerade in "Staatsbürgerkunde" erfahren, und das bewies auch der "Lenin-Waggon" vor dem Bahnhof. Angeblich war Lenin in diesem aus der Emigration nach Russland zurückgekehrt, über Sassnitz, um dann die Revolution auszulösen. Der Wagen stand auf einem Abstellgleis, aber es machte mich nie stutzig. Nachher allerdings saß ich zu Hause an meinem Fenster und blickte aufs Meer, wo die Fähren Richtung Schweden dampften.

Einmal nur wollte ich sitzen bleiben, wenn uns die blecherne Stimme aus dem Zug warf; wollte weiterrollen bis zum Hafen, dann an der Reling stehen und vom Meer aus winken, während meine Mutter am Fenster stand, mit einem weißen Taschentuch ... Ich wollte immer nur weg. Es war, wie gesagt, Anfang der achtziger Jahre. Jeder wusste, wie wichtig Devisen waren. Vor allem weil gemunkelt wurde, dass die DDR pleite ist und nur noch von Krediten aus dem Westen beatmet wird. Ich dachte daran, einen Brief an Erich Honecker zu schreiben. Meine Idee war, Rügen an die Schweden zurückgeben, für eine ordentliche Summe natürlich.

"Leinen los und ab nach Schweden", sagte man auf der Insel, wenn mal wieder keine Bananen im Laden waren. Rügen blieb an die DDR vertäut. Im Sommer zankten wir mit den Urlaubern um die Sandburgen und um das "Versorgungsangebot". Immerhin mussten wir uns als Einheimische nicht in die Schlange vorm Konsum einreihen. Man brauchte dafür nicht mal seinen Ausweis zu zeigen, es reichte der Dialekt - wer Sächsisch sprach, war automatisch hintendran.

Sperrstunde ab 22 Uhr

Im Winter hatten wir nicht mal diese Genugtuung, es war einfach nur langweilig. Ich sah aufs Meer und litt unter Fernweh. Das kriegt man wohl, wenn man zu lange auf den Horizont guckt. Irgendwann will man dahinter, koste es, was es wolle. Aber in Sassnitz war immer Endstation.

Komischerweise fühlte ich mich nie eingesperrt. Nicht mal, wenn wir an Sommerabenden am Strand eingenickt waren und beim Aufwachen in Kalaschnikows blickten - denn ab 22 Uhr war Sperrstunde am Meer. Auch nicht, als Polen verloren war und die Tagesfahrten mit den Tragflächenbooten nach Stettin eingestellt wurden. Vielleicht lag es an der Jugend, in der alle Räume weit sind. Vielleicht lag es auch am Inselcharakter, der unbegrenzte Weiten vorgaukelt. Und es gab ja immer einen Weg: Man konnte Fischer werden.

Bei guter Führung bekam man sein "Seefahrtsbuch" und dann konnte man "absteigen" - "Er ist abgestiegen", so hieß es, wenn wieder mal jemand von einem Landgang in England oder Neufundland nicht zurückkehrte. Es war ein absurder Trost, ein Plan, der schon daran gescheitert wäre, dass ich noch vor dem Molenkopf über Bord gesprungen wäre - für mich endet jede Seekrankheit tödlich.

Aber das war damals noch kein Thema. Ich wollte weg, und es ging nicht. Ich hasste meine Insel nicht dafür, ich strafte sie mit Nichtachtung. Ich kannte die Kreidefelsen, die Feuersteinfelder und ein paar Strände, das war schon alles. Ich wusste wenig von ihrer großartigen Geschichte, ihren Berühmtheiten, ihren Naturwundern. Ich las Bücher über die Südsee, über Amerikas Indianer und die großen Entdecker. "Weiter gehen als je ein Mensch gekommen ist", war Cooks Credo. Bis nach Ungarn, bis an den Rand meiner bekannten Welt, hatte ich es schon geschafft.

Ich bin stolz, ein Rüganer zu sein.

Bis nach Ummanz, auf dieses magische Inselchen im Westen Rügens kam ich nie. Es hat verschwiegenes Schilf und eine kleine Kirche mit einem erstaunlichen Altar. Ich interessierte mich nicht für die Riesenschachtelhalme bei Lohme, lebende Fossile, an denen schon die ersten Kriechtiere gekaut hatten. Mich ließen die Mönchguter Fischer, ihre Tänze und Pluderhosen kalt, und Plattdeutsch lernte ich auch nicht (Russisch war schwer genug). Der prächtige Blick bei Bobbin über den Bodden, die Rapsfelder, der von Malern und Dichtern angehimmelte Sonnenaufgang über Arkona, die Wälder der Stubnitz und der Granitz, die Zickerschen Berge - ich wunderte mich über die Begeisterung der Urlauber. Ich beneidete sie ums Westfernsehen, wegen der "PanAm"-Werbung.

Ich bin natürlich sofort weg, als die Mauer fiel. Inzwischen habe ich ein paar schöne Gegenden auf der Welt gesehen. Es darf so weiter gehen, wichtig ist nur eins: Am Ende muss ich stets wieder auf Rügen landen.

Denn ich weiß noch, wann ich Rügen entdeckte. Es war in einem Hotelzimmer irgendwo in Asien. Die Deutsche Welle berichtete über ein unerhörtes Ereignis: Millionen von kleinen Zugvögeln, die den Himmel verdunkelten. Mein Gott, dachte ich, wo ist dieser phantastische Ort, der so ein Schauspiel erlebt? Es passierte im Westen Rügens, ein alljährliches Herbstspektakel, so wie der Kranichzug. Ich hatte wieder mal keine Ahnung, doch zum ersten Mal schämte ich mich dafür.

Es folgte mein persönlicher Nachhilfeunterricht in Heimatkunde. Ich kaufte Bücher über die Insel, über die Landschaften, die Historie. Ich hege seither einen merkwürdigen Argwohn gegen die Dänen, die einst Arkona niederbrannten. Hingegen verzeihe ich den Schweden, wenn sie in unsere Supermärkte einfallen, um mit Wagenladungen von billigem Schnaps wieder nach Hause zu fahren. Rügen wurde gut regiert unter den Schweden bis 1815.

Irgendwann zog ich wieder auf die Insel: Hier ist mein Haus, mein Auto, mein (Schlauch-)Boot. Längst lese ich die Lokalseite. Ich registriere wohlwollend Berichte, in denen behauptet wird, Rügen habe die meisten Sonnenstunden Deutschlands. Ich bin stolz, ein Rüganer zu sein. Kein Rügener - so heißen nur die Zugezogenen.

Manchmal werde ich gefragt, was mir die Wende brachte. Ich antworte, dass ich Sätze sagen kann wie diesen: "Neulich hatte ich ein Gespräch mit einem König in der Südsee." Neulich also hatte ich ein Gespräch mit einem König in der Südsee. Es fand auf den Marshallinseln statt, die mal eine kaiserlich-deutsche Kolonie waren. Wir sprachen über den Kaiser, über Deutschland, über das Wetter, es war ein etwas gezwungenes Gespräch. Bis ich erwähnte, dass ich von einer Insel komme. Das ließ den König aufhorchen. Sein Südsee-Reich war eine einzige Inselwelt, er hatte mich als Experten erkannt.

Wir saßen unter Palmen, an einem weißen Strand mit wirklich blauem Meer, und ich redete über die Buchen Rügens im Herbst, über die Moore, die Alleen. Ich erklärte, was ein Bodden ist, eine Steilküste, Findlinge und Hünengräber. Ich beschrieb den Geschmack von Räucherhering und Butterfisch, es klang lustig, als der König die Worte nachsprach - "Rauchärherieng, Batterfiesch". Später schenkte er mir eine Muschelschnitzerei und fragte: "Wieso fährst du so oft weg, du musst längst glücklich sein? Du weißt schon, wo dein Grab stehen wird."

Na ja, erst mal werde ich auf Rügen leben. Das ist doch auch schon was.