New Mexico Zu Besuch in Santa Fe

Die alte Eisenbahn glitzert in der Sonne, Gitarrenklänge erfüllen die Morgenluft, es duftet nach frischem Brot. Junge Familien strömen zum Railyard-District, ein Kind auf den Schultern, einen Leinenbeutel in der Hand und ein Lächeln im Gesicht. Was andernorts wirken würde wie ein übertrieben inszenierter Werbespot für "das andere" Amerika, ist in Santa Fe Alltag. Statt neue Rekorde bei Anbau von genmanipuliertem Mais zu zelebrieren, wird auf dem Farmer's Market vor allem "earth friendly food" verkauft. Ein Altar der Nachhaltigkeit, auf dem alle stolz ihre Gaben ausbreiten: von Lavendelöl und Ziegenmilchseife über selbstgemachte Marmeladen ("Happiness is homemade") bis zu "all natural pork" und "real chicken".

Etwa 120 Verkäufer tummeln sich dreimal in der Woche unter den säuberlich aufgestellten weißen Zelten. Draußen steht ein Scherenschleifer, an der Seite untermalen sechs ältere Damen, die sich sichtlich nicht nur von organic food ernähren, die Idylle a cappella mit "Glory, glory, hallelujah". In der großen Markthalle drängen sich die Menschen um eine Art Asyl für verstoßene Pflanzen. "Wahrscheinlich ein Baum" steht auf einer Plastiktüte mit unsichtbarem Inhalt für 2 Dollar.

Daneben werden Schaffelle verkauft, gegenüber gibt es Honig in allen Variationen. Eine glückliche kleine Gemeinde, die gerne den Gegenwert von vier Big Macs für ein paar Gramm frischen Schafskäse ausgibt. Viele von ihnen sind erst in den letzten zehn Jahren nach Santa Fe gezogen und alle erzählen auf Nachfrage begeistert vom großen, blauen Himmel, von der landschaftlichen Weite und der geistigen Freiheit, die es jedem erlaube, nach seiner eigenen Façon glücklich werden zu dürfen. Eine Liberalitas, die sich die Stadt hart erarbeitet hat.

Der traditionsreiche Handelsknotenpunkt zwischen Mexiko und den USA weckte viele Begehrlichkeiten. Spanier, Mexikaner, Indianer und Amerikaner kämpften hier um Land und Ressourcen. Lange Trecks kamen über den berühmten 1000 Meilen langen Santa Fe Trail von Missouri in die Stadt. Erst seit 1912 gehört der Staat zu den USA - was einige Amerikaner noch nicht mitbekommen haben. "Es melden sich immer wieder Gäste von der Ostküste an, die sich besorgt erkundigen, welche Ausweise sie denn mitbringen müssen", erzählt ein Hotelmanager. "Ich hatte mal bei einem amerikanischen Unternehmen ein großes Kontingent an Haartrocknern bestellt", berichtet ein anderer. "Der Preis war ungewöhnlich hoch. Auf Nachfrage hieß es, das sei doch schließlich eine internationale Lieferung."

Aber so sehr der Staat New Mexico auch um Bekanntheit ringt, Santa Fe kann sich in dieser Hinsicht nicht beklagen. Die neuen Siedler sind Geschäftsleute, wohlhabende Rentner und die Diskretion schätzende Schauspieler, die sich in den leicht erhöhten Ausläufern der Sangre-de-Cristo-Berge luxuriöse Zweit- und Drittwohnsitze erbauen. Die Stadt muss nicht lange nach Superlativen suchen: Im Jahr 1610 gegründet ist es nicht nur die älteste Hauptstadt mit dem ältesten Gouverneurspalast in den USA. Nachdem die Hippies in den 1970er den Boden bereiteten, wurde Santa Fe zum Anziehungspunkt vieler Künstler und gilt inzwischen als drittgrößter Kunstmarkt des Landes hinter New York und Los Angeles.

"So wie in L.A. eigentlich jeder ein Schauspieler ist, hält sich hier jeder für einen Künstler", ist oft zu hören. Die ersten blieben auf der Reise von der Ostküste nach Kalifornien hier hängen, ließen sich vom klaren Licht der Wüstenhochebene (Santa Fe liegt in gut 2000 Metern Höhe), den leuchtenden Farben und den fremden Kulturen inspirieren. Inzwischen zählt die Stadt über 200 Galerien, geboten wird alles von indianischer Töpferkunst bis zu zeitgenössischen Werken lokaler wie internationaler Künstler.

Etwa 90 davon liegen an der Canyon Road. Wer an den in Vorgärten und Einfahrten stehenden Skulpturen vorbeispaziert, kommt sich vor wie in einem Freilichtmuseum. Freitagnachmittags finden die Vernissagen statt. Überall stehen Leute mit Sektgläsern in den überdachten Eingängen der Galerien und lassen sich vom Künstler höchstpersönlich die neuen Arbeiten zeigen. Die Preise sind allerdings gesalzen. Wer kauft das denn? Da schließt sich der Kreis zum größten Kunstmarkt wieder: Vor allem New Yorker finden im Urlaub die Muße, sich mit neuen Anschaffungen zu beschäftigen - "wenn man sie dazu kriegt, einen Moment das Smartphone aus der Hand zu legen", wie eine Galerie-Besitzerin augenzwinkernd verrät.

Lady Gaga gibt keine Ruhe

Unter den Arkaden des alten Gouverneurspalastes findet ein anderer Markt statt. Auf Klappstühlen sitzend breiten Indianer Kunsthandwerk auf Decken vor sich aus, Touristenscharen flanieren an ihnen vorüber. "Jeden Morgen losen sie untereinander aus, wer welchen Platz bekommt", sagt Ed Ortega, der historische Stadtrundgänge anbietet. Und einen Tipp fügt er gleich hinzu: Man solle gar nicht erst versuchen, hier den Preis herunterzuhandeln, das würden sie nicht mögen, die Indianer. Bei den Souvenir- und Kunsthandwerkläden rund um die Plaza seien Rabatte hingegen meist kein Problem. Wer sich für etwas Silber- oder Türkisschmuck entscheidet, erhält ein Zertifikat mit dem Namen des Herstellers dazu, das die Authentizität und Handarbeit bestätigt.

Auch zahlreiche Museen unterstreichen den künstlerischen Anspruch Santa Fes. Das 1918 errichtete Museum of Fine Arts im Zentrum war das erste Gebäude, das den Adobe-Stil wieder aufnahm und salonfähig machte. Längst ist er für die ganze Stadt vorgeschrieben. Mit der ursprünglichen Herstellung aus Sand, Lehm und Stroh hat das allerdings nichts mehr zu tun. Hinter den abgerundeten Mauern im warmen Ockerton verbirgt sich meist schnöder Beton, was den charmanten Gesamteindruck der Stadt jedoch nicht mindert.

Auf dem Museums Hill etwa fünf Kilometer südwestlich der Plaza befinden sich ausgezeichnete und gut erklärte Darstellungen zur Geschichte der Pueblo-Indianer sowie internationaler Volkskunst. Auch der berühmtesten Künstlerin New Mexicos hat Santa Fe ein eigenes Museum gewidmet: Georgia O'Keeffe. Nirgendwo sonst sind so viele Werke der 1986 in Santa Fe gestorbenen Malerin zu sehen wie hier, dazu kommen anspruchsvoll kuratierte, wechselnde Ausstellungen, die sich mit ihrem Leben oder beispielsweise dem Einfluss der Fotografie auf ihre Werke beschäftigen.

Über der Stadt thront die St. Francis Cathedral. Als der Papst Bischof Jean-Baptiste Lamy aussandte, um den Wilden Westen zu zivilisieren, sah sich dieser inmitten kleiner Lehmhütten ausgesetzt und begann gleich mal mit einem großen Europäisierungsprojekt: Die Franz von Assisi gewidmete Basilika ließ er direkt über eine kleine Adobe-Kirche bauen. Nur der Protest der Einwohner sorgte dafür, das ein Eingang zur Kapelle erhalten blieb.

Die in jeder Broschüre angepriesene Loretto Chapel, eine seltsam künstlich anmutende Kopie der Pariser St. Chapelle, kann der Europäer getrost den Besuchern aus Texas überlassen. Wer die Straße ein paar Meter weiter bergauf geht, gelangt zur sehr viel spannenderen Missionskirche St. Miguel. Auch die bekommt mit "älteste Kirche der USA" einen Santa-Fe-typischen Stempel aufgedrückt, erfüllt die Erwartung jedoch, auch wenn viele der Originalmauern aus dem Jahr 1625 in den Jahren des Pueblo-Aufstandes zerstört und erst 1710 wieder aufgebaut wurden.

Ist man erst einmal drin in der katholischen Missionshistorie, lohnt sich auch der Tages-Ausflug ins Santuario de Chimayo, eine wunderschön gelegene Kirche mit wundertätigem Sand. "Turn of your cellphone and connect with God", heißt es auf einem Schild am Eingang. Nicht alle haben es gelesen. Doch der Priester nimmt die mehrfache Unterbrechung durch einen Lady-Gaga-Klingelton mit Humor.

Nach der Messe holt die Gemeinde kleine Gefrierbeutel hervor und stellt sich in einer Schlange vor dem Heiligtum an. In einer winzigen Kapelle befindet sich grauer Sand, der mit orangen Schäufelchen aus dem Gartencenter abgefüllt werden kann. Die wundersamen Kräfte werden dem Fund eines Kruzifixes des Bernardo Abeyta im Jahr 1810 an dieser Stelle zugeschrieben. Dass es zu funktionieren scheint, bezeugen die vielen Dankes-Votivgaben, vom Gipsverband über Kinderfotos zu Babyschuhen. Und sollte einer dem Sand alleine nicht vertrauen, besteht immer noch die Möglichkeit, sich vom Priester während der Messe segnen zu lassen. Dazu muss lediglich das ausliegende Formular "Request for Blessing of Sick at Mess" ausgefüllt werden. Einzige Bedingung: "The person requesting to be blessed MUST attend one of these masses." Es besteht also Anwesenheitspflicht im Gotteshaus. Das Segnen via Smartphone wird also bislang nicht praktiziert. Glory, glory, hallelujah.

Autor:
Andrea Fonk