San Sebastián Urlaub am schönsten Stadtstrand Spaniens

Den besten Blick hat man vom "Rio Misterioso", dem unheimlichen Fluss. Der verläuft - ganz fluß-untypisch - hoch oben auf dem Berg "Monte Igueldo" und ist eine in die Jahre gekommene Geisterbahn auf dem städtischen Rummelplatz "Parque de Attracciones" von 1912. Wer jedoch bei der "unheimlichen Flussfahrt" nicht auf Hui-Buh-Geister achtet, sondern hinunter schaut auf San Sebastián, der wird sich auch als Wiederholungstäter nicht sattsehen. Denn diese Bucht ist einfach unglaublich.

"La Concha" heißt sie bei den Einheimischen - die Muschel. Strahlend blau schillert ihr Wasser, umsäumt vom sichelförmigen Sandstrand und weißen Belle Epoque-Wohnpalästen als Kulisse dahinter, reich verziert mit Blumendekor und verspielten Balkonen. Mittendrin in der Muschel eine Perle namens "Santa Clara". San Sebastiáns Innenstadt-Insel sozusagen. Sie macht seit Jahren immer wieder mysteriöse Schlagzeilen: Von friesischen Besatzern ist die Rede, die in "Baskooge" umbenannt, eine blau-weiße Fahne mit roten Herzchen gehisst und ein Störtebeker-Denkmal aufgestellt hätten.

Grünkohlessen im Baskenland? Ein Gag.

Sogar friesisches Handelsrecht und regelmäßige Grünkohlessen soll es inzwischen geben - alles unter der Leitung des selbsternannten Bürgermeisters Hans Harms. Dieser bärtige Hüne, schmunzelt, angesprochen auf seine Insel-Invasion. Nur ein Gag, sagt der 60-Jährige, ausgeheckt zusammen mit baskischen Freunden.

An San Sebastiáns sichelförmigem Strand hingegen ist jegliche Form von Landnahme verpönt. "Trotz 1a-Innenstadtlage - hier ist kein Sandkorn in abgezäuntem Privatbesitz", erklärt Hans Harms. Darum kann man in "La Concha" gerade mit Kindern wie in der Badewanne plantschen. Und dabei einen bunten Querschnitt der Menschen in dieser 183.000-Einwohner-Stadt treffen: Familien mit Kinderwagen, Hip-Hopper mit Sound-Stöpseln in den Ohren sowie jede Menge Baskenmützen-Träger flanieren an Spaniens schönstem Stadt-Strand.

Fast jeder bleibt stehen bei Ramon. Der Skulpteur formt bereits seit Stunden aus Sand ein lebensgroßes Krokodil. Seine roten Tennisball-Augen funkeln, gefräßig scheint das Maul mit Muschelzähnen. Am Ende der Bucht, beim kleinen Fischerhafen - ein echtes "Hai-light": das Aquarium mit Glastunnel. Rochen segeln über die Besucher in einer künstlichen Unterwasserwelt hinweg, Fisch-Schwärme zischen durchs Mini-Korallenriff und ein Hai kreuzt bedrohlich durchs Riesenbassin. Die sehenswerte Walfänger-Ausstellung im Obergeschoss zeigt, wie solche Moby Dicks hier früher mit riesigen Harpunen zur Strecke gebracht wurden.

"Heute hingegen sind kleine Spieße aus Holz angesagt bei den Menschen in San Sebastián", sagt Hans Harms. Dran hängen meist keine Fische, sondern äußerst lecker belegte Brothäppchen, sogenannte Pinchos." Diese baskische Version spanischer Tapas, baskisch korrekt "Pinxos", steht in den gemütlichen, schachbrettartigen Altstadtgassen auf nahezu jeder Kneipentheke. Harms führt seine Gäste zunächst ins "Casa Alcalde", lässt "Pata negra" probieren, den hauchdünnen baskischen Schinken und dazu ein Gläschen Txakoli, milden Weißwein dieser Gegend zur Einstimmung. Dazu ein paar Spieße mit der pikanten Paprikawurst Chorizo und dem Idiazabal-Schafskäse naschen, dann geht´s weiter bei diesem in San Sebastian sehr beliebten "Txikiteo", einer Art "Spieß-Schnuten-Lauf" der Fingerfood-Fans durch den städtischen Pinchos-Parcours.

La Concha: So nennen die Einwohner die Bucht
Getty Images/Richard Passmore
La Concha: So nennen die Einwohner die Bucht
Die Wirte überbieten sich mit Pinchos-Varianten

Großes Begrüßungs-Hallo für Harms dann in der Bar "Zeruko". Marili und Joseán Calvo, die Gewinner des Pinchos Preises 2008, servieren "La Hoguera" (das Lagerfeuer) - ein umgedrehtes Cidre-Glas. Erst wenn man es lüftet, ist der Pinchos-Name klar: Darunter qualmt es, damit man den Kabeljau am Spieß räuchern kann – ganz nach eigenem Geschmack. Ob Blutwurst mit Pistazie oder Ei am Stiel - täglich überbieten sich die Wirte der Stadt mit der Erfindung neuer Pinchos-Varianten. Doch jeder hat auch den Klassiker und vermutlich ersten Pincho aus den späten vierziger Jahren auf dem Tresen: "Gilda", ein Peperoni-Anchovis-Oliven-Spieß, benannt nach den Kurven einer Tänzerin aus dem gleichnamigen Film mit Rita Hayworth von 1946. 

Das Finale von Hans Harms' friesischer Stadtführung ist dann das ganze Gegenteil des  Kleinkleins der Pinchos-Häppchen: Die Besucher werden entführt in eine kulinarische Untergrundorganisation, einen von 120 geheimen Männerkochclubs von San Sebastián. Der erste entstand vor etwa 150 Jahren, angeblich damit die Männer mal ihren Frauen entfliehen konnten. "Aitzaki" - die Ausrede - heißt Harms' Club passenderweise.

Ein paar Schritte neben der verwitterten Barockkirche Santa Maria geht’s wenige Treppenstufen hoch in die geräumige Wohnküche eines unscheinbaren Hauses. Wer hier reinschauen will, muss von einem Clubmitglied wie Hans Harms eingeführt werden. Mehr als 100 Mitglieder hat der Kochclub, Fischer und Bauern, Beamte oder Kleinunternehmer. Gerade mal 18 sind heute da, einer kocht: Bauchlappen vom Thunfisch auf gegrillten Pfefferschoten, pürierte Rote Beete, grüne Bohnen und Schalotten. "Alles ganz einfache Rezepte", sagt Hans Harms, das ist Prinzip Nummer 1 bei uns. Nummer 2: Keine Politik! Temperamentvoll geht’s trotzdem zu - bei Diskussionen über Fußball, baskischen Volksliedern oder auf den Tisch knallenden Spielkarten. Und ihre Frauen? "Ja, die dürfen auch kommen - einmal im Jahr. Aber nur zum Essen, nicht zum Mitkochen, schon gar nicht zum Dazwischenreden." "Tag der Arbeit" nennen die Gattinnen diesen Termin mit wohlwollendem Blick auf ihre emsig schnippelnden und brutzelnden Männer.

Infos: www.sansebastianturismo.com

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Autor:
Stephan Brünjes